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Hemineglect - Die Hälfte der Welt weglassen

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.0 Einführung

2.0 Hemineglect Grundlagen
2.1 Begriffsklärung
2.2 Verschiedene Arten des Neglectes
2.2.1 Visueller Neglect
2.2.2 Akustischer Neglect
2.2.3 Olfaktorischer Neglect
2.2.4 Somatosensibler und taktiler Neglect

3.0 Die Bedeutung der Awareness für die Therapie

4.0 Therapieformen und ihre Wirksamkeit
4.1 Kalorisch-vestibuläre Stimulation
4.2 Optokinetische Stimulation
4.3 Nackenmuskel-Vibration
4.4 Prismen

5.0 Fazit

Literaturverzeichnis

1.0 Einführung

Stellen Sie sich vor, sie setzen jemandem einen Teller Pasta vor – und dieser Jemand isst diesen Teller exakt von rechts bis zur Mitte hin leer, beachtet jedoch den linken Tellerbereich und die darauf befindlichen Nudeln nicht - für Ihn ist der Teller leer.

Oder stellen Sie sich vor, ein Mann rasiert nur sein halbes Gesicht, ohne sich bewusst zu sein, dass er nur halbrasiert ist – für ihn sieht sein Gesicht glattrasiert aus – und fühlt sich auch so an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stellen Sie sich eine Person vor, die in Ihrer Wohnung grundsätzlich nur rechts herum unterwegs ist – sprich nicht direkt von der Küchentür links herum ins Bad geht, sondern erst den Weg über Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, schließlich vorbei an der Haustür zum Badezimmer geht – und dies für den einzig möglichen Weg erachtet.

In die gleiche Sparte gehört das Resultat der Abbildung hier links (Forschung Frankfurt 04/2005 Seite 40) , in welcher der Proband angewiesen wurde, ein Haus zu zeichnen.

Das alles mag Ihnen ebenso abwegig erscheinen wie die Vorstellung einer Person, die in die Hände klatschen soll, hierauf nur den rechten Arm schwungvoll bis zur Körpermitte bewegt, den linken Arm hierbei hängen lässt und dann die Frage stellt, ob es laut genug sei.

Ein kleiner Anteil Schlaganfallpatienten weist diese oder ähnliche Symptome und ihre Varianten durchaus auf, die in ihrer Summe übergreifend als halbseitiges Wahrnehmungsdefizit bezeichnet werden und für den Patienten nachvollziehbar eine erhebliche Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung darstellen.

Wie jedoch kommt es zu dieser Störung? In welcher Art stellt sie sich dar bzw. lebt sie sich aus? Und, weit wichtiger, wie kann Ihr entgegengewirkt werden, um einem Patienten ein besseres Zurechtkommen im Alltag zu ermöglichen?

2.0 Hemineglect Grundlagen

Der Begriff der halbseitigen Wahrnehmungsstörung ist ein Oberbegriff für verschiedene Arten kognitiver Defizite, die sowohl per se einzeln oder auch kumulativ auftreten können.

2.1 Begriffsklärung

Der Begriff „Hemineglect“ entstammt dem Wort „hemi“ [griechisch für „halb“] und dem lateinischen Verb „neglegere“ [außer Acht lassen, überhören, nicht beachten] – und erschließt so bereits die Symptome, die bei Hemineglectpatienten beobachtet bzw. diagnostiziert werden können – eine halbseitige Wahrnehmungsstörung. Festzuhalten ist, dass in Fällen des Neglects keinerlei Beeinträchtigung der zur Wahrnehmung vorhandenen Organe vorliegt, sondern sich der Neglect rein als cerebrales Defizit darstellt. Im klinischen Bereich hat sich der Begriff Neglect eingebürgert, da es jedoch nur um eine vernachlässigte Raumhälfte geht, ist der Begriff Hemineglect der eigentlich zutreffendere, im Folgenden wird jedoch die Kurzform Verwendung finden. Um also einen Neglect zu diagnostizieren, muss die einwandfreie Funktion der Wahrnehmungsorgane vorher untersucht werden. Bei einem reinen Neglect liegen Läsionen im Hirn vor, die eine Reizverarbeitung der durch die beteiligten Organe, sei es Auge, Ohr, Nase oder Haut, behindern bzw. unmöglich werden lassen. Liegt die Läsion, wie meist diagnostiziert, im rechten Bereich des Hirns, so konzentriert sich die Aufmerksamkeit des Patienten auf die ipsiläsionale Seite, die kontraläsionale, linke Seite „fehlt“ in der Wahrnehmung und führt zu Folgefehlverhalten. Der Hemineglect tritt wesentlich häufiger bei Rechtshirnschädigungen auf, was daran liegen mag, dass für die linke Raum- wie auch Körperhälfte ein beidseitiger Wahrnehmungsanteil besteht – die rechte Seite bzw. die Wahrnehmung für diese, wiese also nur im Falle einer beidseitigen Läsion des Hirns Defizite auf. Das für die linke Seite zuständige Wahrnehmungssystem liegt parietal rechts – hier reicht also eine einseitige Schädigung um das „Links“ zum Neglectbereich werden zu lassen.

2.2 Verschiedene Arten des Neglectes

Auch wenn das Phänomen des Neglectes an sich rein kognitiver Natur ist und seine Ursachen bzw. seine Quelle das läsionale Areal im Hirn ist, unterscheidet man verschiedene Arten des Neglects in Kategorien, die den jeweils für die Reizaufnahme zuständigen Organen nach bezeichnet wurden – einige Beispiele für die verschiedenen Arten seien exemplarisch an dieser Stelle ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufgeführt:

2.2.1 Visueller Neglect

In Fällen eines visuellen Neglectes suchen Patienten mittels Kopfbewegungen, Augenbewegungen Objekte im Bereich ihres Gesichtsfeldes der intakten, also der ipsiläsionalen Seite. Ihre Geradeausrichtung ist demnach subjektiv ebenso zur ipsiläsionalen Seite hin verlagert und führt dazu, dass die VPn Objekte zu weit rechts halbieren kann. Ebenso werden bei dieser Form des Neglects Dinge in der kontraläsionalen Seite übersehen wie demzufolge auch zu spät auf Personen oder Hindernisse reagiert. Der Überblick ist entscheidend gemindert, die Suche nach Gegenständen und Personen beginnt „spontan fast immer auf der ipsiläsionalen Seite“ (Kerkhoff, S.2). Immer wieder werden die gleichen Bereiche des Gesichtsfeldes durchsucht, nur unter Anstrengung gelingt es den VPn ihren Blick in die kontraläsionale Hälfte zu fokussieren. Patienten in der Akutphase des visuellen Neglects können sogar im Ruhezustand eine verschobene Augenposition aufweisen, sprich die Iris befindet sich nicht mittig im für andere sichtbaren Bereich des Auges in der Augenhöhle, sondern ist ipsiläsional verschoben.

Auffällig ist, dass Patienten mit diagnostiziertem Hemineglect schwer fällt, sich Reizen zu entziehen, die sich Ihnen in der ipsiläsionalen Hälfte darbieten – diese dominieren derart, dass sie den weniger bzw. nicht wahrgenommenen Bereich auch zusätzlich unbedeutend werden lassen. Schwerwiegende Auswirkungen kann dies vor allem beim Wahrnehmen von Schildern, Hinweisen oder sogar Verkehrszeichen haben (vgl. Kerkhoff S. 46 „Fahrtauglichkeit bei Neglect“). Auch beim Lesen von langen Worten oder Zahlen zeigt sich hier die Einschränkung der Alltagsproblemlösefähigkeit des Patienten. So wird aus 1700 € monatlichem Einkommen 170 € Monatslohn oder aus der Maulkorbpflicht eine Korbpflicht. Fehlt hier die „semantische Plausibilitätskontrolle“ (Kerkhoff, S.4), sprich hat die Person kein Bewusstsein dafür, dass es keinen Sinn macht, dass Hunde einen Korb tragen, dann entsteht ein Problem. Ein Beispiel dafür, wie sich Lesen mit visuellem Neglect darstellen kann zeigt die folgende Abbildung, bei der die rot eingefärbten Textpassagen durch den Probanden nicht vorgelesen wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Kerkhoff 2004)

Im Rahmen klinischer Tests zur Diagnose visuellen Neglects finden sich bei Probanden dann auch solche Abzeichen-Ergebnisse wie in der folgenden Abbildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.2 Akustischer Neglect

Da der Neglect ein Phänomen ist, welches sich, wie benannt, auf alle Sinne ausdehnen kann, findet sich ebenso im Bereich der Wahrnehmung von akustischen Eindrücken, also Geräuschen, eine Patientengruppe, die diesen Neglect isoliert diagnostizieren ließ – allerdings tritt der akustische Neglect wie alle anderen Formen durchaus auch in Kombinationen auf. Bei einem Hirngesunden ruft ein Schallereignis grundsätzlich eine „Orientierungsreaktion der Augen, des Kopfes und des Oberkörpers“ (Kerkhoff S.4) zu dessen Quelle hin hervor. Ein Neglectpatient weist eben diese Reaktion entweder gar nicht auf oder wendet sich, auch wenn die Schallquelle in der kontraläsionalen Raumhälfte positioniert ist, eben der falschen, der ipsiläsionalen zu. Dieses Fehlverhalten trifft ebenso auf mobile Schallquellen zu, beispielsweise ein von rechts nach links vorbeifahrendes Auto, also ein Geräusch, dessen Quelle sich im Raum bewegt. Bei mehreren Personen, beispielsweise einer Gruppendiskussion, kann es dem Neglectpatienten auch sehr schwer fallen, den einzelnen Sprechenden herauszufinden bzw. sich diesem zuzuwenden. Die Probleme für den Alltag werden bereits ersichtlich: Nicht nur, dass eventuelle Gefahrenquellen falsch oder gar nicht wahrgenommen werden könnten, auch die Widrigkeiten für das soziale Miteinander spielen eine große Rolle für den Patienten.

2.2.3 Olfaktorischer Neglect

Von einem olfaktorischen Neglect wird gesprochen, wenn eine Person trotz vollständig intakter Riechorgane und einem ebenso funktionalem primären Riechvermögen, also der Fähigkeit, Düfte an sich wahrzunehmen und richtig zuzuordnen, nicht in der Lage ist, Düfte in einem Halbraum richtig wahrzunehmen. Sind die meisten Duftaromen, die wir Menschen wahrnehmen, verteilt und damit nicht direktional wahrnehmbar {kalter Rauch in einer Bar am frühen Morgen}, so zeigt sich bei Neglectpatienten doch, dass Gerüche, die am kontraläsionalen Nasenloch dargeboten werden, vernachlässigt wurden.

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Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638601924
ISBN (Buch)
9783656363316
Dateigröße
7.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67214
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – IfCog
Note
1,0
Schlagworte
Hemineglect Hälfte Welt Wahrnehmen Handeln

Autor

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Titel: Hemineglect - Die Hälfte der Welt weglassen