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Einfluss globaler Prozesse auf lokale Handlungszusammenhänge bei Gesellschaften in Entwicklungsländern. Der Pipelinebau in dem Dorf Mindo, Ecuador

Studienarbeit 2005 54 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nichtregierungsorganisationen
2.1. Ursprünge der NGOs – Zwei Entwicklungsstränge
2.2. Handlungsfelder
2.3. Räumliche Dimension
2.4. Nord-Süd Verhältnis
2.5. Erscheinungsformen von NGOs
2.5.1. NGOs als Experten
2.5.2. NGOs als Lobbyisten
2.5.3. NGOs als Moralisten
2.5.4. NGOs als Glokalisten
2.6. Was also sind NGOs?

3. Glokalisierung
3.1. Kulturelle Globalisierung
3.2. Glokalisierung

4. Öffentlichkeit
4.1. Ausbildung einer transnationalen Medienöffentlichkeit
4.2. Herstellung einer transnationalen Öffentlichkeit
4.2.1. Vorbemerkungen
4.2.2. Faktoren zur Erreichung einer transnationalen Öffentlichkeit

5. Fallstudie
5.1. Vorbemerkungen
5.2. Die Situation um den Bau der OCP Pipeline in Ecuador
5.3. Der Konflikt um OCP
5.3.1. In Ecuador
5.3.2. Der Weltweite Protest
5.4. Mindo
5.4.1. Auswirkungen der OCP auf Mindo
5.4.2. Der Protest in Mindo – Gründung der Acción por la Vida
5.5. Die Einflussebenen auf ApV
5.5.1. Acción por la Vida als NGO
5.5.2. Acción por la Vida und Glokalisierung
5.5.3. Acción por la Vida und Öffentlichkeit

6. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literaturhinweise

Anhang

1. Einleitung

Am 12.02.2000 unterschrieb die Regierung Ecuadors einen Vertrag mit dem Konsortium OCP (Oleoducto de Crudos Pesados, Pipeline für Schweröl) in dem der Bau einer Ölpipeline von den Ölfeldern des ecuadorian­ischen Amazonasgebietes bis zu den Verladestationen an der Pazifikküste im Nordwesten des Landes geregelt wurde. Schon vor der Unterzeichnung des Vertrages entbrannte ein starker Protest insbesondere gegen den geplanten Routenverlauf. Dieser Protest sorgte sehr schnell für globales Aufsehen, da eine Vielzahl internationaler Akteure sowohl am Betrieb und Bau der Pipeline, als auch am Protest beteiligt waren. Ein Brennpunkt der Proteste war das kleine Dorf Mindo, ca. zwei Busstunden nordwestlich der Hauptstadt Quito in einem Tal am Fuße des Vulkanes Pinchincha gelegen, welches direkt von dem Pipelinebau betroffen werden sollte. Im Laufe des Protestes gründeten die Einwohner Min­dos eine Organisation, um die Aktionen vor Ort zu koordinieren – die Acción por la Vida (Ak­tion für das Leben, ApV).

Im Rahmen dieser Arbeit werde ich den Protest der Einwohner Mindos gegen den Bau der Pipeline durch ein Naturschutzgebiet nachzeichnen. Dabei werde ich anhand einer Fallstudie der Frage nachgehen, inwieweit globale Prozesse und Entwicklungen einen Einfluss auf den lokalen Protest in einem Entwicklungsland zeitigten. Um einen möglichst umfassenden Eindruck der Situation rund um den Bau der OCP-Ölpipeline zu schildern, werde ich zunächst die für die Beschreibung notwendigen Hintergründe theoretisch beleuchten. Dabei erscheinen mir die Faktoren Nichtregierungsorgani­sationen (Non Governmental Organisations, NGOs), Glokalisierung und Öffentlichkeit aus folgenden Gründen zur Erläuterung geeignet:

Im Laufe des Protestes gründeten die Einwohner des Dorfes Mindo eine NGO. Diese stand sehr bald in Kontakt mit an­deren, international tätigen NGOs. Der Umstand des Handelns im NGO-Umfeld bewirkt einige Besonderheiten in der Analyse, welche ich zunächst theoretisch anführen werde, um danach an­hand des konkreten Beispiels ApV näher darauf einzugehen.

Mit dem Begriff Glokalisierung werden spezifische Eigenschaften des Globalisierungsprozesses angesprochen. Grundlage des Phänomens der Glokalisierung ist die Behauptung einer kul­turellen Globalisierung, die sich neben ökonomischer und politischer Globalisierung vollzieht. Im zweiten Teil dieser Arbeit werde ich den Begriff der Glokalisierung zunächst im Umfeld kultureller Globalisierung verorten, um danach auf die wichtigsten Inhalte dieses von Robertson (1992) entwickelten Konzeptes einzugehen. Im praktischen Teil werde ich dann aufzeigen, auf welche Art Glokalisierung konkret am Beispiel Mindos festgestellt werden kann.

Schließlich werde ich auf die Rolle und die Funktion der Öffentlichkeit, im speziellen der transnationalen Medienöffentlichkeit eingehen. Die Öffentlichkeit hat insbesondere im Umfeld von NGOs eine besondere Bedeutung, da Organisationen aus diesem Umfeld ihre Aktionen in erster Linie durch Legitimation der Öffentlichkeit rechtfertigen. Nur wenn die Öffentlichkeit eine Ak­tion etc. unterstützt, können NGOs Druck auf Akteure ausüben. Gleichzeitig stellt die Heraus­bildung einer transnationalen Medienöffentlichkeit eine Entwicklung im Rahmen des Glokalisierungsprozesses dar. Ich werde zunächst recht allgemein auf die gesellschaftliche Funktion der Öffentlichkeit eingehen, um danach die Ausbildung einer transnationalen Medi­enöffentlichkeit nachzuzeichnen. Danach werde ich aufzeigen, welche Faktoren eine Reaktion des Publikums (= der Öffentlichkeit) auf ein Ereignis befördern bzw. verhindern, da dies für Akteure, die von der Unterstützung der Öffentlichkeit abhängig sind, von großem Interesse ist.

Im vierten Teil werde ich dann zunächst die Situation rund um den Bau der OCP Pipeline schildern. Dabei werde ich auf die verschiedenen Protestebenen eingehen. Danach werde ich die Entstehung der Acción por la Vida nachzeichnen. Schließlich werde ich die oben benannten Faktoren auf den Fall Mindo übertragen. Dabei werde ich mich auf die Proteste der ApV in Ecuador und deren Darstellung in Deutschland beziehen.

2. Nichtregierungsorganisationen

In diesem Abschnitt geht es darum, den Akteur meiner Fallstudie einzuordnen. Dazu werde ich einen Überblick über einen Typ von Organisationen geben, der mit dem Be­griff Nichtregierungsorganisation bezeichnet wird.

NGOs sind mittlerweile zum Thema einer eigenen Forschungsrichtung geworden. Das Ziel meiner Ausführungen ist es nicht, die Ergebnisse dieser For­schungsrichtung im Detail wiederzugeben, da dies über das Ziel dieser Arbeit hinausgehen würde. Ich werde vielmehr darstellen, welche verschiedenen NGO-Formen es gibt, welche Unterschie­de sie aufzeigen, aber auch welche Gemeinsamkeiten sie besitzen. Diese vergleichende Darstel­lung erfolgt anhand der Sphären: Ursprünge, Handlungsfelder, räumliche Dimension, geo­graphische Verortung und Handlungsformen. Am Ende des Kapitels werde ich Gemeinsamkei­ten herausstellen. Damit werde ich die Voraussetzungen einer Einordnung der Acción por la Vida im letzten Teil meiner Arbeit schaffen.

2.1. Ursprünge der NGOs – Zwei Entwicklungsstränge

NGOs sind auf den ver­schiedensten Ebenen des gesellschaftlichen und politischen Lebens aktiv. Dabei ist das Handlungsumfeld einer NGO ein erstes Unterscheidungsmerkmal. Die Unterschiede in diesem Bereich gründen unter anderem auf zwei unterschiedlichen Entwicklungslinien heutiger NGOs.

Ein bedeutender Strang der NGO-Tätigkeiten entwickelte sich im Umfeld der Vereinten Na­tionen (VN). (vgl. Heins, 2002, S.73) Im Artikel 71 der Charta der Vereinten Nationen wurde bereits sehr früh die Konsultation von NGOs zu bestimmten Themen in Rahmen des Wirt­schafts- und Sozialausschusses (Economic and Social Council, ECOSOC) ermöglicht. Dabei wurde ein sehr allgemeines NGO-Konzept angewandt, welches sämtliche nicht-staatlichen Gruppen umfasste.[1] Innerhalb dieses institutionellen Rahmens[2] entwickelten sich NGOs, die einen gewissen Einfluss auf Entscheidungen innerhalb des VN-Systems gewinnen konnten. Spätestens mit der Gründung eines neuen NGO Typs – für den beispielsweise Amnesty International (1961) und der World Wildlife Fund (WWF, 1961) stehen – setzte dann ein NGO Boom ein, der die Anzahl sowohl VN-akkreditierter NGOs als auch die Anzahl der NGOs, die nicht direkt mit den VN in Verbindung stehen, nahezu explodieren ließ. (vgl. Roth, Teil 2, Absatz 2f)

Neben diesem Entwicklungsstrang internationaler NGOs im Umfeld globaler Politiknetzwerke führten gesellschaftliche Veränderungen zu einem weiteren Schub in der Entste­hung von NGOs. So kam es – insbesondere in den "westlichen" Staaten – in den Siebziger/Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer „partizipatorischen Revolution“ (vgl. Leggewie, 2003, S. 93; Heins, 2002, S.43) in deren Folge „vermittelt über Wertewandel und höheres Bildungsniveau [..] das Bedürfnis [wuchs], die Angelegenheiten des eigenen Lebens «in die eigenen Hände zu nehmen» und sich dazu «unkonventionell», das heißt: außerhalb der üblichen Institutionen (Parteien, Parlamente, Interessengruppen) zu betätigen, nämlich in Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen und Demonstrationen.“ (Leggewie, 2003, S. 93f, Hervorhebungen im Original) Es kam also zu einer Auseinander-Entwicklung innerhalb der Gesellschaft von aktiver politischer Teilnahme und intellektuell-emotionaler Anteilnahme. (vgl. Heins, 2002, S.43) Dabei fühlten sich die Menschen vermehrt auch von Ereignissen be­troffen, welche nicht im direkten Umfeld vonstatten gingen, und waren häufig „[…] von einer (durch globale Kommunikationsräume inspirierte[n]) Fernstensolidarität motiviert.“ (Leggewie, 2003, S.94f) Diese – für traditionelle gesellschaftliche Organisationen (Parteien etc.) problematische – Entwicklung konnten sich viele NGOs zunutze machen, da deren Hauptklientel im Gegensatz zu traditionalen Gruppen nicht aus Mitgliedern bestand. Vielmehr lag (und liegt) ihre primäre Aufgabe darin, Beziehungsketten zwischen den Opfern einer Entwicklung und einem „geistesverwandten Publikum von Nichtmitgliedern“ herzustellen. (Heins, 2002, S.43)

2.2. Handlungsfelder

Gemeinsam ist allen NGOs, also sowohl jenen, die in das VN-Umfeld integriert sind, als auch jenen, die sich in anderen gesellschaftlichen Sphären bewegen, dass ih­nen generell eine Position zwischen Staat und Markt, also zwischen politischen und ökono­mischen Akteuren nachgesagt wird. (vgl. Kohout/Mayer-Tasch, 2002, S.16) Ihnen wird dabei zugesprochen, dass sie verdrängte oder neue Themen auf die politische Tagesordnung bringen. (vgl. Klein, 2002, S.3) NGOs agieren dabei häufig in Form eines „advokatorischen Stellvertreterhandeln[s]“ (Leggewie, 2003, S.93), indem sie von Staat und Markt vernachlässigte Themenbereiche und Interessen vertreten. Dies führte dazu, dass NGOs insbesondere in jenen Feldern aktiv sind, welche von Staat und Markt nur unzureichend beachtet werden. Heute kann man ein so genanntes „goldene[s] Sechseck der NGO-Tätigkeit“ (Leggewie, 2003, S.96) benennen, welches die Handlungsfelder: Globale Entwicklung, Umweltschutz, Menschenrech­te, Gleichstellung der Geschlechter, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie umfasst. (vgl. ebda)

2.3. Räumliche Dimension

Ein weiterer Unterscheidungsaspekt verschiedener NGOs ist die Frage der räumlichen Dimension ihrer Strukturen und Aktivitäten.

Das allgemein verbreitete Verständnis von NGOs beinhaltet den Aspekt einer globalen Ausrich­tung dieser, sowohl hinsichtlich ihrer Handlungsfelder als auch ihrer organisato­rischen Strukturen. Dieser „Hauptstrom“ des NGO Verständnisses (vgl. Roth, Teil 1b, Absatz 2) zielt in erster Linie auf die im VN-Umfeld angesiedelten NGOs ab. So hatten bis zum Jahre 1996 nur solche NGOs Zugang zum ECOSOC, die explizit inter- bzw. transnational organisiert waren (vgl. ebda), wobei „jede internationale Organisation, die nicht durch ein zwischenstaatliches Abkom­men zustande kommt, [..] als nichtstaatliche Organisation im Sinne dieser Vereinba­rungen be­trachtet werden [soll].“ (ECOSOC Resolution 288 (x) vom 27.02.1950, zitiert nach: Union of International Associations, Teil 3, Para1) Der Begriff „international“ wurde dabei nicht weiter erläutert. Im Jahre 1950 und 1953 billigte der ECOSOC jedoch Krite­rien für internationale Organisationen, die von der "Union of International Associations" aufge­stellt wurden, um seinerzeit das "Yearbook of Interna­tional Organizations" herauszubringen. (vgl. Union of International Associations) Die in diesem Buch angelegten Kriterien stellen auch heute noch die Grundlage des weit verbreiteten NGO-Verständnisses dar. Grundlegend für die An­erkennung einer NGO als "international" ist dabei deren Ausrichtung auf mindestens drei oder mehr Länder, wobei diese Ausrichtung anhand der Ziele, der Mitglieder, der Finanzen, der Ak­tivitäten usw. überprüft wird. (vgl. ebda)

Neben diesem breiten Verständnis unterscheidet man nationale, bzw. lokale NGOs. Hierbei handelt es sich häufig um Gruppen, deren Tätigkeitsbereich auf ein bestimmtes geographisches Gebiet begrenzt ist. Diese Gruppen entstehen häufig aus einem konkreten Anlass vor Ort. In diesem Bereich des Lokalen, kommt es häufig zu Überschneidungen zwischen der Bildung von NGOs und sozialen Bewegungen. Der entscheidende Aspekt ist jedoch, dass sich mittlerweile auch „[…] ausschließlich lokal operierende Gruppen über die globale Dimension und den «glo­kalen» Kontext ihres Tuns im klaren sind.“ (Leggewie, 2003, S. 95, Hervorhebungen im Original) Ebenso ist es möglich, dass sich lokale NGOs global ausbreiten, und damit zu internationalen NGOs werden. Eine besonde­re Bedeutung kommt den lokalen NGOs im Nord-Süd Verhältnis der NGOs untereinander zu.

2.4. Nord-Süd Verhältnis

Insbesondere NGOs aus den südlichen Ländern werden häufig mit dem Begriff "Graswurzel­organisation" bezeichnet. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass es sich bei diesen häufig um kleinere, lokale Gruppen handelt. Meist werden die südlichen NGOs dabei als Umsetzungsgehilfen großer Nord-NGOs vor Ort be­schrieben, die einen im Vergleich zu Nord-NGOs, größeren Einfluss auf lokale Entwicklungen zeitigen können. Dadurch gewinnen südliche NGOs ihre Legitimation, die von großen NGOs des Nordens initiierten Projekte etc. auf lokaler Ebene umzusetzen. Sie werden als Folge eines Demokratisierungsprozesses in den südlichen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens angesehen, welche zu einem so genannten „Empowerment“ der lokalen Bevölkerungen beitragen. (vgl. Heins, 2002, S.152) Empo­werment bezeichnet dabei die Verbesserung der Selbstorganisation und Kommunikationsfähig­keit systematisch be­nachteiligter Gruppen.

In diesem Verständnis südlicher NGOs spiegeln sich die verschiedensten globalen Machtver­hältnisse wider, was in manchen Fällen zu Abwehrverhalten Betroffener in Entwick­lungsländern führt. Auch spiegeln sich weltpolitische und weltökonomische Macht­verhältnisse im Verhältnis der NGOs unterschiedlicher Hemisphären wider. (vgl. Heins, 2002, S.91; Klein, 2002, S.4) Eine Ursache für diese Asymmetrie der NGOs untereinander bildet die „[…] ungleich bessere Ressourcenausstattung der NGOs des Nordens gegenüber denen des Südens (Geld, Macht, qualifiziertes Personal) […].“ (Klein, 2002, S.4) Die Teilnahme an Veranstaltungen und Verhandlungen der VN sind beispielsweise nur durch die Aufbringung enormer finanzieller Ressourcen dauerhaft möglich, weshalb Süd-NGOs in diesem Umfeld nur selten anzutreffen sind. Diese Ungleichverteilung ökonomischer Ressourcen kann als Grundlage und strukturierendes Element der Dominanz nördlicher NGOs im Verhältnis Nord-Süd angesehen werden (vgl. Walk/Brunnengräber, 2000, S.142), die sich „[…] auch auf die Auswahl und Deutung der Themen von NGOs [bezieht]: So betonen NGOs des Nordens beispielsweise die zivilen und politischen Menschenrechte, während NGOs des Südens die Bedeutung sozialer Menschenrech­te hervorheben.“ (Klein, 2002, S.4)

All diesen Problemen und Restriktionen zum Trotz, glaube ich, dass sich die Rolle und das Selbstverständnis vieler Süd-NGOs gewandelt hat, und wohl auch noch im Wandel begriffen ist. Darauf werde ich am Beispiel der Acción por la Vida im vierten Teil dieser Arbeit einge­hen.

2.5. Erscheinungsformen von NGOs

Auch in der Form ihres Auftretens lassen sich NGOs voneinander abgrenzen. Sie können dabei sowohl als pragmatischer Un­terstützer als auch in offener Konfrontation beispielsweise zu den politischen Akteuren in in­ternationalen oder lokalen Gremien in Erscheinung treten.

2.5.1. NGOs als Experten

Viele Themenbereiche internationaler Politik sind mit dem Fortschreiten der Informations- und Wissensgesellschaft immer umfangreicher und vielfältiger geworden. Dadurch wurde es den politischen Entscheidungsträgern nahezu unmöglich, selbständig für eine vollständige Informationsbasis zu sorgen. Diese Informationslücke haben die verschiedensten, auf unterschiedlichste Gebiete spezialisierten NGOs mit eigenen Expertisen, Forschungsarbei­ten etc. zu schließen gesucht. Häufig stellen Experten-NGOs Gegenexpertisen aus ökolo­gischer- oder menschenrechtlicher Perspektive gegen verbreitete ökonomielastige Ansichten zur Verfügung. Das Ziel dieser Vorgehensweise liegt in der Regel in der Beeinflussung staatlicher und nicht-staatlicher Entscheidungen (vgl. Leggewie, 2003, S.98). Entscheidend für die fachli­che- und damit auch die politische Anerkennung der Experten-NGOs ist die Frage, inwieweit diese in der Lage sind, wissenschaftliche Standards gegen "nackte" Interessenpolitik hochzuhalten. (vgl. Roth, Teil 4, Absatz 3, Para2) Eine Instrumentalisierung vermeintlich wissenschaftlicher Ergebnisse führt nahezu unweigerlich zu einem Bedeutungsverlust einer Experten-NGO.

2.5.2. NGOs als Lobbyisten

Auch die Rolle der NGOs als Lobbyisten mit Einflussnahme auf poli­tische Entscheidungsträger, ist in erster Linie im Umfeld der internationalen Politik anzutreffen. Eine solche Einflussnahme kann formell erfolgen, etwa durch Beiträge oder Posi­tionspapiere von NGOs auf Konferenzen. Sie kann aber auch – und das in häufig effek­tiverem Maße – informell, also durch persönliche Kontakte von NGO-Vertretern mit Ent­scheidungsträgern außerhalb der offiziellen Politikarenen erfolgen. (vgl. ebda) Auch und gerade hier sind es große Nord-NGOs, die über ausreichende Ressourcen für eine erfolgreiche Lobbyarbeit verfügen.

Der Unterschied von NGOs zu traditionellen Lobbygruppen liegt darin, dass sie „[…] keine In­teressengruppen im herkömmlichen Sinne darstellen, weil sie in erster Linie Allgemeininter­essen wahrnehmen, […].“ (Kohout/Mayer-Tasch, 2002, S.18) Sie übernehmen dabei häufig die Rolle eines Advokaten, eines Repräsentanten nicht-artikulierter, unterrepräsentierter Interessen und Gruppen. (vgl. Leggewie, 2003, S.98)

2.5.3. NGOs als Moralisten

Dieses „advokatorische Stellvertreterhandeln“ (Leggewie, 2003, S.93) ist auch solchen NGOs eigen, die man mit dem Bergriff Moralisten am besten beschreiben kann. (vgl. Kohout/Mayer-Tasch, 2002, S.19f) Solche Gruppen sehen sich häufig als "ökologisches Weltgewissen", weshalb auch Regelverletzungen und ziviler Ungehorsam als erlaubte Aktionsmittel gelten. Eine beispielhafte Organisation dieses Typs stellt Greenpeace dar.

Den entscheidenden Erfolgsfaktor dieser Gruppen stellt die (möglichst weltweite) mediale Vermitt­lung der eigenen Aktionen dar, ohne die diese erfolglos blieben. Um eine mediale Vermittlung erreichen zu können, werden symbolische Aktionen und Bilder zur entscheidenden Handlungs­form dieser Gruppen. Ziel ist es, öffentlichen Druck auf "gebranntmarkte Sünden" zu erzeugen, und dadurch politischen Druck zu provozieren. Als idealtypisches Beispiel für diese Form des Vorgehens einer NGO wird häufig die Greenpeace Kampagne gegen die Versenkung der Öl­bohrinsel "Brent Spar" durch das britische Unternehmen Shell im Jahre 1995 genannt.

2.5.4. NGOs als Glokalisten

Da gerade in den großen Themenfeldern der NGOs anfallende Probleme und Thematiken oft­mals von globaler Bedeutung sind, aber mit lokalen Ursachen und Auswirkungen auftreten, müssen NGOs diese Ebenen miteinander verbinden können. Beispiele für diese Problematik gibt es zu genüge, an dieser Stelle sei beispielhaft auf die Frage der Abholzung tropischer Regenwälder hingewiesen. Diese stellt aus globaler Sicht eine Bedrohung künftiger Genera­tionen dar, bildet aber auf lokaler Ebene möglicherweise die einzige Einkommensquelle der örtlichen Bevölkerung. Das Spannungsfeld zwischen global und lokal bildet einen Hauptpfeiler dieser Arbeit, und ich werde darauf anhand der Fallstudie im letzten Teil näher eingehen.

Des Weiteren agieren NGOs in Form investigativer Aufklärer, die zensierte oder unterbliebene Informationen verbreiten. Sie können aber auch als Wächter, die staatli­che oder nicht-staatliche Verfehlungen anprangern und skandalisieren, oder aber als Wettbewer­ber, die nicht- oder unvollkommen vorhandene Dienstleistungen anbieten, auftreten. (vgl. Leggewie, S.98)

2.6. Was also sind NGOs?

Trotz der bislang aufgezeigten Vielfalt innerhalb der NGO-Welt halte ich es für legitim, von einer Gruppe der NGOs zu reden. Grundlage dieser Behauptung ist die Tatsache, dass es trotz aller Unterschiede durchaus einige Merkmale gibt, die den meisten dieser Organisationen zugeschrieben werden können.

So zeitigen nahezu alle NGO-Mitglieder eine grundsätzlich humanitäre Einstellung, d.h. sie sind durch weitgehend humanitäre Wertgrundlagen bestimmt. (vgl. Leggewie, 2003, S.94) NGOs verfolgen meist altruistische Zielsetzungen und sind durch die Freiwilligkeit der Teilnahme ihrer Mitglieder gekennzeichnet. (vgl. ebda)

Des Weiteren ist eine grundsätzliche Eigenschaft aller bislang genannten Organisationen deren Abhängigkeit von Spenden oder Mitgliedsbeiträgen zur Finanzierung ihrer Arbeit. (vgl. Legge­wie, 2003, S.94) Zwar werden insbesondere westliche NGOs heute auch zu einem durchaus be­trächtlichen Teil durch staatliche Finanzen unterstützt,[3] nichtsdestotrotz sind und bleiben Spenden eine Grundlage des Handelns dieser Organisationen. (vgl. Eberlei, 2002, S.25) Dieser Punkt bekommt im Nord-Süd Verhältnis einen speziellen Charakter. Süd-NGOs sind nicht oder nur begrenzt in der Lage, Spendengelder in den eigenen Gesellschaften zu akquirieren, weshalb sie insbesondere in finanzieller Hinsicht von Nord-NGOs abhängig sind.

In den letzten Jahren ist darüber hinaus eine Tendenz hin zur Professionalisierung und Kom­merzialisierung zu erkennen. (vgl. Leggewie, 2003, S.94) Die Professionalisierung der NGOs ergibt sich unter Anderem aus deren Funktion als Experten, ist aber darüber hinaus auch der generellen Entwicklung hin zur Wissens- und Informationsgesellschaft geschuldet. Bloße Kam­pagnen reichen zur Mobilisierung und Beeinflussung der Menschen und Entscheidungsträger nicht mehr aus, (quasi) wissenschaftliche Legitimation ist fast schon zum Standard geworden. Auch die Kommerzialisierung ist gesellschaftlichen Tendenzen geschuldet. So erfordert die Medienentwicklung eine publikumsgerechte Darstellung des eigenen Ziels. Selbst lokale Gruppen müssen sich Professionalisieren und Kommerzialisieren, um Gehör zu finden.

Ebenso charakteristisch für viele NGOs ist deren "Globalisierung". Die von NGOs bearbeiteten Themen bergen in sich bereits einen globalen Kern; Umweltschutz, Menschenrechte etc. sind Bereiche, die nicht an nationalstaatlichen Grenzen halt machen. Dadurch wurde bereits früh die internationale Zusammenarbeit der verschiedensten Gruppen – zunächst innerhalb des jeweils gleichen Themenfeldes – gefördert. Die Interkonnektivität der verschiedenen Themenbereiche führte darüber hinaus auch zu sachübergreifender Zusammenarbeit, „[…] deren gemeinsames Dach [..] die Forderung nach «nachhaltiger Entwicklung» [ist]. (Leggewie, 2003, S.96, Hervorhebung im Original) Kom­munikationstechnische Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten trugen ebenso ihren Teil zur Globalisierung der NGOs bei (vgl. Heins, 2002, S.63), wobei das Internet einen beson­deren Stellenwert einnimmt, dient es doch vielen NGOs als effektives Instrument zur weltweiten Vernetzung untereinander. (vgl. Heins, 2002, S.140ff)[4] Insbesondere Gruppen, denen der Zugang zu den Massen­medien (TV, Printmedien etc.) aus welchem Grund auch immer nicht möglich ist, kann das Internet als Instrument zur Herstellung von Öffentlichkeit dienen.

Schließlich bestehen Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Organisationen in zwei ganz entscheidenden Punkten: Zunächst einmal besteht eine besondere Leistung der NGOs „[…] in der Herstellung mittel- und langfristiger Solidarität, insbesondere von «Fernstenliebe», einer grenzüberschreitenden Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen, die nicht der eigenen (ethnischen, religiösen, nationalen) Gruppe angehören und eigene Betroffenheit über­schreiten.“ (Leggewie, 2003, S.96, Hervorhebung im Original) Fernstensolidarität steht im Mittelpunkt des Handelns aller NGOs. Einerseits der nördlichen NGOs, welche diese Solidarität wie oben beschrieben herstellen und ermögli­chen, andererseits auch der südlichen NGOs, die durch verschiedene Aktionen versuchen an die Fernstensolidarität eines Publikums in entfernten Gesellschaften zu appellieren. Das Mittel zur Erreichung dieser liegt in der Herstellung (globaler) Öffentlichkeit. Dar­in liegt letztlich das Ziel, aber auch die Hürde, die jede NGO überspringen muss, will sie erfolg­reich etwas bewirken. Die Herstellung von Öffentlichkeit ist damit der Schlüssel zu einer erfolg­reichen NGO-Tätigkeit, da erst dadurch weitere Konsequenzen in Form von Handlungen des Publikums ermöglicht werden können.

3. Glokalisierung

Nachdem ich im ersten Teil dargestellt habe, in welchem Umfeld der Akteur meiner Fall­studie zu verorten ist, will ich nun auf den Aspekt der "Glokalisierung" eingehen. Damit sollen die Wechselwirkungen, Überschneidungen und Gleichzeitigkeiten globaler und lokaler Entwicklungen im Prozess der kulturellen Globalisierung beschrieben werden.

3.1. Kulturelle Globalisierung

In der Frage der Form und Auswirkung kultureller Globalisierung stehen sich zwei unterschied­liche Grundannahmen diametral gegenüber: Auf der einen Seite gibt es die Auffassung, dass Kulturen “weitgehend in sich abgeschlossene Gebilde sind, gebunden an Orte und eine Gruppe von Menschen, eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, eine Region oder Nation.” (Wagner, 2002, S.11) Vertreter dieser Position sehen in der Globalisierung letztlich eine Homogenisierung der verschiedenen Kulturen, wobei der "westlichen Kultur" ein „kultureller Imperialismus” (vgl. Robertson, 1998, S.211ff) unterstellt wird. Diese Sicht von Kultur und kultureller Globalisierung findet ihren exemplarischen Aus­druck in der These der “McDonaldisierung der Gesellschaft“. (vgl. dazu: Ritzer, 1995; zu Ritzer vgl. auch: Brüsemeister, 2000)

Auf der anderen Seite steht ein Konzept von Kultur, welches diese in dauerhafter Veränderung durch Bewegung und Austausch mit anderen Kulturen versteht. (vgl. Wagner, 2002, S.11) Dieser Ansatz verneint die Existenz von Kulturen in Reinform. Kulturen entstünden vielmehr erst durch die Übernahme fremder Kulturelemente. Auf diese zweite Sicht von Kultur will ich im Folgenden näher eingehen.

Danach wird der Ausgangspunkt heutiger kultureller Globalisierung am Ende des 18. Jahr­hunderts gesehen, einer Zeit, in der Goethe bereits den Begriff der "Weltliteratur" prägte. Kultur wird hierbei als eine ursprünglich übernational wirkende Instanz gesehen, deren Natio­nalisierung erst im 19. Jahrhundert als eine politische Konstruktion unternommen wurde, um dadurch die in diesem Zeitraum zu verortenden Nationenbildung zu unterstützen. (vgl. ebda) Dennoch wirkten bereits die Kulturelemente des 19. Jahrhunderts (Literatur, Musik, bildende Kunst) durch die Nutzung von Speichermedien (Bücher, Platten) übernational.

Die heutige kulturelle Globalisierung ist demnach eine Weiterentwicklung solcher Phänomene wie "Weltliteratur", "Weltmusik" oder "Weltkunst", die sich jedoch in entscheidenden Punkten von diesen unterscheidet: Zunächst einmal greift sie über die traditionellen Künste hinaus in Alltagskulturen hinein und erfasst teilweise auch Wert­haltungen etc. Zum anderen zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie sich bis in den "letzten Win­kel" der Welt ausbreitet, und dass verschiedene Kulturen mit einer „[...] ungeheuren Geschwin­digkeit und Intensität in Kontakt stehen, sich austauschen und vermischen und dadurch neue Kulturen hervorbringen.“ (Wagner, 2002, S.12) Diese neue Qualität kultureller Globalisierung ist insbesondere drei Entwicklungssträngen ge­dankt:

Zum einen bewegen wir uns aus ökonomischer Sicht in "einer Welt". „Der Internatio­nalisierung der Arbeit folgt zunehmend eine solche der Qualifizierung dafür.“ (Wagner, 2002, S.13) Menschen bewegen sich in ihrer Arbeit vermehrt in internationalen Zusammenhängen, und werden in ihrer Ausbildung und Lebensführung von diesen beeinflusst. Darüber hinaus sorgt ein weltweit explosionsartig gestiegener Tourismus dafür, dass Menschen unter­schiedlicher, geographisch weit entfernter Kulturkreise immer wieder und immer mehr aufein­ander treffen.

Des Weiteren haben sich weltweite Migrationsprozesse insbesondere in den letzten Jahrzehnten verstärkt, wodurch ein Vielzahl „Transnationaler Sozialer Räume“ (Pries, 1998) entstanden sind. (vgl. ebda, S. 55)

Schließlich stellt die Medienentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ent­scheidende Differenz der aktuellen kulturellen Globalisierung zu ihren Vorgängern dar. Eine bis dato nie da gewesene Entwicklungsgeschwindigkeit elektronischer Massenmedien ermöglicht heute einer immer größer werdenden Anzahl Menschen den Zugang zu Medien und damit den Zugang zu Informationen. Insbesondere sind hierbei technische Weiterentwicklungen des Computers und des Internets zu nennen. Die Zugangsmöglichkeiten zu Medien kultureller Ver­breitung waren jedoch schon immer ungleich verteilt, so auch in der jüngsten Entwicklung. So entfielen 1999 lediglich 0,3% der weltweiten Internetzugänge auf Afrika, während dem­gegenüber 65% auf die USA und 22% auf Europa entfielen. (vgl. Wagner, 2002, S.14) Durch diesen Ausschluss vieler Menschen von den Vorteilen der weltweiten Vernetzung sind auch im Be­reich der "elektronischen" Globalisierung Asymmetrien gegeben. In ihrer Form wird die aktuelle kulturelle Globalisierung insbesondere durch drei Aspekte ge­kennzeichnet: (vgl. Wagner, 2002, S. 14ff)

Zum einen ist eine so genannte „Eine-Waren-Welt“ (Wagner, 2002, S.14) im Entstehen begriffen. Diese – durchaus auffällige – Entwicklung wird fälschlicherweise häufig als das einzige Merkmal kultureller Globalisierung benannt. Darunter versteht man die Angleichung eines Teilbereiches kulturellen Lebens (vor allem der Unterhaltungskulturen, Konsumgüter) dessen Rolle für das kulturelle Selbstverständnis jedoch häufig überschätzt wird. Darüber hinaus wird häufig übersehen, dass kulturelle Produkte immer mehrdeutig sind, weshalb es niemals nur eine Lesart dieser Produkte gibt. Vielmehr werden diese an eigene Erfahrungen und Wün­sche, an den lokalen Ort und Traditionen rückgekoppelt, wodurch eine Bedeutungsumge­staltung vorgenommen wird. (vgl. ebda) Ein weiteres Merkmal heutiger kultureller Globalisierung ist die Ausbildung so genannter „Hy­brider Kulturen“. Unter Hybridisierung versteht man die Vermischung kultureller Stile, Formen und Traditionen, woraus etwas neues, eine neue Kultur entsteht. (vgl. Wagner, 2002, S.17f) Schließlich wird die aktuelle kulturelle Entgrenzung (= Globalisierung) durch die Aufhebung des Gegensatzes "Lokal – Global" gekennzeichnet. Diesem Aspekt – mit dem Schlagwort "Glokalisierung" beschrieben – werde ich mich im Folgenden zuwenden.

3.2. Glokalisierung

Das Konzept der Glokalisierung wurde von Robertson (1992) entwickelt, der damit gegen eine Sicht der Globalisierung argumentiert, wel­che diese als einen Prozess beschreibt, der sich über das Lokale hinwegsetzt.

Robertsons Theorie der Globalisierung[5], die ich hier nur kurz anschneiden will, entwickelt sich im Umfeld der – nach Robertson – vier Hauptelemente menschlichen Daseins: "Gesellschaft", "internationales System von Gesellschaften", "Individuen" und "Menschheit". (vgl. Robertson, 1992, S. 27ff) „Die heutige Welt als Ganze hat sich aus wechselnden Beziehungen zwischen unterschiedlichen Betonungen auf und oft widerstreitenden Interpreta­tionen von diesen Aspekten menschlichen Daseins entwickelt.“ (Robertson, 1998, S.207) Für Robertson handelt es sich bei der Globalisierung um einen Prozess, innerhalb dessen diese vier Grundelemente globalisiert werden. Diese jedoch tragen in ihrer ursprünglichen Erscheinungsform Elemente des Lokalen in sich, wodurch das Lokale zu einem konstitutiven Bestandteil des Globalen wird. (vgl. Robertson, 1998, S.208) Die Intention Robertsons liegt darin, den weit verbreiteten Theorien des kulturellen Imperialis­mus mit einem Konzept zu antworten, welches die wahre Natur der Globalisierung erfasst: Nämlich der Globalisierung als eine Entwicklung, die verschiedene Gegensätze in sich vereint, darunter im Besonderen die Gegensätze Lokal und Global, aber auch solche Gegensätze wie Bindung und Fragmentierung, Zentralisierung und De­zentralisierung sowie Konflikt und Ausgleich. (vgl. Beck, 1997, S.92) Worin besteht nun also Glokalisierung, was zeichnet sie aus?

Das Wort Glokalisierung wurde nach dem Vorbild des japanischen „dochachuka“ gebildet, welches ursprünglich das landwirtschaftliche Prinzip bezeichnete, eigene Techniken an lokale Umstände anzupassen. (Robertson, 1998, S.197f) Darüber hinaus erhielt dieser Begriff schon früh eine Bedeutung auch in ökonomischen Zusammenhängen, auch hier zunächst im ja­panischen Kulturraum. In diesen Zusammenhängen wurde mit dem Begriff Glokalisierung die Anpassung einer globalen Perspektive an lokale Umstände bezeichnet. (vgl. ebda.) In der Folge setzte sich diese Strategie in ökonomischen Bereichen vermehrt durch und fand schließlich ihre konkrete inhaltliche und begriffliche Ausgestaltung als „Mikro-Marketing“, also als das „Zuschneiden von und Werben für Güter und Dienstleistungen auf globaler oder fast-globaler Ebene für zunehmend differenzierte lokale und partikulare Märkte. (Robertson, 1998, S.198)

Ein erster entscheidender Aspekt dieses Prinzips ist nun, dass die An­passung an lokale und partikulare Märkte nicht lediglich als Reaktion auf vorhandene Diversitä­ten in lokalen Räumen erfolgt, sondern dass die "Glokalisierung" auch in Form selbstgestalte­rischer Einflüsse Anwendung fand und findet. Solche „subtile[n] Versuche, Homogenität und Heterogenität beziehungsweise Universalismus und Partikularismus miteinander zu verbinden“ (Robertson, 1998, S. 196), wurden schnell auch in nicht-ökonomischen Handlungszusammenhängen deutlich. So identifiziert Robertson in den verschiedensten Berufsfeldern so genannte "Expertenschaften", welche ein persönliches Interesse daran haben, dass es zu einem Zusammenwachsen verschiedener Lokali­täten ohne gleichzeitige Eliminierung kultureller Differenzen kommt. Als Beispiel einer sol­chen Expertenschaft nennt er den Bereich der interkulturellen Kommunikation (vgl. Robertson, 1998, S. 202) Auf Basis dieser Ausführungen kann man Glokalisierung zunächst einmal als ein Handlungsprinzip verstehen, wel­ches von bestimmten Personengruppen angewandt wird, die damit persönliche Vorteile zu erreichen suchen.

[...]


[1] Also auch Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften etc.

[2] Welcher im Laufe der Zeit verschiedenen Veränderungen unterworfen war. (vgl. Teil 2.3).

[3] Eine kritisch beäugte Tatsache, kann dadurch doch eine ungewollte Abhängigkeit einer NGO u.U. befördert werden. (vgl. Heins, 2002, S.72f)

[4] Zur Bedeutung des Internets vgl. ebda.

[5] Für Robertson ist bereits der Begriff der Globalisierung irreleitend, weshalb er diesen durch den Begriff der Glokalisierung ersetzt. Ich werde in der Folge denn Begriff Glokalisierung dann benutzen, wenn ich von den weiter unten beschriebenen gegenläufigen Phänomenen spreche.

Details

Seiten
54
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638586450
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67560
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Globalisierung Beeinflussen Prozesse Handlungszusammenhänge Gesellschaften Entwicklungsländern Eine Untersuchung Fallstudie Protestes Pipelinebau Dorf Mindo Ecuador

Autor

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Titel: Einfluss globaler Prozesse auf lokale Handlungszusammenhänge bei Gesellschaften in Entwicklungsländern. Der Pipelinebau in dem Dorf Mindo, Ecuador