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Nationalismus und Ethnizität, Theorien und Praxis

Seminararbeit 1998 26 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Ansätze der Nationalismusforschung
2.1 Eine klassische Version
2.2 Eine zeitgenössische Version
2.3 Ethnonationalismus im 20.Jahrhundert

3 Ethnizität und Ethnisierungsstrategien
3.1 Entwicklung der Theorien
3.2 Ethnisierung als gesellschaftliches Phänomen
3.3 Das Andere und das Eigene

4 Nationalismus und Ethnizität und die Vereinigten Staaten von Europa
4.1 Zwei Theorien
4.2 Die Dialektik gesellschaftlicher und wirtschaftlich-politischer Einflüsse

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

“Nationen im strengen Sinn des Begriffes sind homogen; zu ihnen gehören Menschen derselben Art, derselben Sprache, derselben Religion, derselben Kultur. Nationalstaaten dagegen sind in aller Regel nicht homogen. Ihr konstitutioneller Kern liegt darin, daß sie die Rechte definieren, die allen Bürgern gemeinsam sind, unbeschadet ihrer sprachlichen, religiösen, kulturellen, sonstigen Eigenart.” (Ralf Dahrendorf, Die Sache mit der Nation, in Michael Jeismann, Henning Ritter (Hg.), Grenzfälle, Über neuen und alten Nationalismus, 1993, Reclam Verlag, Leipzig, S. 108)

Welche Prozesse aber laufen in Gesellschaften oder Staaten ab, in denen Vertreter verschiedener Sprachen, Religionen und Kulturen zusammenleben? Häufig werden eben diese letztgenannten Merkmale als Definitionskriterien für Ethnizitätszugehörigkeit verwendet. Bei Ralf Dahrendorf scheinen sie der Begriffsklärung von “Nation” zu dienen.

Worin besteht also der Unterschied zwischen Ethnizität und Nationalität bzw. Ethnizitätsbewegung und Nationalismus? Gibt es überhaupt einen? Wie wirken beide aufeinander?

Eines der am meisten untersuchten und doch immer noch unklaren bzw. nicht eindeutig definierten Phänomene nicht nur dieses Jahrhunderts dürfte der Nationalismus sein. In jüngerer Zeit erleben zusätzlich zum Nationalismus auch Ethnizitätsbewegungen und Ethnisierungsstrategien einen vergleichbaren Aufschwung im Alltag wie in der Wissenschaft.

Deshalb werde ich im ersten Kapitel einen Überblick über verschiedene theoretische Ansätze der Nationalismus- und und im zweiten über die Ethnizitätsforschung geben. Am Beispiel der Idee der Vereinigten Staaten von Europa werde ich die Rollen von Ethnizität und Nationalismus in multikulturellen Gesellschaften untersuchen.

2 Theoretische Ansätze der Nationalismusforschung

2.1 Eine klassische Version

Einer der meistzitierten Aufsätze zum Phänomen “ Nationalismus" ist Ernest Renans Vortrag “Was ist eine Nation?” an der Sorbonne am 11. März 1882. Er beschäftigt sich hier mit den Anfängen der Gesellschaftsform “Nation” und versucht, damit verbundene Irrtümer aufzudecken. Zu diesen gehören beispielsweise das Verwechseln von Rasse und Nation sowie die Tatsache, daß ungerechtfertigterweise “den ethnischen oder besser den sprachlichen Gruppen eine Souveränität nach dem Muster der wirklich existierenden Völker”[1] zugesprochen wird.

“Das Vergessen - ich möchte fast sagen: der historische Irrtum - spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentliche Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Studien oft eine Gefahr für die Nation.”[2] Am Anfang aller politischen Formen ereigneten sich gewaltsame Vorgänge, die aufzudecken für das Bestehen der Nation gefährlich wären. Da aber trotzdem das Wesen jeder Nation darin bestünde, “daß alle Individuen etwas miteinander gemein haben, auch, daß sie viele Dinge vergessen haben”[3], muß also jede Nation die eigene Geschichte “korrigieren”.

Viele der heutigen Nationen seien aus Dynastien entstanden. Fällt aber das dynastische Recht weg, was vor allem durch die Aufklärung, die Rückkehr “zum Geist der Antike” erreicht wurde, müsse ein neues Recht gelten: das Völkerrecht.[4]

Im Folgenden untersucht Renan Kriterien, von denen das Völkerrecht abgeleitet und definiert werden könnte, die heute noch oft zur Definition von Kultur oder Ethnie herangezogen werden. Er beginnt mit dem Prinzip der Rasse, das in der Antike von größter Wichtigkeit war. Bereits im Römischen Reich aber waren die Menschen innerhalb dieser “Ansammlung von absolut verschiedenen Städten und Provinzen” nicht mehr durch Verwandtschaft, sondern durch Gewalt, später durch gemeinsame Interessen verbunden. Auch “das Christentum mit seinem uneingeschränkten Universalismus” wirkte der Bedeutung gemeinsamer “Rassenzugehörigkeit” entgegen. Rückblickend aber wird die Individualität der einzelnen Rassen wiederentdeckt, um die Einzigartigkeit der eigenen Nation zu legitimieren. Das Paradoxe daran ist aber, daß es eigentlich keine “reine Rasse” gibt und deshalb eine ethnographische Begründung für Grenzziehungen Unsinn ist. Ganz unsinnig erscheint eine solche Theorie, wenn man bedenkt, daß sich die Methoden und Systeme der Ethnographie wie jeder anderen Disziplin auch ändern. Letztendlich hieße das aber, daß sich die Grenzen eines Staates nach “den Fluktuationen der Wissenschaft” richten müßten.[5]

Das gleiche gelte für eine Abhängigkeit der Politik von der vergleichenden Sprachwissenschaft. Das Problem bei der Betrachtung der Sprache liege darin, daß sie als Zeichen der Rasse angesehen würde. Renan erklärt dies als falsch mit dem Hinweis darauf, daß z.B. in Preußen, wo nur noch deutsch gesprochen wird, noch vor einigen Jahrhunderten slawisch gesprochen wurde, und, wie er im Abschnitt zuvor ausführte, Deutschland eigentlich “germanisch, keltisch und slawisch”[6] ist. Außerdem stimme die Einteilung der Sprachfamilien (indo-europäische, semitische oder andere Sprachen), die die Philologie erfunden hat, nicht mit der Einteilung der Anthropologie überein. Für Renan sind Sprachen “historische Gebilde, die wenig über das Blut derer aussagen, die sie sprechen.”[7]

Das nächsten Kriterium ist die Religion, die laut Renan auch “keine hinreichende Grundlage geben (kann), um darauf eine moderne Nation zu errichten.”[8] Er vergleicht wiederum Antike und Gegenwart. In der Antike sei die Religion gleichzeitig Staatsreligion und Familienkult gewesen. Heute dagegen gäbe es keine “Masse von Gläubigen mehr, die auf einförmige Weise glaubt.” Religion sei eine “individuelle Angelegenheit geworden.”[9]

Eine andere Erklärung für den Zusammenhalt der Menschen innerhalb einer Nation könnten gemeinsame (z.B. wirtschaftliche) Interessen sein, doch reicht diese für Renan nicht aus, da ihnen die Gefühlsseite der Nationalität fehlt.[10]

Zur Frage, ob die Geographie die Bindung innerhalb einer Gemeinschaft erklären würde, meint Renan: Sie hätte großen Einfluß auf historische Bewegungen, Wanderungen, Eroberungen, Entdeckungen etc., gehabt. Schriebe man ihr aber grundlegenden Charakter als “natürliche Grenzen” zu, könnte sie der Legitimation jeglicher Gewalt gegen andere dienen, beispielsweise für “Grenzkorrekturen” o.ä. Außerdem: “Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, das aus tiefen Verwicklungen der Geschichte resultiert, eine spirituelle Familie, nicht eine von Gestaltungen des Bodens bestimmte Gruppe.”[11]

Zusammenfassend stellt er fest, daß die Nation eine Seele sei, die zum einen vom “gemeinsame(n) Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen” bestimmt wird und zum anderen vom gegenwärtigen Wunsch, zusammenzuleben, “das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat.”[12]

“Eine große Ansammlung von Menschen, gesunden Geistes und warmen Herzens, erschafft ein Moralbewußtsein, welches sich eine Nation nennt. In dem Maße, wie dieses Moralbewußtsein seine Kraft beweist durch die Opfer, die der Verzicht des einzelnen zugunsten der Gemeinschaft fordert, ist die Nation legitim, hat sie ein Recht zu existieren.”[13]

Außer dem erwähnten Aufsatz war Renan berühmt für sein Hauptwerk “La Vie de Jésus” von 1863. Unter anderem für dieses Werk wurde er von 1863 bis 1871 seines Lehramtes enthoben. In dem dort von ihm entwickelten Pantheismus verwendete er u.a. Gedanken Hegels, neben Kant einer der bedeutendsten deutschen Vertreter der Aufklärung. So wird auch in dem untersuchten Aufsatz “Was ist eine Nation?” eindeutig aufklärerischer Einfluß sichtbar, z.B. an Äußerungen über eine allgemeine menschliche Kultur, die lange schon bestand, bevor es einzelne nationale Kulturen (französische, deutsche, italienische etc.) gab oder dem Hinweis, daß es “jenseits der anthropologischen Merkmale (...) die Vernunft, die Gerechtigkeit, das Wahre und das Schöne (gibt), die für alle dieselben sind.”[14]

2.2 Eine zeitgenössische Version

Ein weiterer Wissenschaftler, den ich hier kurz vorstellen möchte, ist der Oxforder Politologe Isaiah Berlin.

Interessant an seinem knapp hundert Jahre nach Renan erschienenen Aufsatz “Der Nationalismus, Seine frühere Vernachlässigung und gegenwärtige Macht” ist, daß der Autor den Nationalismus aus verschiedenen staatsphilosophischen Perspektiven betrachtet. So z.B. “schien (der Nationalismus) den liberalen Beobachtern eine vorübergehende Erscheinung zu sein, eine Folge der Verletzung des Nationalbewußtseins (...)”, im Gegensatz zu dem spätestens seit Aristoteles als natürlich anerkanntem menschlichen “Bedürfnis, zu einer leicht identifizierbaren Gruppe zu gehören”. Für Marxisten und Sozialisten war Nationalgefühl ein Ausdruck bürgerlicher Ideologie, der geschaffen wurde durch die ökonomische Vorherrschaft einer Klasse und der Bewahrung und Erweiterung dieser Klassenherrschaft auf Kosten des Proletariats diente. Folglich würde also mit siegreichem Ende des Klassenkampfes, mit dem Kapitalismus auch die Ideologie verschwinden, deren Ausdruck Nationalgefühl, Religion und parlamentarische Demokratie sind. “Nationale Unterschiede mochten bestehen bleiben, aber ebenso wie lokale und ethnische Eigenheiten würden sie nicht mehr ins Gewicht fallen gegenüber der Solidarität der Arbeiter der Welt (...)”[15]

Zu den Ursprüngen des europäischen Nationalismus als einer Geisteshaltung äußert Berlin sich folgendermaßen: Er unterscheidet “das Nationalgefühl als solches” und “dessen Erhebung zu einer bewußten Doktrin, die zugleich Produkt, Ausdrucksform und Synthese von Bewußtseinszuständen ist (...)”[16]. Nationalismus wäre nicht der bloße Stolz auf die Abstammung, sondern “erstens, die Überzeugung, daß man zu einer besonderen Gruppe von Menschen gehört und daß die Lebensform dieser Gruppe sich von der anderer Gruppen unterscheidet; daß der Charakter der Individuen, aus denen diese Gruppe besteht, von der Gruppe geprägt ist und nicht unabhängig von deren Charakter verstanden werden kann (...). Zweitens gehört zum Nationalismus die Überzeugung, daß die Lebensform einer Gesellschaft mit der eines biologischen Organismus vergleichbar ist; daß das, was dieser Organismus für seine eigentümliche Entwicklung braucht und was von den für seine Natur Empfänglichsten in Worten, Bildern oder anderen menschlichen Ausdrucksformen artikuliert wird, den Charakter allgemein verbindlicher Ziele hat; daß diese Ziele der höchsten Werte sind und im Falle des Konfliktes mit anderen - geistigen, religiösen, moralischen, persönlichen oder umfassend allgemeinen - Werten, die sich nicht aus den spezifischen Zwecken dieses bestimmten “Organismus” herleiten, den Vorrang haben sollen, da nur so der Niedergang und Zerfall der Nation abgewendet werden könne.”[17] Wenn aber die Gesellschaft als organisch angesehen wird, folgt ,“daß die wesentliche menschliche Einheit, in der die Natur des Menschen sich ganz entwickelt, nicht das Individuum ist oder ein freiwilliger Verband von Individuen, der willentlich aufgelöst, verändert oder verlassen werden kann, sondern die Nation.”[18] Also dienten die kleineren Einheiten (z.B. Familie, Stamm, Sippe, Provinz) nur der Schaffung und dem Erhalt der Nation. Dabei sei es gleichgültig, ob die Nation als Staat existiere oder nicht. Und “damit hängt, drittens, die Vorstellung zusammen, daß einer der zwingenden Gründe, wenn nicht der zwingendste Grund dafür, eine bestimmte Überzeugung zu haben, eine bestimmte Politik zu verfolgen, einem bestimmten Zweck zu dienen oder in einer bestimmten Weise zu leben, der ist, daß diese Ziele, Überzeugungen, Handlungs- und Lebensweisen unsere sind.” Genau daraus folgt schließlich: “Wenn sich die Befriedigung der Bedürfnisse des Organismus, zu dem ich gehöre, als unvereinbar mit der Erfüllung der Ziele anderer Gruppen erweist, dann habe ich oder hat die Gesellschaft, zu der ich unauflöslich gehöre, keine andere Wahl, als diese zu zwingen, das Feld zu räumen, wenn nötig, mit Gewalt.”[19]

Hier taucht bei Berlin erstmalig der Aspekt der Gewalt und des Aggressionspotentials auf, der unweigerlich immer mit “Nationalismus” in Zusammenhang gebracht wird, den wiederum der Autor auch als Folge von verletztem Nationalbewußtsein und dem Gefühl der Erniedrigung ansieht. Aber selbst dies biete keine hinreichende Erklärung. In jedem Fall müsse die Gesellschaft potentiell eine Gruppe enthalten, die unabhängig von früheren Machtstrukturen auf der Suche nach einem Fixpunkt für Loyalität und Selbstidentifikation ist und wenigstens eine Vorstellung von ihrer Gesellschaft als Nation haben, so wenig entwickelt dieses auch sein mag.[20]

Zum Ende seines Aufsatzes deutet Berlin kurz an, daß es nicht nur in Europa Nationalismus gab und gibt. Er stellt fest, “daß das Denken des neunzehnten und des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erstaunlich eurozentrisch war. (...) Dieser so gut wie allgegenwärtige Eurozentrismus vermag zumindest teilweise zu erklären, warum die ungeheure Explosion nicht nur des Antiimperialismus, sondern auch des Nationalismus auf diesen Kontinenten (d.h. Afrika, Asien - Anm. d. A.) nicht vorhergesehen wurde.”[21]

Für die Richtigkeit dieser Feststellung Berlins spricht bei genauer Betrachtung auch der Vortrag Renans “Was ist eine Nation?”, denn auch er bezieht sich in seiner Arbeit nur auf europäische Nationen.

[...]


[1] Ernest Renan, Was ist eine Nation?, 1882, in Michael Jeismann, Henning Ritter (Hg.), Grenzfälle, Über neuen und alten Nationalismus, Reclam Verlag Leipzig, 1993, S. 290.

[2] Ebd., S. 294.

[3] Ebd., S. 295.

[4] Ebd., S. 298.

[5] Renan, 1882, S. 298ff.

[6] Ebd., S. 300.

[7] Ebd., S. 303f.

[8] Ebd., S. 305.

[9] Ebd., S. 306.

[10] Ebd., S. 306.

[11] Ebd., S. 307.

[12] Renan, 1882, S. 308.

[13] Ebd., S. 310.

[14] Ebd., S. 302.

[15] Isaiah Berlin, Der Nationalismus, Seine frühere Vernachlässigung und gegenwärtige Macht, Frankfurt am Main, Hain, 1990, S. 46ff.

[16] Ebd., S 50.

[17] Ebd., S. 50f.

[18] Ebd., S. 51.

[19] Berlin, 1990, S. 51ff.

[20] Ebd., S. 58f.

[21] Ebd., S. 70f.

Zum afrikanischen Nationalismus s.a. Paulin J. Hountondji, Afrikanische Philosophie, Mythos und Realität, Dietz Verlag, Berlin, 1993.

Details

Seiten
26
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638142441
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6741
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Ethnologie
Note
Sehr gut
Schlagworte
Nationalismus Ethnizität Theorien Praxis Theoriekurs Politische Anthropologie

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Titel: Nationalismus und Ethnizität, Theorien und Praxis