Lade Inhalt...

Handlungsorientierung am Beispiel einer Zukunftswerkstatt an der Offenen Schule Waldau

Examensarbeit 2005 119 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 Übersicht und Aufbau

2. WAS IST EINE ZUKUNFTSWERKSTA TT
2.1 Ziele und Merkmale
2.1.1 Zur Person Robert Jungk
2.1.2 Begriffsbestimmung
2.2 Die Leistungen Jungks

3. DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER PROBLEMLÖSUNGSMETHODE ZUKUNFTSWERKSTATT
3.1 Die fünfziger Jahre
3.2 Die sechziger Jahre
3.3 Die siebziger Jahre
3.4 Die achtziger Jahre
3.5 Die neunziger Jahre
3.6 Gegenwart

4. DARSTELLUNG DER HEUTIGEN KONZEPTE
4.1 Die verschiedenen Formen von Zukunftswerkstätten
4.1.1 Zukunftswerkstatt nach Lutz
4.1.2 Lernwerkstatt nach Stange
4.1.3 Zukunftswerkstatt nach Jungk und Müllert
4.1.4 Vergleich der drei Formen der Zukunftswerkstatt

5. PHASENSTRUKTUR DER ZUKUNFTSWERKSTATT NACH JUNGK UND MÜLLERT
5.1 Variationen von Zukunftswerkstätten
5.2 Einblicke in den Ablauf der Zukunftswerkstatt nach Jungk und Müllert
5.2.1 Vorbereitungsphase
5.2.1.1 Örtlichkeiten
5.2.1.2 Dauer
5.2.1.3 Kontaktaufnahme
5.2.1.4 Raumaufteilung
5.2.2 Kritik- und Beschwerdephase
5.2.3 Phantasie- und Utopiephase
5.2.3.1 Perspektivwechsel in der Phantasie- und Utopiephase
5.2.4 Realisierungs- und Verwirklichungsphase
5.2.4.1 Strategien zur Umsetzung
5.2.5 Nachbereitungsphase
5.3 Zusammenfassung

6. MODERATION UND TECHNIK
6.1 Moderationsmethode
6.2 Der Moderator in den Zukunftswerkstatt
6.2.1 Die Aufgaben des Moderators
6.2.2 Material und Hilfsmittel
6.2.3 Die Arbeit mit verschiedenen Methoden
6.2.3.1 Mind-Mapping
6.2.3.2 Einpunktabfrage
6.2.3.3 Mehrpunktabfrage
6.2.3.4 Stichwortsammlung durch Zuruf
6.2.3.5 Kartenabfrage
6.2.4 Regeln

7. VERSCHRIFTLICHUNG UND VISUALISIERUNG

8. ZUKUNFTSWERKSTATT - EINE METHODE DER PROBLEMLÖSUNG MIT UMSETZUNGSMÖGLICHKEITEN AUCH IN SCHULE UND AUSBILDUNG?
8.1 Voraussetzung für den unterrichtlichen Einsatz
8.2 Einsatzmöglichkeiten
8.3 Probleme bei der Durchführung und Umsetzung von Zukunftswerkstätten in der Schule
8.4 Zukunftswerkstatt eröffnet Chancen in Schule und Ausbildung
8.5 Zur lerntheoretischen und didaktischen Relevanz von Zukunftswerkstätten
8.6 Zusammenfassung

9. DIE ZUKUNFTSWERKSTATT IN DER ARBEITSORIENTIERTEN BILDUNG
9.1 Schlüsselqualifikation - zukunftsrelevantes Wissen
9.2 Methodenkompetenz als Kern des handlungsorientierten ökonomischen Unterrichts
9.3 Plädoyer für eine „zukunftsfähige“ ökonomische Bildung

10. MEINE EXEMPLARISCHE REALISIERUNG DER ZUKUNFTSWERKSTATT AN DER OFFENEN SCHULE WALDAU
10.1 Exemplarische Durchführung und Realisierung der Zukunftswerkstatt
10.1.1 Vorüberlegungen
10.1.2 Vorbereitungsphase
10.1.3 Ideenfindungsphase
10.1.4 Die Konzeption der Utopie- und Phantasiephase
10.1.5 Die Realisierungs- und Umsetzungsphase
10.1.6 Nachbereitungsphase
10.1.7 Didaktisch-methodische Reflexion/Zusammenfassung

11. EMPIRISCHE ERHEBUNG
11.1 Der Fragebogen - allgemein
11.2 Der Fragebogen zu der Methode Zukunftswerkstatt
11.3 Zur Problematik der Fragebogenkonstruktion
11.4 Vorgehensweise bei der Konstruktion
11.4.1 Der Fragebogen zum Thema Zukunftswerkstatt
11.5 Auswertung
11.5.1 Kommentierung der Ergebnisse

12. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: ZUKUNFTSWERKSTATT - EINE METHODE FÜR DIE SCHULE?

13. LITERATURVERZEICHNIS

14. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

15. DIAGRAMMVERZEICHNIS

16. TABELLENVERZEICHNIS

17. ANHANG

Fragebogen (aus Formatierungsgründen im anderen Layout)

1. Einleitung

„Zukunftswerkstatt - Theorie und Praxis“, so lautete der Titel der Kernveranstaltung an der Universität Kassel im WS 2003/2004. Die angebotene Kompaktveranstaltung interes- sierte mich, weil ich bereits in anderen Seminaren häufig von der Methode Zukunfts- werkstatt oder auch „Problemlöse- oder Ideenfindungsmethode“ - wie sie auch im Vor- lesungsverzeichnis genannt wurde - gehört habe. Zukunftswerkstatt (im Folgenden auch mit ZW benannt) ist in vielen Praxisfeldern der Pädagogik eine gängige Methode, wenn es darum geht, in einem Drei-Phasen-Modell (Kritik-, Utopie/Phantasie, Verwirklichung) Veränderungsprozesse mit größtmöglicher demokratischer Mitwirkung aller Beteiligten zu planen und durchzuführen. Frau Pauli, die das gesamten Werkstattseminar mit ihrem Mitarbeiter moderierte, vermittelte uns nicht nur die Entstehung und Weiterentwicklung der ZW, sondern auch die verschiedenen Methoden und Techniken, die den Teilnehmern behilflich sein sollen, sich ihrer Ideen, Probleme, Wünsche und Konzepte bewusst zu werden und diese zu formulieren.

Um exemplarisch die Konzeption der ZW anhand eines von uns gewählten Themas durchzuspielen, einigten wir Studierende uns auf die Situationen an der Universität. Wir kritisierten in Kleingruppen und im Plenum u.a. die überfüllten Hörsäle, die wenigen Praxisangebote, Parkgebühren und das „hetzen“ von einem Standort zum anderen. In der zweiten Phase dachten wir uns phantasievolle studentische „Ideal-Bedingungen“ aus und schnürten einen Maßnahmenplan, der für weitere Aktionen zur Verwirklichung unserer Utopieergebnisse dienen sollte.

Diese in vielen kreativen Stunden erarbeiteten Umsetzungsvorschläge wurden allerdings nur von den jeweiligen Arbeitsgruppen präsentiert, jedoch keine der Lösungsansätze ver- wirklicht, da es hier ja auch hauptsächlich um das kennen lernen der Methodik ging. In der abschließenden Reflexion diskutierten wir die Umsetzungschancen in der Schule, ob es möglich ist, ein vorliegendes Problem oder eine Fragestellung mit der Konzeption der ZW zu lösen.

Die vielen positiven aber auch kritischen Äußerungen für den schulischen Einsatz ani- mierten mich, nach Möglichkeiten zu suchen, eine entsprechende Verwirklichung im Unterricht realisieren zu können. Im Fach Arbeitslehre konnte ich die ersten Kontakte mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Herrn Asmus-Achmetli knüpfen, der auch Lehrer an der Offenen Schule Waldau (OSW) ist. Ich erklärte ihm mein Anliegen und meine Vorstellungen für eine Durchführung der ZW im Unterricht. Es ergab sich daraufhin die Gelegenheit, dass ich im Fach „Freies Lernen“ in der neunten Hauptschulklasse 9e wöchentlich für 3 Stunden fünf Wochen lang die ZW-Methode an einem konkreten - von den Schülern selbst gewählten Thema - anwenden konnte.

„Selbständiges Lernen findet im Fach 'FL' statt - und darüber hinaus. Wenn (die Schüler, M.K. (= Anm. Magnus Koch)) geübt darin sind, Lösungsstrategien allein oder in der Gruppe zu entwickeln, sind sie auf neue Probleme besser vorbereitet als durch Fakten- wissen, das auf die neuen Herausforderung (in der Arbeitswelt, M.K.) nicht mehr ganz zutrifft. Freies Lernen ist in unseren Augen zukunftsorientiert“ (Ahlring & Brömer 1999, S. 92).

Das konkrete Vorhaben „Wir planen unsere Klassenfahrt - Segeltörn auf dem Ijsselmeer (September 2005)“ wollte ich gemeinsam mit den Schülern nach der ZW-Methode erar- beiten. Den ganzen Prozess habe ich dabei auf Foto und Video festgehalten. Abschlie- ßend wurde über einen entsprechenden Fragebogen die Meinungen der Klasse über ihr ZW-Projekt evaluiert. Die Dokumentation der Ergebnisse kann Aufschluss darüber ge- ben, ob und in welcher Form die Methode in der unterrichtlichen Praxis eingesetzt wer- den kann.

Die vorliegende Arbeit ist nach den Regeln der Rechtschreibreform abgefasst. Dies gilt sowohl für direkte wie auch für indirekte Zitate.

Wenn im Text von Schülern oder Lehrern die Rede ist, sind dabei stets Schüler und Schü- lerinnen bzw. Lehrer und Lehrerinnen gemeint.

1.1 Übersicht und Aufbau

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zu Beginn die Problemlösungsmethode ZW definieren und erläutern.

Ich werde sowohl auf die historische Entwicklung, als auch auf verschiedene Modelle der bedeutendsten Vertreter der ZW eingehen. Ausgehend vom geistesgeschichtlichen Hintergrund, der zum Entstehen der Methode beigetragen hat, werde ich den Dreischritt nach Jungk und Müllert (Kritik, Utopie, Verwirklichung) in den einzelnen Phasen näher erläutern, sowie auch Moderations- und Visualisierungstechniken.

Darauf folgend möchte ich mehr auf den unterrichtlichen Einsatz eingehen. Die Durchführung dieser Methode in Schule und Ausbildung, deren Hindernisse in der schulischen Umsetzung und dessen Chancen, bilden das anschließende Kapitel, die auf den ökologischen, ökonomischen und politischen Bereich übertragen werden. Abschließend habe ich eine selbst durchgeführte ZW in der unterrichtlichen Praxis exemplarisch beschrieben und die Ergebnisse dokumentiert und ausgewertet.

2. Was ist eine Zukunftswerkstatt

Der Begriff Zukunftswerkstatt ist eine künstliche Wortschöpfung. Die Kombination der Substantive Zukunft und Werkstatt geben allerdings schon Hinweise auf das, was eine ZW ausmacht bzw. was sie erreichen möchte. Die Zukunft könnte man dabei als Thema bezeichnen, um die sich die ZW dreht. Fragen und Probleme, die für die Zukunft von Bedeutung sein können, stehen im Mittelpunkt und werden aus gegenwärtiger Sicht be- trachtet. Mit dem Begriff Werkstatt wird die Methode ausgedrückt. Wie in einer traditio- nellen Werkstatt wird hier an der Zukunft gewerkt (vgl. Pallasch & Reimers 1990, S. 63 ff.).

Sie ist eine Methode, die vor allem in den 70er/80er Jahren durch Robert Jungk bekannt wurde. Dabei werden die Seminarteilnehmer angeregt, kreativ und solidarisch Problem- lösungen zu entwickeln und zu verwirklichen. Jungks Entwicklung der ZW sollte vor allem ein Mittel zur Demokratisierung sein und zur Schaffung einer besseren Zukunft im gesamten gesellschaftlichen Leben beitragen. Die ZW wird nach einer bestimmten Struk- tur durchgeführt und zeichnet sich dabei durch ihre Methodenvielfalt aus (vgl. Wein- brenner & Wiemeyer 1998, S. 6 f.). ZW sollen ein Ort des demokratischen Diskurses sein, an dem nach einem Jahrhundert der technischen Erfindungen „soziale Erfindungen“ (Jungk & Müllert 1983, S. 30 ff) und Experimente erdacht und ausprobiert werden kön- nen, ein Ort, an dem sich die vernachlässigte soziale Phantasie entfalten soll.

Nach den Begründern Jungk und Müllert soll die ZW „ein Forum (sein), in dem sich Bürger gemeinsam bemühen, wünschbare, mögliche, aber auch vorläufig unmögliche Zukünfte zu entwerfen und deren Durchsetzungsmöglichkeiten zu überprüfen …“ (Jungk & Müllert 1983, S. 21 f.).

Reitzmann (1998) nennt im Wesentlichen drei „Prinzipien“ der Werkstattarbeit: den methodischen Dreischritt von Kritik, Utopie und Handlung, die Teilnehmerorientierung und die Technik der Verschriftlichung bzw. Visualisierung (ebd., S. 4 ff.).

Jungk entwickelte über mehrere Jahre hinweg die ZW als Gegenentwurf. Wir sollen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen und, wie Stephan Geffers sagt „den Mächtigen die Stirn bieten“ (Jungk et al. 1988, S. 178).

So entwickelte er anknüpfend an die Kreativitätsforschung als eine praktikable Methode die Idee der ZW, die „Betroffene zu Beteiligten“ machen kann (Albers & Broux 1999 S. 13) und gibt Hilfestellung zur gemeinsamen Problemlösung. Die ZW ist ein soziales Problemlöse- und Ideenfindungsverfahren, ein Instrument kreativer Gruppenarbeit. Sie ist eine soziale Methode zur Demokratisierung der Gesellschaft und zur Entwicklung von Visionen und Innovationen für eine "zukunftsfähige" Gesellschaftsgestaltung, sowie für eine sozial- und umweltverträglichen Zukunftsgestaltung (vgl. Jungk 1983, 1969).

Zu einem wichtigen Anliegen von Robert Jungks Arbeit wurde es also herauszufinden, wie möglichst viele Menschen die Zukunft mitgestalten können. Er ging davon aus, dass gemeinsame Wünsche und Träume schon an sich verändernd wirken. In der Synergie (vgl. Burow 2000) von Gruppen sah er ungeahnte Möglichkeiten. Er vertraute dabei auf die in jedem Einzelnen schlummernden Kräfte, die eigene Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können, wenn er die Möglichkeit dazu geboten bekommt.

Jungk sagt dazu:

„… dass dieser enorme Schatz, der in Milliarden Menschen steckt, dass der gehoben wird. Das ist meine große Sehnsucht und ich glaube, dass das möglich ist.“ (Jungk 1991, S. 104)

und weiter

„Durch den spielerischen Charakter der Zukunftswerkstatt können sie (die Teilnehmer, M.K.) fixierte Denkstrukturen verlassen.“ (ebd., S. 100)

Dabei gilt im Sinne Jungks, dass alle Beteiligten gleichberechtigte Experten zur Lösung des Problems sind. Sucht man nach einer klaren Definition des Begriffes der ZW, dann trifft die von Albers und Broux (1999) am ehesten zu:

„Zukunftswerkstatt wird als Methode verstanden, die sich im Rahmen einer bestimmten Fragestellung um Ideensammlungen und Problemlösungen bemüht.“ (ebd., S. 11)

2.1 Ziele und Merkmale

Die Methode soll nach den Erfindern Jungk und Müllert ein Instrument sein, das Gruppen zur Aktivierung ihrer Problemlösungskompetenzen verhilft.

Sie haben ihrem Buch über ZW (1989) den Untertitel „Mit Phantasie gegen Routine und Resignation“ gegeben, weil sie Vertreter einer neuen Zukunftsforschung waren, die sich nicht mehr an den Verheißungen einer auf Wachstum und tech-nischen Fortschritt pro- grammierten Industriegesellschaft orientierten, sondern ihren Fokus auf eine sozialkriti- sche, humanistische, basisdemokratische und ökologisch Zukunftsgestaltung legten, wie Weinbrenner und Häcker (1991) ausgeführt haben. Was sie in ihrer Übersicht unter dem Titel „Was Zukunftswerkstätten erreichen können“ (Jungk & Müllert 1989, S. 191 ff.) auflisten, wird mittlerweile durch viele Erfahrungsberichte unterstützt. So stellen Jungk und Müllert neben anderem fest, dass ZW ein verändertes, gestärktes Selbstbewusstsein im Hinblick auf die eigene Arbeit und die Beziehung zu anderen fördern können, ebenso Vitalität, Realitätsbewusstsein, Engagement und Kreativität bis hin zur Möglichkeit, alte Blockierungen durchlässiger werden zu lassen (ebd., S. 144).

Die Methode ZW wendet sich aktuellen Problemen und Fragestellungen aus dem konkre- ten Arbeitsumfeld zu. Ziel ist die Produktion von Lösungsideen, damit die vorhandenen Schwierigkeiten einer kurzfristigen Lösung zugeführt werden können. Vorraussetzung ist die Grundeinstellung, dass die aufgezeigten Probleme und deren Rahmenbedingungen prinzipiell in naher Zukunft in positiver Weise beeinflusst werden können. Das Auffin- den phantasievoller, unkonventioneller, aber dennoch in der Praxis umsetzbarer Lösungs- ideen steht im Mittelpunkt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es um fachliche oder soziale Fragestellungen geht.

Betrachtet man den gesellschaftlichen Hintergrund stellt man fest, dass Jungk und Müllert in der ZW in erster Linie ein Instrument für mehr Mitsprache und Mitbestimmung, also für eine stärkere Demokratisierung sehen. Die Betroffenen sollen eigene Zukunftsentwürfe auf der Grundlage ihrer Wünsche und Phantasien erstellen. Sie sollen politisch aktiviert werden, um so ihre Zukunftsvorstellungen offensiv vertreten zu können (vgl. Jungk et al. 1988, S. 125 f.; Dauscher 1988, 100 ff.).

Die Ziele und Merkmale von ZW fassen Burow und Neumann-Schönwetter (1997, S. 25) in Anlehnung an Jungk und Müllert (1989) schlagwortartig zusammen:

- ZW sind basisdemokratisch, d.h. sie verstehen sich als Demokratisierungsinstrument, als Plattform, von der aus eine maßgebliche Bürgerbeteiligung an der Ausgestaltung des Kommenden möglich wird.
- ZW sind integrativ, d.h. sie versuchen eine Aufhebung des Gegensatzes von Experten und Laien, Herrschenden und Beherrschten, Wissenden und Unwissenden, Planern und Verplanten sowie Aktiven und Passiven.
- ZW sind ganzheitlich, d.h. sie versuchen eine Integration von Selbst- und Gesell- schaftsveränderung, Rationalität und Intuition, Intellektualität und Spiritualität sowie Kognition und Emotion.
- ZW sind kreativ, d.h. es handelt sich um eine Methode des Planens, Entwerfens und Entwickelns, welche die schöpferische Phantasie und den sozialen Erfindungsgeist der Beteiligten herausfordert.
- ZW sind kommunikativ, d.h. sie sind eine Chance für die sonst Sprachlosen, die vie- len Ungefragten in der Gesellschaft, ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte, ihre Vorstellungen und Ideen, aber auch ihre Ängste und Befürchtungen frei zu äußern.
- ZW sind provokativ, d.h. sie sind eine Herausforderung an die staatlichen und wirt- schaftlichen Institutionen, aus der Bevölkerung kommende Lösungsvorschläge und soziale Erfindungen ernst zu nehmen und aufzugreifen.

(vgl. auch dazu Weinbrenner 1989, S. 39).

Die skizzierten Merkmale von ZW machen deutlich, dass hier eine Methode verfügbar ist, die doch in erheblichem Maße von den traditionellen Lern- und Vermittlungsformen in Schule und Hochschulen abweicht. Sie integriert in sehr zwangloser Weise viele der bekannten didaktischen Prinzipien (z.B. die Prinzipien der Situations-, Problem-, Interes- sen- Bedürfnis- und Handlungsorientierung sowie das Betroffenheitsprinzip) und kann trotzdem auf den allwissenden, belehrenden und steuernden Lehrer als Experten verzich- ten. Insofern wird durch die ZW auch die Lehrerrolle neu definiert. Der Lehrende ist hier lediglich „Moderator“ (vgl. Jungk & Müllert 1989, S. 106), der mit einem Minimum an Autorität auskommt. Er ist Organisator, Initiator, Animateur und Vermittler sowie gedul- diger Zuhörer.

Das Besondere an der ZW ist die Umkehrung der Perspektiven, denn man betrachtet die Gegenwart aus Sicht der idealisierten Zukunft, um dann alternative Entwicklungen der Gegenwart zu erarbeiten, die zu einer solchen Zukunft führen (vgl. Perspektivwechsel bei Burow). Ganz im Sinne des kybernetischen Denkens (Frederic Vester 1986) können mit Hilfe der Szenarien die Komplexität der gesellschaftlichen Systeme deutlich gemacht und alternative Entwicklungspfade aufgezeigt werden.

2.1.1 Zur Person Robert Jungk

Robert Jungk (* 11. Mai 1913 in Berlin; † 14. Juli 1994 in Salzburg) ).(Quelle: Wikipe- dia, der freien Enzyklopädie 3/2005) war Dr. Phil. Publizist, Journalist und einer der ers- ten Zukunftsforscher, der sich nicht mehr an den Verheißungen einer auf Wachstum und technischen Fortschritt programmierten Industriegesellschaft orientierte, sondern eine sozialkritische, humanistische, basisdemokratische und ökologisch orientierte Zukunfts- gestaltung propagierte. (vgl. Weinbrenner 1992, S. 16.). Er gründete 1965 in Salzburg das Institut für Zukunftsfragen, wo er begann, mit Kreativitätsmethoden in Richtung Zu- kunft zu experimentieren. Eine selbst verfasste Biographie von Jungk, die später von Walter Spielmann ergänzt wurde, kann unter der nachstehenden Internetadresse angese- hen werden (Quelle: http://www.zukunftswerkstaetten-verein.de/).

2.1.2 Begriffsbestimmung

In der Fachliteratur existiert keine allgemeingültige Definition für den Begriff der ZW. Vielmehr gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffsverwendungen (vgl. Rosenbohm 1995, S. 6, vgl. Lechler 1992, S. 24). In ihrer Ausprägung wird sie im Buch von Albers (2001) oft beschrieben als:

- Lernwerkstatt
-Problemlöse- und Ideenfindungswerkstatt x Prognosewerkstatt
-Strategiewerkstatt
-Kommunikationswerkstatt

2.2 Die Leistungen Jungks

Robert Jungks Leistung besteht darin, dass er die positive Fähigkeit und das Bedürfnis des Menschen zur konstruktiven Selbstorganisation in der Gemeinschaft in besonderer Weise ernst genommen und in der ZW eine viel versprechende Form gefunden hat, diese Fähigkeit zu entwickeln bzw. die entsprechenden Bedürfnisse auszudrücken. In der gegenwärtigen globalen Umbruchsituation bietet dieses Instrument im Bereich der Bildung und Erziehung vielfältige Chancen.

Indem durch den Werkstattrahmen der ZW (Burow spricht hier von dem „Setting“) zu einem freien Assoziieren, zum „Gehirnsturm“ wie es Jungk selbst ausdrückt, eingeladen wird, werden Denkbarrieren und -schablonen überwunden. Einengende Bewertungsmaß- stäbe werden vorübergehend außer Kraft gesetzt und damit zu einer angstfreien, innova- tionsfreundlichen Lernatmosphäre beigetragen. Er hebt mit dem Dreischritt (Kri- tik/Ideensammlung - Phantasie/Utopie - Umsetzung) das lineare Denken auf. So sieht er eine besondere Ursache für die innovative Wirksamkeit von ZW in der Umkehrung der gewohnten Perspektive, die dadurch entsteht, dass wir die Entwicklungsmöglichkeiten der Gegenwart einmal von der Zukunftsperspektive aus betrachten.

3. Die historische Entwicklung der Problemlösungsmethode Zukunftswerkstatt

Der Erziehungswissenschaftler Olaf-Axel Burow hat 1991 ein Interview (vgl. Pädagogik H.6/92, S. 11) mit Robert Jungk in der Bibliothek für Zukunftsfragen (Salzburg) geführt, das ich sehr geeignet finde, um den historischen Hintergrund der Entwicklung dieser Me- thode näher zu betrachten. Jungk erklärte, dass er 1954 eine entscheidende Erfahrung machte, die zeigte, dass auch einfache Menschen in der Lage sind über Zukunftsfragen, die sie betreffen, mit zu entscheiden. 1954 fuhr Jungk nach Palermo, um den Sozialre- former Danilo Dolci zu treffen. (vgl. Dauscher 1998; Burow & Neumann-Schönwetter 1997, S. 13; Kuhnt & Müller 1996, S. 25; Müllert, Solle, Geffers 1988).

Aufgrund seiner Erfahrungen entwickelte Robert Jungk sowohl die Einteilung der ZW in verschiedene Phasen als auch ihren Werkstattcharakter, den er dem Sozialreformer Dani- lo Dolci (vgl. Jungk Kursbuch 53, Utopien II, Lust an der Zukunft, S. 2) zu verdanken hat.

„Von ihm habe ich gelernt, mit denen zu sprechen und auf die zu hö- ren, die von Intellektuellen und Akademikern meist nur ´begrifflich` wahrgenommen werden: Fabrikarbeiter, Angestellte, Bauern, Monteu- re … . “(ebd. S. 2)

In dieser Zeit hatte er auch ein weiteres Erlebnis in einem amerikanischen Unteraus- schuss (vgl. Burow 1997, S. 13 f.), das sein Engagement für eine selbstbestimmte Zu- kunftsgestaltung nachhaltig beeinflussen sollte: Dort wurde von einigen wenigen Exper- ten - weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit - über die Zukunft der friedlichen Nutzung der Atomenergie entschieden, eine Frage, die tief in das Leben zukünftiger Ge- nerationen eingreifen sollte. Jungk erkannte als einer der ersten die Gefahr, die entsteht, wenn Politiker und Experten allein ohne Bürgerbeteiligung Zukunftsentscheidungen dik- tieren. Interessenbedingt würden wichtige Gefahrenmomente, aber auch alternative Sze- narien ausgeblendet. Die Betroffenen hätten kaum Mitspracherecht. Gespräche über Konzepte oder Pläne beschränkten sich allein auf ihre Verteidigung gegenüber Bürger- vorstellungen, wenn sie überhaupt stattfinden würden.

Mit den ZW ging es um ein Gegengewicht. Robert Jungk begann in dem Institut für Zukunftsfragen zu experimentieren, wie die Übergangenen eigene Zukünfte erfinden und äußern könnten.

Bereits in den 50er Jahren engagierte sich Jungk stark in der Anti-Atomkriegsbewegung, wo ihm immer bewusster wurde, dass die meisten Menschen Kritik an politischen Entscheidungen üben, ihnen aber ein Instrument fehlte, um Verbesserungsvorschläge machen zu können (vgl. Burow 1992, S. 11 ff.).

Als einen Hauptkritikpunkt arbeitete er die mangelnde soziale und ökologische Phantasie der Machteliten heraus und suchte nach Verfahren, mit Hilfe von Bürgerbeteiligung zu einer bewussteren, selbstbestimmteren Form der Zukunftsgestaltung zu kommen. Schon bald erkannte er, dass die Informierung der Öffentlichkeit allein nicht ausreichte, sondern dass es der Entwicklung von Formen aktiver, eingreifender Mitwirkung bei der Zu- kunftsgestaltung bedurfte. So entwickelte er anknüpfend an die Kreativitätsforschung die Idee der ZW, die 1969 erstmals einem breiten Publikum vorgestellt wurde. Jungk selbst gibt an, dass sie bereits 1964 entstanden ist. Doch erst Jahre später (1973) wird eine vor- läufige Konzeption der ZW von Jungk veröffentlicht. Sie trägt den Titel: „Einige Erfah- rungen mit Zukunftswerkstätten“(vgl. Rosenbohm 1995, S. 9; Memmert 1993, S. 24 f.).

Detailliert methodisch beschrieben wurde die Methode zum ersten Mal 1981 in einem von Jungk und Müllert herausgegebenen Band mit dem Titel "Zukunftswerkstätten - Wege zur Wiederbelebung der Demokratie". Das ursprüngliche Ziel der Arbeit in ZW besteht darin, jeden interessierten Bürger in die Entscheidungsfindungen und Problemlö- sungen mit einzubeziehen, die sonst nur Politikern, Experten und Planern vorbehalten sind. Die Bürger werden demnach zu "Experten in eigener Sache" und kommen als direkt Betroffene im Verlauf von drei methodischen Schritten und angeleitet durch Moderato- ren selbst zu Wort, können Kritik üben, Phantasien entwickeln und nach Wegen zur Um- setzung ihrer Ideen suchen (vgl. Kuhnt & Müllert 1996. S. 24 ff). Nach der Veröffentli- chung des Buches, das aber nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen ansprach, entstanden daraufhin unterschiedliche methodische Konzeptionen der ZW. Hierzu äußer- te Jungk sich 1992 wie folgt:

„Ich bin im Grunde immer dafür eingetreten, dass nicht eine Methode Zukunftswerkstatt da sein soll, sondern Zukunftswerkstatt beinhaltet eine Haltung, die eben viele Methoden möglich macht, sonst wider- spricht sie sich selbst.“ (vgl. Rosenbohm 1995, S. 9 zit. nach Jungk 1992)

Zum Überblick fassen Kuhnt und Müllert (1996) die Geschichte der Ideenfindungs- und Problemlösungsmethode ZW in einer Zeitleiste zusammen (vgl. ebd., S. 33).

In der geschichtlichen Entwicklung variieren vor allem die Anzahl der Arbeitsphasen zwischen drei und fünf. In der ersten Darstellung (1973) wird von vier Phasen ausgegangen, in der zweiten Darstellung (1978) geht Jungk von fünf Phasen aus. Die dritte Darstellung der Methode 1981/89 umfasst drei Kernphasen, die in Vor- bzw. Nachbereitungsphase eingebettet sind Im Folgenden möchte ich den ideengeschichtlichen Hintergrund der bedeutendsten Stationen in den späteren Jahren skizzieren.

3.1 Die fünfziger Jahre

Nach seiner Erfahrung im Unterausschuss des amerikanischen Senats wurde Jungk be- wusst, dass Entscheidungen im Expertenkreis, die ohne Beteiligung der Bürger getroffen wurden, die Gefahr bürge, mögliche Handlungsalternativen zu vernachlässigen. Außen- stehende hätten andere Denkweisen als Experten, die darauf bedacht wären, ihre Macht- position auszunutzen, ohne eine „soziale und ökologische Phantasie“ (Burow et al. 1997, S.14) in Erwägung zu ziehen oder zu berücksichtigen (Burow & Neumann-Schönwetter 1995, S. 13).

Jungk suchte daraufhin Wege und Methoden, wie möglichst viele Menschen bei der Gestaltung der Zukunft aktiv mitwirken können. Seine Maxime war, dass Problemsituationen nicht von einzelnen angegangen werden sollten, sondern beteiligungsorientiert gelöst werden müssten. Sein Schlüsselerlebnis in Sizilien mit dem Sozialreformer Dolci, der einen Hungerstreik organisierte, weil die Bauern dort durch die Mafia unterdrückt wurden, kommentiert er in dem Interview mit Burow:

„… Er hat also fast drei Wochen lang Hungerstreik gemacht, und die Leute kamen zu ihm, weil sie ihn verehrt haben, und wollten mit ihm sprechen. Und da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass er diesen ganz einfachen Menschen gesagt hat: Jetzt sagt doch mal, wie ihr es eigent- lich anders haben wollt! Wie müsste es eigentlich sein, wenn die Ma- fia Euch nicht unterdrücken würde? … .“ (Burow & NeumannSchönwetter 1997, S. 96).

Dieses Erlebnis zeigte Jungk, dass selbst einfache Landarbeiter ihre Wünsche formulie- ren können, wie sie sich ihre Zukunft ohne die Unterdrückung der Mafia vorstellen und dass sie bei Zukunftsfragen mitreden und mitwirken können. Dadurch, dass diese Land- arbeiter und Tagelöhner sehr schnell zu vernünftigen Vorschlägen kamen, zog Jungk den Schluss, dass man in einer Gruppe auch in kurzer Zeit zu zukunftsrelevanten Ergebnissen kommen kann (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 25, Burow et al. 1997, 1995, S. 13).

Die schrecklichen Folgen des Atomangriffs auf Japan und die Ohnmacht der Betroffe- nen, weil die Bevölkerung keine Möglichkeit hatte, bei wichtigen Entscheidungen mitzu- bestimmen machten ihn nachdenklich und er fragte sich, ob das Schreiben von Artikeln und Büchern ausreiche, um Mensch und Natur von Bedrohungen zu schützen (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 24). Deswegen suchte Jungk nach Verfahren, die zu einer in höherem Maße selbstbestimmten Form der Zukunftsgestaltung führen sollten. Außerdem bemerkte er, dass der technische Fortschritt der humanistischen Entwicklung schade. Die fort- schreitende Rationalisierung belaste die Psyche des Menschen (vgl. Rosenbohm 1995, S. 8).

3.2 Die sechziger Jahre

Das Konzept ZW wird erstmals anlässlich eines Vortrags über Zukunftsforschung im Juli 1969 vorgestellt. In dem ersten Bericht mit dem Titel „Einige Erfahrungen mit Zukunftswerkstätten (vgl. Jungk 1973 In: analysen und prognosen, H. 25) wird das Entstehungsjahr mit 1964 angegeben.

Diese Jahre waren zunehmend von einer gesellschaftlichen Politisierung gekennzeichnet. Bürgerinitiativen und Studentenbewegungen mischten sich immer mehr in das staatliche Geschehen ein. In dieser Zeit wurden erste systematische Schritte unternommen, um Bürger direkt an der Planung und Gestaltung der Zukunft zu beteiligen.

Das Experimentieren in ZW wurde durch die allgemein vorherrschende Auf- und Um- bruchstimmung Ende der sechziger Jahre begünstigt. In diesem Klima der Veränderung stand der Wunsch nach direkter Einflussnahme auf die Gestaltung von Lebens- und Ar- beitsumwelt obenan. Da die ZW möglichst viele Menschen zum Mittun und Mitentschei- den zu bewegen versucht, passte sie mit ihren basisdemokratischen Elementen hervorra- gend in diese Zeit (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 24 ff.). Einerseits war es die Kreativi- tätstechnik, die aus den USA kam. Da diese Technik dort aber im ökonomisch- technischen Bereich ihre Anwendung fand, musste sie noch in den gesellschaftlich- sozialen Bereich transformiert werden, um für humansoziale Probleme in Frage zu kom- men. Weiterhin wurden Teamarbeitsmethoden in die ZW-Methode eingebunden, weil man sich in der Gruppe gegenseitig motivieren kann, was eine Steigerung der schöpferi- schen Kreativität zur Folge hat, wie sowjetische Forscher herausgefunden hatten (vgl. Rosenbohm 1995, S. 8).

„Der in den sechziger Jahren entstandene Schwung auf vielen Gebie- ten von Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft setzte sich im nächsten Jahrzehnt fort. Außerparlamentarische Opposition, Stu- dentenbewegung, politische Gruppen, sozial-liberale Opposition präg- ten die Entwicklung. In dieser Aufbruchumgebung war die Vorge- hensweise der Zukunftswerkstatt nicht nur ein Versuch, die Zukunft zu demokratisieren, sondern zugleich ein Spiegel der Zeit. Sie passte gut zum Motto der Regierung Brandt-Scheel: Mehr Demokratie wa- gen“ (Kuhnt & Müllert 1996, S. 28).

In dieser allgemein vorherrschenden Auf- und Umbruchstimmung begannen sozial enga- gierte Zukunftsforscher (bekannte Zukunftsforscher dieser Zeit waren Dennis Gabor, Physiker und Mitbegründer des Club of Rome, der sich sehr stark mit sozialen und politi- schen Zukunftsfragen beschäftigte sowie Danilo Dolci) wie Jungk sich Methoden auszu- denken, welche die Menschen anregen sollten, durch neue Ideen vorhandene Probleme zu lösen (vgl. Jungk & Müllert 1994, S. 29 ff.). In Anknüpfung an die amerikanische Kreativitätsforschung (mit der Phantasie, ihren Voraussetzungen, Entstehungs- und Er- scheinungsformen) entwickelte Jungk Ende der sechziger Jahre die ZW als methodisches Mittel der Bürgerbeteiligung. Unter Verwendung dieser Werksatt konnten „normale“ Bürger ihre Probleme verbal artikulieren und mit Hilfe der Methode des Brainstormings (Osborne 1957 zit. nach Pallasch & Reimers 1990, S. 108) Ideen zur Verbesserung sam- meln (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 26). Zu diesem Zeitpunkt wurden ZW wenig struk- turiert und moderiert mit einer Vielzahl von Teilnehmern eher spontan durchgeführt.

3.3 Die siebziger Jahre

Anfang der siebziger Jahre gab es die ersten Formen der ZW, in denen versucht wurde, soziale Probleme zu lösen. Die Teilnehmer werken in fünf aufeinander folgenden Phasen gemeinsam an für sie wichtigen Problemen (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 28). Ich möchte an dieser Stelle aber nicht weiter auf dieses Fünf-Phasen-Modell eingehen, weil es nicht lange Bestand hatte. Denn schon als Mitte der siebziger Jahre immer mehr Gruppen, Vereine, Schulklassen und Organisationen nach Anleitung für ZW verlangten, wurde deutlich, dass eine genaue methodische Ausarbeitung notwendig wurde. Das we- sentliche Element, das in den siebziger Jahren durch die methodische Erprobung und Ausformung der ZW hinzukommt, ist das Drei-Phasen-Modell, auf das ich später noch eingehen möchte. Es verbessert die Übersichtlichkeit und besteht aus:

- der Beschwerde- und Kritikphase
- der Phantasie- und Utopiephase
- der Verwirklichungs- und Praxisphase

Weiterhin bringen Regeln für die Gesamtwerkstatt und die einzelnen Phasen mehr Struk- tur und Gradlinigkeit. Es werden neue Vorgehensweisen, wie beispielsweise das Arbei- ten mit nonverbalen Methoden (wie z.B. das Brainstorming „Gehirnsturm“) mit einbezo- gen, Konzepte für Ein- bis Fünf-Tages-Werkstätten werden mit moderierter Kleingrup- penarbeit entwickelt und dokumentiert (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 28 f ; Lutz 1992, S. 33;).

3.4 Die achtziger Jahre

In den achtziger Jahren wurde die Methode immer bekannter. Publikationen (Jungk und Müllert veröffentlichen 1981 ihr Buch „Zukunftswerkstätten - Wege zur Wiederbele- bung der Demokratie“, welches auf ein starkes europaweites Echo stieß), führten zu einer Verbreitung und vielfachen Anwendung. Damit sich möglichst viele Interessierte mit dem Konzept ZW vertraut machen konnten, fassten Jungk und Müllert ihre in den siebzi- ger Jahren gemachten Erfahrungen in dem Buch (es wurde auch ins Englische und Däni- sche übersetzt) zusammen.

Die ZW gewann im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung. Die Erprobung des Werk- stattmodells durch die Landesregierung NRW wurde mit mehr als fünfhundert Bürgern in insgesamt 28 Zukunftswerkstätten durchgeführt. Alle Werkstätten wurden dokumentiert und ausgewertet. Durch diese Auswertung kam es zu einer methodischen Verfeinerung (vgl. Kuhnt & Müller 1996, S. 28 ff.)

Es entstand das Drei-Phasen-Modell, das bis heute bekannt ist und angewendet wird. Außerdem wurde die Werkstattmethode in immer mehr Bereichen und Problemfeldern angewandt. Immer mehr Initiativen, Gruppen, Vereine, Gremien und Schulklassen ver- langten nach einer Anleitung, denn die neue Form des zukunftsgewandten Verfahrens erwies sich insbesondere in dringenden politischen und sozialen Fragestellungen als ge- eignet (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 29 f.). Zusätzlich wurden Moderatorenausbildun- gen angeboten, damit der Moderator die Arbeit in den einzelnen Phasen der ZW sicher lenken konnte.

Besonders die Methoden der humanistischen Psychologie (vgl. Arnold, Eysenck und Meili 1994, S. 915 f.) wurden in das bisher auf verbale und intellektuelle Kommunikati- onsformen beschränkte Modell integriert. Der Einsatz von Phantasiereisen und Intuiti- onsübungen in den Phasen bereicherte die Arbeit und bewirkte eine ausgewogene Mi- schung aus Intellekt und Emotion (Lutz 1992, S. 34 f.; Müllert 1992, S. 50 f.).

3.5 Die neunziger Jahre

Der Bekanntheitsgrad nahm bis in die neunziger Jahre stetig zu, so dass die ZW für wis- senschaftliche Studien, Planungen und Forschungsprojekte verwendet wurde und mit ihrer Anwendung Programme entwickelt. Entsprechend der breit gefächerten Themen- wahl der Teilnehmer bildeten sich diverse Typen von ZW heraus. Die klassische Struktur von Jungk und Müllert wurde aber stets beibehalten (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 17 ff.).

3.6 Gegenwart

Neben anderen gruppenorientierten Verfahren wie Metaplan oder Projektarbeit hat sich die ZW etabliert. Es werden Seminare für Schulen, Unternehmen und andere Interessengruppen angeboten, in denen ausgebildete Fachkräfte die Methode der ZW vorstellen und lehren, indem sie exemplarisch durchgespielt wird.

Wurden ZW in ihren Anfängen primär im Kontext von Bürgerinitiativen eingesetzt, so haben sich die Anwendungsfelder inzwischen erweitert. Sie werden heute als aktivieren- de Elemente in Bildungsveranstaltungen ebenso eingesetzt wie in Schulentwicklungsprozessen, in Teamfindungsprozessen sowie in der Organisations- und Projektentwicklung (vgl. Dauscher 1998).

Neu dazu gekommen ist eine Erweiterung des formalen Strukturrasters von Jungk und Müllert (1989) um die Verwendung von Methoden und Konzepten der Erlebnispädago- gik, (vgl. Burow, Godbersen, Neumann-Schönwetter 1991) sowie der Gestaltpädagogik (vgl. Burow 1987, 1988, 1993, 1994; Burow & Gudjons 1998; Burow, Quitmann, Ru- beau 1987; Zeitschrift Pädagogik 5/1990 „Gestaltpädagogik“; weiter Informationen unter http://www.uni-kassel.de/fb1/burow/). Außerdem spielt die Visualisierung (vgl. Schnel- le-Cölln 1983) zunehmend eine tragende Rolle, indem mit Hilfe der Metaplan-Technik (vgl. Schnelle 1982) möglichst alle Entscheidungsprozesse auf Kärtchen und/oder Plaka- ten visualisiert und so für alle Beteiligten transparent gemacht werden.

4. Darstellung der heutigen Konzepte

Im folgenden stelle ich die unterschiedlichen zur Zeit praktizierten Konzepte von ZW vor, damit ein Überblick geschaffen werden kann, welche Differenzierungen, Abwand- lungen und Erweiterungen in den letzten Jahren gemacht wurden. Dabei kommen die Lüneburger Lernwerkstätten genauso in Betracht, wie die ZW des Rüdiger Lutz.

4.1 Die verschiedenen Formen von Zukunftswerkstätten

Neben den verschiedenen Varianten der klassischen ZW (vgl. Burow 1993, S. 244 ff.) haben sich inzwischen auch verschiedene Formen zur klassischen Konzeption von Jungk und Müllert herausgebildet, von denen die interessantesten Vorschläge hier kurz darge- stellt werden sollen.

4.1.1 Zukunftswerkstatt nach Lutz

Die Konzeption nach Lutz, die 1980 entstand, nennt er selbst auch „Zukunftswerkstatt der dritten Generation“ (Rosenbohm 1995, S.21) Lutz (1983) lehnt die Struktur seiner Konzeption an die drei Phasen der klassischen ZW an. Der Anwendungsschwerpunkt der ZW nach Lutz liegt bisher in der Friedenspädagogik. Im Rahmen eines Forschungspro- gramms der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) wur- den über zweihundert so genannter „Friedenswerkstätten“ durchgeführt (vgl. Lutz 1987, S. 34).

Das Hauptziel dieser Werkstatt ist nach Lutz: „Die Auseinandersetzung mit persönlichen, tiefenpsychologisch verankerten Ängsten und Wünschen“ und „die Verbesserung kon- kreter Handlungskompetenzen“ (ebd., S. 21). Darüber hinaus definiert er die Werkstatt als: „soziales Experimentallabor zur Erforschung alternativer Zukünfte“ (ebd., S. 21). Weil sich ihre Form an den Menschen als Individuum richtet und therapeutische Elemen- te miteinbezieht, wird die ZW nach Lutz auch in der Literatur als „therapeutischen Zu- kunftswerkstatt“ beschrieben und integriert damit stärker die körperlich-seelische Di- mension in die Methode. Die Konzeption wird jedoch nicht selten mit dem Vorwurf der Psychologisierung bzw. Individualisierung und Entpolitisierung der Teilnehmer konfron- tiert (vgl. Lechler 1992, S. 56 ff.).

Ausgerichtet auf Menschen, die ihre persönlichen Probleme zum Gegenstand der Arbeit machen wollen, zielt diese Werkstattform auf individuelle Veränderungen. Mit Hilfe von Meditationsformen wird u.a. während der Utopie- und Phantasiephase versucht, „intra- und transpersonale Bewusstseinserfahrungen möglich zu machen“ (Lutz 1987, S. 95).

Das Interessante des Ansatzes ist die Einbeziehung von Szenarien in die ZW. Hier wird der Versuch gemacht, über die individuellen Zukunftsvorstellungen hinauszugehen und sie mit den gesellschaftlichen Szenarien zu konfrontieren. Um die Utopie- und Umsetzungsphase nicht einseitig zu beeinflussen, werden von ihm sowohl positive wie negative Szenarien eingesetzt. Allerdings zeichnen sich die von Rüdiger Lutz eingesetzten Szenarien durch plakative z.T. esoterische Zukunftsbilder aus.

4.1.2 Lernwerkstatt nach Stange

Diese Art der ZW hat ihre Wurzeln im Grundschulbereich bei der Umgestaltung von Klassenräumen gefunden und wird erstmals 1983 in einem Aufsatz erwähnt (vgl. Rosenbohm 1995, S. 25).

Von Stange u.a. (1986, 1987, 1992) wurde im Rahmen der politischen Jugend- und Er- wachsenenbildung die Konzeption einer Lernwerkstatt (auch Lüneburger Lernwerkstät- ten genannt) entwickelt, deren Phasenverlauf durch einen Dreischritt gekennzeichnet ist (vgl. ebd., S. 67 ff.). Sie kann als eine ZW mit verschiedenen methodischen, politischen und weltanschaulichen Orientierungen verstanden werden und nimmt eine vermittelnde Position zwischen den Konzeptionen von Jungk und Müllert bzw. Lutz ein. Ein besonde- res Kenzeichen der Lernwerkstatt ist die Anwendung der Techniken und Methoden im Hinblick auf die Zielgruppe, d.h. eine pragmatische Orientierung (vgl. Lechler 1992, S. 60), da sie bisher mit höchst unterschiedlichen Adressatengruppen durchgeführt wurden (wie z.B. mit Arbeitslosen, Senioren. Studenten, Auszubildenden oder Schülern).

Hauptzielsetzung der Lernwerkstatt ist eine Zukunftssicherung im Sinne einer umwelt- verträglichen, humanen und demokratischen Gesellschaft. Die Lüneburger Wissenschaft- ler Stange, Bardenhagen, Paschen und Tiemann konfrontieren die Teilnehmer (in dem Beispiel arbeitslose Jugendliche) mit ihren eigenen Zukunftsvorstellungen und setzten ihnen gesellschaftliche Szenarien wie z.B. eine ökologisch zerstörte Umwelt entgegen. Aus diesem Spannungsfeld sollen die Teilnehmer politische Handlungsalternativen ent- wickeln.

Allerdings äußern Vertreter der klassischen Konzeption der ZW gegenüber der Lernwerkstatt den Vorwurf der Manipulation, da die strikte Orientierung an Eigenaktivitäten der Teilnehmer nicht eingehalten wird (vgl. Lechler 1992, S. 57). Andererseits ist für unterrichtliche Zwecke besonders der Versuch positiv herauszuheben, Expertenwissen in die Methode zu integrieren.

4.1.3 Zukunftswerkstatt nach Jungk und Müllert

Die klassische Form der ZW nach Jungk und Müllert vollzieht sich in drei aufeinander folgenden Schritten bzw. Phasen: 1. der Kritik-, 2. der Utopie-/Phantasie- und 3. der Ver- wirklichungsphase. Diese Kernphasen werden eingeleitet von einer Vorbereitungsphase und abgeschlossen von einer Nachbreitungsphase (Jungk & Müllert 1994, S. 71 ff.). Die Intention und die wesentlichen Elemente dieser fünf Phasen werden im Abschnitt 5 noch näher beschrieben.

Bevor ich näher auf die einzelnen Phasen im nächsten Kapitel zu sprechen komme, möchte ich stichpunktartig einen Vergleich der Formen der ZW wiedergeben.

4.1.4 Vergleich der drei Formen der Zukunftswerkstatt

Vergleicht man die drei Formen von Werkstätten untereinander, so ergeben sich die folgenden Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten.

- Bei der Methode nach Jungk und Müllert erhofft man sich eine Lösung des Problems dadurch, dass die Teilnehmer Gegenentwürfe zu einem vorab schon bestehenden Zu- stand entwerfen, indem sie Kritikpunkte gegenüber diesem Zustand herausfiltern.
- Zur Lösung des Problems baut Lutz auf die Bildung der Betroffenheit bei den Mit- gliedern, die in extremer Form vorhanden sein muss. Nur so werden die innersten Wünsche und Ängste der Mitarbeiter realisiert. Diese dienen dann als Basis für Lö- sungsansätze. Die Umsetzung der Verwirklichungsschritte gehört nicht mehr zum Ablaufplan, dies soll in persönlicher Eigenverantwortung geschehen.
- In der Lernwerkstatt wird die Betroffenheit nur schrittweise aufgebaut. Ziel ist es, die Vorstellungskraft für die Zukunft zu erweitern.

Alle drei Arten bauen stark auf die Teamfähigkeit, die Gruppenarbeit und die häufige Präsentation vor allen Beteiligten. Im Folgenden möchte ich nun näher auf die Konzepti- on der Erfinder Jungk und Müllert eingehen und die einzelnen Phasen genauer beschreiben, da ich auch nach diesem Konzept meine ZW in der Schule durchgeführt habe.

5. Phasenstruktur der Zukunftswerkstatt nach Jungk und Müllert

Ende der siebziger Jahre war das Phasenschema entwickelt und wurde von Robert Jungk und Norbert Müllert unter dem Titel: „Zukunftswerkstätten - Mit Phantasie gegen Routi- ne und Resignation" veröffentlicht. Seitdem wurden zwar die einzelnen Phasen metho- disch ausgeweitet, das Grundschema jedoch blieb bestehen (vgl. Dauscher 1998, 97 f.). Die Intention und die wesentlichen Elemente der fünf Phasen werden in diesem Ab- schnitt beschrieben (vgl. Albers 2001, S. 70; Burow 1997, S. 26; Jungk et al. 1988, S. 128 ff.). Bei aller thematischen Offenheit und teilnehmerbezogenen Flexibilität von ZW sind sie als eigenständige Methode durch ein formales Strukturmodell mit einem klaren Regelwerk bestimmt.

Die Doppelspirale (vgl. Weinbrenner 1992, S. 18 f.) macht auf die Integration von intuitiv-emotionalem und rational-analytischem Lernen aufmerksam.

Abb. 1: Die Phasen der ZW mit Doppelspirale, aus: Jungk & Müllert 1989, S. 221

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der seit 1981 erschienenen Literatur werden das Vier-Phasen-Modell (1973) und das Fünf-Phasen-Modell (1978) (vgl. Kaiser & Kaminski 1999, S. 235) von drei Kernphasen (Kritik-, Utopie-/Phantasie-, und Verwirklichungsphase) abgelöst (vgl. Müllert 1993; Jungk & Müllert 1989;). Die prüfende und die taktische Phase sowie das soziale Experi- ment wurden zur Verwirklichungsphase zusammengefasst. Die drei Kernphasen sind eingebettet in eine Vorbereitungs- und einer Nachbereitungsphase. Die Arbeit in der ZW wird nach Jungk und Müllert sowohl von rational-analytischen als auch von intuitivemotionalen Prozessen begleitet.

Unabhängig von der Zeitplanung muss in jeder ZW gewährleistet sein, dass die drei Hauptphasen in jedem Fall durchlaufen werden. Jungk und Müllert geben für die Zeitplanung die folgende Werkstatttypen an (vgl. 1983, S. 79 f.).

5.1 Variationen von Zukunftswerkstätten

ZW können an einem pädagogischen Tag oder in der Projektwoche angeboten und durchgeführt werden. Variationen hat beispielsweise Burow und Neumann-Schönwetter (1995, S. 165 ff; vgl. Jungk & Müllert 1981, S. 79 f.) ausführlich dargestellt.

- Die Ein-Stunden-Werkstatt: Sie kann als Einstieg in eine Diskussion dienen und erfüllt insofern mehr Anreiz- und Motivationsfunktion und weniger die Funktion der Gewinnung gemeinsamer Problemlösungen.
- Die Tageswerkstatt: Dieser Werkstatttyp erfordert hohe Disziplin und Konzentration und beginnt am Morgen mit zwei Stunden für die Kritikphase, geht am frühen Nach- mittag mit mindestens zwei Stunden in die Phantasiephase über und mündet gegen Abend in die Verwirklichungsphase ein.
- Die Wochenendwerkstatt: Sie beginnt mit der Kritikphase am Freitagabend, geht am Samstag in die Phantasiephase über und endet am Sonntagmorgen mit der Verwirkli- chungsphase.
- Die Drei-Tageswerkstatt: Sie stellt nach Jungk und Müllert den Idealtyp einer ZW dar. Für jede Phase steht ein voller Tag zur Verfügung. Erst in einer solchen ausführ- lichen Werkstattarbeit gelingt es in der Regel, dass die Teilnehmer sich aus den Zwängen des Alltags lösen und frei und ungezwungen miteinander kommunizieren.

5.2 Einblicke in den Ablauf der Zukunftswerkstatt nach Jungk und Müllert

Nachfolgend möchte ich diese Phasen, deren Ablauf und Regeln (vgl. Burow & Neumann-Schönwetter 1997, S. 26 f.) beschreiben.

5.2.1 Vorbereitungsphase

Im Vorfeld einer ZW ist die inhaltliche und organisatorische Planung wesentlich. Die Vorbereitung beinhaltet die Auswahl der Adressatengruppe und der Räumlichkeiten, die Beschaffung von kreativen Materialien und anschaulichem Informationsmaterial zum Thema (vgl. Kuhnt & Müllert 1996, S. 38 ff.). Ideal ist eine Gruppengröße von 12 bis 30 Personen (vgl. Jungk & Müllert 1997, S. 75). Eine ZW oder „Denkwerkstatt“ mit Visualisierungsmöglichkeiten soll den reibungslosen Wechsel von Arbeit (Spannung) und Erholung (Entspannung) ermöglichen“ (Jungk & Müller 1983, S. 82).

In der Vorbereitungsphase werden folgende Vorarbeiten getroffen. Ein wesentlicher Punkt ist hierbei die Findung der Thematik für die ZW. Als mögliche Themen eignen sich besonders Probleme und Fragestellungen, welche von einer Gruppe Betroffener als lösungsbedürftig und ebenfalls lösbar angesehen werden. Dauscher (1998) bemerkt dazu:

„Die Vorbereitungsphase umfasst den Zeitraum von der Entstehung der Idee für die Zukunftswerkstatt bis zum Beginn der Kritikphase, reicht also zeitlich in die Veranstaltung hinein.“ (ebd., S. 117)

Wie es zur Kontaktaufnahme kommt und unter welchen Rahmenbedingungen eine ZW durchgeführt werden kann, wird im Anschluss beantwortet.

5.2.1.1 Örtlichkeiten

Die ZW sollte in einem großen Raum mit viel freier Wandfläche für Plakate, Wandzei- tungen usw. abgehalten werden. Am besten arbeitet es sich dort im Stuhlkreis ohne Ti- sche. Drei kleine Räume sollten als Gruppenarbeitsräume zur Verfügung stehen. Auch die Möglichkeit der Verpflegung sollte gegeben sein (vgl. Albers & Broux 1999, S. 29).

5.2.1.2 Dauer

Der Zeitraum für eine effektive ZW liegt zwischen drei Stunden (Kurzwerkstatt) und fünf Tagen. Jungk und Müllert (1994, S. 80) schreiben, dass die Tageswerkstatt am häu- figsten vorkomme. Die Autoren Kuhnt und Müllert (1996, S. 38) sowie Albers und Broux (1999, S. 29) haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Wochenend-Werkstatt von zwei Tagen als Standard herausgebildet hat. Sämtliche Autoren sind sich jedoch ei- nig, dass es ideal ist, eine Drei-Tages-Werkstatt mit ausreichenden Pausen zu veranstal- ten, so dass jeder Phase ein ganzer Tag gewidmet werden kann (Albers & Broux 1999, S. 29; Weinbrenner & Wiemeyer 1998, S. 11; Jungk & Müllert 1994, S. 81).

5.2.1.3 Kontaktaufnahme

Die eigentliche Werkstattarbeit beginnt aber mit dem thematischen kennen lernen, welches das Hineinfinden in das Werkstattthema mit der gegenseitigen Vorstellung, dem Festlegen von Regeln und einer offiziellen Begrüßung durch die Moderatoren verbindet. Der zeitliche Ablauf wird gemeinsam festgelegt und die Methode ZW, Vorgehensweise und Ziel der Arbeit kurz vorgestellt (Kuhnt & Müllert 1996, S. ff.; Burow 1993, S. 15 f.; Jungk & Müllert 1989, S. 73 ff.).

Burow (1993) empfiehlt an dieser Stelle noch eine Erwartungsabfrage der Teilnehmer (ebd., S. 15 f.). Bewegungs,- Lockerungs- und Kennenlernübungen (sog. Warming-ups) werden verwendet, um eine vertrauensvolle Gruppenatmosphäre zu schaffen.

5.2.1.4 Raumaufteilung

Jungk und Müllert ziehen zur Raumgestaltung Entwürfe der Metaplan-Gruppe (Jungk & Müllert 1983, S. 81 ff.) mit heran. Als wichtig werden eine halbkreisförmige Sitzordnung, große Wandflächen zur Visualisierung und Möglichkeiten zur Kleingruppenarbeit erachtet. Metaplan wird mit folgenden Anforderungen an den Raum zitiert:

„Das Herrichten des Raumes verdient unsere besondere Aufmerk- samkeit, denn gewohnte Sitzordnungen, hintereinander oder um einen großen Tisch herum, würde die Werkstattarbeit bremsen.“ (Jungk & Müllert 1983, S. 81)

Erfahrungen zeigen, dass das Programm einer Werkstatt häufig zu dicht gedrängt ist und Abschnitte sich teilweise in die Länge ziehen. Konsequenzen sind Hektik, Zeitnot und eine allgemeine Unzufriedenheit der Teilnehmer und des Moderators. Deshalb ist eine genaue Strukturierung einer Werkstatt wichtig. Die ZW muss auf das Thema zugeschnit- ten werden. Der Moderator plant die drei Phasen möglichst genau durch, ohne später starr an das Konzept gebunden zu sein. Es soll lediglich einen Rahmen bieten. Jede Phase wird durchgespielt. Die Überlegungen zielen darauf, die Phasen zu unterteilen und für jeden Abschnitt eine Aufgabe oder Fragestellung und die jeweilige Arbeitsform festzule- gen. Die Methode ZW ist deutlich durch den Wechsel der Arbeitsformen zwischen Ple- num und Arbeitsgruppen gekennzeichnet.

[...]

Details

Seiten
119
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638585354
ISBN (Buch)
9783640259045
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67162
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Handlungsorientierung Beispiel Zukunftswerkstatt Offenen Schule Waldau

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Handlungsorientierung am Beispiel einer Zukunftswerkstatt an der Offenen Schule Waldau