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Der Taoismus und dessen Vergesellschaftungsprozess in China

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung und Abgrenzung der thematischen Fragestellung dieser Hausarbeit

2. Taoismus als spirituelle Philosophie oder Religion
2.1 Die Anfänge des Taoismus in China im geschichtlichen Kontext
2.2 Die Schriften des Taoismus und deren Inhalte
2.3 Die Politisierung des philosophischen Taoismus

3. Die Bedeutung des Taoismus während der T’ang Dynastie

4. Geheimgesellschaften im Kaiserreich
4.1 Entstehung von Geheimgesellschaften in China
4.2 Mitgliederstruktur und religiöses Moment der Geheimgesellschaften

5. Zusammenfassung

Quellen:
Bücher:
Internet:
Zeitungen:

1. Einleitung und Abgrenzung der thematischen Fragestellung dieser Hausarbeit

In der Volksrepublik China gibt es offiziellen Angaben zufolge ca. 30 Millionen Anhänger des Taoismus bzw. Daoismus. Da diese 30 Millionen Menschen nur zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung Chinas ausmachen, stellt sich die Frage, inwiefern diese religiöse Gruppe in der Vergangenheit am politischen Leben des Kaiserreichs beteiligt war. Es stellt sich weitergehend die Frage, ob der Taoismus als Religion ein eher kooperatives Verhältnis, ähnlich wie z.B. der Konfuzianismus über 2000 Jahr hinweg, zum Kaiserreich China und seiner Politik hatte, oder ob der Taoismus ein eher revolutionäres Potential besitzt bzw. besaß und somit das konfrontative Element überwiegt. Weiterhin soll anfangs kurz geklärt werden, ob diese eben gestellte Frage mit der Unterscheidung zwischen Religion und Politik im Kaiserreich wissenschaftlich korrekt ist oder ob im chinesischen Kulturraum diese Unterscheidung nicht klar definiert werden kann.

Außerdem werden die wichtigsten Geheimgesellschaften Chinas vorgestellt und ihre Verbindung bzw. ihre konstituierende Rolle im politischen Leben des Kaiserreichs näher beleuchtet.

Zusammenfassend soll diese Hausarbeit erstens die Rolle des Taoismus als Religion erklären und zweitens einen Beitrag zum Verständnis des Verhältnis von Politik und dem Taoismus leisten.

Nichts in der Welt

Ist so formlos und weich wie das Wasser

Doch nichts kann besser als Wasser

Das Feste und Harte aushöhlen

Selbst ist es nicht zu zerstören.

Dass das Wasser das Feste besiegt,

Dass das Weiche das Harte besiegt-

Niemand auf der Welt, der das nicht weiss,

Und doch keiner, der es zu benutzen vermag.

Quelle: www.antikreisen.de/china/religion/daoismus.html Stand 02. 11. 2004

2. Taoismus als spirituelle Philosophie oder Religion

2.1 Die Anfänge des Taoismus in China im geschichtlichen Kontext

Die seit ca. 1000 v. Chr. bestehende Chou- Dynastie ( ursprünglich ein Vasallenstamm, der im Shensibecken siedelt[1] ) verlor um 771 v. Chr. ihre Macht und das ehemalige Reich zerfiel in kleine Feudalfürstentümer, die sich untereinander bekriegten. In diesen politischen Wirren kristallisierte sich eine neue intellektuelle Elite heraus, die hauptsächlich aus Mitgliedern des Adel bzw. der Großwürdenträger bestand ( die einzigen, die zu dieser Zeit Zugang zu adäquater Bildung hatten). Diese versuchten durch ihre unterschiedlichen Denk- bzw. Staatsmodelle den verschiedenen Fürstentümer zu gesellschaftlicher, militärischer und wirtschaftlicher Stärke zu verhelfen. Während dieser Zeit der „Hundert Schulen“ hat auch u.a. K’ung-fu Tse (lateinischer Name: Konfuzius geb. 479 v. Chr.) gelebt, dessen streng patriarchalischen Lehrschriften aber zu seinen Lebzeiten völlig wirkungslos blieben.

Andere Vertreter unterschiedlicher Schulen waren u.a. die Mohisten, die nach Mo-Ti (geb. 381 v. Chr.) allumfassende Liebe unter den Menschen propagierten oder die Strategen, Logiker, Rhetoriker bzw. die Agronomisten, deren Lehren jedoch nur kurzfristige bzw. endemische Erfolge verbuchen konnten[2].

Die Bezeichnung dieser philosophischen Lehren als Religion erscheint zum damaligen Zeitpunkt jedoch als unangebracht. Religion ist dem modernen Religionsbegriff zufolge ein normativ-strukturierter Komplex von Ideen, Verhaltensweisen und Praktiken, deren gemeinsamer Bezug eine übernatürliche Wirklichkeit und ein hiermit verknüpftes Moment der Sakralisierung sozialer Sachverhalte ist und eine letztgültige und –verbindliche Sinngebung des individuellen und sozialen Lebens beansprucht[3]. Wichtig ist also, dass zu dieser Zeit höchstens von einer Volksreligion, die aus Mythologien, Naturgottheiten, Ahnengeistern und schamanistischen Praktiken bestand, gesprochen werden kann, ohne dass auch nur eine der philosophischen Lehren diesen Ansprüchen des Religionsbegriffes gerecht wird. In dieser Volksreligion wurde besonders der Ahnenkult bzw. die Ahnenverehrung unter der Shang-Dynastie (1766-1122 v.Chr.) sowie unter der nachfolgenden Chou-Dynastie (ca. 1025- 256 v. Chr.) politisch instrumentalisiert, um eine kontinuierliche Abfolge ihrer Ahnenreihe zu konstruieren[4]. Bereits mit dieser wichtigen Verknüpfung im 1. Jahrhundert v. Chr. konnte China nicht mehr als säkularer Staat gelten. Dieses damals fest verankerte Strukturelement einer Religion im chinesischen Kulturraum erklärt die Tatsache, das die Übersetzung des westlichen Terminus der Religion (tsung-chiao/zongjiao) wortwörtlich übersetzt Ahnenlehre bedeutet, weil die Ahnenverehrung bis heute ein religionsübergreifendes, bedeutendes Merkmal der chinesischen Kultur ist . Anhand der chinesischen Geschichte lässt sich die Kooptierung (volks)religionsähnlicher Riten und Praktiken feststellen, wodurch die Unterscheidung dieser, nach unserem Politik bzw. Religionsverständnis, getrennten Teilsysteme erschwert wird.

Weiterhin muss beachtet werden, dass im wissenschaftlichen Kontext unserer „abendländischen“ Kultur, u.a. durch die Säkularisierungsprozesse während der Aufklärung, das Verhältnis von Politik und Religion im Sinne der Beziehung von säkularen Staat und (christlicher) Kirche abgehandelt wird. Zwei voneinander getrennte Teilsysteme, die aber durchaus dialektisch aufeinander Einfluss nehmen können. Diese Unterscheidung ist der chinesischen Tradition fremd! Sie kennt keine Trennung von Immanenz und Transzendenz, sondern der Himmel und die Menschen sind eins ( t’ein-jen ho-yi/tianren), es besteht ein Kontinuum und ein Kommunikationsverhältnis zwischen beiden, durch das die Harmonie zwischen der menschlichen und der himmlischen Ordnung immer wieder aufs Neue hergestellt werden musste[5].

Nach dieser Unterscheidung bzw. kurzem Exkurs können somit alle anderen Denkschulen zum damaligen Zeitpunkt lediglich als spirituelle Philosophien bzw. Denkschulen betrachtet werden.

Eine dieser philosophischen Denkschulen mit ihren verschiedenen Intentionen ist bzw. war der Daoismus bzw. Taoismus[6]. Als elementarer Grundgedanke des Taoismus kann der Rückzug aus Politik und Gesellschaft genannt werden. Ziel ist es also nicht, wie im Konfuzianismus die Eingliederung des Individuums in die hierarchische Gesellschaft, sondern das Erreichen einer Ebene durch Meditation, außerhalb der bestehenden Gesellschaftsverhältnisse bzw. der realen Existenz, in der Ruhe und die Möglichkeit der absoluten Kontemplation gefunden wird. Der Taoismus ist schwierig exakt zu beschreiben, da er intensiv mit der lokalen Geschichte einzelner Regionen Chinas verbunden und durch Inkorporation bereits bestehender Kulte bzw. traditioneller Riten gekennzeichnet ist und somit im Laufe der Zeit immer wieder synkretisiert wurde.

In diesem Kapitel sollen die Anfänge des Taoismus in China beleuchtet werden. Zu Beginn dieser theoretischen Einführung müssen bzw. sollten die nur teilweise historisch verbürgten Anfänge des Taoismus betont werden. Die angegeben Quellen entsprechen dem momentanen Stand der Forschung bzw. dem weitläufigen wissenschaftlichen Konsens über die Entstehung des Taoismus.

„An der Wurzel des Taoismus steht einerseits die Lehre des Mo-Ti(479-381 v. Chr.), der die Ideale der allgemeinen Menschenliebe, der Gleichheit der Menschen, eine auf Sparsamkeit und Fleiß konzentrierte und durch eine starke Religiosität abgesicherte Moral, die Wahlmonarchie und einen umfassenden Völkerfrieden propagierte.“[7]

Gleichzeitig wird auch dem möglicherweise nur fiktiven Lao-tzu[8] eine wichtige Position als Autor des Dao-de jing oder Tao-te-ching[9] zugerechnet. Das Tao-te-ching gilt als das Ursprungsdokument des Taoismus, eine aus 5000 Zeichen bestehende Sammlung älterer Spruchweisheiten volksreligiösen Ursprungs. Dieser Quelle nach hat der Taoismus gewisse Lehren, verbreitet von Mo-Ti, adaptiert und in die eigene Philosophie, basierend auf den Schriften von Lao-tse, hinein interpretiert.

„Laozi gilt als spiritueller Initiator der daoistischen Religion. Die Vergöttlichung dieses Namens ist bereits für die Han- Zeit (2. Jahrhundert v. Chr.) belegt. Unter dem Titel Taishing Laojun ( Der Höchst Erhabene Lord Lao) bildete er mit den Gottheiten Da-dao-jun und Yuanshi Tianzun ( Der Himmelsehrwürdige des Uranfangs) eine Trinität an der Spitze des umfangreichen daoistischen Pantheons“[10] ( Gesamtheit der Götter einer bestimmten Religion).

„Die beiden wichtigsten taoistischen Textsammlungen, dass dem Lao-tzu(dem alten Meister) zugeschriebene Tao-te-ching(>Klassiker von Weg und Tugend<) und das Buch Chuang-tzu (Meister Cchuang), das von den Philosophen Chuang Chou stammen soll..“[11]

Diesen Quellen zufolge ist bzw. kann Lao-tse als der Hauptbegründer des Taoismus gesehen werden. Dem chinesischen Großhistoriker Sima Qian zufolge war Lao-tse ein Zeitgenosse des Konfuzius und hatte während der Chou-Dynastie mehrere weltliche Ämter, u.a. als Archivar am Hof, und Namen inne. Er hieß Li Er, hatte den Großjährigkeitsnamen Eo-Yang und den Tabunamen Dan. Anderen Quellen zufolge hieß Lao-tse mit dem Familiennamen Li, mit dem Rufnamen Erl und mit dem persönlichen Namen Tan, also nach chinesischer Sitte Li Erl oder Li Tan. Das Wort Lao heißt „alt“, das Wort Tse heißt „Meister“, sodass Lao-tse „Alter Meister“ bedeuten würde.[12] Es besteht ebenso die Möglichkeit, dass Lao lediglich ein alter Klanname war, was der häufige Gebrauch von der Kombination „Lao Tan“ im chinesischen Altertum nahe legt. Inwieweit Lao-tse überhaupt tatsächlich gelebt hat oder nur als fiktiver Autor verschiedener volksreligiöser Schriftsammlungen fingiert, lässt sich anhand der vorhandenen Quellen nicht einwandfrei feststellen und soll in dieser Arbeit unbeantwortet bleiben.

Trotz aller Unsicherheit in den Datierungen der Schriften bleibt festzuhalten, dass der Ursprung des philosophischen Taoismus während der Zeit der „Hundert Schulen“ einzuordnen ist. Viele unterschiedliche Elemente bzw. intentionalen Aspekte des philosophischen Taoismus wurden mit dem „Himmelsmeister-Taoismus“ im 2. Jahrhundert neu formiert und können als Ursprung einer organisierten Religion gesehen[13] werden.

[...]


[1] Vgl.: Der große Ploetz, 32. Auflage. Komet

[2] Vgl.: Der große Ploetz, 32. Auflage. Komet

[3] Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft, Band 2. München 2002

[4] Hildebrandt, Mathias: Politik und Religion in den konfuzianisch geprägten Staaten Ostasiens, in: Minkenberg, Michael/ Willems, Ulrich: Politik und Religion. PVS-Sonderheft. Wiesbaden 2003 S. 5 (erweiterte Vision)

[5] Ching, Julia, Chinese Religions. Houndmills 1993, in: Hildebrandt, Mathias: Politik und Religion in den konfuzianisch geprägten Staaten Ostasiens, in: Minkenberg, Michael/ Willems, Ulrich: Politik und Religion. PVS-Sonderheft. Wiesbaden 2003 S. 3 (erweiterte Vision)

6 Der Einfachheit halber wird in Zukunft nur von Taoismus die Rede sein; Daoismus ist ein Synonym, wird aber in der Literatur weniger häufig gebraucht.

[7] Hildebrandt, Mathias: Politik und Religion in den konfuzianisch geprägten Staaten Ostasiens, in: Minkenberg, Michael/ Willems, Ulrich: Politik und Religion. PVS-Sonderheft. Wiesbaden 2003 S. 8 (erweiterte Vision)

8 Für diese Person gibt es im Lateinischen unterschiedliche Übersetzungen, der Einfachheit halber wird in Zukunft nur noch Lao-tse verwendet

9 Für diese Schriftensammlung existieren ebenso verschiedene Übersetzungen, der Einfachheit halber wird in Zukunft nur noch Tao-te-ching verwendet.

10 Tworuschka, Monika und Udo ( Hrsg.): Religionen der Welt in Geschichte und Gegenwart. München: Bertelsmann, S. 358

[11] Bauer, Wolfgang: China und die Hoffnung auf Glück. Paradiese- Utopien- Idealvorstellungen. München 1971, S. 63

[12] Wilhelm, Richard: Lao-Tse und der Taoismus, Stuttgart 1948, S. 15

[13] MS Encarta 2004

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638599863
ISBN (Buch)
9783638715843
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67107
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politik
Note
2,3
Schlagworte
Taoismus Vergesellschaftungsprozess China Hauptseminar Religion Staaten Ostasiens“

Autor

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