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Lachen über das Grauen? Die Komik in Chaplins Der große Diktator

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 26 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. „Der Große Diktator“: Inhalt und Hintergründe
2. Was ist Komik?
3. Die Arten des Komischen im Film „Der Große Diktator“
4. Lachen über das Grauen?

III. „Der Große Diktator“: Satire oder Komödie?S

Literatur

I. Einleitung

Mit dem Umzug der Universität in den Poelzig-Bau wurden auf Grund der historischen Bedeutung des Gebäudes im Sommersemester 2001 viele Seminare zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust angeboten. Man war von dem ganzen Thema so umgeben, dass sich bei mir bald das Walser´sche Gefühl von Über-Konfrontation einstellte: Überall bedrückte Stimmung und Schuldgefühle. Ich war richtiggehend erleichtert, über den Chaplin-Film „Der Große Diktator“ endlich mal lachen zu können – nicht ohne dass sich hinterher wieder so etwas wie ein schlechtes Gewissen einstellte: Darf ich das überhaupt?

Auf dieser Überlegung basiert diese Hausarbeit. Zunächst sollen der Inhalt des Films dargestellt und seine Entstehungshintergründe beleuchtet werden. Dann möchte ich einen kurzen Überblick über verschiedene Theorien der Komik und des Lachens geben, bevor an Hand von Freuds Überlegungen das Komische im Film analysiert werden soll. An dieses Kapitel, das klären soll, warum wir über den „Großen Diktator“ lachen, soll sich eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob man über Hitler und den Faschismus überhaupt lachen darf, anschließen. Dabei sollen mehr als in den vorangegangenen Kapiteln auch mein eigener Standpunkt und meine Schlussfolgerungen eine Rolle spielen. Abschließend möchte ich in Anlehnung an Rudolf Arnheims Filmkritik klären, was der Film versäumt hat und die Frage reflektieren: Ist „Der Große Diktator“ überhaupt eine Komödie?

II. Hauptteil

II.1 „Der Große Diktator“: Inhalt und Hintergründe

Der Erste Weltkrieg: Die tomanischen Soldaten versuchen, mit Hilfe der „Dicken Berta“, einer Kanone mit besonders großer Reichweite, den Krieg doch noch für sich zu entscheiden. Einer der Soldaten ist der jüdische Friseur Charlie[1]. Als der Feind die tomanischen Truppen unter Beschuss nimmt, rettet er sich und den verletzten Kampfflieger Schultz in dessen Flugzeug. Doch der Treibstoff geht aus, und bei der Bruchlandung verliert Charlie sein Gedächtnis.

Zwei Jahrzehnte verbringt er im Krankenhaus, doch als es den Barbier letztendlich in seinen Friseursalon zurück zieht, findet er außerhalb der geschützten Welt des Spitals ein fremdes Tomanien vor: Herrscher des Landes ist der Diktator Anton Hynkel, der die jüdische Bevölkerung in Ghettos von seinen Sturmtrupps schikanieren lässt. Nichtsahnend legt sich Charlie mit diesen an und entkommt der prekären Situation nur durch die Hilfe des jüdischen Mädchens Hannah, das bei Charlies Nachbarn wohnt.

Derweil strebt Hynkel nach der Weltmacht. Er hat das Volk hinter sich stehen und führt von seinem aus Gold und Marmor gebauten Palast aus das Regiment über Tomanien. In seinen Größenphantasien beschließt Hynkel mit Hilfe seines Beraters Gorbitsch, dass erst alle Juden und dann alle Brünetten von der Erde verschwinden müssten.

Im Ghetto legt sich Charlie unterdessen immer öfter mit den Sturmtrupps an. Als die ihn gerade lynchen wollen, kommt zufällig Oberst Schultz hinzu, der mittlerweile im Dienst von Hynkel steht. Er erkennt in dem Friseur seinen ehemaligen Lebensretter und verfügt, Charlie und seine Freunde in Zukunft in Ruhe zu lassen. Als Hynkel hört, dass Schultz sich für den Juden eingesetzt hat, lässt er ihn als Verräter in ein KZ abführen. Er kann dort aber fliehen und versteckt sich bei Charlies Nachbarn im Ghetto. Nach einer Razzia der Sturmtrupps jedoch werden Schultz und der Friseur, der für seinen Verbündeten gehalten wird, gefasst und in einem KZ inhaftiert.

Inzwischen plant Hynkel, in das Nachbarland Osterlich einzumarschieren. Napoloni, der Herrscher von Bacteria, das wie Tomanien auch an Osterlich angrenzt, hat jedoch ähnliche Pläne. Bei einem Staatsbesuch kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden, die in einer Schlacht am Buffett endet. Letztendlich willigt Hynkel nach Beratung mit Gorbitsch ein, den Vertrag zu unterzeichnen, mit dem er Napoloni zusichert, nicht in Osterlich einzumarschieren, was er insgeheim trotzdem beabsichtigt. Um sich möglichst unauffällig zu verhalten, geht er auf Entenjagd, während seine Armee schon bereit steht.

Unterdessen konnten ganz in der Nähe Schultz und Charlie in Offiziersuniform aus dem KZ fliehen. Während die beiden sich möglichst unauffällig zu Fuß auf den Weg in das vermeintlich sichere Osterlich machen, wird Hynkel, der dem Friseur zum Verwechseln ähnlich sieht, bei seiner Entenjagd versehentlich von seinen eigenen Trupps an Stelle Charlies verhaftet.

Gleichzeitig wird in Osterlich der Barbier für Hynkel und Schultz für dessen rehabilitierten Vertrauten gehalten und frenetisch vom Volk begrüßt. Um nicht entlarvt zu werden, spielen die beiden mit, bis Charlie in der Rolle des Diktators eine Rundfunkansprache halten soll, die in die ganze Welt gesendet wird. Der jüdische Friseur nimmt seinen ganzen Mut zusammen: Er verliert vor dem Mikrofon seine Schüchternheit und hält eine Rede, in der er für Freiheit und Frieden in der Welt plädiert. Am Schluss seiner Ansprache, die begeistert gefeiert wird, richtet er sich persönlich an Hannah, die ihm irgendwo in Osterlich zuhört, wohin sie mittlerweile geflohen ist. Als sie in dem Redner Charlie erkennt, schöpft sie wieder neuen Lebensmut.

Die Entstehung des Films

Die erste Idee, eine Verwechslungskomödie zu machen, deren Gegenstand zum einen Hitler und zum anderen der Tramp sein sollte, trug 1937 Alexander Korda an Charles Chaplin heran. Der verwarf den Gedanken zunächst. Doch als die Lage in Europa immer prekärer wurde und sich ein Krieg zusammen braute, nahm Chaplin den Vorschlag wieder auf. „Damals hielt ich nicht viel von der Idee, doch jetzt war sie aktuell, und ich brannte darauf, wieder an die Arbeit zu gehen. Ganz plötzlich wurde es mir klar. Natürlich! Als Hitler konnte ich die Massen großtuerisch in ihrem Jargon bearbeiten und soviel sprechen, wie ich wollte. Als Tramp konnte ich dann mehr oder minder still bleiben. In einem Hitler-Film konnte ich Burleske und Pantomime miteinander verbinden. So eilte ich begeistert nach Hollywood zurück und setzte mich daran, das Drehbuch zu schreiben.“ (Charles Chaplin, zitiert nach Schnelle 1994, S. 92) Chaplin brauchte zwei Jahre, um die Geschichte zu entwickeln, und bei Kriegsbeginn war das Drehbuch fertig.

Am 9. September 1939 begannen die Dreharbeiten. Chaplin drehte seine beiden Rollen strikt voneinander getrennt: Erst nahm er alle Szenen auf, in denen der Frisör und das Ghetto im Mittelpunkt stehen. Dann kamen die Stuntszenen und Außenaufnahmen, u.a. die Szenen aus dem Ersten Weltkrieg. Erst danach wurden die Szenen gedreht, in denen Chaplin den Diktator spielt. Auf diese Rolle hatte er sich intensiv vorbereitet: Er studierte Hitlers Mimik und Gestik anhand von Wochenschau-Material und Fotos, die er sich extra zu diesem Zweck aus Europa hatte schicken lassen, damit sein Film so authentisch wie möglich werden würde. „Der Vollblutschauspieler Chaplin ließ sich immer ganz von seiner Rolle vereinnahmen, die er spielte, wie es Kollegen während seiner ganzen Laufbahn bestätigt haben. Als er zum ersten Mal in die Uniform und Rolle eines autokratischen und bösen Charakters schlüpfte, war selbst er von der Wirkung vorübergehend beunruhigt. Wie Reginald Gardiner zu berichten weiß, war Chaplin, als er das erste Mal in seiner Hynkel-Uniform zu Dreharbeiten erschien, merklich kühler und schroffer als zuvor, als er den jüdischen Friseur gespielt hatte.“ (David Robinson, zit. nach Schnelle 1994, S.93) Im März 1940 waren die Hauptdreharbeiten beendet. Erst danach drehte Chaplin noch die berühmte Schlussrede. Schon während der Dreharbeiten begegnete Chaplin von allen Seiten Skepsis, er erhielt Drohbriefe und United Artists befürchtete Schwierigkeiten mit der Zensur. Doch Chaplin ließ sich davon nicht irritieren. „Dann entschloß sich Hitler, nach Rußland einzumarschieren! Das war der Beweis dafür, daß sein unvermeidlicher Wahnsinn ausgebrochen war. Die Vereinigten Staaten waren noch nicht in den Krieg eingetreten, doch sowohl in England als auch in Amerika fühlte man eine gewisse Erleichterung. Jetzt wurde ich mit Telegrammen aus New York überschüttet: ‘Beeilen Sie sich mit dem Film, alles wartet darauf.’“ (Charles Chaplin, zit. nach Schnelle 1994, S. 95)

Der Perfektionist Chaplin feilte noch bis kurz vor der Premiere an seinem zwei Millionen Dollar teuren Werk, und am 15. Oktober 1940 wurde der Film erstmals der Presse im Astor in New York vorgeführt. Allen Skeptikern zum Trotz wurde der Film ein großer Erfolg und lief fünfzehn Wochen in zwei Theatern in New York gleichzeitig. Das Publikum war begeistert, wohingegen viele Kritiker an der Schlussrede etwas auszusetzen hatten. „Die New Yorker Daily News schrieb, ich wiese mit dem Finger des Kommunismus auf meine Zuhörer. Doch obgleich die meisten Kritiker an der Ansprache etwas auszusetzen hatten und behaupteten, sie falle aus dem Rahmen, war das große Publikum von ihr ergriffen, und ich empfing viele sehr schöne Briefe, die sie lobten.“ (Charles Chaplin, zit. nach Schnelle 1994, S. 104).

Alle Diplomaten und deutschfreundliche Amerikaner, die versucht hatten, den Vertrieb des Films aufzuhalten, konnten nicht verhindern, dass Hitler ihn letzten Endes doch noch zu sehen bekam. Die Nazis hatten eine Kopie davon in Portugal gekauft und nach Deutschland gebracht. Goebbels sah ihn als erstes und tobte erwartungsgemäß darüber. Er verfügte, dass der Film niemals gezeigt werden dürfe. Hitler bestand aber darauf, den Film alleine zu sehen. Am nächsten Abend schaute er ihn sich ein zweites Mal an, wieder allein. Zum Leidwesen Chaplins ist nicht bekannt, wie Hitler darauf reagierte. „Wenn Chaplin diese Geschichte seinen Freunden erzählte, fügte er hinzu: ‘Ich würde alles geben, um herauszufinden, was er darüber gedacht hat.’“ (John McCabe, zit. nach Schnelle 1994, S. 104).

[...]


[1] Im Film hat der jüdische Friseur keinen Namen. Da er jedoch dem chaplin´schen Tramp entspricht, soll er im Folgenden der Einfachheit halber Charlie genannt werden, wie dies auch in der Literatur zum Film oft gehandhabt wird.

Details

Seiten
26
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638142199
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6712
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Lachen Grauen Komik Chaplins Diktator Hauptseminar Holocaust

Autor

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