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Legasthenie bzw. Lese- Rechtschreib-Schwäche

Seminararbeit 2001 23 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Voraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen

3. Bedeutung der Rechtschreibung und des Lesens

4. Was ist Legasthenie ?
4.1. Historischer Abriss
4.2. Aktuelle Definition

5. Ursachen „legasthener“ Erscheinungsbilder

6. Diagnose

7. Fördermaßnahmen / Intervention / Prävention

1. Einleitung

„Legasthenie“ - Was ist das? Eine Frage die trotz intensiver Untersuchungen und Sensationsberichten - oder gerade deswegen – immer noch gestellt wird. Auch LehrerInnen sind nicht genügend aufgeklärt über den Begriff der „Legasthenie“ und vor allem ihre Entwicklung. Eltern nehmen das Kind, welches mit diesem Problem umgehen muss gar nicht ernst und beschreiben es gegebenenfalls als dumm, nicht intelligent oder sogar schwachsinnig („Das ist eben so, da können wir auch nichts für.“). Sogar LehrerInnen, die eigentlich, so sollte man annehmen, auf die Schwierigkeiten eines Kindes im Lesen und Rechtschreiben aufmerksam werden sollten, beschwichtigen häufig besorgte Eltern, denen die Probleme ihres Kindes aufgefallen sind, mit Sätzen wie „Sie müssen nicht zu viel erwarten.“ oder „...das wächst sich noch raus.“

Um die Schwierigkeiten der Kinder sich besser vor Augen führen zu können, werden am Anfang die Voraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen kurz genannt, um sich dann noch einmal über die Bedeutung der Rechtschreibung und des Lesens für das alltägliche Leben im 21. Jahrhundert bewusst zu werden.

Im folgenden werden verschiedene Definitionen vorgestellt, um die Entwicklung von dem Begriff der „Legasthenie“, der heute im allgemeinen nicht mehr oder nur noch von Laien verwendet wird, bis hin zur Bezeichnung der Lese- Rechtschreib- Schwäche, als allgemein gültige Definition anerkannt, über Lese- Rechtschreib- Schwierigkeiten, aufzuzeigen.

Wichtig in diesem Zusammenhang sind die Ursachen „legasthener“ Erscheinungsbilder. Hierzu werden verschiedene Forschungsergebnisse herangezogen, die, wie man später feststellen wird, unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Ansichten aufweisen.

Als nächstes werden nun die Diagnosemöglichkeiten beschrieben, die nicht nur Eltern, sondern vor allem LehrerInnen anwenden sollten, um eine frühzeitige Förderung einleiten zu können.

Zum Schluss bleibt also die Frage nach der optimalen Förderung bzw. den Hilfen die nicht nur das Elternhaus, sondern auch die Schule den bedürftigen Kindern anbieten muss. Dies ist der ausführlichst behandelte Teil der Arbeit und fällt im Gegensatz zu den andere angesprochenen Aspekten sehr groß aus, da er mir am wichtigsten erschien.

2. Voraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen

Die Voraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen umfassen alle kognitiven Bereiche. Die Grundbedingungen sind: „... Seh- und Hörfähigkeit, Gleichgewicht und motorische Koordination, Entwicklung einer homogenen Lateralitätsstruktur, integrative Verarbeitung der sensorischen Informationen, Koordination der Sinne und der Motorik, Sprache, Sprachverarbeitung und kognitive Sprachanalyse.“[1] . Lesen und Schreiben sind Prozesse des Problemstellens und –lösens. Erwirbt das Kind die Schriftsprache muss es zu einer gedanklichen Klarheit über die Funktion und den Aufbau der Schrift gelangen. Durch Übungen muss man die Aufmerksamkeit des Kindes auf die Lautung der Sprache lenken. Es muss die Einsicht erlangen, dass in einem geschriebenen Satz alle Redeteile aufgeschrieben werden und ein Zusammenhang von gesprochener und geschriebener Sprache besteht. Der Lernende muss sich folgende Kenntnisse aneignen, erstens im Bezug auf das Wortfeld, so müssen in einem Satz alle Redeteile aufgeschrieben und zwischen den einzelnen Platz gelassen werden. Und zweitens im Hinblick auf das Phonembewusstsein muss dem Schüler vermittelt werden, dass Wörter sich in lautliche Segmente zerlegen lassen und Schriftzeichen bestimmten Lautsegmenten zuzuordnen sind. Zum Lesen gehören sowohl Lesefertigkeit und Sinnverständnis, als auch die Verarbeitung des Gelesenen und die Auseinandersetzung mit der Thematik des Textes.[2]

3. Bedeutung der Rechtschreibung und des Lesens

Die Rechtschreibung ist immer noch eine Konvention und somit veränderbar (Rechtschreibreformen). Sie ist vor allem in den letzten Jahren durch die neuen Medien (Fernseher, Computer, Internet etc.) beeinflusst worden. Erwachsene vermitteln fälschlicherweise durch ihr eigenes Verhalten, dass das Lesen und Schreiben im Alltag nicht mehr allzu große Bedeutung für sie hat. Das Lesen hingegen wird heute zur überlebenswichtigen Aufgabe, sei es nur durch das Beachten und Erkennen von Verkehrsschildern oder das Lesen der Tageszeitung. Aber auch im Erwerbsleben ist das Lesen von großer Bedeutung, denn auch hier wird es immer wichtiger mit neu eingesetzten Technologien umgehen zu können.[3]

Aber was ist jetzt „Legasthenie“?

Es gibt eine Reihe von Definitionen, die mittlerweile schon unüberschaubar geworden sind. Eingeführt hat den Begriff „Legasthenie“ Ranschburg 1928. Er unterscheidet zwischen der „...eigentlichen infantilen Leseblindheit...“ und der „...eigentlichen Lese- und Schreibschwäche (Legasthenie)...“.[4] Ersteres meint die Fälle, welche unter extremen Leseversagen leiden. Hier wird das Leseversagen isoliert betrachtet und als ein organischer Defekt dargestellt. Das zuletzt genannte betitelt das geistige Versagen, allerdings legt er kein Intelligenzkriterium zu Grunde. Die Ursache sieht er ausschließlich in der Entwicklungsverzögerung. Maria Lindner (1951) hingegen sucht die Ursachen bei der Intelligenz des Kindes. Sie bezeichnet „Legasthenie“ als eine „...spezielle und aus dem Rahmen der übrigen Leistungen fallenden Schwäche im Erlernen des Lesens (und indirekt auch des orthographischen Schreibens) bei sonst intakter oder (im Verhältnis zur Lesefähigkeit) relativ guter Intelligenz...“. Im allgemeinen wurde vor den Erlassen von 1978 (KMK Grundsätze „zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens“) von dieser Definition ausgegangen, wobei sie auch nur einen Teil der „Legastheniker“ umfasst, denn Kinder mit Problemen in anderen Fächern und negativen Umweltbedingungen werden ausgeschlossen.[5] In den Definitionen der Legasthenieforscher in den Jahren 1950 bis 1970 wurden vor allem die Diskrepanz zwischen zu schwacher Lese- und Rechtschreibleistung und besserer Intelligenz hervorgehoben. Die Entdeckung, dass Kinder nicht weil sie dumm sind in der Schule versagen, sondern weil sie Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, führte zu den eben erwähnten Erlassen der Kultusministerien.

Eine Definition der Welt-Gesundheitsorganisation lautet wie folgt, die „Legasthenie“ ist als umschriebene Entwicklungsstörung des Lesens und Schreibens zu sehen. Damit ist gemeint, dass biologische Ursachen das Erlernen von Funktionen beeinträchtigen bzw. verzögern, die mit der Reifung des zentralen Nervensystems verbunden sind. Diese sind aber, wie eben schon angeführt, wichtige Funktionen, um ein störungsfreies Erlernen des Lesens zu garantieren.[6]

Es gibt eine Reihe von Definitionen unterschiedlichster Art, wie man sieht. Eine in der letzten Zeit aufgekommene ist die, der Lese- Rechtschreibschwierigkeit. Zutreffender wäre die Bezeichnung der Lese- Rechtschreib- Schwäche. So sagt Sommer-Stumpenhorst „Legastheniker sind solche SchülerInnen, bei denen trotz eines sorgfältig durchgeführten Lese- und Schreiblehrgangs besondere Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens auftreten.“[7]

Ursachen legasthener Erscheinungsbilder

Befasst man sich genauer mit den Ursachen für eine Lese- Rechtschreib- Schwierigkeit stößt man auf ähnliche Probleme. Denn auch hier werden unterschiedlichste Meinungen vertreten.

Es wird davon ausgegangen, dass die Schwäche nicht beim Kind zu suchen ist, sondern ein pädagogisch-didaktisches Problem vorliegt. Deshalb wird auch meistens der Begriff der Lese- Rechtschreib- Schwäche benutzt, im folgenden mit LRS abgekürzt. Wichtig ist es, sich immer wieder daran zu erinnern dass es nicht „die“ Ursache gibt. Es sind zahlreiche Ursachen vorhanden. Von neutralen Faktoren über psychische bis hin zu milieubedingten Ursachen. Hier kommt es wiederum immer auf die Definition von LRS an.[8] Ursachensuche macht auch nur Sinn, wenn dann auch die Förderung verbessert wird.

Der Beginn der intensiven Ursachenforschung in Deutschland liegt im Jahre 1950. Wichtig ist hier die deutsche Geschichte, welche unter der Hitler-Diktatur zunächst völlig andere Ursachen ausmachte, als die USA. Von 1950 bis 1970 werden die Ursachen ausschließlich in der Erziehung und dem sozialen Milieu gesucht.[9] In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg neigten Wissenschaftler dazu LRS auf Unterrichtsfehler oder auf seelische Belastungen bei den betroffenen Kindern (z.B. durch Konflikte im Elternhaus, Erziehungsfehler der Eltern etc.) zurückzuführen.[10] Renate Valtin sieht die Ursachen in den Zusammenhängen zwischen dem Kind und der Schulausbildung der Eltern, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sozialgruppe, der Zahl der Bücher im Haus und der Möglichkeit des Kindes, über ein eigenes Zimmer zu verfügen. Natürlich kann man einen Zusammenhang der genannten Dinge durchaus sehen, Ursachen stellen sie aber nicht dar.[11]

[...]


[1] Horst Bartnitzky/Reinhold Christiani (Hrsg.), Norbert Sommer-Stumpenhorst: Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten: vorbeugen und überwinden, Frankfurt am Main 1993, Seite 37

[2] Ingrid M. Naegele/Renate Valtin (Hrsg.): LRS in den Klassen 1-10, Weinheim und Basel 1989, Seite 198ff

[3] Norbert Sommer-Stumpenhorst: LRS: vorbeugen und überwinden, Seite 30ff

[4] Ingrid M. Naegele/Renate Valtin: LRS in den Klassen 1-10, Seite 45

[5] Ingrid M. Naegele/Renate Valtin: LRS in den Klassen 1-10, Seite 45f

[6] Lisa Dummer-Smoch/Helmut Breuer/Maria Weuffen: Ratgeber Legasthenie, 1997, Seite 5

[7] Norbert Sommer-Stumpenhorst: LRS: vorbeugen und überwinden, Seite 20

[8] Ingrid M. Naegele/Renate Valtin (Hrsg.): LRS in d. Klassen 1-10, Seite 20, 49

[9] Norbert Sommer-Stumpenhorst: LRS: vorbeugen und überwinden, Seite 16f.

[10] Lisa Dummer-Smoch / Helmut Breuer / Maria Weuffen: Ratgeber Legasthenie, Seite 10

[11] Norbert Sommer-Stumpenhorst: LRS: vorbeugen und überwinden, Seite 18

Details

Seiten
23
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638142113
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6698
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Pädadogik
Schlagworte
Legasthenie Lese- Rechtschreib-Schwäche Proseminar Einführung Analyse Gegenwartssprache

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Titel: Legasthenie bzw. Lese- Rechtschreib-Schwäche