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Forschung zu Alter und Technik - Deutschland und die USA im Vergleich

Magisterarbeit 2006 118 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gegenstand, Fragestellung, Vorgehen
2.1 Gegenstand
2.2 Fragestellung
2.3 Vorgehen

3 Analyse
3.1 Rahmenbedingungen der Forschung zu Alter und Technik
3.2 Entwicklungen vor 1990
3.3 Phase I: Die Herausbildung eines neuen Forschungsgebiets
3.3.1 Gerontechnology
3.3.2 USA
3.3.2.1 Wohnen und Haushalt
3.3.2.2 Kommunikation und Information
3.3.2.3 Mobilität und Verkehr
3.3.2.4 Gesundheit
3.3.2.5 Studie: A Human Factors Analysis of ADL Activities
3.3.3 Deutschland
3.3.3.1 Wohnen und Haushalt
3.3.3.2 Information und Kommunikation
3.3.3.3 Mobilität und Verkehr
3.3.3.4 Gesundheit
3.3.3.5 Projekt: Alter und Technik (ALTEC)
3.4 Phase II: Thematische Ausweitung
3.4.1 Gerontechnology
3.4.2 USA
3.4.2.1 Wohnen und Haushalt
3.4.2.2 Kommunikation und Information
3.4.2.3 Mobilität und Verkehr
3.4.2.4 Gesundheit
3.4.2.5 Studie: Consumer Assessment Study
3.4.3 Deutschland
3.4.3.1 Wohnen und Haushalt
3.4.3.2 Kommunikation und Information
3.4.3.3 Mobilität und Verkehr
3.4.3.4 Gesundheit
3.4.3.5 Projekt: sentha – Seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag
3.5 Phase III: Differenzierung, Spezialisierung und Internationalisierung
3.5.1 Gerontechnology
3.5.2 USA
3.5.2.1 Wohnen und Haushalt
3.5.2.2 Information und Kommunikation
3.5.2.3 Mobilität und Verkehr
3.5.2.4 Gesundheit
3.5.2.5 Forschungszentrum: CREATE – Center for Research and Education on Aging and Technology Enhancement
3.5.3 Deutschland
3.5.3.1 Wohnen und Haushalt
3.5.3.2 Information und Kommunikation
3.5.3.3 Mobilität und Verkehr
3.5.3.4 Gesundheit
3.5.3.5 Studie: Technikaufgeschlossenheit und Nachfrageverhalten
3.6 Ausblick
3.7 Vergleich und Bewertung

4 Ergebnisse

5 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bewahrung der Selbständigkeit durch Technik

Abbildung 2: Potenziell an der Gerontechnology beteiligte Disziplinen

Abbildung 3: Beispiel für eine Smart Home Vernetzung

Abbildung 4: Die sentha-Teilprojekte

Abbildung 5: Der CREATE-Forschungsansatz

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Altersbedingte Funktionseinschränkungen

Tabelle 2: Altersrelevante Technik nach Funktionen

Tabelle 3: Perspektiven auf Technik im Alter

Tabelle 4: Demographische Daten für die USA und Deutschland für 2005

Tabelle 5: Elektronische Informationssuche älterer Personen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Zum Thema Alter und Technik kommt vielen Menschen zuerst der mühsame Kampf von Senioren mit ihrem Handy oder dem Bankautomaten in den Sinn. Eine immer größere Aufmerksamkeit richtet sich auf derartige Probleme, die Technik vielen Seni­oren bereitet. Immer stärker werden aber auch Chancen betrachtet, die technische Entwicklungen für das Alter bieten. Die Zunahme der Aufmerksamkeit hängt zum ei­nen mit der Veränderung der Altersstruktur zusammen, die auch als Dreifaches Altern (Tews 1993) bezeichnet wird: Durch eine steigende Lebenserwartung und eine ge­ringe Geburtenquote steigt die absolute Zahl älterer Menschen, der relative Anteil im Verhältnis zu jüngeren sowie der Anteil Hochaltriger an der Gesellschaft. Dieser de­mo­graphische Wandel spielt sich vor dem Hintergrund einschneidender ökonomi­scher, technologischer und kultureller Veränderungen ab. Gesellschaftliche Entwick­lungen wie die Veränderung der Ausbildungsdauer, eine Anhebung des Ausbildungs­niveaus, Arbeitslosigkeit sowie die Teilhabe von Frauen auf dem Arbeitsmarkt beein­flussen außerdem die qualitative Zusammensetzung der Altersgruppe (BMFSFJ 2001, 15f). Ein weiteres Kennzeichen der Neuen Alten sind mehr behinderungsfreie Le­bensjahre, verbesserte materielle Ressourcen sowie eine zeitliche Ausdehnung eigen­ständiger Lebensformen (Backes et al. 2004, 8). Diese Veränderungen sind verbunden mit der Hoffnung, das eigene Alter gesund erleben und selbständig gestalten zu kön­nen. Begleitet und verstärkt werden diese gesellschaftlichen Entwicklungen durch rasante technische Fort­schritte – besonders eindrücklich auf dem Gebiet der Informations- und Kommuni­kationstechnik.

Vielfach wird ein negatives Bild vom Alter gezeichnet. Untersuchungen zeigen je­doch, dass die wenigsten Senioren hilfs- oder pflegebedürftig sind. Obwohl altersbe­dingt die körperlichen und geistigen Kräfte nachlassen, führen die meisten Senioren ein selbständiges Leben, das sie mit hoher Zufriedenheit erfüllt. Die Aufrechterhal­tung des gewohnten Lebensstils ist oft aber mit einem großen Aufwand verbunden, da für alltägliche Aufgaben nun mehr Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit aufgewendet werden muss. Technische Errungenschaften können dabei eine große Hilfe sein. So er­hofft man sich von einem Einsatz technischer Lösungen, Selbständigkeit und Selbst­bestimmtheit sowie gesellschaftliche Partizipation und Integration auch und ge­rade im Alter zu erhalten. Neben dem individuellen Wunsch, auch im Alter selbstän­dig in den eigenen vier Wänden zu leben, stehen volkswirtschaftliche Gründe, die für eine För­derung der Technik für das Alter sprechen, da immensen Investitions- und Betriebs­kosten für einen Pflegeplatz vergleichsweise geringe Kosten für den Umbau der eigenen Wohnung und die Nutzung technischer Unterstützung gegenüber stehen. Gleichzeitig gilt es die Hindernisse, die für Senioren aus neuen Technologien oft ent­stehen, auszuräumen.

Diese Erwägungen haben dazu geführt, dass sich inzwischen ganz unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen damit beschäftigen, wie aktuelle technische Möglich­keiten zum Vorteil älterer Menschen genutzt werden können. Psychologische, ergo­nomische und arbeitswissenschaftliche Untersuchungen erforschen die Interaktion des Nutzers mit dem technischen Gerät. Die einfache Bedienbarkeit durch nutzerfreundli­che Gestaltung steht hier im Mittelpunkt. Direkte Anknüpfungspunkte finden dort die Konstruktionslehre und Designwissenschaft. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen haben die Auswirkungen der Technik auf den Lebensalltag älterer Menschen, den konkreten Nutzen aber auch die Herausforderungen technischer Entwicklungen im Blick. Ebenso werden Themen wie Technikakzeptanz und Technikerfahrung unter­sucht. Zunehmend betrachten auch Ökonomen und Marketingfachleute Technik für das Alter, da im sogenannten Silbermarkt große Absatzpotenziale für neue Produkte gesehen werden.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Alter und Technik ist gerade in Deutschland noch relativ jung. Im interdisziplinären Projekt TEKLA – Technik, Kul­tur, Alter, das an der RWTH Aachen vom Lehr- und Forschungsgebiet Textlinguistik koordiniert wird, soll daher ein interdisziplinärer Ansatz zur altersgerechten Gestal­tung von Technologien entwickelt werden. Im Mittelpunkt steht zunächst die Ent­wicklung von Methoden, um Erkenntnisse zu Technikeinstellungen und Techniknut­zung älterer Menschen sowie zu ihren Wünschen und Bedürfnissen in Bezug auf Technik zu gewinnen. Darauf aufbauend soll eine Testumgebung entwickelt werden, in der Entwicklungen für das Alter an und von der Zielgruppe erprobt werden können. Diese Magisterarbeit ist innerhalb dieses Projekts entstanden.

Überblicksartige Darstellungen über den Forschungsstand gibt es bisher kaum. Diese Arbeit zeichnet daher solche Forschungsbemühungen, die sich mit der Techniknut­zung im Alter und den daraus entstehenden Potenzialen, Problemen und Risiken der Technik beschäftigen, nach. Exemplarisch werden die Forschungsbemühungen der USA und Deutschlands gegenübergestellt. Durch den Vergleich dieser sehr unter­schiedlichen Länder soll ein möglichst breiter Blick auf die Forschung ermöglicht werden. Das zentrale Augenmerk liegt auf der Entwicklung von Forschungsschwer­punkten. Wo haben sich Schwerpunkte herausgebildet und wie unterscheiden sich die Herangehensweisen und Blickwinkel der beiden Länder? Im Mittelpunkt stehen nor­mal alternde Menschen, die selbständig ihr Leben führen. Dabei soll nicht vernach­lässigt werden, dass Altern ein äußerst heterogener Prozess ist und es das Al­tern an sich nicht gibt. Betrachtet werden die Bereiche, in denen Technik einen we­sentlichen Beitrag zur Erleichterung von Alltagsaufgaben spielen kann bzw. weit­rei­chende Aus­wirkungen auf den Alltag hat: Wohnen und Haushalt, Information und Kommunika­tion, Mobilität und Verkehr, Gesundheit sowie Forschung, die übergrei­fend zu diesen Bereichen zu sehen ist.

Im folgenden einführenden Kapitel wird zunächst der Gegenstand dieser Arbeit be­schrieben. Da Alter(n) in der Öffentlichkeit häufig sehr einseitig gesehen wird, wer­den zunächst kurz Ergebnisse der gerontologischen Forschung vorgestellt. Daran an­schließend werden die Fragestellung und das Vorgehen der Arbeit näher erläutert. In der darauf folgenden Analyse werden die Entwicklung der amerikanischen und deut­schen Forschung zum Thema Alter und Technik gegenübergestellt.

2 Gegenstand, Fragestellung, Vorgehen

An dieser Stelle soll zunächst ein Überblick über einige gerontologische Ergebnisse zu Alter und Alternsprozessen erfolgen, da sich vor diesem Hintergrund die For­schung zu Alter und Technik entwickelt. Daraufhin werden Fragestellungen entwi­ckelt, die innerhalb dieser Arbeit betrachtet werden und das Vorgehen dieser Arbeit erläutert.

2.1 Gegenstand

Mit der Erforschung von Alter und Alternsprozessen beschäftigten sich zunächst die Psychologie und Medizin. Erst ab den 50er Jahren traten soziologische neben medizi­nischen und psychologischen Aspekten in den Vordergrund (Scharf 2001, 490; Wahl 2005, 131). Mit zunehmender Bedeutung der Altersforschung bildete sich die Geron­tologie als Disziplin heraus, die sich aus sozial- und verhaltenswissenschaftlicher Sicht mit Alter und Alternsprozessen des Menschen beschäftigt[1], während die Geriatrie medizinisch-biologische Altersprozesse untersucht. Schon ihrer Natur nach ist die Gerontologie also interdisziplinär angelegt. Innerhalb des großen Themen­spektrums erhält immer öfter auch die Thematik Technik und Alter Bedeutung. Au­ßerhalb der Gerontologie, Soziologie, Psychologie und Medizin beschäftigen sich zu­nehmend weitere Disziplinen mit dem Wechselspiel von Alter und Technik, wie etwa die Ergonomie und die Ingenieur- und Designwissenschaft.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Alter häufig mit Abbauprozessen und dem Nachlassen körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Tatsächlich steigt mit zunehmendem Alter das Risiko funktioneller Beeinträchtigungen senso­rischer, kognitiver und physischer Art und ist häufig verbunden mit Einschränkungen der Mobilität und einer höheren Anfälligkeit für Krankheiten (Fozard et al. 2000, 332). Oft treten mehrere Krankheitsbilder gleichzeitig auf (Multimorbidität) oder ge­hen mit psychischen Erkrankungen wie depressiven Störungen und Demenzen einher. Obwohl Altern ein höchst individueller Prozess ist, kann man somit sagen, dass die „Wahrscheinlichkeit von Einschränkungen der Funktionsfähigkeit, Pflegebedürftig­keit und des Angewiesenseins auf Unterstützung bei der Bewältigung des Lebensall­tags“ mit zunehmendem Alter steigt (BMFSFJ 2001, 16). Von Funktionseinschrän­kungen wird dann gesprochen, wenn eine oder mehrere Aufgaben in einer spezifi­schen Umgebung nicht mehr ausgeführt werden können (Assistivetech 2005).

Wenn Technologie als eine Lösungsmöglichkeit für altersbedingte Probleme bei der Bewältigung des Alltags angesehen wird, sollten die Gründe solcher Probleme näher betrachtet werden. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über Funktionen auf physischer, sensorischer und kognitiver Ebene, die von altersbedingten Veränderun­gen betroffen sein können. Ebenso sind Beispiele für solche Einschränkungen gege­ben. Die aufgeführten Einschränkungen sind zumeist normale Alterserscheinungen; durch Krankheiten bedingte Funktionseinbußen sind nicht aufgeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Altersbedingte Funktionseinschränkungen (Quelle: Eigene Zusammenstellung nach
Biermann & Weißmantel 1995, 157ff.)

Diese Tabelle gibt einen Überblick über mögliche altersbedingte Einschränkungen. Im Detail kann darauf nicht eingegangen werden. Ergänzend sei jedoch erwähnt, dass die kognitive Leistungsfähigkeit zwar insgesamt abnimmt, hier aber zwischen zwei Arten kognitiver Leistungen unterschieden werden muss: Die fluide Intelligenz (die Fähigkeit, neuartige kognitive Probleme zu lösen) lässt im Alter nach, während die sogenannte kristalline Intelligenz (die Speicherkapazität: erworbene Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissen) im Alter sogar zunehmen kann (Biermann & Weißmantel 1995, 182; s. a. Baltes/Lindenberger/Staudinger 1995). Altern ist also durchaus nicht nur mit Abbauprozessen verbunden, wie diese Tabelle möglicherweise suggeriert.

Ein häufig genutztes Schlagwort in diesem Zusammenhang ist das erfolgreiche Al­tern. Durch diesen Begriff wird verdeutlicht, dass Altern nicht schlicht mit Verlust und Verfall synonym ist (Krauss Whitbourne 2005, 99). Häufig wird unterschieden zwischen normalem, erfolgreichem und pathologischem Altern. Pathologisches Altern bezieht sich auf das Auftreten von chronischen und schweren Krankheiten, die sich oft gegenseitig beeinflussen und verstärken (Multimorbidität) (z. B. Baltes & Baltes 1990). Auch das normale Altern, das in dieser Arbeit im Mittelpunkt steht, ist zwar generell mit den oben aufgeführten Beeinträchtigungen verbunden, verläuft aber indi­viduell sehr verschieden, indem Beeinträchtigungen zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Intensitäten eintreten. Durch eine Art Handlungsstrategie soll erfolgreiches Altern möglich werden: Diese wird bezeichnet als Selektive Optimie­rung mit Kompensation - Eine Selektion von Lebenszielen und -aktivitäten, gleich­zeitige Optimierung der vorhandenen Handlungsmittel und Kompensation durch Ent­wicklung alternativer Strategien[2] (Baltes 1996, 65). Die Nutzung von Technik soll die Kompensation unterstützen, indem die Auswirkungen von Funktionseinschränkungen abgefedert werden. Andererseits ist auch denkbar, dass gerade die Technik Selek­tionsmöglichkeiten einschränkt (wenn z.B. die Alternative Kauf einer Fahrkarte am Schalter oder am Automat nicht mehr zur Verfügung steht).

Das Altern an sich gibt es demnach nicht. In der Bevölkerung haben sich dennoch verallgemeinernde Altersbilder gebildet, die die Wahrnehmung und den Umgang mit älteren Menschen prägen. Dies sind

allgemeinere Vorstellungen über das Alter, über die im Alternsprozess zu erwartenden Veränderungen und über die für ältere Menschen mutmaßlich charakteristischen Eigen­schaften. Altersbilder umfassen Ansichten von Gesundheit und Krankheit im Alter, Vor­stellungen über Autonomie und Abhängigkeiten, Kompetenzen und Defizite, über Frei­räume, Gelassenheit und Weisheit, aber auch Befürchtungen über materielle Einbußen und Gedanken über Sterben und Tod. Nicht zuletzt enthalten sie auch – normative – Vor­stellungen über Rechte und Pflichten alter Menschen (BMFSFJ 2001, 64).

Altersbilder sind also soziale Konstrukte, die in der Interaktion, der Wahrnehmung und des Handelns älterer Menschen mit Jüngeren entstehen und durchaus wertende Elemente enthalten. Entscheidend ist, mit welchem Altersbild sich der einzelne ältere Mensch selbst identifiziert (BMFSFJ 2001, 64). Trotz einer großen Bandbreite an Forschung zu Stereotypen sind gerade Altersstereotypen bisher selten untersucht wor­den. Dennoch konnten Filipp und Mayer in Untersuchungen unterschiedliche Katego­risierungen alter Menschen ausmachen, die gewissermaßen als Archetypen des Alters gelten können. Dies sind bspw. die „liebenswerten Großeltern“, die „aktiven Alten“ oder die „griesgrämigen Alten“ (Filipp & Mayer 1999, 125). Selbst in diesen Stereo­typen zeigt sich, dass es den typischen alten Menschen nicht gibt.

Eine derartige Vielfalt des Alters, der teilweise in unterschiedlichen Altersbildern Rechnung getragen wird, wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Zum ei­nen umfasst das Alter eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten, in der Veränderun­gen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit in unterschiedlichem Ausmaß auftreten (s. Tabelle 1, S. 4). Dazu kommen unterschiedliche Lebensläufe und -bedin­gungen, Interessen und Fähigkeiten der Menschen (BMFSFJ 2001, 64). Durch eine generelle Verlängerung dieser Lebensphase wird diese Heterogenisierung noch ver­stärkt (Tews 2000, 27f.). Zunehmend wird aber die Heterogenität der Alternsprozesse und Lebensweisen im Alter anerkannt. So findet sich gerade in der wissenschaftlichen Betrachtung ein immer differenzierteres Altersbild, das die ganze Spannbreite an biologischen, psychischen und sozialen Alternsprozessen anerkennt. Dieses viel­schichtigere Altersbild, das auch gesellschaftliche Potenziale anerkennt, wird in der öffentlichen Diskussion allerdings oft vernachlässigt (BMFSFJ 2001, 47).

Diese Heterogenität führt zu der Frage, ab welchem chronologischen Alter man über­haupt als alt bezeichnet werden kann. Die Problematik dieser Frage wird schon daran deutlich, dass das Altersselbstbild der 40-85-jährigen Männer und Frauen stark von ihrem chronologischen Alter abweicht – im Durchschnitt fühlen sie sich ca. 10 Jahre jünger (Kreibich 2004, 3). Vielfach wird eine Einteilung der Phase des Alters in junge Alte und alte Alte bzw. Hochaltrige vorgenommen (Backes et al. 2004, 8). Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei dem Übergang von der Phase des Jungen Alters/ Dritten Lebensalters zum Alten Alter/ Vierten Lebensalter um einen qualitativen Sprung handelt. Eine Einteilung des Lebens in vier verschiedene Lebensalter nahm zuerst Laslett (1989) vor, der durch demographische Faktoren und das immer frühere Austreten aus dem Arbeitsleben die klassische Einteilung in drei Stufen nicht mehr gegeben sah. Diesen Lebensphasen schreibt Laslett folgende Eigenschaften zu:

- 1. Lebensalter: Abhängigkeit, Sozialisation und Ausbildung,
- 2. Lebensalter: Reife, Unabhängigkeit, familiäre und soziale Verantwortung,
- 3. Lebensalter: persönliche Erfüllung,
- 4. Lebensalter: Abhängigkeit und Altersschwäche (Laslett 1989).

In dieser Perspektive wird das Dritte Lebensalter, das mit dem Austritt aus dem Er­werbsleben beginnt, als der Höhepunkt der persönlichen Entwicklung angesehen (Laslett 1989). Wahl und Heyl (2004, 55) bemängeln allerdings, dass es außerhalb medizinischer und pflegewissenschaftlicher Forschung kaum Studien zu Hochaltrigen gibt, obwohl diese die derzeit wachstumsstärkste Bevölkerungsgruppe ausmachen. Dies wurde auch von der Politik erkannt; der Vierte Altenbericht der Bundesregierung beschäftigt sich ausschließlich mit der Lebenssituation Hochbetagter (BMFSFJ 2002).

Der weit überwiegende Teil der Menschen im Dritten Lebensalter, also den jungen Alten, besitzt einen guten oder zufrieden stellenden Gesundheitszustand und ist nicht auf Pflege oder Hilfeleistungen anderer angewiesen. Auch psychische Indikatoren, wie z. B. der Grad der Lebenszufriedenheit oder die Ausprägung depressiver Symptomatik weisen aus psychologischer Sicht auf ein erfolgreiches Altern in dieser Altersgruppe hin. Ebenso sind Gefühle der Einsamkeit oder gar Isolation selten und die materielle Sicherheit älterer Menschen hat in den letzten Jahrzehnten zugenom­men. Im Vierten Lebensalter ändern sich diese positiven Aussagen jedoch zuneh­mend, da das Risiko der chronischen Erkrankungen, Multimorbidität sowie der Hilfs- und Pflegebedürftigkeit stark zunimmt (BMFSFJ 2001, 50; vgl. auch Baltes 1999). Trotz dieser gebräuchlichen Einteilung besteht gerade wegen der Vielfalt der Alterns­prozesse die Schwierigkeit, für den Eintritt in das Vierte Lebensalter sinnvolle Alters­grenzen anzugeben. Gesellschaftliche oder institutionalisierte Grundlagen dafür exis­tieren kaum (Backes et al. 2004, 8). In dieser Arbeit wird der Austritt aus dem Er­werbsleben als Zeitpunkt für den Eintritt in das Alter angenommen, sofern nicht an­ders angegeben. Zwischen dem Dritten und Vierten Lebensalter wird nur unterschie­den, wenn dies inhaltlich notwendig erscheint.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bewahrung der Selbständigkeit durch Technik (Quelle: Göbel 2001, 20)

Es wird deutlich, dass das Alter mit vielen, individuell unterschiedlichen Funktions­einschränkungen verbunden ist, die allerdings in vielen Fällen mit Hilfe von techni­schen Entwicklungen hinausgeschoben, kompensiert oder gar verhindert werden kön­nen (Fozard et al. 2000, 332). Diese Hoffnung verdeutlicht folgende Abbildung:

Viele Forschungsbemühungen zielen darauf ab, hierfür technische Lösungsmöglich­keiten zu finden und existierende zu verbessern. Dieses Defizitbild darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl im Dritten als auch im Vierten Lebensalter viele kör­perliche, alltagspraktische, psychische und kognitive Kompetenzen erhalten bleiben oder gesteigert werden können (BMFSFJ 2001, 55ff.). Zunehmend werden Technolo­gien entwickelt, die darauf abzielen, diese Kompetenzen des Alters zu erweitern. Potenziale werden insbesondere in der Gestaltung sozialer Beziehungen, beruflichen Aktivitäten im Rentenalter, ehrenamtlichen Tätigkeiten, aber auch bei Freizeitakti­vitäten und Selbstverwirklichung gesehen. Möglichkeiten der Technik werden u. a. in den Bereichen des alltäglichen Lebens, der Kommunikation, Mobilität und lebenslangen Lernens gesehen (Fozard et al. 2000, 332).

Zusätzlich zu den Chancen, die Technik älteren Menschen bietet, müssen ebenso die Schwierigkeiten, die Ältere bei der Nutzung bestimmter technischer Geräte haben, betrachtet werden. Neben Problemen, die sich aus oben beschriebenen Funktionsein­schränkungen ergeben, haben ältere Kohorten Nachteile gegenüber jüngeren, da ihre Ausbildung und Lebenserfahrung sie nicht adäquat auf heutige Technologien vorbe­reitet hat. Technik stellt also auf zweierlei Art eine Herausforderung für Senioren dar (Schaie/Wahl/Mollenkopf/Oswald 2003, xvii).

2.2 Fragestellung

Diese kurze Einführung in die Probleme und Potenziale älterer Menschen wirft die Frage auf, inwiefern die Forschung sich konkret mit dem Thema Alter und Technik beschäftig. Im Gegensatz zur Gerontologie ist dies ein relativ neues Forschungsthema, das erst mit den erweiterten Möglichkeiten der Technik entstanden ist. Daher gibt es in der Literatur kaum Überblicke über die bisherige Forschung. Diese Arbeit soll daher einen perspektivenübergreifenden Überblick über die vorhandenen Forschungs­bemühungen geben. Beispielhaft werden diese für die Länder USA und Deutschland gegenübergestellt. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach der Entwicklung und Konsolidierung dieses Forschungsgebietes. Wo liegen Gemeinsamkeiten und in­wiefern unterscheidet sich die Forschung zu Alter und Technik in den Ländern? Die zugrunde liegende These lautet, dass sich in beiden Ländern die Herangehensweise an die Thematik Alter und Technik grundsätzlich unterscheidet, da unterschiedliche For­schungstraditionen vorliegen. Daraus ergeben sich weitere Fragestellungen:

1. Welche Forschungsschwerpunkte gibt es überhaupt?
a. Wie haben sie sich über die Zeit gewandelt, welche Veränderungen und Kontinuitäten gibt es hinsichtlich der Schwerpunktsetzung?
b. Wodurch wurden sie verändert und beeinflusst?
2. Welche Disziplinen sind an der Forschung beteiligt?
3. Unterscheidet sich die Forschungsmethodik?
4. Lässt sich ein unterschiedliches Altersbild in beiden Ländern feststellen? Hat es sich über die Zeit gewandelt?
5. Unterscheiden sich die Sichtweisen auf Technik?
6. Erfolgt eine gegenseitige Rezeption der Forschungsergebnisse und wenn ja, in welcher Form?

Schließlich sollte am Ende dieser Arbeit die Frage beantwortet werden, ob es sich in beiden Ländern überhaupt um ein eigenes Forschungsgebiet handelt.

2.3 Vorgehen

Der Vergleich der Forschungsbemühungen in den USA und Deutschland bietet sich an, da beide Länder sehr unterschiedliche Voraussetzungen gesellschaftlicher, wirt­schaftlicher, technischer und politischer Art besitzen. Gerade in den USA wurden früh gerontologische Forschungsprogramme ins Leben gerufen, weshalb das Land gewis­sermaßen als Vorreiter auf diesem Gebiet gelten kann. Zudem gilt das Land traditio­nell als sehr offen in Bezug auf technologische Neuerungen. Deutschland wiederum gilt als ein Land mit bemerkenswerten sozialstaatlichen Errungenschaften, das sich aber durch eine sehr niedrige Geburtenquote mit großen Herausforderungen an den Sozialstaat konfrontiert sieht, und Technik evtl. einen Ausweg bieten kann. Diese un­terschiedlichen Rahmenbedingungen in beiden Ländern lassen einen interessanten Vergleich erwarten. Die USA eignen sich insofern auch besser zum Vergleich mit Deutschland als andere europäische Länder, da die USA nicht an europäischen For­schungsprogrammen beteiligt sind. Ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen sind also gegeben.

Im folgenden Kapitel werden als Hintergrund für die Analyse zunächst verschiedene Arten von Technik für das Alter kategorisiert. Darauf folgend werden die Rahmenbe­dingungen in beiden Ländern kurz skizziert, da Forschung immer von gewissen Aus­gangsbedingungen beeinflusst wird. Die Analyse der Länder erfolgt aufgeteilt in drei Phasen, in denen versucht wird, Schwerpunkte der Forschung und Einflüsse darauf herauszustellen. Da bei einem solch breiten Überblick es schwer möglich ist sehr in die Tiefe zu gehen, werden vor allem Forschungsprojekte betrachtet, die einen ge­wisse Außenwirkung hatten (z. B. Publikation in internationalen Sammelbänden, viel­fach zitiert etc.) und daher Schwerpunkte verdeutlichen. Für jede Phase und jedes Land wird exemplarisch zusätzlich eine herausragende Studie oder ein Projekt einge­hender betrachtet. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der dritten Phase, da in den ers­ten beiden Phasen noch nicht zu jedem betrachteten Gebiet nennenswerte Forschung stattfand. Da die Betrachtung der Forschung in den beiden Ländern ohne Einbezug des internationalen Forschungskontextes nicht möglich ist, wird in jeder Phase zu­nächst die zur nationalen Forschung parallel verlaufende Herausbildung des von vor­neherein international angelegten Gebiets der Gerontechnology (eine Wortschöpfung aus Gerontology und Technology) betrachtet. Schließlich erfolgt eine vergleichende Bewertung der Forschung zu Alter und Technik in beiden Ländern.

Zur Betrachtung der Forschungsbemühungen dient eine ausführliche Literaturanalyse. Aufsatzsammlungen und Zeitschriftenaufsätze sind hierfür besonders wertvoll, da sie einen guten Überblick über den jeweiligen Forschungsstand geben. Gerade Regie­rungsberichte erlauben zudem Rückschlüsse auf die politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Auch Projektberichte sowie die wenigen bisher erschienenen Lehr­bücher können wichtige Hinweise geben. Monographien sind zum Themengebiet Al­ter und Technik bisher noch kaum erschienen. Zusätzlich von Interesse ist die Grün­dung und Entwicklung von Forschungszentren, die mit der Thematik Technik und Alter befasst sind. Von Bedeutung ist hier, wann diese Forschungszentren gegründet wurden, welche Themen besondere Aufmerksamkeit erhalten und welche Disziplinen beteiligt sind. Das Internet stellt in diesem Zusammenhang eine wichtige Hilfe dar, um Informationen über die thematische Ausrichtung etc. von Forschungszentren zu erhalten.

3 Analyse

Zunächst ist es notwendig, Anwendungsbereiche für Technik für das Alter einzugren­zen, um in der folgenden Analyse die Forschungsbemühungen besser einordnen zu können. In der Literatur zum Thema Technik und Alter lassen sich unterschiedlichste Kategorisierungen der Technikbereiche, die für Ältere von Belang sind, finden. Voß (2002, 11) stellt die Funktion der Technik in den Vordergrund. In der folgenden Ta­belle sind diese Techniken jeweils mit einigen Beispielen aufgeführt, die so gleich­zeitig einen einleitenden Überblick über die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten der Technik für das Alter gibt. Nicht jede technische Lösung, von der Ältere profitieren, wurde dabei originär für Senioren entwickelt. Viele Entwicklungen stammen aus dem Bereich der Behinderten- bzw. Rehabilitationstechnik. Haushaltsgeräte wiederum er­leichtern allen Menschen den Alltag, wobei Senioren besonders profitieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Altersrelevante Technik nach Funktionen (Quelle: nach Voß 2002, 11; Mollenkopf & Hampel 1994, 23).

Diese Einteilung ist sehr ausführlich, allerdings wenig praktikabel, da technische Ge­räte verschiedene Funktionen gleichzeitig erfüllen können. Eine andere Herange­hensweise wählt der Dritte Altenbericht der Bundesregierung, der lediglich unter­scheidet zwischen alltags- und altersrelevanter Technik (z. B. Griffe an der Bade­wanne oder Rollator als Gehhilfe) und neuen Technologien auf der Basis von Mikro­elektronik. Hier wird zusätzlich unterteilt in Alltagstechnik (Geräte, die nicht nur für Senioren relevant sind, insbesondere aber ihnen den Alltag erleichtern, wie z. B. Intelligente Haustechnik) und Pflege- und Rehabilitationstechnik, die u. a. dazu dient, physische oder kognitive Beeinträchtigungen auszugleichen bzw. zu behandeln (z. B. Hörgeräte). Informations- und Kommunikationstechnologien spielen in beiden Berei­chen eine Rolle (BMFSFJ 2001, 263).

Eine praktikablere, da weniger grobe Kategorisierung, die auf den Bedürfnissen und Interessen Älterer basiert und ähnlich bei anderen Autoren zu finden ist, nehmen Fozard et al. (2000, 332ff.) vor. Sie teilen Technik je nach ihrem Einsatzgebiet in fol­gende Bereiche auf: Wohnen und Haushalt, Kommunikation, Mobilität und Verkehr, Gesundheit, Freizeit und Selbstverwirklichung sowie Beruf. Keine Rolle in dieser Einteilung spielt die Technik zur Unterstützung institutioneller oder privater Pflege. In diesem Zusammenhang ist jedoch die Unterscheidung zwischen Pflegetechnik und solcher Technik, die in den privaten Gesundheitsbereich fällt, wie beispielsweise Ge­räte, die zur Überwachung des eigenen Gesundheitsstatus dienen (Blutdruckmessgerät etc.) oder auch technische Hilfsmittel bzw. Assistive Technologies (Sehhilfen, Prothe­sen etc.) notwendig.

Zusätzlich zu den genannten Bereichen lassen sich übergreifende Themengebiete ausmachen, die ebenfalls Gegenstand der Forschung sind. Hierzu gehört die Sicher­heit. Fahrerassistenzsysteme im Fahrzeug erhöhen die Sicherheit im Straßenverkehr, dienen aber generell der Mobilität. Auch Low-tech -Lösungen wie zusätzliche Hand­griffe im Bad dienen der Erhöhung der persönlichen Sicherheit, werden aber hier dem Bereich Haushalt und Wohnen zugerechnet. Gleichzeitig ist Sicherheit eine der wich­tigsten Anforderungen an alle technischen Geräte. Zusätzlich spielen in allen ge­nannten Technikbereichen Fragen des Designs und der Bedienbarkeit bzw. Nutzbar­keit eine Rolle. Mittlerweile hat sich hier ein ganzer Forschungsbereich entwickelt, der sich etwa mit seniorengerechtem Design oder einer für ältere Menschen opti­mierten Nutzerführung auseinandersetzt. Darüber hinaus gibt es übergreifende Stu­dien, die sich beispielsweise mit der Techniknutzung und -akzeptanz bzw. -skepsis oder Hemmnissen der Techniknutzung auseinandersetzen.

In Anlehnung an Fozards Einteilung wird für diese Arbeit folgende erweiterte Kate­gorisierung nach Anwendungsbereichen verwendet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Perspektiven auf Technik im Alter

Die Bereiche 1-4 (Wohnen u. Haushalt, Kommunikation u. Information, Mobilität u. Verkehr, Gesundheit) sind für eine selbständige und selbstbestimmte Lebensführung zentral. Da in dieser Arbeit der normal alternde, nicht mehr erwerbstätige Mensch in seinem alltäglichen Lebensumfeld im Mittelpunkt steht, werden die Bereich Pflege und Arbeitsplatz soweit möglich von der Betrachtung ausgenommen. Ebenso ausge­blendet wird der Bereich der Freizeitgestaltung und Selbstverwirklichung, da die For­schungsprioritäten in diesem Bereich nicht sehr hoch sind. Eingehend betrachtet wer­den also die vier Bereiche

- Wohnen und Haushalt,
- Mobilität und Verkehr,
- Kommunikation und Information,
- Gesundheit.

Eine trennscharfe Einordnung ist dennoch nicht immer zweifelsfrei möglich. Intelli­gente Haustechnik ist beispielsweise kaum ohne IKT denkbar. Ihrem Hauptzweck nach wird diese Technik in den Bereich Wohnen und Haushalt eingeordnet. Ein wei­teres Beispiel wäre ein Handy, das auch als Navigationsgerät genutzt werden kann. Dies wäre je nach genutzter bzw. untersuchter Funktion in die Bereiche Kommunika­tion und Information oder Mobilität und Verkehr einzuordnen. Da hier ein breiter Überblick erfolgen soll, kann nicht jeder Bereich in aller Tiefe betrachtet werden. Im Bereich der IKT gibt es z. B. inzwischen eine so große Anzahl an Studien, dass eine tiefgehende Analyse an dieser Stelle nicht möglich ist.

3.1 Rahmenbedingungen der Forschung zu Alter und Technik

Die Forschung in einem Land lässt sich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Rah­menbedingungen betrachten, da sie die Zielsetzungen der Forschung maßgeblich be­einflussen. Die rasanten Entwicklungen auf dem Gebiet der Technologie sind außer­dem für diese Betrachtung von großer Bedeutung. Im Folgenden werden daher zu­nächst einige grundlegende Daten erläutert, da diese gewissermaßen den Rahmen der Forschung bilden. Einige demographische Angaben dürfen nicht fehlen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Demographische Daten für die USA und Deutschland für 2005
(Quelle: CIA Worldfactbook 2006)

In der Tabelle wird deutlich, dass sich die Altersstruktur in beiden Ländern klar unter­scheidet, mit einer Differenz des mittleren Lebensalters von fast sechs Jahren. Trotz einer nur geringfügig höheren Lebenserwartung ist der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre in Deutschland um 6,5 Prozentpunkte höher als in den USA und der Anteil der Unter-15-Jährigen dementsprechend niedriger. Die sehr niedrige Geburtenrate führt so in Deutschland zu einem schnellen Altern der Gesamtbevölkerung. Auch ein durch bessere medizinische und hygienische Bedingungen bedingter Anstieg der Le­benserwartung trägt zur Alterung der Gesellschaft bei. Diese Entwicklungen werden sich in Zukunft noch verstärken: Für das Jahr 2050 wird nicht nur mit einem Anstieg der Lebenserwartung um rund sechs Jahre gerechnet, sondern auch mit einer gleich bleibend niedrigen Geburtenrate. Der Anteil der Über-Sechzigjährigen an der Ge­samtbevölkerung wird sich demnach von 2001 bis 2050 von ca. einem Viertel auf mehr als ein Drittel verstärken. Der Anteil der 80+ Generation wird sich nach den Be­rechnungen der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung sogar verdreifa­chen (Statistisches Bundesamt 2003, 5ff.). Dieses Verhältnis fällt in den USA nicht so drastisch aus, da hier mit einer stabilen Geburtenziffer von 2,0-2,1 gerechnet wird (Statistisches Bundesamt 2003, 12). Gerade in Deutschland ist nicht nur die Lebens­phase nach hinten verlängert, sondern beginnt auch früher, denn der Übergang in den Ruhestand hat sich in den letzten Jahren deutlich nach vorne verschoben, heute liegt er bei Männern bei 59,9 Jahren und bei Frauen bei 60,5 Jahren. Schon relativ früh be­ginnt also eine neue Lebensphase mit neuen Orientierungen, in der auch neue Dienst­leistungen und Technik wahrgenommen werden (Kreibich 2004, 7). Für die USA wird ebenfalls ein starker Anstieg des Anteils der Senioren an der Bevölkerung er­wartet. Schätzungen zufolge soll der Anteil der Über-75-Jährigen bis 2020 sogar um 74% anwachsen (U.S. Embassy 2006).

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Lebensstandard deutscher Senioren deutlich verbessert und die meisten Rentner können ihren Lebensstandard mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben mehr oder weniger halten (Ebbinghaus 2006, 2). In den USA ist der Eintritt in das Rentenalter dagegen häufig mit einem spürbaren Nachlassen der Kaufkraft verbunden, was sich auf die Möglichkeit, sich bestimmte Technologien leisten zu können, auswirkt (Charness 2004, xxvi).

Wegen der großen Bedeutung der Bereiche Mobilität und Wohnen sollen kurz einige Daten dazu angeführt werden. In Deutschland leben 92% aller Menschen über 65 in der eigenen Wohnung (Großjohann 2003, 119f.). Lediglich 5,3% der Über-65-Jähri­gen leben in Pflegeheimen, wobei hiervon der größte Teil auf die Über-80-Jährigen entfällt. Dies gilt ähnlich für die USA, wo nur 4,3% in Pflegeheimen leben. Aller­dings ist in den USA die Nutzung alternativer Wohnformen (Betreutes Wohnen etc.) höher. Außerdem ist die Zahl der Eigenheimbesitzer weitaus größer (79%) als in Deutschland (48%) (Wahl & Gitlin 2003, 285), was sich möglicherweise positiv auf Möglichkeiten der Wohnungsanpassung auswirkt. Was die Ausstattung von Senio­renhaushalten mit Technik anbelangt, lässt sich feststellen, dass viele technische Neu­erungen in Deutschland ca. 10 Jahre später als in den USA Verbreitung fanden. Bei Geräten der Standardausstattung (Radio, TV, Kühlschrank, Telefon) ist die Verbrei­tung in beiden Ländern nahezu 100%. Zentralheizung und Waschmaschine sind in deutschen Seniorenhaushalten weiter verbreitet, während amerikanische Haushalte besser mit Spülmaschinen, Mikrowellen, Videorekordern und Computern ausgestattet sind (Wahl & Mollenkopf 2003, 219f.)

Die USA sind geprägt von großen Distanzen, die oft für alltägliche Besorgungen zu­rückgelegt werden müssen und besitzen ein schlecht ausgebautes öffentliches Ver­kehrsnetz. Daher ist gerade in den USA der Pkw für ein selbständiges Leben im Alter zentral. So besitzen in den USA 92% aller Haushalte mindestens ein Auto, 19% aller Haushalte haben sogar drei oder mehr Autos und 9 von 10 Wegen werden mit dem Auto zurückgelegt. Amerikaner über 85 Jahren fahren sogar noch häufiger selber an­statt Beifahrer zu sein. Hier ist also eine sehr starke Abhängigkeit vom Pkw festzu­stellen, die sich in Zukunft noch verstärken wird (Stutts 2003, 192ff.). In Deutschland ist diese Abhängigkeit weniger stark. So betrug der Anteil der Autofahrten an der ge­samten Personenmobilität ca. 84% und der Anteil der über 65-jährigen Autofahrer betrug 1996 13,6%, wird sich bis 2040 aber vermutlich auf 26% erhöhen (Oswald 1999, 18). Obwohl die Ausgangsbedingungen in beiden Ländern ähnlich sind, zeigen sich auf den zweiten Blick doch große Unterschiede. Leider kann an dieser stelle kein Vergleich der gesellschaftspolitischen Unterschiede und der Forschungslandschaften erfolgen.

3.2 Entwicklungen vor 1990

In den 50er und 60er Jahren herrschte in der Gerontologie ein Defizitbild des Alters vor. Ab den 70er und 80er Jahren diagnostizieren Wahl und Tesch-Römer allerdings einen Gesinnungswandel hin zu einem Interventionskult, der auf der Hoffnung be­ruhte, die Funktionseinbußen des Alters vermeiden oder sogar rückgängig machen zu können (Wahl & Tesch-Römer 2000, 4). So geriet die Umweltabhängigkeit von Al­ternsprozessen in den Blickwinkel und damit auch die Möglichkeit, durch eine Ver­änderung der Umwelt Alternsprozesse positiv beeinflussen zu können. Im Mittelpunkt standen dabei zunächst Rehabilitationsmöglichkeiten. Eine ähnliche Herangehens­weise bildete sich in der Ergonomie[3] heraus. Die zentrale Idee geht davon aus, dass der Mensch in Interaktion zu seiner Umwelt steht und man diese Wechselwirkungen als ein System betrachten sollte. Ein optimales Resultat kann erreicht werden, indem man die Voraussetzungen einer Person anpasst, die Umweltbedingungen an die indi­viduellen Voraussetzungen des Menschen oder beides (Fozard et al. 2000, 335). Lawton und Nahemow (1973) prägten diese Perspektive maßgeblich durch ihre soge­nannte Docility-These: Je geringer die Kompetenz einer Person, desto stärker wirken sich Umwelteinflüsse auf sie aus bzw. desto schlechter ist auch die Anpassungsfähig­keit an Umweltbedingungen. Mit Kompetenz sind hier biologische Gesundheit, senso­risch-motorische Funktionsfähigkeit, kognitive Fähigkeiten sowie Stärke des Selbst­bewusstseins zusammengefasst (Lawton 1980, 14). Trotz der allgemeinen Tendenz, verstärkt die Umweltbedingungen des Alters zu betrachten, wurde vor 1990 in Deutschland noch kaum Aufmerksamkeit auf das Gebiet Alter und Technik gerichtet. In den Vereinigten Staaten hingegen gab es schon relativ rege Forschungsaktivitäten innerhalb der Ergonomie. Einer der ersten Artikel, der die Bedeutung der Ergonomie für die Gerontologie beschrieb, war eine Publikation von Alphonse Chapanis in der Zeitschrift Gerontologist im Jahr 1974 zum Thema „Human engineering environ­ments for the aged“. Im Jahr 1981 wurde eine Sonderausgabe der Zeitschrift Human Factors zum Thema Altern herausgegeben und 1990 erschien eine zweite Sonderaus­gabe zum gleichen Thema. Gleichzeitig nahm eine Technical Interest Group (TIG) innerhalb der Human Factors and Ergonomics Society zum Thema Alter an Gestalt an. 1987 wurde zudem die Special Interest Group on Technology and Aging der Ge­rontological Society of America (GSA-TAG) gegründet, die das Bewusstsein für die Bedeutung der Thematik Technik und Alter(n) in der wissenschaftlichen Gemeinde deutlich erhöhte (Fozard 2004, 264f.).

Auch von politischer Seite erhielt das Thema in den USA Aufmerksamkeit. So be­auftragte der Kongress im Jahr 1984 einen Bericht, der den Allgemeinzustand älterer Amerikaner untersuchen und Wege aufzeigen sollte, wie Technologie zur Aufrechter­haltung der Unabhängigkeit und Erhöhung der Lebensqualität beitragen kann. Aus­gangspunkt war die Feststellung, dass aufgrund der längeren Lebenserwartung chroni­sche Krankheiten zunehmen, die die selbständige Lebensführung einschränken. Der Bericht zielt daher darauf ab, gerade chronisch kranke Senioren durch Technologie zu unterstützen, bzw. die Möglichkeiten dafür zu evaluieren (US Congress 1985, iii). Schwerpunkt bildete die Evaluation der prinzipiellen technischen Möglichkeiten und das Aufzeigen von Handlungsfeldern für die Politik. Neben einer kurzen Betrachtung des Wohnens lag der Fokus nicht auf Alltagstechnologien, sondern eindeutig auf technischen Möglichkeiten, die physische und mentale Gesundheit älterer Menschen zu erhalten; sozialwissenschaftliche Betrachtungen spielten keine Rolle. Generell ist der Bericht von einer Technikeuphorie getragen sowie dem Bewusstsein, dass eine technologische Revolution ansteht, deren Konsequenzen kaum absehbar sind (U.S. Congress 1986, 6). Dieser Bericht zeigt, dass in den USA schon früh eine explizite Betrachtung des Zusammenspiels von Alter und Technik stattfand und dies keine Ni­schenforschung war, sondern durchaus politische Relevanz besaß.

Zwei weitere einflussreiche Publikationen zum Thema Alter und Technik erschienen in den USA: Robinson, Livingston und Birren (1984) sowie Lesnoff-Caravaglia (1988). Beide beschäftigten sich in Form von Aufsatzsammlungen mit der Thematik. Insgesamt stehen medizintechnische Anwendungen und Assistive Technologies im Mittelpunkt und Ältere werden großteils auf ihre Behinderungen und Erkrankungen reduziert. Dies liegt daran, dass viele Techniken aus dem Behindertenbereich übertra­gen werden, insbesondere im Bereich der technischen Hilfsmittel und der Rehabilita­tionstechnik. Eine wichtige Rolle spielten amerikanische Veteranenorganisationen, die sich wesentlich auf dem Gebiet der Behindertentechnik betätigten, da viele ihrer Mitglieder durch Kriegsbehinderungen beeinträchtigt sind. Da diese Veteranen nun altern, scheint eine stärkere Beschäftigung mit den Problemen (behinderter) Älterer folgerichtig und eine Übertragung der Forschungsergebnisse auf alle Senioren mit ähnlichen Problemen bietet sich an. In dieser frühen Phase der Beschäftigung mit Al­ter und Technik wird häufig der Wunsch nach verstärkter Grundlagenforschung laut, da viele Basisfakten über Altersprozesse körperlicher, physischer und mentaler Art noch fehlen.

Im Jahr 1990 konnten die Vereinigten Staaten also durchaus auf eine gewisse For­schungstradition zum Thema Technik und Alter zurückblicken, die allerdings maß­geblich zum einen von einer ergonomischen Sichtweise, zum anderen von einem De­fizitbild des Alters geprägt war. Auch die universitäre Lehre profitierte von dieser Forschung, so gab es in den USA schon seit 1987 Kurse zum Thema Altern und Technik (Burdick & Kwon 2004, ix). In Deutschland war dagegen keine vergleich­bare Entwicklung erkennbar. Dies änderte sich Anfang der 90er Jahre.

3.3 Phase I: Die Herausbildung eines neuen Forschungsgebiets

Nachdem frühe Entwicklungen des Gebiets Alter und Technik skizziert wurden, sol­len nun die Entwicklungen in der ersten Hälfte der 90er Jahre ausführlich dargestellt werden. Wesentliche Impulse erhielt die Forschung durch die Formierung des neuen Forschungsgebiets der Gerontechnology. Zudem regte sich in Deutschland erstes In­teresse an diesem Thema. Daher scheint das Jahr 1990 ein guter Zeitpunkt für den Einstieg in eine tiefere Betrachtung zu sein. Da die Forschung noch nicht sehr breit aufgestellt ist, sind einige Bereiche ausführlicher als andere dargestellt.

3.3.1 Gerontechnology

Anfang der 90er wurde eine gemeinsame internationale Plattform für die bisher ver­einzelt in verschiedenen Staaten stattfindende Forschung zu Alter und Technik ge­schaffen. Besonders fortgeschritten war die Forschung in den Niederlanden. Aus der Einsicht heraus, dass ein gemeinsames Bemühen notwendig ist, um Technologien für Ältere nutzbar zu machen, ist die interdisziplinär ausgerichtete Disziplin Geron­technology entstanden. Da es sich um eine internationale Bewegung handelt, wird im Folgenden die englische Bezeichnung verwendet. Als Ziel der Gerontechnology ge­ben Bouma und Graafmans „the study of technology and aging with the aim of im­proving the functioning of the elderly in daily life” (Bouma & Graafmans 1991, v) an. Zwar beschäftigten sich schon früher Forschergruppen mit dem Alter, insbesondere in den Bereichen Wohnen und Pflege. Nun steht aber zum ersten Mal das Ziel im Vor­dergrund, generell die Lebensqualität durch Technik zu erhöhen und nicht nur ein­zelne Probleme zu beheben. Das Spektrum der Disziplinen, die in diesem Rahmen zur Ent wicklung seniorengerechter Produkte beitragen können, ist sehr groß:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Potenziell an der Gerontechnology beteiligte Disziplinen (Quelle: Reents 1996b, 3)

In all diesen Disziplinen ist natürlich schon Wissen zu Alter und Technik vorhanden, allerdings nicht unbedingt in einen größeren Kontext integriert. Angestrebt wird eine Integration, die sich durch Forschung, Entwicklung, Design, Marketing sowie durch politische und wirtschaftliche Ziele zieht. Ein Grundproblem ist jedoch zunächst, dass noch kaum empirische Daten über die Lebensbedingungen von Senioren existieren, wie z. B. welche Arten von Technologie sie sich überhaupt leisten können. Eine zent­rale Forderung lautet demnach, wirtschaftliche und soziale Hintergründe älterer Men­schen und deren Einfluss auf Technikakzeptanz zu untersuchen (Bouma 1992, 3f.). Der Anspruch der noch jungen Gerontechnology war also, zunächst eine stabile Da­tengrundlage zu schaffen, auf der die weitere Forschung aufbauen kann.

Eine erste internationale Konferenz fand 1991 in Eindhoven statt und wurde mit eu­ropäischen und niederländischen Fördermitteln finanziert. Obwohl die Niederlande zunächst eine Vorreiterrolle bei der Etablierung dieses Forschungsfeldes übernahmen, war eine internationale Beteiligung von vorneherein gegeben. Vorherrschende The­mengebiete waren Mobilität, Wohnen, Informations- und Kommunikationstechnolo­gie sowie Medizintechnik. Diese und nachfolgende Konferenzen bieten – neben ande­ren Publikationen – einen guten Ansatzpunkt, um die Entwicklung der Forschung zu Alter und Technik und den Stand der Technik nachzuzeichnen.

Es fällt auf, dass deutsche Beiträge zur Eindhoven-Konferenz vor allem die Möglich­keiten der Telekommunikation für Ältere thematisieren (Garbe et al. 1992; Erkert 1992; Robinson 1992). Dieses Themengebiet ist ausschließlich von deutschen Beiträ­gen besetzt. Ein weiterer Beitrag stellt die Ergebnisse des weiter unten beschriebenen ALTEC-Projekts, das die seniorengerechte Gestaltung von Alltagstechnik untersucht, vor (Rudinger et al. 1992). Die amerikanischen Beiträge sind thematisch breiter ge­streut: Zum einen geben sie einen Überblick über biomedizinische Erkenntnisse zu Alternsprozessen (Corso 1992; Fozard et al. 1992) und betrachten ökonomische Grundlagen für technische Möglichkeiten (Hurd 1992). Weiterhin werden medizin­technische Fallstudien vorgestellt, die sich an Einzelproblemen wie der Versorgung von Inkontinenz-Patienten (Petrucci et al. 1992), der Behandlung von Hörstörungen (Brant et al. 1992) und der Entwicklung von Erinnerungshilfen zur Medikamenten­einnahme (Park et al. 1992) ausrichten. Schon dieser grobe Überblick zeigt, dass beide Länder Schwerpunktthemen vertreten – Telekommunikation auf deutscher und Medizintechnik auf amerikanischer Seite. Gleichzeitig gibt es aus den USA Betrach­tungen genereller Art zum Thema Alter und Technik, die zeigen, dass sich in den USA bereits eine verschiedene Technikbereiche übergreifende Betrachtungsweise herausbildet. Dies soll im folgenden Abschnitt näher betrachtet werden.

3.3.2 USA

Schon Ende der 1980er Jahre erarbeitete ein Komitee aus nationalen Behörden aus dem Gesundheitsbereich eine nationale Forschungsagenda zum Thema Altern. Die 1991 erschienene Agenda sollte die wichtigsten altersrelevanten Forschungsbereiche für die folgenden 20 Jahre identifizieren und als Prioritätenliste für zukünftige For­schungsvorhaben dienen. Diese Initiative beruhte auf dem Erfordernis, akute und chronische Krankheiten im Alter zu kontrollieren und Behinderungen und Leiden zu reduzieren bzw. zu mildern. Eine Verbesserung der Lebensqualität wurde also ange­strebt. Neuartige Methoden der Grundlagenforschung zu Alternsprozessen eröffneten dazu neue Möglichkeiten (Lonergan 1991, 2ff.). Der Erforschung des Alters wurde also eine hohe Relevanz zugesprochen, wobei die Bedeutung neuer Technologien zur Erhöhung der Lebensqualität im Alter noch nicht erkannt wurde, obwohl es schon in den 80ern Initiativen dazu gab. Auch wenn dieser Forschungsbereich nicht ganz oben auf der Forschungsagenda stand, gab es ein reges Interesse an der Thematik Alter und Technik: Forschungsinitiativen, die den Nutzen von Technologie für das Alter er­kannten, kamen weiterhin zumeist aus dem Bereich der Ergonomie. Die Verbindung zwischen Ergonomie und Gerontologie herzustellen bemühte sich vor allem Sara Czaja, die 1990 sowohl eine Sonderausgabe der Zeitschrift Human Factors zum Thema Altern herausgab (Czaja 1990a) als auch einen vom National Research Coun­cil (NRC) geförderten Bericht zum Thema Human factors needs for an aging popula­tion (Czaja 1990b).

Die Forschung zu Alter und Technik gewann zu Anfang der 1990er Jahre also gerade durch Initiativen aus der Ergonomie an Fahrt. Im Folgenden soll die Forschung zu den Gebieten Wohnen und Haushalt, Kommunikation und Information, Mobilität und Verkehr sowie Gesundheit vorgestellt werden, die allerdings nicht in jedem Bereich gleichermaßen stark vertreten war.

3.3.2.1 Wohnen und Haushalt

Die Bedeutung, die die seniorengerechte Gestaltung der Wohnumgebung für ältere Menschen besitzt, wurde in den USA zwar früh erkannt, systematische Forschung zur Hauhalts- oder Wohntechnik fand noch nicht in nennenswertem Umfang statt. Im Jahr 1990 erschien dennoch ein Übersichtswerk über Produkte für das Wohnen im Alter, das sich an Architekten, Produktentwickler, Bauunternehmer, Hersteller etc. wandte. Neben der Vorstellung geeigneter Produkte werden auch Kriterien aufgeführt, die eine Einschätzung der Produkte auf ihre Seniorentauglichkeit hin ermöglichen (Sel­vidge/Wylde/Rummage 1990). Solche Richtlinien beruhen oft jedoch nicht auf empi­rischen Untersuchungen. Hier setzen z. B. Czaja, Weber und Nair (1993) an, die Aus­führung von Alltagsaufgaben mittels Videoaufnahmen analysieren. Diese Untersu­chung wird exemplarisch weiter unten vorgestellt, da sie einerseits eine methodische Ausnahme in dieser Phase darstellt, zum anderen aber auch eine der wenigen Studien in diesem Bereich ist.

3.3.2.2 Kommunikation und Information

Auch Studien zur Informations- und Kommunikationstechnologie sind Anfang der 90er Jahre selten. Der Gerontechnology-Sammelband (Bouma & Graafmans 1992) zeigt, dass vor allem Deutsche dieses Themengebiet besetzen. Erwähnt werden soll allerdings die SeniorNet-Initiative, die sich schon 1986 aus einem Forschungsprojekt der privaten Markle Foundation gründete. Ziel des Projektes war die Ergründung der Frage, ob Computer- und Telekommunikationsdienste das Leben älterer Menschen bereichern können. Seitdem wurden im ganzen Land Zentren gegründet, in denen Se­nioren den Umgang mit dem Internet lernen können. Seit 1990 existiert SeniorNet als gemeinnützige Weiterbildungsorganisation. Neben Schulungszentren unterhält die Initiative zudem eine Website, die sich an die Bedürfnisse von Senioren richtet und führt Studien zu Nutzungsgewohnheiten und Bedürfnissen von älteren Menschen in Bezug auf das Internet durch (zumeist in der Form von Online-Befragungen) und stellt Studien anderer Forschergruppen zur Verfügung (SeniorNet 2006). SeniorNet ist so zum Vorbild für viele ähnlich ausgerichtete Initiativen in den USA, aber auch in Deutschland geworden.

3.3.2.3 Mobilität und Verkehr

Da die USA ein Land der Autofahrer sind, gab es naturgemäß schon früh wesentliche Forschungsbemühungen zum Themenbereich Alter und Autofahren. Owsley, Ball, Sloane, Roenker und Brune (1991) sowie Sixsmith und Sixsmith (1993) zeigen an­hand verschiedener Auswertungen von Unfallstatistiken, dass ältere Autofahrer ein größeres Unfallrisiko als jüngere Autofahrer besitzen. Dieses Unfallrisiko versuchen ältere Autofahrer aber durch eine Anpassung der eigenen Fahrstrategien zu vermei­den. Da sie ihre langsamere Reaktionsgeschwindigkeit in den meisten Fällen gut ein­schätzen können, fahren sie langsamer und beschränken ihre Fahrten auf Tageszeiten, wo Beeinträchtigungen des Sehens weniger zum Tragen kommen: Fahrten in der Dämmerung oder Nachtfahrten werden großteils vermieden (Sixsmith & Sixsmith, 1993). Owsley et al. zeigen außerdem, dass sich überraschenderweise physische Ein­schränkungen des Sehens wesentlich weniger auf das Unfallrisiko auswirken als ver­minderte visuelle Aufmerksamkeit, also kognitive Leistungseinbußen. Dies hat z. B. direkte Konsequenzen für die Konzeption von Fahrtüchtigkeitsprüfungen. Diese we­nigen Studien zeigen schon, dass es hier vor allem um die Ergründung physiologi­scher und kognitiver Alterseinbußen, die sich auf die Fahrtüchtigkeit älterer Men­schen auswirken, und grundlegende Erkenntnisse über das Fahrverhalten älterer Per­sonen geht. Psychologische Experimente sind hier das Mittel der Wahl, mit denen vorwiegend die Zusammenhänge von Altern, Kognition und Autofahren untersucht werden. Häufig geschieht dies auch aus einer ergonomischen Perspektive (vgl. für ei­nen Überblick Park 1994).

3.3.2.4 Gesundheit

Die Forschung zu Alter und Technik in den Vereinigten Staaten hat eine Wurzel in der Behinderten- und Rehabilitationstechnik (s.o.), gerade durch die einflussreiche Interessenvertretung der Veteranenverbände. Daher gibt es einen großen Forschungs­bereich zu sogenannten Assistive Technologies (AT). Diese können folgendermaßen definiert werden:

Dazu zählt jedes Produkt, Instrument, Gerät oder technisches System, das von älteren Menschen bzw. Menschen mit altersbedingten Behinderungen eingesetzt wird, das eine Spezialanfertigung oder ein Massenprodukt sein kann und einer Behinderung oder gene­rellen Beschwerde vorbeugt, sie kompensiert, erleichtert oder neutralisiert (Huning 2000, 92).

Im Deutschen wird die Bezeichnung Assistive Technologies zumeist beibehalten oder mit technischen Hilfsmitteln übersetzt. Ebenso wird in dieser Arbeit verfahren bzw. die Abkürzung AT verwendet. Die Anwendungsmöglichkeiten solcher Hilfsmittel sind äußerst vielfältig und reichen von Low-Tech -Geräten wie Gehstöcken bis zu High-Tech- Geräten wie textbasierten Telefonen, die es auch tauben Menschen erlau­ben über die Telefonleitung zu kommunizieren. Obwohl solche Geräte häufig ur­sprünglich aus dem Bereich der Unterstützungstechnik für Behinderte kommen, sind sie vielfach ebenso zur Kompensation altersbedingter Funktionseinschränkungen ge­eignet. Häufig werden aber schlicht bestehende technische Produkte auf die Bedürf­nisse Älterer übertragen, ohne dass eine tatsächliche Anpassung stattfindet. Einen an­deren Ansatz wählen Brant et al. Anhand von Daten über altersbedingte Verminde­rungen der Hörfähigkeit, die aus der Boston Longitudinal Study of Aging (BLSA)[4] ge­wonnen wurden, leiten sie Anforderungen an Hörgeräte und technologische Ent­wicklungen ab, die solchen Hörschwierigkeiten vorbeugen (Brant/Metter/Gordon/
Person/Fozard 1992, 269f.). Hier stehen also tatsächlich empirische Daten über ältere Menschen im Vordergrund, anhand derer technische Hilfsmittel entwickelt werden.

Interessant ist zudem die Consumer Assessment Study (CAS) von William Mann und Kollegen. Diese auf zehn Jahre angelegte Längsschnittstudie (Beginn 1991) unter­suchte Kompensationsstrategien älterer Menschen mit Behinderungen und deren Nut­zung von AT. Da die Ergebnisse erst in den späteren Jahren der Studie vorliegen, wird diese Studie in der folgenden Phase ausführlich vorgestellt. Es fällt jedoch auf, dass nur ältere Menschen mit Behinderungen angesprochen sind, dies schließt einerseits einen großen Teil der Senioren aus, zum anderen werden ausdrücklich die Defizite des Alters betont.

3.3.2.5 Studie: A Human Factors Analysis of ADL Activities

Wie bereits erwähnt, hat die Forschung zu Alter und Technik ihre Ursprünge in der Ergonomie. Czaja, Weber und Nair (1993) leisten aus ergonomischer Perspektive wichtige Grundlagenforschung für die Entwicklung von Haushaltsgeräten für ältere Menschen. Die vom National Institute of Aging (NIA) geförderte Untersuchung sollte dazu beitragen, die bisher sehr schlechte Datenlage zum Zusammenhang zwischen Umweltanforderungen und individuellen Kompetenzen zu verbessern. Die Untersu­chung strebte zwar nicht direkt eine Verbesserung der Lebensbedingungen Älterer durch Technik an, wollte aber durch Anpassungen der Alltagsumwelt dazu beitragen. Die Ergebnisse können zudem wichtige Impulse für die Entwicklung seniorenge­rechter Technik geben und gerade die genutzten Methoden sind für viele spätere For­schungsarbeiten grundlegend.

Ausgangspunkt der Studie war die Annahme, dass die erfolgreiche Erledigung einer Aufgabe von einer Übereinstimmung der Umweltanforderungen mit den individuellen Fähigkeiten abhängt. Dahinter steht die Docility-These Lawtons (s. S. 16). Durch eine Veränderung der Umweltgegebenheiten sollte die funktionale Unabhängigkeit älterer Personen erhöht werden. Dazu muss zunächst eine Analyse der Aufgabenanforderun­gen und der dafür notwendigen individuellen Fähigkeiten erfolgen. Czaja et al. be­mängeln, dass genauere empirische Erkenntnisse über konkrete Alltagsprobleme bis­her nicht vorliegen bzw. allenfalls statistischer Art sind (wie häufig kommen be­stimmte Probleme vor etc.). Zur Erhebung der empirischen Daten wählte die For­schergruppe die ursprünglich aus der Arbeitswissenschaft stammende Aufgabenana­lyse. Dabei werden Aktivitäten in Unterschritte aufgeteilt um für jeden dieser Schritte die kognitiven und physiologischen Anforderungen an die Person zu ermitteln. Dar­aufhin können die ermittelten Anforderungen mit den ebenfalls ermittelten Fähigkei­ten der Person verglichen werden. Einbezogen wurden Umweltbedingungen und die für die Aktivität genutzten Geräte (Czaja et al. 1993, 44f.).

Für die Untersuchung wurden Interviewdaten und Videomaterial ausgewertet. Bei den Interviews, die eine Analyse des Videomaterials erleichtern sollten, wurden zunächst 244 ältere, ihren Haushalt selbständig führende Probanden zu Alltagsaufgaben (per­sönliche Hygiene, Putzen, Einkaufen etc.) befragt. Anschließend wurden 60 dieser Personen in ihrem Zuhause, in Waschsalons und beim Einkaufen bei der Verrichtung dieser Aufgaben gefilmt. Insgesamt wurden 25 Aufgaben identifiziert, die nun anhand der Aufgabenanalyse detailliert ausgewertet wurden. Es konnten Haltungen, Bewe­gungen und Kräfte identifiziert werden, die Schwierigkeiten bereiten. Als problema­tisch erwiesen sich die Zubereitung von Mahlzeiten, Einkaufen, Hausputz und das selbständige Anziehen. Situationen, die Bücken, Heben oder Hocken erforderten, wa­ren mit den meisten Schwierigkeiten verbunden, gleichzeitig aber Bestandteil vieler Aktivitäten. Im Fokus standen rein körperliche Schwierigkeiten; kognitive Probleme wurden nicht betrachtet, wobei hier dringender Forschungsbedarf für die Zukunft ge­sehen wurde. Auf Basis der Ergebnisse sollten gezielt Interventionsstrategien und De­signrichtlinien entwickelt werden (Czaja et al. 1993, 46ff.).

Die Untersuchung wird noch heute vielfach zitiert, da sich die Ergebnisse zum einen noch immer als wertvoll für die Gestaltung von Wohnungen und Haushaltsgeräten erweisen, zum anderen in ihrer Systematik und Umfang der gesammelten Daten ih­resgleichen sucht. Systematische Beobachtungen älterer Menschen in ihrem Wohn­umfeld bilden allerdings die Ausnahme; üblich sind eher Fokusgruppen und Umfra­gen, um Probleme in der Bewältigung des Alltags zu untersuchen (Gutman 2003, 257). Ein weiterer Pluspunkt der Studie ist, dass die Methode der Nichtteilnehmenden Beobachtung eine objektive Auswertung von Alltagsproblemen ermöglicht. Ergänzt werden sollten solche Untersuchungen, wie es hier auch geschieht, durch qualitative Methoden, um Erkenntnisse über das persönliche Erleben der Schwierigkeiten zu ge­winnen. Zudem darf nicht nur der Alltag Älterer ohne technische Hilfen analysiert werden, um Technik zu einem Allheilmittel für die gefundenen Probleme zu propa­gieren. Vielmehr können die gleichen Methoden genutzt werden, um Probleme Älte­rer mit bestimmten Technologien zu untersuchen, um daraufhin konkret Produkte zu verbessern.

3.3.3 Deutschland

Auf eine Forschungstradition zum Thema Alter und Technik, wie sie für die USA be­schrieben wurde, kann Deutschland Anfang der 90er Jahre noch nicht zurückblicken. In den 80er und 90er Jahren fand in Deutschland zunächst ein Konsolidierungsprozess der sozialen Gerontologie statt, der sowohl akademische Institutionen, aber auch den Politikbereich betraf. Viele Forschungsprojekte wurden initiiert (einen Überblick gibt Scharf 2001) und dank der Entstehung einer grauen Lobby wurde auch in der Politik den Belangen Älterer verstärkt Aufmerksamkeit entgegengebracht. Ausdruck dieses Wandels ist z. B. der Erste Altenbericht des Bundesministeriums für Familie und Se­nioren, der vor dem Hintergrund der deutschen Einheit einen fundierten Überblick über „Die Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland“, so der gleichlautende Titel des Berichts, gibt (BMFuS 1993). Der Erste Altenbericht stellte die Grundlage für die folgenden dar, die sich mit spezielleren Aspekten des Alter(n)s befassten. Die Aufmerksamkeit und eine grundlegende Datenbasis waren nun geschaffen, um sich auch in Deutschland mit dem Thema Alter und Technik zu beschäftigen.

Viele Projekte wurden allerdings nicht durch nationale, sondern durch europäische Förderung auf den Weg gebracht. Besonders erwähnenswert ist das sogenannte COST Programm (European Cooperation in the Field of Scientific and Technical Research), das seit den 70er Jahren einen Rahmen für europäische Forschungskooperationen bietet. Ab 1991 lief das COST-A5-Programm „Ageing and Technology , das zu­nächst auf drei Jahre angelegt war und bis 1996 verlängert wurde. Ziele des Pro­gramms waren die Koordination europäischer Forschung und Entwicklung im Bereich Alter und Technik, nationale Aktivitäten auf europäischer Ebene anzustoßen, Inter­disziplinarität zu fördern und sozialwissenschaftliche Aspekte im COST-Projekt zu verankern (Huning 2000, 107). Besonders fruchtbar war dieses Programm für die Bil­dung europäischer und nationaler Forschungsnetzwerken zum Thema Alter und Technik. Das COST A5-Programm stellt damit eine Art Anschub für die nationale Forschung dar. Am Anfang standen der Aufbau einer Adressdatenbank und die Durchführung von Workshops zum Thema Alter und Technik (Zapf & Mollenkopf 1994, 11). Weiterhin erwähnenswert sind das RACE Programm (Research and Tech­nology Development in Telecommunication Technology in Europe) und TIDE (zu­nächst: Technology Initiative for Disabled and Elderly People; später: Telematics for the Integration of Disabled and Elderly People), die auf dem Gebiet der Telekommu­nikation große europäische Projekte förderten.

Vor 1990 gab es zwar schon einzelne deutsche Studien und Projekte, die sich mit Teilaspekten von Alter und Technik befassten. Neu war, dass die bislang vereinzelt stattfindenden Forschungsbemühungen unter das Oberthema Alter und Technik ge­fasst wurden. Einen aufschlussreichen Überblick über den damaligen Forschungs­stand gibt der vielfach zitierte Artikel von Andreas Kruse (1992). Kruse untersucht anhand einer umfassenden Literaturanalyse zur damaligen Forschung in den USA und in Deutschland, wie Veränderungen in der Umwelt die Aufrechterhaltung bzw. Wie­derherstellung von Kompetenz fördern und inwiefern Technik dazu beitragen kann. Der Analyse liegt ein differenziertes Altersbild zugrunde, indem detailliert die jewei­ligen Möglichkeiten und Gefahren von technischen Lösungen analysiert werden: Die sonst häufig übliche Technikeuphorie spielt dagegen keine Rolle. So kritisiert Kruse zunächst das in den USA in der Literatur zum Thema Technik und Alter vorherr­schende Defizit-Bild des Alters: Anstatt mit technischen Lösungen nur Einschränkun­gen ausgleichen zu wollen, sollte ebenso betrachtet werden, wie die Potenziale älterer Menschen durch Veränderungen der Umwelt verwirklicht werden könnten (Kruse 1992, 669). Der Begriff der altersfreundlichen Umwelten ist für Kruse zentral. Solche idealen Umwelten berücksichtigen die Probleme und Bedürfnisse älterer Menschen, ermöglichen die Kompensation von Funktionseinbußen, unterstützen bei der Aus­übung von Tätigkeiten und regen zur Anwendung bestehender Fähigkeiten an (Kruse 1992, 671). So gesehen kann Technik bei einer sehr breiten Palette von Anforderun­gen unterstützend wirken. Allerdings sei eine differenzierte Betrachtung auch der Ge­fahren der Techniknutzung notwendig (Kruse 1992, 673). Da die Forschung hierzu bisher unzureichend sei, fordert Kruse, Technologieforschung und Gerontologie durch forschungspolitische Programme stärker zu verbinden. Die USA seien hier ein geeig­netes Vorbild (Kruse 1992, 683).

[...]


[1] Gerontologie kann definiert werden als „Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperli­chen psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters, einschließlich der Analyse von alternsrelevanten und alternskonstituierenden Umwelten und sozi­alen Institutionen“ (Baltes & Baltes 1992, 8).

[2] Baltes nennt als anschauliches Beispiel die Strategie des damals achtzigjährigen Pianisten Rubin­stein: Zunächst hatte dieser sein Repertoire auf wenige Stücke reduziert (Selektion), diese häufi­ger geübt als früher (Optimierung) und schließlich führte er vor schnell zu spielenden Passagen ein Ritardando ein, so dass der Kontrast das Nachfolgende schneller erscheinen lasse (Kompen­sation) (Baltes 1996, 65).

[3] Die amerikanische Unterscheidung zwischen Human Factors Engineerin g und Ergonomics ist im deutschsprachigen Raum nicht üblich und wird somit nicht übernommen. Es wird durchgängig die Bezeichnung Ergonomie verwendet.

[4] Die BLSA ist eine Längsschnittstudie, die seit 1958 mit ca. 14.400 Teilnehmern im Raum Baltimore durchgeführt wird, um Informationen über physiologische Alternsprozesse zu erhalten. Finanziert wird die Studie durch das National Institute on Aging (NIA 2006).

Details

Seiten
118
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638591959
Dateigröße
1008 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66784
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Forschung Alter Technik Deutschland Vergleich

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Titel: Forschung zu Alter und Technik - Deutschland und die USA im Vergleich