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Modernität des Nibelungenliedes - Kriemhild als moderne Figur

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modernität um 1200
2.1 Die Frau als Mittelpunkt von Hof und Gesellschaft
2.2 Das Thema Liebe um 1200

3. Kriemhild
3.1 Kriemhild als „bedauernswertes Opfer“
3.2 Kriemhild als „entmenschte Mörderin“
3.3 Kriemhild als „Leidende und Liebende“

4. Die Bedeutung der Liebe für Kriemhild
4.1 Die Liebe zwischen Kriemhild und Siegfried
4.2 Diu getriuwe
4.3 Rache für Siegfried
4.4 Kriemhilds Entscheidung für die Liebesbindung und gegen die Sippenbindung

5. Möglichkeiten und Grenzen des Begriffs Modernität
5.1 Personalität und Identität: These der Modernität Kriemhilds nach Klaus Grubmüller
5.2 Subjektivität und Individualität: These der Modernität Kriemhilds nach Walter Haug

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Modernität des Nibelungenliedes

Kriemhild als moderne Figur

1. Einleitung

Das Nibelungenlied gilt als eines der großartigsten und bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters. Sein historischer Kern ist die burgundisch- fränkische Geschichte und seine Wurzeln reichen bis in die vorchristliche Zeit zurück. Nach langer mündlicher Überlieferung wurde es um 1200 im Raum Passau aufgeschrieben. Es wurde bei Hof von fahrenden Sängern vorgetragen und ist demnach das Werk einer großen Anzahl von Dichtern.

Nachdem es über mehrere Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war, wurden seine verschiedenen Handschriften im 18. Jh. wiederentdeckt. Von da an „hat das Nibelungenlied die Fachgeschichte der älteren Germanistik von ihren Anfängen an bis heute begleitet; denn es war der erste mittelalterliche Text, mit und an dem seither bis heute ununterbrochen gelehrt, gelernt und geforscht wird.“[1]

Das Nibelungenlied erzählt die Geschichte von der Königstochter Kriemhild, deren unerbittliche Liebe zu ihrem Helden Siegfried am Ende zum Untergang zweier großer Völker führt. „als ie diu liebe leide z´aller jungeste git“ (2378). Das Thema Liebe ist – wie vielleicht kein anderes – heute so aktuell wie damals.

Für den Philologen Klaus Grubmüller bedeutet Modernität um 1200 in Bezug auf Literatur, dass mit dem Nibelungenlied „eine anspruchsvollere Ethik als die primitiv-historische sich Bahn bricht. Liebe und Macht sind [nun] die Diskussionsfelder (…). Liebe noch mehr als die Macht gefährdet die Selbstkontrolle, gefährdet die Identität der Person.“[2] Kann man demnach das Nibelungenlied – laut Grubmüller – als ein „modernes Werk“ bezeichnen? Die zentrale Figur, die für diese Untersuchung herangezogen wird, ist Kriemhild. Im Vergleich zu Figuren in anderen mittelalterlichen Werken geht sie einen völlig neuen Weg: „Sie stürzt die Gesellschaft, die (…) ihre Liebe zerstört hat, (…) in den Untergang.

Sie setzt der konsequenten Allgemeinheit und Kollektivität die konsequente Personalität entgegen, zu der ihr nur die Liebe das Recht gibt.“[3] An dem Weg Kriemhilds, ihrem Handeln und ihren Entscheidungen aus Liebe soll untersucht werden, ob sie das Prädikat „modern“ erhalten darf und inwieweit ihre Figur für die Modernität des Nibelungenlieds von Bedeutung ist.

Zunächst wird die Stellung der adeligen Frau im Mittelalter dargestellt, um einen Einblick in die Zeit zu bekommen. Welche Bedeutung hatte das Thema Liebe in der Literatur um 1200? Anschließend wird die Figur Kriemhilds aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, ihre Liebe zu Siegfried sowie die Rache aus Liebe und ihre Entscheidung für die Liebe und gegen ihre Brüder dargestellt. Zum Schluss werden Möglichkeiten und Grenzen des Begriffs Modernität im Bezug auf das Nibelungenlied nach Klaus Grubmüller und Walter Haug diskutiert.

2. Modernität um 1200

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht Kriemhild, die burgundische Königstochter, die Königin der Nibelungen und schließlich Hunnenkönigin wird. Im Folgenden wird kurz dargestellt, wie sich das Leben einer adeligen Frau im Mittelalter abgespielt hat um historische Hintergründe und Motive wie z. B. die Morgengabe zu verdeutlichen.

2.1 Die Frau als Mittelpunkt von Hof und Gesellschaft

Das Leben der fürstlichen Frau bzw. der Gemahlin des mittelalterlichen Königs war vor allem von einer Pflicht bestimmt: Die wichtigste dynastische Aufgabe jeder adeligen Dame war das Gebären von Nachkommen. Dabei wurde keine Rücksicht auf Leib und Leben der werdenden Mutter – auch wenn es die Königin war – genommen. Bereits im Alter von 14 Jahren mussten die Frauen Kinder zur Welt bringen, was die Folge von zahlreichen Früh- und Totgeburten war. Je mehr Nachkommen desto besser und Söhne als Thronfolger waren besonders erwünscht.[4]

Im expliziten Gegensatz dazu standen die übrigen Pflichten der mittelalterlichen Königin. Sie war Teilhaberin und vor allem Repräsentantin des Reichs und begleitete ihren Gatten, den König, sowohl auf seinen Reisen als auch auf den Kriegszügen. Sie war anwesend bei allen Reichs- und Hoftagen und Trägerin der Krone bei Hochfesten. Vor allem aber galt sie als Mittelpunkt des Hofes, dem sie Ehre und Glanz verlieh und der erst durch ihre Anwesenheit seine ganze Ausstrahlungskraft zur Geltung bringen konnte.

Solange eine Dame unverheiratet war, stand sie unter der Vormundschaft des Vaters. Starb dieser, waren die Brüder der Vormund, wie auch im Falle Kriemhilds. Diese räumten ihr eine vorzügliche Rechtsposition ein, indem sie ihr sogar eine Teilhabe am Königtum zubilligten. Nach der Vermählung trat die Frau in den Rechtsbereich des Mannes ein, war jedoch im Bezug auf ihren Besitz und ihr Eigentum voll handlungsfähig.

Starb der König vor seiner Gemahlin, so übernahm sie die Vormundschaft für den noch unmündigen künftigen Herrscher, sie regierte also das Reich. Sie besaß eigenes Vermögen, über das sie frei verfügen konnte, und das betraf auch ihre Morgengabe, die der Ehemann ihr im Falle einer Witwenschaft überschrieben hatte. Rechtlich diente die Morgengabe der finanziellen Sicherstellung der Frau, aber im mittelalterlichen Brauch lebten auch noch Reste des germanischen Gedankenguts fort, wonach die Gabe des Mannes am Morgen nach der Hochzeitsnacht die Frau ehrte und die Eheschließung besiegelte. Kriemhild war in diesem Sinne sehr privilegiert, denn ihre Morgengabe war der Nibelungenhort, ein außerordentlich großer Schatz, mit dem sie ihre Untertanen großzügig beschenkte um sich mit deren Hilfe an ihren Feinden zu rächen.

2.2 Das Thema Liebe um 1200

Liebe ist vielleicht das „modernste Thema in der Literatur um 1200“.[5] In dieser Zeit zogen die damals berühmten Minnesänger, wie zum Beispiel Walter von der Vogelweide von Ort zu Ort durch ganz Mitteleuropa um ihre Minnelyrik an den zahlreichen fürstlichen Höfen und Burgen zum Besten zu geben und aufschreiben zu lassen. Diese gesungene Dichtung handelte meist von der unerfüllten Liebe zu einer wunderschönen adeligen Frau.

So eine unerwiderte Liebe war in den Herrscherhäusern der damaligen Zeit die Regel. Vermählungen waren eine dynastische Pflicht und wurden meist aus machtpolitischen Gründen durchgeführt. Es galt ein Wertekodex, in dem ein Recht auf privates Glück nicht vorgesehen war. Eine Liebesheirat wie bei Siegfried und Kriemhild im Nibelungenlied war eher die Ausnahme. Auch Kriemhild musste nach dem Tod ihres Mannes die Erfahrung einer unglücklichen Liebe machen als sie die Ehe mit dem Hunnenkönig Etzel führte.

In der mittelalterlichen wie auch in der Weltliteratur wurde immer wieder der Gedanke durchgespielt, dass erst im Tode wahre Liebesgemeinschaft möglich sei. Diese Idee finden wir auch bei Kriemhild wieder, auf die später noch näher eingegangen wird.

„Über das Thema Liebe gewinnt das Nibelungenlied Anschluss an die Literatur seiner Zeit.“[6]

[...]


[1] Bartsch/ De Boor 2002, S. 980

[2] Grubmüller 1994, S. 69

[3] Grubmüller 1994, S. 72

[4] Nach Schwarzmaier/ Herrbach-Schmidt

[5] Grubmüller 1994, S. 70

[6] Grubmüller 1994, S. 70

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638601610
ISBN (Buch)
9783638755993
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67154
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät
Note
2
Schlagworte
Modernität Nibelungenliedes Kriemhild Figur Proseminar Nibelungenlied

Autor

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