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Das Konzept der Interaktionsmedien bei Talcott Parsons und Jürgen Habermas

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 20 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die sozialen Interaktionsmedien bei Talcott Parsons
1.1. Die Integration des Medienkonzepts in Parsons’ Theorie der Sozialsysteme
1.2. Das Medienkonzept bei Talcott Parsons
1.2.1. Was sind Medien?
1.2.2. Eigenschaften der Medien
1.2.3. Die Funktion der Medien
1.2.4. Medien als Steuerungsmechanismen
1.2.5. Medien als Selektionen
Das Medium Geld
Das Medium Macht
Das Medium Einfluss
Das Medium Wertbindung
1.2.6. Die Beziehungen zwischen Medien

2. Das Medienkonzept in der Theorie von Jürgen Habermas
2.1. Hauptbegriffe in der Theorie von Jürgen Habermas
2.2. Die Medientheorie zwischen System und Lebenswelt

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich die Theorie der Interaktionsmedien genauer betrachten. Ausgangpunkt ist hierbei das Entstehen des Medienkonzeptes bei Talcott Parsons in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dabei versuche ich die Stellung des Konzeptes in Parsons’ Theorie der Sozialsysteme genauer zu erläutern. Anschließend widme ich mich der detaillierten Betrachtung der Medien. Was sind ihre Eigenschaften, wie funktionieren sie? Welche Medien gibt es und wie sind sie charakterisiert?

In einem nächsten Abschnitt zeige ich die Gründe auf, die Jürgen Habermas dazu veranlassten, sich mit dem Medienkonzept auseinander zusetzen und es schließlich in seine Gesellschaftstheorie zu integrieren. Ausgangspunkt kann dabei natürlich nur ein Exkurs in die Habermasche Theorie sein. Abschließend sind einige Punkte zum – von Habermas modifizierten – Konzept der Interaktionsmedien genannt.

1. Die sozialen Interaktionsmedien bei Talcott Parsons

1.1. Die Integration des Medienkonzepts in Parsons’ Theorie der Sozialsysteme

Seinen Anfangspunkt findet das Medienkonzept in den 60er Jahren des 20. Jahrhundert bei Talcott Parsons (1902-1979). Die zentrale Stellung nimmt bei ihm die Theorie der Sozialsysteme ein. Dennoch befasst er sich, neben der Systemtheorie, auch mit der Handlungstheorie. Die Theorie der Interaktionsmedien dient ihm dabei als Verbindungsstück der beiden Theorie miteinander, als analytische Brücke sozusagen. Die Evolution der Gesellschaft sieht Parsons in zwei fundamentalen Aspekten verankert: zum einen in der Differenzierung als dem eigentlichen Prinzip der Evolution und zum anderen in der integrativen Verflechtung der entstandenen Subsysteme.

Unter dem Begriff Differenzierung versteht Parsons die Bildung von Systemen und Subsystemen. In engem Zusammenhang steht hier der Begriff des AGIL-Schema. Parsons bezeichnet das Gesamtgeflecht der Bedingungen, die den Menschen umgeben als die CONDITIO HUMANA. Sie teilt er in vier Systeme ein. Jedes System erfüllt hierbei eine Funktion. Es ist das Physiko-chemische System, das Menschlich-organische System, das Handlungssystem und das Telische System. Der Begriff AGIL leitet sich ab, aus: 1. Adaption, also der Anpassung des Organismus an die biologischen, chemischen und physikalischen Gegebenheiten des Lebensraumes. 2. Goal Attainment als “Zielerreichung”. 3. Integration in die Gesellschaft, verstanden als soziale Integration und funktionale Integration, im Sinne der Sicherung des Zusammenhalts eines Systems und schließlich 4. Pattern Maintenance bzw. Latency: der Strukturerhalt durch kulturelle Reproduktion und Sozialisation. Nach Parsons differenzieren sich diese vier Systeme in weitere Subsysteme aus. Dabei folgt er der schematischen Vier-Teilung mit den entsprechenden Funktionen. Besonderes Augenmerk legt Parsons auf das Handlungssystem. Durch das Konzept des Handlungssystems verschwinden die Aktoren als handelnde Subjekte, gleichzeitig wendet er sich damit von der Handlungstheorie ab und der Systemtheorie zu. Das Handlungssystem also unterteilt er in: Verhaltenssystem (Adaption), Persönlichkeitssystem (Goal Attainment), Soziales System (Integration) und Kulturelles System (Latency). Von hier weitergehend teilt er das Soziale System in: Ökonomisches System (Adaption), Politisches System (Goal Attainment), Gemeinschaftssystem (Integration) und Sozial-Kulturelles System (Latency). Soweit zum Begriff der Ausdifferenzierung bei Talcott Parsons.

Wie bereits erwähnt, spielt nun der zweite Aspekt der Evolution der Gesellschaft eine fundamentale Rolle: Die Re-Integration der differenzierten Systeme. Dies geschieht bei Parsons mittels des Konzepts der Interaktionsmedien. Die Notwendigkeit dieser Medien macht Schneider an folgendem Beispiel deutlich: In modernen Gesellschaften liefern Menschen ihre Arbeitskraft und erhalten im Gegenzug ihren Lohn. Diesen Lohn tauschen sie gegen Ware z.B. Nahrung und Gebrauchsgegenstände. Ohne Geld wäre Lohn in Form von Zahlungsmitteln zum Weitertauschen nicht möglich. Es müsste also Arbeitskraft gegen einen Gebrauchswert getauscht werden. Beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – wären somit stark in ihrem Spielraum eingeschränkt. Die Unternehmen müssten vorrangig das produzieren, was die Arbeitnehmer zum Leben und zur Bedürfnisbefriedigung benötigen. Damit wären alle Unternehmen auch gezwungen, die gleichen Produkte zu liefern. Das Resultat: weder innerhalb eines, noch innerhalb aller Unternehmen könnte es zu einer Ausdifferenzierung der Warenpalette kommen, noch zu einer funktionalen Ausdifferenzierung der Ökonomie allgemein. Mit Hilfe von Geld wird es aber möglich, zwei voneinander unabhängige Tauschprozesse, nämlich Arbeitsleistung gegen Lohn und Lohn gegen Konsumgüter und Dienstleistungen, zu vollziehen (Schneider 2002).

Ein weiterer Aspekt findet sich bei Jensen: Das Medium Geld ist in modernen Gesellschaften besonders bedeutend geworden. Der Slogan „Biete Geld, suche Ware“ ist hierfür beispielhaft. In modernen Gesellschaften ist es gar nicht mehr möglich, den Preis jeder Ware mittels Konsens zwischen Anbieter und Abnehmer zu bestimmen, allein schon vom zeitlichen Aufwand her betrachtet. Die Interaktionsmedien sind also ein Mittel, um im Handeln bestimmte Absichten deutlich zu machen und durchzusetzen. Dem Interaktionspartner wird mitgeteilt, was man möchte und was man bereit ist, dafür zu tun bzw. auszugeben. Jensen sieht die Grundidee der Medien in „der Mitteilung dessen, was man möchte und zugleich (in der) Motivierung des Partners zu dem gewünschten komplementären Verhalten“ (Jensen 1980:11).

In entwickelten Gesellschaften kommt es folglich zu einer Mediatisierung durch generalisierte Mechanismen. Wie aber gelangt Parsons zu seiner Theorie der Interaktionsmedien? In einem ersten Schritt betrachtet er die Sprache. In ihr werden zum Teil komplexe Sachverhalte in generalisierten Formeln symbolisiert. Doch taucht folgendes Problem auf: mit der Äußerung von Worten ist nicht gesichert, dass Alter die Offerten, die er Ego für dessen entgegengebrachte Handlung anbietet, auch gewährleistet. Reden ist also nicht Handeln, oder anders ausgedrückt: „Im Hinblick auf die Sicherung des Selektionstransfers von evolutionär wichtigen Handlungsmustern dürfte das Problem der Sprache als einem universellem Medium in der Unzulänglichkeit von Worten liegen, die Verbindlichkeit von Interaktionsofferten zu gewährleisten“ (Jensen 1980:12). Sprache ist also unzuverlässig. Es bedarf eines komplizierten Regulierungssystems, um die in Aussicht gestellten Offerten zu sichern. Parsons begibt sich nun auf das Feld der Ökonomie und entdeckt „Geld“ als erstes von mehreren Interaktionsmedien. Er folgt seiner Vier-Felder-Logik und gelangt zu weiteren Medien: Macht, Einfluss, Wertbindung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Bildung sozialer Interaktionsformen sieht Parsons als evolutionäre Errungenschaft, die stabilisiert und erhalten werden muss. Die erfolgreichen Handlungsmuster der Interaktion müssen immer wieder aktualisiert werden und genau diese wiederholte Selektion wird durch die Medien gewährleistet. „Es geht um Selektionstransfers, bei denen die Medien als kybernetische Steuerungsmechanismen wirken, die die Reproduzierbarkeit von erfolgreichen Problemlösungen erleichtern“ (Jensen 1980:23).

Noch einmal zum Ausgangspunkt: der erste Aspekt der gesellschaftlichen Evolution liegt bei Parsons in der Differenzierung, der zweite Aspekt in der Re-Integration. Es bedarf also Mechanismen zur integrativen Stabilisierung, um beide Aspekte miteinander zu verbinden. Die Medien sind genau solche Mechanismen, die Parsons hier sucht. Parsons hat nun also die Größen des Austausches über Systemgrenzen hinweg gefunden, also den jeweiligen Input und den entsprechend gegenläufigen Output. Nun stellt sich ihm eine weitere entscheidende Frage: Warum ist überhaupt Ordnung, und nicht vielmehr Chaos? Diese Frage ist auch gleichzusetzen mit Hobbes’ Problem of Order. Und lautet weitergedacht: Warum übernimmt ein anderer meine Selektion? Selektion bedeutet in diesem Zusammenhang nicht anderes, als die in einem Handlungszusammenhang spezifisch abgestimmte Auswahl gewisser Zusammenhänge und zugleich die radikale Ablehnung aller anderen Möglichkeiten (Jensen 1980). Warum soll also ein anderer meine Selektionen übernehmen? Die Antwort: Wegen genau dieser vier genannten Medien: Geld, Macht, Einfluss, Wertbindung. Weil Alter also entweder einen Vorteil erlangt, oder durch die Vermeidung zu Nachteilen gelangt, oder den guten Rat Egos annimmt, oder das Gefühl hat, die einzig richtige Handlung zu vollziehen. Zusammenfassend kann man den Prozess der Parsonsschen Theoriebildung wie folgt darlegen: „Er ging aus vom Konzept des Systems als einem Zusammenhang differentieller Ordnung, der sich aus interdependenten und interagierenden Teilen aufbaut. Dieser Interdependenz trug er zunächst durch das Konzept der „Funktion“ Rechnung, die dann zu der Methode der Input/Output-Analyse weiterleitete. Den letzten Schritt zu einem vollständigen „interchange model“ bildet nun die Konzeption der Medien, die als stabilisierende Mechanismen der Interaktion, begriffen als Austauschprozess, fungieren“ (Jensen 1980:32).

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Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638142267
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6720
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Konzept Interaktionsmedien Talcott Parsons Jürgen Habermas Theorie Handelns

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