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Deutscher Kolonialismus und Missionierung in Deutsch-Südwestafrka bis 1914

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Deutscher Imperialismus

2. Die Kolonisierung Südwestafrikas

3. Die Missionsarbeit in Südwestafrika

4. Das Zusammenwirken von Mission und Kolonialismus

5. Fazit: Die Mission als Steigbügelhalter des Kolonialismus?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Deutscher Imperialismus

Das Deutsche Reich ist, nicht zuletzt aufgrund seiner besonderen zentralkontinentalen Lage, als Spätstarter im Rennen um kolonialen Besitz anzusehen. Anders als beispielsweise die großen Seemächte England, Frankreich oder Spanien unternahm das kolonialtechnisch unerfahrene, gerade geeinte Reich erst in der Hochphase des Imperialismus (1880er Jahre bis 1914) den eher überhasteten Versuch, territoriale Besitzungen in Übersee zusammenzuraffen. Nach Klaus J. Bade ist dieses von nationaler Vollendungsvorstellung und sozialökonomischem Krisenmanagement bestimmte Bestreben mehr von Improvisation und Torschußpanik geprägt als von einer weitsichtigen und scharf kalkulierten politisch-ökonomischen Strategie.[1]

Entziehen konnte sich das Deutsche Reich dem allgemeinen Expansionsstreben der europäischen Staaten nach kolonialem Besitz allerdings kaum, weil ein Bündel verschiedenster Faktoren eine Rolle spielte. Es galt nicht nur, im internationalen Vergleich Prestige und Machtbereich zu mehren. Auch musste man existenziellen sozialpolitischen Problemen begegnen, die aus der gerade vollzogenen Industralisierung entstandenen waren: dem explosionsartiges Wachstum der Bevölkerung und der daraus resultierenden Auswanderungswelle menschlichen „Nationalen Kapitals“. Zudem hatten die regierenden Verantwortlichen das weitere Gedeihen der Wirtschaft im Blick.[2]

Eine der bedeutsamsten deutschen Koloniegründungen war „Deutsch-Südwestafrika“, das heute das Staatsgebiet von Namibia umfasst.

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie das lediglich drei kurze Jahrzehnte währende, aber durchaus heftige Kolonialabenteuer des Deutschen Reiches von statten ging. Dabei soll zentral der Aspekt der christlichem Missionierung (am Beispiel der Rheinischen Missionsgesellschaft) behandelt werden, die dort schon lange vor den ersten Kolonisten einsetzte und bis zum Ende des deutschen Kolonialreiches eine wichtige Rolle spielte. Ein Zusammenhang zwischen Missionierung und Kolonialwesen ist zu vermuten, „denn imperialistisches Handeln ist häufig mit weltanschaulichem Sendungsbewusstsein verbunden.“[3] - wie es etwa auch, in diesem Falle drastisch scheiternd, in Joseph Conrads weltberühmter Erzählung Heart of Darkness (1902) zum Ausdruck kommt.

Zur Erörterung der Fragestellung, inwieweit und in welcher Weise Kolonialisierung und Missionierung Südwestafrikas im Zeitraum bis 1914 in Wechselbeziehung zueinander standen und welche bis heute sichtbaren Spuren beide hinterliessen, greife ich primär auf die aktuelle Forschungsliteratur Horst Gründers, Nicole Glockes und Udo Kaulichs zurück.

2. Die Kolonisierung Südwestafrikas

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[4]

Bereits lange vor der offiziellen Inbesitznahme des Gebietes in den Jahren 1884/85 durch (britischem Vorbild folgende) „kaiserliche Schutzbriefe“ hatten deutsche Händler, Entdecker und Missionare in Südwestafrika Fuß gefasst.

Mit den Landerwerbungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz, nach welchem noch heute eine Bucht benannt ist, begann 1883 das deutsche Kolonialabenteuer erste Formen anzunehmen. Zwar liess sich zu jenem Zeitpunkt noch keinesfalls von kolonialem Besitz in Südwestafrika sprechen, aber im Laufe des Jahres 1884 erhielt Lüderitz - nach intensivem Dialog mit der Reichsregierung - über die Zwischenstufe des konsularischen Schutzes schließlich am 24. April den ersehnten Reichsschutz für seine Besitzungen offiziell zugesprochen. Als sich zeigte, dass die punktuell auf Inseln und in der Walfischbucht präsenten Engländer die Deutschen gewähren lassen würden, dehnte Lüderitz mittels weiterer Kaufverträge mit den Eingeborenen seine Besitzungen rasch aus. Mit Hilfe von Reichsmarine und kaiserlichen Beamten wurden weite Teile des künfigen Koloniegebietes per „Schutz und Freundschaftsvertrag“ annektiert, unter vertraglicher Aussparung der britischen Walfischbucht.[5] Damit kam man zugleich intensiven Bemühungen der britischen Kapkolonie zuvor, die auf eigene Faust Besitzungen in Südwestafrika anstrebte. Binnen weniger Monate enstand auf diese Weise quasi aus dem Nichts der Torso der deutschen Kolonie Südwestafrika, der in den Folgejahrzehnten durch verschiedene Grenzziehungskonflikte mit England und Portugal und weitere Erschließung unzugänglicher Regionen des Nordostens nur noch marginale Änderungen und Erweiterungen erfuhr.

Im Gegensatz zum britischen Kolonialismus scheiterte das deutsche Schutzbriefsystem jedoch. Das lag zum einen an der reservierten Reaktion von Wirtschaft und Kapital, denen die Risiken von umfangreichen Investitionen im Hinblick auf die unsichere machtpolitische Lage oftmals zu hoch erschienen.[6] Zum anderen sei nach Johannes Kunisch das Schutzbriefsystem niemals wirklich ernst gemeint gewesen und hätte lediglich temporär dem antienglischen und zugleich profranzösischen Politik-Kurs gedient. Der generell antikolonial eingestellte Bismarck hatte es zwar initiiert, aber weil es vor Ort keinerlei Durchsetzungsmöglichkeiten hatte, blieb es praktisch wirkungslos.[7] Den Anfang vom Ende des ineffizienten Schutzbriefsystems stellte eine Eingeborenenerhebung der Herero im Jahre 1888 dar, dem im darauffolgenden Jahr mit einer begrenzten Militärintervention begegnet wurde. Aber erst mit dem Auftritt des geschickt taktierenden Majors Theodor Leutwein auf der südwestafrikanischen Bühne im Jahre 1893 stabilisierte sich die Lage zunehmend und es gelang dem sich etablierenden „System Leutwein“, erstmals eine größere Zahl Siedler ins Land zu locken, wobei er alternative, staatlich organisierte Landzuteilungsmaßnahmen einsetzte. Die Siedler sollten sich vor allem der Viehzucht widmen, da das generell eher lebensfeindliche Terrain eine rentable Landwirtschaft kaum gestattete. Der Rohstoffabbau fristete in den Plänen der Kolonialregierung zunächst lediglich ein Nischendasein, da die dazu erforderliche Infrastruktur anfangs fehlte und sich erst allmählich entwickelte.

Die zunehmende Durchdringung und Erschließung des Raumes liess jedoch ein neues Problem zu Tage treten: die Dislozierung der Eingeborenen. Leutweins Dilemma lag im Spagat zwischen stabilisierender Koexistenz mit den mächtigen Stammesverbänden und kolonialer Erschließung im Sinne des Reiches.[8] Das letztere Ziel dominierte, war Leutwein doch weder wirklich am Wohl der Eingeborenen interessiert noch an einer zu starken Machtposition der Rheinischen Missionsgesellschaft, die um die Jahrhundertwende die Einrichtung von missionsverwalteten Reservaten anstrebte.[9]

Trotz einiger Reservationsversuche nahm nach Horst Gründer die soziale und politische Diskriminierung der Eingeborenen in einem solchen Maße zu, daß sich ein enormes Konfliktpotential aufstaute, das sich 1904/05 im verlustreichen "Hererokrieg" entlud[10]. Dieser bedeutete letztlich das Ende jeglicher Stammesmacht, aber auch des „Systems Leutwein“. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes durch den nun bevollmächtigten Generalleutnant Lothar von Trotha war aus dem Schutzgebiet Südwestafrika endgültig eine Kolonie geworden. Es folgte in den wenigen Jahren bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 eine hauptsächlich mit Diamantenfunden, umfassenderem Eisenbahnbau und effizienteren Verwaltungswegen verbundene Phase des allgemeinen Aufschwungs. Gemessen an den allgemein hohen Erwartungen, brachte sie jedoch auch nur begrenzten Erfolg. Das deutsche Kolonialabenteuer endete schließlich mit Versailles wenig später so abrupt, wie es knappe drei Jahrzehnte zuvor begonnen hatte.

[...]


[1] Vgl. Klaus J. Bade, Imperialismus und Kolonialmission, S.2.

[2] Vgl. Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, S.26-30, u.a: „Kolonialagitation als Ventil für den Überdruck an Menschen“, „Kolonialfrage als Export der sozialen Frage“ (Wilhelm Liebknacht).

[3] Kurt Panzergrau, Die Bildung und Erziehung der Eingeborenen Südwestafrikas, S.97.

[4] Bildquelle: http://www.hyperarts.com/pynchon/v/extra/images/sudwest-map.gif

[5] Vgl. Udo Kaulich, Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, S.55f.

[6] Vgl. Klaus J. Bade, Imperialismus und Kolonialmission, S.4.

[7] Vgl. Johannes Kunisch, Bismarck und seine Zeit, u.a. S.152.

[8] Vgl. Udo Kaulich, Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, S.329.

[9] Vgl. Nicole Glocke, Rheinische Missionsgesellschaft in Südwestafrika, S.161.

[10] Vgl. Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, S.118.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638603713
ISBN (Buch)
9783638802680
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67411
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Institut für Mittlere und Neuere Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Deutscher Kolonialismus Missionierung Deutsch-Südwestafrka Proseminar

Autor

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