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'Eine Kunst für die Kunst schaffen' Ästhetik als höchstes Gebot - Gedichtinterpretation zu Stefan Georges Gedicht "Komm in den totgesagten Park und schau"

Hausarbeit 2002 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Stefan George und sein „Kreis“

3. Verabsolutierung des Ästhetischen
3.1. Form
3.2. Wortwahl

4. Naturerlebnis im Park
4.1. Herbstlicher Park, die künstliche Natur als Quelle der Dichtung
4.2. Kommunikationssituation im Gedicht
4.3. Flechten des Kranzes
4.4. Symbolistische Verschlüsselung

5. Schluss

1. Einleitung

Komm in den totgesagten park und schau:

Der schimmer ferner lächelnder gestade ∙

Der reinen wolken unverhofftes blau

Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb ∙ das weiche grau

Von birken und von buchs ∙ der wind ist lau ∙

Die späten rosen welkten noch nicht ganz ∙

Erlese küsse sie und flicht den kranz ∙

Vergiss auch diese letzten astern nicht ∙

Den purpur um die ranken wilder reben ∙

Und auch was übrig blieb von grünem leben

Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.[1]

„Komm in den totgesagten park und schau“ lautet der Titel, wie auch der Anfang dieses Gedichts von Stefan George. Als Einleitungsgedicht zum Gedichtzyklus „Das Jahr der Seele“ von 1897, gehört es zum ersten Teil des Zyklus, der den Titel „Nach der Lese“ trägt. Obwohl „Das Jahr der Seele“ Georges meistgelesenes Werk und auch eines der erfolgreichsten modernen Gedichtbücher ist, sind die Kritiker an Georges Stil weit verbreitet. So hört man auch des öfteren von Studenten ein kategorisches „George wird nicht gelesen!“. Doch wie lässt sich diese Aussage mit der Popularität dieses Gedichts in Lesebüchern und Anthologien vereinbaren?[2] Die Gedichte Georges werden gelesen, vor allem „Komm in den totgesagten park und schau“, entgegen der kritischen Stimmen oder vielleicht gerade deswegen.

Liest man es flüchtig, könnte der Eindruck entstehen, dass es sich um ein wohlklingendes Herbstgedicht handelt, schön zu lesen, aber mit wenig Hintergrund. Doch schon bei genauerem Hinsehen fällt die sonderbare Schreibweise auf, die eigentümliche Wortwahl und die nicht auf Anhieb zu erfassenden literarischen und sprachlichen Bilder. Dies sind Merkmale, die über den Charakter eines Gelegenheitsgedichts weit hinausgehen.

2. Stefan George und sein „Kreis“

Würde man in Gegenwart des Autors von einem Gelegenheitsgedicht sprechen, könnte man sicher sein, dass Stefan George kein Wort mit einem wechseln würde. Gesprächsbereitschaft und Zusammenarbeit zeigte er nur bei Menschen, die seine Kunstvorstellungen anerkannten. Die Folge war, dass sich um ihn ein „Kreis“ versammelte, in dem die Literatur als Esoterik und Ritual gelebt wurde. Er selbst sah sich als Seher und Offenbarer und wollte seine Kunst nur einem ausgewählten Publikum zur Verfügung stellen, um es so vor dem Alltäglichen zu schützen. Das Alltägliche zeigte sich zur Zeit Georges in den proletarischen Massen, dem Imperialismus und dem Kapitalismus, was für den Dichter vollkommen kunstfeindlich und verachtenswert war. Dieser Schutz vor dem Profanen, zeigte sich auch darin, dass bis zur Jahrhundertwende nur Privatdrucke seiner Dichtungen erschienen.[3] Seine ganze Arbeit war einer eigenständigen Organisation unterstellt. Jeder einzelne Text hat seinen Platz im Gesamtsystem, wie auch „Komm in den totgesagten Park und schau“ das Einleitungsgedicht im Zyklus „Nach der Lese“ darstellt. Im Vertrieb seiner Werke, entschied er allein über die Wahl des Papiers, des Einbands, der Preise, der Auflagenhöhe und des Schrifttyps.[4] Die äußere Form der Bücher musste schließlich seinen ästhetischen Vorstellungen entsprechen. Vor allem die Typografie war ihm wichtiger als es sonst üblich war. Schon auf den ersten Blick, fällt bei dem Gedicht „Komm in den totgesagten Park und schau“ auf, dass George eine interpunktionslose Kleinschreibung verwendet und so bewusst gegen die Regeln der Orthographie verstößt. Doch diese Signalfunktion zeigt im Sinne Georges Exklusivität, indem es dem konventionellen Schriftbild entgegensteht. Diese Schreibweise verwendete schon Mallarmé in seinen Werken, der, wie auch andere französische Symbolisten, Vorbild für George war. Sein Ziel war „eine Kunst für die Kunst zu schaffen“, indem er jegliche Umgangssprache vermeidet und die Verse und Strophen nach klassischen Formmustern gestaltet, wie er es auch in „Komm in den totgesagten Park und schau“ verwirklicht.[5] Sein höchstes Gebot war also die Form und nicht der Sinn, strenggefügte Gedichte, deren Zusammenstellung und das Verhältnis der einzelnen Teile das entscheidende Kriterium ausmachen. Seine Maxime „Strengstes Maass ist zugleich höchste Freiheit“ verwirklichte er, indem er sich in seinen Gedichten vollkommen dem Ästhetizismus widmete.[6]

[...]


[1] Bode, D. (2000) Deutsche Gedichte. Eine Anthologie. Stuttgart, S. 245.

[2] Michels, G. (1981): Textanalyse und Textverstehen. Heidelberg, S. 34-61.

[3] Richardt, W.: Literatur im Zeichen des Imperialismus (1890-1910). Gegenströmungen zum Naturalismus (siehe Literaturverzeichnis Nr. 9)

[4] Michels, G. (1981): Textanalyse und Textverstehen. Heidelberg, S. 34-61.

[5] Anonymus: Erläuterung. Stefan George (siehe Literaturverzeichnis Nr. 7)

[6] Quelle: Schulheft der 13. Klasse. Stefan George: Über Dichtung (1894)

Details

Seiten
11
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638593564
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v67067
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Schlagworte
Eine Kunst Gebot Gedichtinterpretation Stefan Georges Gedicht Komm Park

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