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Wahnsinn in der Literatur am Beispiel von Oskar Maria Grafs "Wir sind Gefangene" und Arnold Zweigs "Der Mann des Friedens"

von Franziska Marschick (Autor)

Seminararbeit 2006 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

I. Wahnsinn – Der Versuch einer Definition
1. Definition
2. In der Literatur

II. Hintergrund
1. Der Erste Weltkrieg
2. Autoren
2.1 Oskar Maria Graf
2.1.1 Im Krieg
2.1.2 Nach dem Krieg
2.2 Arnold Zweig
2.2.1 Im Krieg
2.2.2 Nach dem Krieg
3. Inhalt
3.1 „Wir sind Gefangene“
3.2 „Der Mann des Friedens“

III. Richter Helbret in „Der Mann des Friedens“
1. Ausgangslage
1.1 Stellung in der Gesellschaft
1.2 Helbrets Weltbild
2. Anlass
3. Anzeichen
3.1 Isolation
3.2 Körperliche Anzeichen
4. Folgen
4.1 Reaktion der Familie
4.2 Reaktion der Gesellschaft

IV. Oskar in „Wir sind Gefangene“
1. Ausgangslage
1.1 Stellung in der Gesellschaft
1.2 Oskars Weltbild
2. Anlass
3. Anzeichen
4. Folgen
4.1 Reaktion der Familie
4.2 Reaktion der Gesellschaft

V. Vergleich der beiden Protagonisten und deren Geisteszustand
1. Zu Anfang
2. Wahnsinn
3. Am Ende

VI. Funktion des Wahnsinns in beiden Werken
1. Kriegsdarstellung
2. Erleben des Individuums

Literaturliste:
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

Der Wächter richtete einige Fragen an ihn, bekam jedoch keine Antwort und bemerkte bald, dass er es mit einem Irrsinnigen zu tun habe. [...] Man musste ihm Hände und Füße binden und der inzwischen requirierte Gendarm überwachte seinen Transport nach dem Berliner Untersuchungsgefängnisse, von wo aus er jedoch schon am ersten Tage nach der Irrenabteilung der Charité überführt wurde. Noch bei der Einlieferung hielt er das braune Mützchen in Händen und beachte es mit eifersüchtiger Sorgfalt und Zärtlichkeit (Hauptmann, 40).

Mit diesen Worten endet Gerhart Hauptmanns Werk „Bahnwärter Thiel“ aus dem Jahre 1887. Die Hauptfigur, der Bahnwärter Thiel, verfällt nach dem Tod seines Sohnes Tobias in den Wahnsinn und bringt seine Frau, der er die Schuld dafür gibt, und deren Neugeborenes um.

Der Wahnsinn ist ein Motiv mit langer Tradition in der Literatur. Ob „Iwein“, der Ritter der Artusrunde, das Gretchen im „Faust“ oder der Bahnwärter „Thiel“, viele Figuren werden aus den verschiedensten Anlässen wahnsinnig und dies hat die unterschiedlichsten Folgen für sie. Die Gründe dafür sind zahlreich: Enttäuschung, Wut, Verzweiflung, etc.

Auch in der Literatur, welche zur Zeit des Ersten Weltkrieges spielt, erliegen die Protagonisten dem Wahnsinn, wie z.B. „Oskar“ in Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene“ und der „Richter Helbret“ in Arnold Zweigs „Der Mann des Friedens“.

In dieser Seminararbeit möchte ich die beiden Figuren und deren Geisteszustand miteinander vergleichen. Zuerst werde ich dazu den Begriff Wahnsinn kurz definieren und auf die Tradition des Motivs in der Literatur eingehen, dann das Weltbild Oskar Maria Grafs dem von Arnold Zweig gegenüberstellen und den Inhalt der beiden Werke erläutern. Im Folgenden werde ich die zwei Protagonisten unter verschiedenen Gesichtspunkten beschreiben und herausarbeiten, aus welchen Gründen sie „verrückt“ werden und welche Konsequenzen dieser Zustand für sie hat. Zuletzt werde ich darauf eingehen, welche Funktion das Motiv „Wahnsinn“ in den beiden Werken erfüllt.

I. Wahnsinn – Der Versuch einer Definition

Im Folgenden wird der Versuch einer Definition von „Wahnsinn“ unternommen. Anschließend wird seine Bedeutung in der Literatur betrachtet werden.

1. Definition

„Wahnsinn“ zu definieren ist schwierig. Das Wort an sich ist eher ein umgangsprachlicher Begriff. Für den Ausdruck gibt es zahlreiche Synonyme: „Verrücktheit“, „Tollheit“, „Idiotie“, etc. Im Duden wird das Wort wie folgt erklärt:

Wahnsinn: `krankhafte Verwirrtheit; Geistesgestörtheit, grenzenlose Unvernunft`: Das nur deutsche Substantiv ist im 16. Jh. Aus dem älteren Adjektiv wahnsinnig `geistig gestört; unvernünftig; übermäßig groß oder stark` (15. Jh.) gebildet worden (Duden, 797).

Wahnsinn ist nicht greifbar. Er ist subjektiv, da er meist nur von anderen Personen wahrgenommen wird. Das Problem ist, dass die Grenzen dafür nicht klar definiert sind: wo beginnt Wahnsinn?

Die meisten distanzieren sich von „verrückten“ Menschen, weil diese ein Verhalten an den Tag legen, das deutlich von dem der anderen abweicht. Sie werden oft sozial und in manchen Fällen auch räumlich von der Gesellschaft getrennt[1]. In der Psychologie spricht man von Psychosen[2], in der Justiz von Unzurechnungsfähigkeit, im Alltag spricht man oft nur von „Schwachsinn“. Festzuhalten bleibt, dass „Wahnsinnige“, aus der Sicht der Allgemeinheit, deutlich verschieden agieren.

2. In der Literatur

In der Literatur ist der Wahnsinn ein Motiv mit langer Tradition. In jeder literarischen Epoche sind Werke zu finden, in denen jemand verrückt ist oder wird.

Die Gründe sind äußerst verschieden, jedoch entsteht der veränderte Geisteszustand oft durch Hilflosigkeit, Enttäuschung oder Verzweiflung. Für die Figuren hat die Erkrankung ganz unterschiedliche Folgen. Manche werden geheilt, bei den meisten ist dies aber nicht der Fall. Die Betroffenen verlieren oft ihren Status in der Gesellschaft, ihre Anstellung und ihre Familie. Durch den Wahnsinn werden sie von ihrem bisherigen Leben isoliert; die Erzählungen enden oft tragisch.

II. Hintergrund

Nun werden einige Informationen zum besseren Verständnis der beiden Werke gegeben.

1. Der Erste Weltkrieg

Wenn die Geschichte des Ersten Weltkrieges erzählt wird, beginnt man oft mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo. Jedoch war dieses Ereignis nur der Anlass um Krieg zu führen. Es herrschten schon vorher Spannungen unter den europäischen Mächten[3].

Als schließlich am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erschossen wurde, kam es zur so genannten Julikrise. Auf das Attentat hin stellte Österreich ein Ultimatum an Serbien. Deutschland gab Österreich die Blankovollmacht, d.h. die volle militärische Unterstützung im Falle eines Krieges. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich jedoch Russland, an der Seite von Serbien zu kämpfen. Es folgt eine Mobilmachung in allen beteiligten Staaten. Am 1. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg. Da Frankreich mit Russland verbündet war, erfolgte auch dort die Mobilmachung[4].

Zu Beginn des Krieges war die nationale Begeisterung im Deutschen Reich sehr groß. Die Euphorie verschwand jedoch, als der Krieg sich in die Länge zog und es die ersten Verluste gab. Somit wurde auch die Unterstützung der Bevölkerung geringer.

Als schließlich die USA im Jahre 1917 an der Seite Frankreichs und Englands in den Krieg eintraten verlor das deutsche Heer immer mehr, woraufhin sich die deutsche Regierung um Friedensverhandlungen bemühte. Am 11. November 1918 kam es schließlich zum deutschen Waffenstillstand. Daraufhin wurde 1919 auf der Friedenskonferenz der Versailler Vertrag erstellt, der hohe Reparationen vom Kriegsverlierer Deutschland verlangte.

Eine unerwartete Komponente im Krieg war, dass viele Soldaten Nervenerkrankungen erlitten. Gründe dafür waren die technischen Neuerungen, die einen äußerst brutalen Stellungskrieg ermöglichten[5]. Diese Ereignisse schlugen sich auch verstärkt in der Literatur dieser Epoche nieder.

2. Autoren

Um die Werke, die im Folgenden behandelt werden, besser interpretieren und verstehen zu können, werden zuerst die beiden Schriftsteller und deren Lebenslauf näher betrachtet.

2.1 Oskar Maria Graf

Oskar Maria Graf wurde am 22. Juli 1894 in Berg am Starnberger See geboren. Sein Vater verstarb schon früh; daraufhin übernahm sein Bruder die Rolle des Familienvorstandes. Graf war darüber sehr unglücklich, weil sich der Bruder für ihn den Beruf des Bäckers wünschte. Er wollte jedoch Schriftsteller werden und floh aus dem elterlichen Haus nach München. Dort verdiente er sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten.

2.1.1 Im Krieg

Graf teilte nicht die euphorische Stimmung vieler anderer Deutscher gegenüber dem Kriegsausbruch[6]. Er war keiner von denen, die sich freiwillig meldeten, wurde aber schließlich eingezogen und musste auch am Krieg partizipieren. Er konnte sich jedoch mit dem Geschehen nicht abfinden und verweigerte schließlich den Befehl. Daraufhin kam Graf in militärischen Arrest und wurde später für verrückt erklärt. Er wurde dann in Sanatorien behandelt und schließlich aus dem Militärdienst entlassen[7].

2.1.2 Nach dem Krieg

Nach dem Krieg begann Oskar Maria Graf wieder zu schreiben. 1927 veröffentlichte er sein autobiographisches Werk „Wir sind Gefangene“. 1933 ging Graf aufgrund des NS Regimes ins Exil nach Wien. Im Jahre 1938 ließ er sich schließlich in New York nieder, wo er bis zu seinem Tod am 28.6.1967 lebte.

[...]


[1] Bei Foucault kann man von einem Raum des Ausgeschlossenseins lesen (Foucault, 24). Im 18. Jh. beispielsweise war das Ziel der Gesellschaft die Internierung der Geisteskranken statt der Heilung, wobei schon im 13. Jh. in Kairo versucht wurde den Wahnsinn durch Musik, Tanz, Schauspiel und Vortrag zu heilen (vgl. ebd. 104 ff.).

[2] Foucault spricht von der Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn sei (vgl. ebd., 8).

[3] Vgl. Wagner, 23 ff.

[4] Vgl. ebd. 58 ff.

[5] „Im 1. Weltkrieg wurden die militärischen Planungen zunehmend gestört durch den Massenanfall von `Kriegsneurosen` bei Frontsoldaten [...]“ (Asanger, 291). Ganz anders als im Krieg von 1870/71, in dem nur 316 Fälle von Wahnsinn bekannt wurden, waren es in diesem Krieg viele Tausende, die davon betroffen waren (vgl. Dittmann, 299).

[6] „[…] er erlebte die Ausrufung des Kriegszustands und alle Kriegshandlungen als einen ungeheuren Bruch“ (Bauer, 72).

[7] Vgl. Bauer, 422.

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638599764
ISBN (Buch)
9783638671842
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67090
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fakultät für Sprach – und Literaturwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Wahnsinn Literatur Beispiel Oskar Maria Grafs Gefangene Arnold Zweigs Mann Friedens Erste Weltkrieg verrückt Figuren Geisteszustand Motiv Funktion Vergleich Richter Helbret Gesellschaft Familie

Autor

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