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Todesbilder in der Subkultur am Beispiel der Gothic Culture

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 26 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Problem des sozialen Todes und seine Folgen

3. Phänomen der Subkultur in der Gesellschaft
3.1 Stil als Merkmal der Jugendkulturen
3.2 Begriffserklärung zu ‚Gruftie’ bzw. ‚Gothic’

4. Die schwarze Szene nach Werner Helsper
4.1 Beziehung zwischen Okkultpraktiken und Religiosität
4.2 ‚Extrem- gegen Mode-Gruftie’
4.3 Todesnähe und Suizid

5. Todessymbolik in der ‚Gothic Culture’
5.1 Symbolwelten der Grufties
5.2 Ausdruckskraft von Outfit und Styling
5.3 Der Musikstil der Szene
5.4 Der Tanz

6. Volksglaube und Mythos
6.1 Die Totenfurcht
6.2 Die Trauer

7. Rückzugsorte und –möglichkeiten der Grufties
7.1 Gestaltung des Zimmers
7.2 Die Literatur
7.3 Die Ruine und die Gruft
7.4 Der Friedhof als wirkliche Ruhestätte
„Interview Manfred, Passage 8:
SICH AUCH ZU KONFRONTIEREN MIT EINEM SOLCHEN THEMA WIE TOD

8. Eros vs. Thanatos

9. Ausblick

10. Literaturnachweis

1. Einleitung

Um das Thema ‚Tod und Sterben’ in kultursoziologischer Sicht zu bearbeiten, ist es bedeutsam, nicht nur althergebrachte Todesvorstellungen zu untersuchen, sondern auch aktuelle Todesdarstellungen zu betrachten und zu interpretieren. Explizit sichtbar sind Todesbilder im Bereich der ‚schwarzen Szene’ bzw. ‚Gothic-Szene’. Diese jugendliche Subkultur umgibt sich größtenteils mit ideologisierter und mystischer Todessymbolik. Auf diese Weise erschafft sich die Szene eine eigene symbolische Sinnwelt.

Diese bestimmte Faszination an der Todesdarstellung äußert sich stark am Mode- und Musikstil der Szene, der eine gewisse Unsterblichkeit vermittelt. Die Problematik des Satanismus bzw. Okkultismus, welche häufig mit den Aktivitäten der schwarzen Szene gleichgesetzt wird, kann in diesem Aufsatz nur kurz aufgegriffen werden.

Wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist es, die moderne Todesvorstellung und das aktuelle Todesbewusstsein der schwarzen Szene zu erarbeiten. Weshalb beschäftigt sich diese Jugendkultur so ausführlich und intensiv mit der Vorstellung vom Lebensende und haben diese Praktiken Einfluss auf die Gesamtgesellschaft? Schürt die allgegenwärtige Todespräsenz den Wunsch zu sterben? Ist Selbstmord ein Thema in der Gruppe und welche Haltung wird dazu eingenommen? Diesen Überlegungen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.

2. Das Problem des sozialen Todes und seine Folgen

Wenn man mit Mitmenschen über den Tod spricht, dann spricht man in Metaphern. Jeder Tod erscheint als Kommunikationsabbruch, da der Lebende keine Information über diese Grenzerfahrung aufweisen kann.

Aus dieser Problematik entsteht das ‚Leichenparadox’ d.h. „wir wissen genau, wer da liegt und gestorben ist; auf der anderen Seite aber ist dieselbe Leiche - ebenso offensichtlich – nicht identisch mit diesem bestimmten Menschen.“[1]

So hat folglich nicht der Tote ein Problem mit dem Tod, sondern der Lebende der zurückbleibt. Mit dem physischen Tod des Leichnams ‚stirbt’ auch das soziale Netz d.h. soziale Beziehungen zu den Mitmenschen brechen ab. Um dieser Verletzbarkeit des eigenen sozialen Körpers, des sozialen Versagens entgegenzuwirken und die Beherrschung des Todes durch die Gesellschaft zu fördern, werden bestimmte Bestattungsriten und Totenkulte ausgeführt, welche sich kulturhistorisch und religiös differenzieren lassen.

Wie äußert sich nun der Umgang mit Leben und Tod in der postmodernen Gesellschaft? Allgemein ist festzustellen, dass Sterben und Tod aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend verschwunden sind und dass das direkte Erleben von Sterben und Tod in den Hintergrund getreten ist.

Aber andererseits ist der Tod so präsent wie nie zuvor. Durch die Technisierung werden Todesbilder medial aufbereitet und so indirekt erfahrbar gemacht. Es entwickelt sich eine Symbolisierung des Todes, da Todesbilder den Anblick des realen toten Körpers ersetzen. Diesem Entfremdungsprozess vom wirklichen Todseins stellen sich die Grufties entgegen und entwickeln einen alternativen Umgang mit der Todesthematik.

3. Phänomen der Subkultur in der Gesellschaft

Um das Phänomen der Subkulturen besser verstehen zu können, ist es notwendig diese in den gesellschaftlichen Kontext einzubringen. Die Subkulturen entwickeln sich meist aus einer bestimmten Jugendbewegung heraus. Da sich die Jugendlichen allmählich von der Primärgruppe Familie ablösen und sie ihr Leben zentral an der Jugendkultur neu orientieren, ist die Frage zustellen, wie und mit wem die Jugendlichen ihre Freizeit verbringen. Dabei entwickeln sich im jugendkulturellen Umfeld die eigene Identität und der eigene Lebensstil.

„Die Subkulturen müssen Überschneidungen zur normalen Alltagskultur aufweisen, sich aber gleichzeitig auch wesentlich von dieser unterscheiden.“[2] Die Jugendlichen können nur den unmittelbaren Lebensraum mitgestalten und dabei eine neue Kultur erfinden. Sie können gesellschaftliche Widersprüche nicht dort bekämpfen, wo sie entstehen. Dabei versuchen sie eigenen Symbolen und Handlungen einen bestimmten Ausdruck zu verleihen. Die ästhetische Eigenstilisierung und die Interaktionsmuster pendeln dabei zwischen totalem Rückzug oder Provokation. „Subkulturen sind eine spezifische Form abweichenden Verhaltens, das sich durch symbolische Regelverletzung bemerkbar macht.“[3]

„Jugendkulturen besitzen subtile Sensoren für alles, was andere Generationen Ärger bereiten könnte. Gleichzeitig sind sie auch der Spiegel der Gesellschaft. Sie zeigen die Merkmale der Gesellschaft, die diese mühsam verborgen hat, oder Defizite, die ihr gar nicht bewusst sind.“[4] Die Jugend macht so gesellschaftlich Verdrängtes und Privates öffentlich.

Schließlich haben ästhetische Innovationen des subkulturellen Stils, hier speziell der Gothic Stil, einen indirekten Einfluss auf den künstlerischen, wie auch auf den kommerziellen Sektor.

3.1 Stil als Merkmal der Jugendkulturen

In Subkulturen spielt der Stil eine wichtige Rolle. Er entwickelt sich aus den ästhetischen Symbolen und Handlungen ihrer Mitglieder heraus. Dabei ist es wichtig, die subkulturellen Todesbilder nicht nur durch künstlerisch-ästhetische, sondern auch durch interaktionstheoretisch-soziologische Stildefinitionen zu erklären. "Entscheidend für die Analyse von Subkulturen ist der Stil als Lebensform. Das bedeutet nach Bazon Brock: Die Stile sind Moden, die sich in der Dynamik von Selbstlauf und Eingriff im Verhalten von Individuen und Gruppen gestalten. Der Stil als Lebensform ist an Lebensbereichen und -zyklen orientiert. Vor allem für die Subkulturen bedeutet der Stil Widerstand und Behauptung von Individualität. Kultur haben heißt, sich seine Aufgaben selbst vorzugeben; Stil hat, wer dabei keine Kompromisse eingeht!"[5] Der soziologische Stilbegriff beinhaltet zum einen das konstante Prinzip zur Modellierung von verschiedenen Aktivitäten der Selbstpräsentation und zum anderen ein umfassendes soziales Orientierungssystem von Symbolen, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur demonstriert.[6]

Das Medium zur Entstehung einer Subkultur ist der Stil, wobei die musikalische Ausrichtung hauptsächlich dazu beiträgt. Aus der Musik entwickelt sich ein Geflecht von Symbolen und rituellen Handlungen. Dieses Geflecht von Symbolen wird auch als Bricolage bezeichnet, d.h. Gegenstände werden ihrer ursprünglichen Bedeutung und Gebrauchsmöglichkeit entfremdet.

Das Prinzip der Bricolage ist es, aus der althergebrachten Bedeutung der Symbolik und der neuen Schöpfung eine Spannung zu erzeugen, die in der Gesellschaft zu Provokation führt. Schließlich ist diese neu erworbene symbolische Metasprache für die Gesamtgesellschaft ohne Hintergrundwissen nicht mehr zu verstehen.

Der Lebensstil jedes einzelnen ist nun keinesfalls endgültig festgelegt, sondern unterliegt ständigen Überprüfungen und Anpassungen an die Umwelt, sowie durch das Wertesystem des Individuums. Der Lebensstilwandel ergibt sich aus den Stilverflechtungen einzelner Subkulturen und Um- und Neubenennung der Jugendgruppen.[7]

Nach diesem allgemeinen Überblick über die Entstehung jugendlicher Szenen, soll sich diese Arbeit auf die Gruftie-Szene beschränken. Besonderheiten dieses Stils sind die hohe Affinität zum Tod und die daraus entstehenden Todesbilder.

3.2 Begriffserklärung zu ‚Gruftie’ bzw. ‚Gothic’

Aus der Literaturepoche der Romantik beziehen die Grufties ihre Symbolik und Geisteshaltung. „Der Begriff ‚Gruftie’ ist vom Motiv der ‚Gruft’, das insbesondere in den ‚gothic novels’ der Romantik gehäuft auftritt, abgeleitet.“[8] Diese ‚gothic novels’ beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Themenkreis Tod und allen Erscheinungsformen des Übernatürlichen. Das wesentliche Lebensgefühl der Romantik bezog sich auf die Trauer und Melancholie des Individuums.

Die Subkultur der Grufties entwickelte sich Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre aus der englischen Punkszene heraus. „Mitte der 1980er Jahre etablierten sich die Grufties endgültig als subkulturelle Szene mit eindeutigen Stilmerkmalen und einer eigenen Musikrichtung.“[9] In Bezug dazu entstand der Begriff des ‚Gothic Punk’. Der englische Begriff ‚Gothic’ wird in der Literatur synonym zum eher allgemein negativ assoziierenden deutschen Wort ‚Gruftie’ gebraucht.

[...]


[1] Macho, Thomas H: „Todesmetaphern. Zur Logik der Grenzerfahrung“. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987, S. 412

[2] Richard, Birgit: „Todesbilder. Kunst, Subkultur, Medien”, München, 1995, S. 94

[3] Ebd., S. 94

[4] Ebd., S. 98

[5] Ebd., S. 100

[6] Ebd., S. 101

[7] Vgl.: ebd., S. 101

[8] Schmidt, Axel und Neumann-Braun, Klaus: „Die Welt der Gothics – Spielräume düster konnotierter Transzendenz“, Hrsg. von W. Gebhardt, R. Hitzler u. F. Liebl, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2004, S. 78

[9] Ebd., S. 77

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638596114
ISBN (Buch)
9783638671736
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66950
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Todesbilder Subkultur Beispiel Gothic Culture Ordnung Lebensendes Sterben Sicht

Autor

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