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Gleich und trotzdem verschieden: Der dimensionale Kulturvergleich bei Geert Hofstede.

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 39 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Vorgehensweise

2. Kulturbegriff bei Hofstede
2.1 Kultur als Zwiebel
2.2 Kulturebenen

3. Die IBM-Studie

4. Kulturdimensionen nach Hofstede
4.1 Machtdistanz
4.2 Individualismus/Kollektivismus
4.3 Maskulinität/Femininität
4.4 Unsicherheitsvermeidung
4.5 Langzeit- vs. Kurzzeitorientierung

5. Kultur und Globalisierung

6. Lob und Kritik

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Trotz der enormen Vielfalt von Denkweisen [existiert] eine Struktur in dieser Vielfalt, die als eine Grundlage gegenseitigen Verstehens dienen kann.“ Mit diesem Satz aus der Einführung zu Geert Hofstedes Lokales Denken, Globales Handeln (2006) zeigt sich Hofstede’s Grundgedanke bei seiner Arbeit zum Vergleich von Kulturen. Für ihn gibt es Grundlagen, die seiner Meinung nach in allen von ihm verglichenen Kulturen vorhanden sind. Diese entfalten sich in dichotomen Dimensionen in Richtung des einen oder des anderes Pols. Mit diesen Aussagen hat Hofstede bereits 1980 großes Aufsehen erregt. Das damals erschienene Werk „Culture’s Consequences“ hat bis heute „eine Sonderposition, die es „unantastbar“ und dementsprechend gültig und anwendbar erscheinen [lässt]“ (Reimer, 2005, S. 6).

Jedoch hat das Werk nicht nur Unterstützung erfahren, sondern vor allem auch eine Reihe an Kritik von unterschiedlichster Seite. Zwar gesteht Hofstede weder bedeutende Fehler noch Schwächen seiner Forschung ein (vgl. McSweeney, 2002, S. 90), doch bleibt nicht zu übersehen, dass sich vor allem die kritischen Stimmen häufen (vgl. Reimer, 2005, S. 6).

1.1 Zielsetzung

Ziel dieser Arbeit ist es, der Frage nachzugehen, inwieweit die

Kulturdimensionen Hofstedes valide sind und ob sein Modell für einen Vergleich von Kulturen (heutzutage) geeignet ist. Zudem interessiert, ob das Modell Anwendbarkeitscharakter besitzt.

Es ist somit zu klären, inwiefern die Sonderposition des Modells, die vor allem durch Geert Hofstede immer wieder unterstrichen wird, gerechtfertigt ist. Sind sein Ansatz und seine Erhebungsmethode geeignet, oder ergeben sich Zweifel, die dazu führen, dass das Modell in seiner jetzigen Form überarbeitet oder sogar verworfen werden muss? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit durch Aufzeigen des aktuellen Forschungsstands nachgegangen werden.

1.2 Vorgehensweise

Zu Beginn dieser Arbeit soll das Kulturverständnis Geert Hofstedes beleuchtet werden. Es gilt festzustellen, auf welcher Grundlage er einen Vergleich verschiedener Kulturen für möglich hält. Auch wenn, dem Umfang geschuldet, auf einen Vergleich konkurrierender Kulturtheorien verzichtet wird, soll bereits hier die bisher geäußerte Kritik an Hofstedes Kulturverständnis aufgezeigt werden.

In Kapitel 3 wird ein Einblick in die IBM-Studie gegeben, die als Datengrundlage für die von Hofstede postulierten Dimensionen dient.

Darauf folgend sollen die vier gefundenen Dimensionen umfassend erläutert und mit Beispielen verdeutlicht werden. Zudem wird die später hinzugekommene fünfte Dimension dargelegt, die auf Grund ihrer gesonderten Erhebungsmethode nicht ohne entsprechende Erläuterung eingegliedert werden soll.

Die Argumente und Einteilungen in Kapitel 2 bis 4 werden aus der Sicht von Geert Hofstede dargelegt - daher sollen insbesondere seine Ausführen herangezogen werden. Im darauf folgenden Kapitel wird dem Aspekt der Globalisierung Rechnung getragen. In diesem Zusammenhang wird die Aktualität des Modells und die Auffassung von Kultur erneut aufgenommen. Das 6. Kapitel beschäftigt sich mit der umfangreichen Kritik am Modell. Vor allem die verwendete Methode, die Plausibilität der Dimensionen, der Anwendbarkeitscharakter aber auch die gesamte Herangehensweise werden hinterfragt. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass die Studie bis heute viel Lob und Unterstützung erfahren hat. Auch dieser Aspekt soll erläutert werden. Kapitel 7 soll schließlich einen zusammenfassenden Überblick geben und die Arbeit mit einem möglichst objektiven Fazit abschließen.

2. Kulturbegriff bei Hofstede

Wie bereits erwähnt geht es an dieser Stelle nicht darum, das Kulturkonzept von Hofstede mit anderen Kulturtheorien zu kontrastieren. Sinn ist es vielmehr die konzeptionelle Grundlage, bzw. das Verständnis von Kultur, welche Hofstedes Forschung bestimmen, darzustellen, um so seine weitere Vorgehensweise einzuordnen.

Hofstede (1993, S. 19) sieht zwei mögliche Auffassungen von Kultur:

Unter „Kultur Eins“ versteht er Kultur im engeren Sinne. Hierunter fällt die Verfeinerung des Geistes durch Bildung, Kunst und Literatur. „Kultur Zwei“ hingegen ist für Hofstede die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet. Die zweite Konzeption ist für ihn die Relevante. Kultur ist für ihn, in Analogie zur Computertechnik, die mentale Software eines Menschen. Diese drückt sich in Denk-, Fühl- und Handlungsmustern der Individuen aus. Grundlage der mentalen Software ist die „menschliche Natur“ - die genetische Basis. Sie ist allen Menschen gemeinsam. Doch bildet der Mensch eine Persönlichkeit aus, die ihn als einzigartiges Individuum erscheinen lässt. So bildet sich aus der genetischen Grundlage, den Erfahrungen und dem sozialen Umfeld eine individuelle Software. Hofstede (2001, S. 10) vemerkt „Kultur ist für die Gesellschaft, was die Persönlichkeit für ein Individuum ist“. Die Kultur ist somit eine kollektive Programmierung, die zusammen mit der persönlichen Erfahrung das Erlernte gestaltet. Der Großteil, bzw. der immanente Teil dieser persönlichen Erfahrung wird nach Hofstede in der Kindheit gemacht. Menschliche Natur ist - seiner Auffassung nach - ein mit Genen vererbtes „Betriebssystem“, das physische und psychische Grundzüge festlegt. Was man allerdings z.B. mit den Gefühlen macht, ist durch die Software beeinflusst. Sie gibt an welche Reaktionen angesichts einer persönlichen Vergangenheit wahrscheinlich und verständlich sind (Hofstede, 2006, S. 3). Die mentale Software ist eine Tendenz auf bestimmte Situationen mit einer bestimmten Reaktion zu „antworten“.

2.1 Kultur als Zwiebel

Nach Hofstede setzt sich Kultur sowohl aus sichtbaren wie auch aus unsichtbaren Elementen zusammen. In diesen Bereichen manifestieren sich die Kultur und de facto auch kulturelle Unterschiede. Visualisieren lässt sich dies mit der Kulturzwiebel, die Hofstede entsprechend seiner Ansichten modifiziert (siehe Abbildung 1).

Die (sichtbaren) Praktiken bilden die drei äußeren Schichten der Zwiebel. Sie sind kulturexternen Personen zwar augenscheinlich zugänglich, doch ihre Bedeutung erschließt sich nur durch die Interpretationsweise der Kulturinsider. Den inneren, unsichtbaren Kern der Zwiebel bilden die Werte, die in ihren Ursprüngen, den Grundwerten, bereits in der Kindheit angeeignet werden. Von außen nach innen sind die Ebenen, für Nicht-Angehörige der Kultur, immer weniger sichtbar.

Abbildung 1: Zwiebeldiagramm zur Manifestation von Kultur auf verschiedenen Tiefenebenen (nach Hofstede, 2006, S. 8)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Praktiken unterteilt Hofstede in Symbole, Helden und Rituale. Symbole sind unter anderem Worte, Gesten und Bilder, die eine bestimmte Bedeutung haben, die von demjenigen, der der gleichen Kultur angehört, als solche erkannt werden. Die Symbole liegen in der äußersten Schicht, da sie oft von anderen kulturellen Gruppen nachgeahmt werden (Hofstede, 2006, S. 8). Helden sind Personen, unabhängig von ihrer Existenz, die Eigenschaften besitzen, die in einer bestimmten Kultur hoch angesehen sind. Sie dienen als Verhaltensvorbilder. Die tiefste Schicht der Praktiken bilden die Rituale. Es sind kollektive Tätigkeiten, die für das Erreichen der angestrebten Ziele eigentlich überflüssig sind, innerhalb einer Kultur aber als sozial notwendig gelten. Sie werden um ihrer selbst willen ausgeübt und beinhalten z.B. Formen des Grüßens sowie soziale und religiöse Zeremonien.

Die innerste Schicht der Zwiebel, die Werte, ist für Hofstede der Kern einer Kultur. Sie stellen die allgemeine Neigung, bestimmte Umstände anderen vorzuziehen, dar. Die Analyse ihrer bildet seiner Meinung nach die Basis für kulturelle Verhaltens- und Denkmuster. Werte sind nicht bewusst; sie äußern sich mehr als ein „Fühlen“ oder „Wissen“ der Insider. Sie sind daher auch für Außenstehende nicht direkt wahrnehmbar, und man „kann lediglich aus der Art und Weise, wie Menschen unter verschiedenen Umständen handeln, auf sie schließen“ (Hofstede, 2006, S. 12). Bei der Interpretation der gemessenen Werte (der gestellten Fragen) ist es wichtig, zwischen dem Wünschenswerten und dem Erwünschten zu unterscheiden. Das Wünschenswerte bezieht sich auf die Ideologie, das Erwünschte auf die Praxis. Der Unterschied muss beachtet werden.

Während die Praktiken stark dem Kulturwandel unterworfen sind, vollzieht sich jener im Bereich der Werte nur sehr langsam. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen/Praktiken, wie z.B. durch neue Technologien, ändern, bleiben die Grundwerte beständig. Das soziale Spiel bleibt weitestgehend gleich, nur die Spielzeuge, mit denen wir es spielen, verändern sich (Hofstede, 2006, S. 15f.).

2.2 Kulturebenen

Die mentale Programmierung vollzieht sich nicht nur auf einer Schicht. Jeder Mensch gehört gleichzeitig einer Vielzahl von unterschiedlichen Gruppen oder Kategorien an, die Hofstede (2006, S. 12f.) in folgende Ebenen einteilt:

- Eine nationale Ebene: entsprechend dem Land oder der Länder, in denen man aufgewachsen ist
- Eine Ebene regionaler und/oder ethnischer und/oder religiöser und/oder sprachlicher Zugehörigkeit auf Grund regionaler Unterschiede innerhalb eines Landes.
- Eine Ebene des Geschlechts
- Eine Ebene der Generation
- Eine Ebene der sozialen Klasse in Verbindung mit Bildungsmöglichkeiten, sowie mit der Arbeit und dem Beruf einer Person.
- Eine Ebene der Organisation mit der entsprechenden Sozialisierung der Beschäftigten

Diese Ebenen stehen nicht unmittelbar miteinander im Einklang. Häufig können sie wie im Beispiel von Religion und Generation sogar im Gegensatz zueinander stehen.

Die Untersuchung kultureller Unterschiede nach Staatsangehörigkeit scheint für Hofstede (2006, S. 23) häufig das einzig brauchbare Kriterium für eine Klassifizierung zu sein. Dies ergibt sich für ihn aus einer Zweckmäßigkeit, da es bedeutend einfacher sei, Daten für Staaten zu erhalten, als für organische, homogene Gesellschaften. Diese werden häufig durch Regierungen und Organisationen zur Verfügung gestellt. Hofstede merkt aber an, dass Ergebnisse nach Möglichkeit auch nach Region sowie ethnischer oder sprachlicher Gruppe unterschieden werden sollten.

3. Die IBM-Studie

Die Datengrundlage für Hofstede’s Untersuchung der nationalen Kulturunterschiede bietet eine vom IBM Konzern durchgeführte Erhebung - in zwei Runden zwischen 1967 und 1970 sowie zwischen 1971 und 1973. Die Stichprobe hatte in beiden Runden einen Umfang von circa 60,000 Befragten aus 72 nationalen Tochtergesellschaften des IBM Konzerns. Sie umfasste 38 Berufe und 20 Sprachen. Insgesamt wurden mehr als 116.000 Fragebögen mit über 100 einheitlichen Antworten eingesetzt. Die Fragen befassten sich mit persönlichen Werten der Beschäftigten in Bezug auf ihre Arbeitssituation. Die Hauptversion des Fragebogens wurde auf Englisch formuliert und folgend durch zweisprachige Mitarbeiter des Konzerns in die jeweiligen Muttersprachen übersetzt. Da der Fragebogen nicht als wissenschaftliches Instrument, sondern als praktisches Managementwerkzeug konzipiert wurde, war eine Überprüfung durch Rückübersetzung der Ausnahmefall. Die Befragten wurden durch interne Publicity Kampagnen über die anstehende Befragung informiert (Hofstede 1980, S. 63).

Die Stichprobe ist nicht repräsentativ für die jeweilige Nation. Dies braucht sie nach Hostede (1980, S. 37f.) auch nicht zu sein, da sie nur funktionell äquivalent sein muss. Weitaus wichtiger ist die Homogenität der Stichprobe mit einer einzigen Ausnahme: der Nationalität. So führt Hofstede die Antwortunterschiede allein auf die Staatsangehörigkeit zurück. Hofstede gelangt somit zu dem Schluss, dass es gemeinsame Probleme gäbe, die aber von Land zu Land auf unterschiedliche Lösungen treffen.

Die erste Auswertung der Fragebögen erfolgte nur für 40 Tochtergesellschaften des IBM Konzerns, da Hofstede aus Gründen der Repräsentativität keine Stichproben, die aus weniger als 50 Personen bestanden, verwenden wollte. Die Ergebnisse der IBM Studie - die im Anschluss daraus gebildeten Dimensionen werden in Punkt 4 ausführlich beschrieben - brachten nach statistischer Auswertung folgende gemeinsame Probleme zu Tage, die je nach Land verschieden gelöst werden (Hofstede, 2006, S. 29):

- Soziale Ungleichheit einschließlich des Verhältnisses zur Autorität
- Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft
- Vorstellungen von Maskulinität und Femininität: soziale und emotionale Auswirkungen, als Junge oder als Mädchen geboren worden zu sein
- Art und Weise mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit umzugehen, die sich als Bezugspunkt für Kontrolle von Emotionen ergaben

Sie decken sich zum Großteil mit den Ergebnissen einer Studie, die von

Inkeles & Levinson bereits 1954 durchgeführt wurde. Diese entdecken drei Punkte als Grundproblem aller Gesellschaften (Hofstede, 2001, S. 31):

- Relation to authority
- Conception of self, including the individual’s concept of masculinity and feminity
- Primary dilemmas or conflicts and ways of dealing with them, including the control og aggression and the expression versus inhibition of affects.

Durch die Übereinstimmung mit den bereits bestehenden Ergebnissen und verschiedener, teils selbst durchgeführter Wiederholungsstudien in der Schweiz glaubt Hofstede (vgl. 2006, S. 32) die Gültigkeit seiner Ergebnisse über die IBM Ebene hinaus als bestätigt.

4. Kulturdimensionen nach Hofstede

Mit Hilfe der Faktorenanalyse wurden die in der IBM Erhebung gestellten Fragen in Klumpen eingeteilt, die für mittlere Punktwerte oder Prozentzahlen gemeinsam variierten. Wenn so z.B. ein Land bei einer Frage des Klumpens einen hohen Punktwert erreichte, konnte davon ausgegangen werden, dass auch bei anderen Fragen des Klumpens ein hoher Wert erzielt wird. Die Kultur eines Landes ist dabei jedoch weder eine Kombination der Eigenschaften eines „Durchschnittbürgers“ noch eine „Modalpersönlichkeit“. Sie ist vielmehr als eine Reihe wahrscheinlicher Reaktionsmuster von Bürgern mit gleicher mentaler Programmierung anzusehen. Um eindeutig einer Dimension zugeordnet zu werden, müssen die Reaktionsmuster statistisch häufiger in einer Gesellschaft auftreten.

Eine Dimension ist dabei ein „Aspekt einer Kultur, der sich im Verhältnis zu anderen Kulturen messen läßt“ (Hofstede, 1993, S. 29). Oder genauer noch formuliert: „Eine Dimension vereinigt eine Reihe von Phänomenen in einer Gesellschaft, die empirischen Untersuchungen zufolge in Kombination auftreten, auch wenn auf den ersten Blick nicht immer eine logische Notwendigkeit für ihre Verknüpfung zu bestehen scheint.“ (ebda.) Die Einteilung in Dimensionen begründet Hofstede mit der eindeutigeren Bewertung, z.B. gegenüber Typologien. Auf der Basis von Punktwerten für die Dimensionen lassen sich Fälle empirisch in Ländergruppen mit ähnlichen Punktzahlen einteilen. Die Pole der Dimensionen sind jeweils zwei Extreme. Die Länder liegen zwischen den Beiden, meist mit einer Neigung in eine bestimmte Richtung.

Hofstede beschreibt vier Dimensionen von Kultur, die später abgeleitet von einer im asiatischen Raum durchgeführten Studie um eine erweitert werden und somit seine bis heute gängigen fünf Dimensionen zum Vergleich nationaler Kulturen darstellen. Alle der ermittelten Dimensionen sind voneinander abhängig, da sie, wie bereits angesprochen, auf denselben Grundproblemen der Kulturen basieren. Zur Analyse der Dimensionsausprägungen zieht Hofstede verschiedene externe Variablen heran: sowohl wirtschaftliche, geographische als auch demographische Merkmale. Er berücksichtigt unter anderem auch den sozioökonomischen Status der Befragten.

4.1 Machtdistanz (MDI)

Diese Dimension beschreibt die Tatsache wie mit dem Gegebenheit umgegangen wird, dass die Menschen ungleich sind. In Bezug auf die Gesellschaft bedeutet dies: „das Ausmaß, bis zu welchem die weniger mächtigen Mitglieder von Institutionen bzw. Organisationen eines Landes erwarten und akzeptieren, dass Macht ungleich verteilt ist“ (Hofstede, 2006, S. 59). Auf die beruflichen Beziehungen bezogen meint er, dass „Machtdistanz die emotionale Distanz [ausdrückt], die zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten herrscht“ (Hofstede, 2006, S. 53). Die Beschreibung von Machtdistanz liegt somit dem Wertesystem der weniger Mächtigen zugrunde. Die Art und Weise wie Macht verteilt ist, erklärt sich also aus Sicht derer, die geführt werden. Hofstede (2006, S. 55) verwendet folgende Fragen, um den Machtdistanzindex (MDI) zu ermitteln:

- Antworten von nicht leitenden Angestellten auf die Frage (keine Manager): „Wie häufig taucht ihrer Erfahrung nach folgendes Problem auf: Die Mitarbeiter haben Angst, dass sie nicht meiner Meinung sind?“
- Wahrnehmung des Mitarbeiters, wie der Vorgesetzte seine
Entscheidungen trifft. So sollte geklärt werden, wie die Befragten ihr tägliches Arbeitsumfeld sehen.
- Bevorzugung des Stiles, wie der Vorgesetzte aus der Sicht des Mitarbeiters Entscheidungen fällen sollte, also wie sich die Befragten ihr Arbeitsumfeld wünschen.

Die jeweiligen Antworten werden auf einer aus fünf Punktwerten bestehenden Skala dargestellt - entweder durch den berechneten Mittelwert oder prozentuale Anteile von Personen, die bestimmte Antworten gewählt haben. Aus den jeweiligen Werten wird durch Subtraktion oder Addition von Fragepunktwerten der Machtdistanzindex für ein Land berechnet. Die Punktwerte sind jedoch relative und keine absoluten Positionen. Sie geben an, in wieweit die Länder im Vergleich voneinander abweichen. Dass Länder nur einen einzigen Punktwert aufweisen, deutet nicht darauf hin, dass kulturelle Homogenität besteht, sondern nur, dass die zur Verfügung stehenden Daten eine Aufteilung in verschiedene Subkulturen nicht ohne Weiteres zulassen (Hofstede, 2006, S. 57). Die Punktwerte gelten also als Maß für die Unterschiede zwischen nationalen Kulturen und nicht für Kulturen im absoluten Sinn.

Die meisten asiatischen Länder, die osteuropäischen Länder, die lateinischen Länder, die arabisch sprechenden und die afrikanischen Länder weisen hohe Machtdistanzwerte auf.1 Im Vergleich dazu niedrige Machdistanz werden für die deutschsprachigen Länder ermittelt, zudem für Israel, die nordischen Länder, die USA, Großbritannien und die Niederlande (mit Ausnahme von Flandern). In Bezug auf das Arbeitsverhältnis ergibt sich, dass in Ländern in denen Arbeitnehmer selbstbewusst sind, und Vorgesetzte weder autokratisch noch patriarchalisch agieren, ein konsultativer Stil der Entscheidungsfindung bevorzugt wird; die Mitarbeiter werden vom Vorgesetzten zu Rate gezogen. Wo Arbeitnehmer nur ungern Vorgesetzten widersprechen und autokrativer / patriarchalischer Führungsstil bevorzugt wird, sind die Untergebenen weniger gewillt, einen konsultativen Führungsstil bei ihrem Vorgesetzten zu akzeptieren. An dieser Stelle sei bemerkt, dass der MDI, auf Grund der Stichprobenwahl, nur etwas über Leute aus der Mittelschicht aussagt. Hofstede (2006, S. 63) sieht hier jedoch kein Problem, da seiner Meinung nach die Werte der Mittelschicht größere Auswirkung auf die Institutionen eines Landes haben als die Werte der Unterschicht. Dies sei so, da diejenigen, die den Institutionen vorstehen meist auch aus der Mittelschicht stammen.

[...]


1 Für einen vollständigen Überblick der einzelnen Punktwerte und Positionen siehe Tab. 2.1 bei Hofstede, 2006, S. 56.

Details

Seiten
39
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638603201
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67246
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Gleich Kulturvergleich Geert Hofstede Neue Ansätze Kommunikation

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