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Probleme der Negation bei der Übersetzung des Deutschen ins Italienische

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 38 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition: Negation

3. Negation im Deutschen
3.1. Lexikalische Negation
3.2. Morphologische Negation
3.3. Intonatorische Negation
3.4. Idiomatische Negation
3.5. Nicht-Problematik

4. Negation im Italienischen
4.1. Die mehrteilige Verneinung
4.2. Die Stellung der Mehrteiligen Negationsausdrücke

5. Praktisches Beispiel: Tristan

6. Fazit

7. Bibliografie

8. Appendix

1. Einleitung

Es soll verschiedene Menschen geben: einige, die immer Ja sagen und andere, die immer Nein sagen. Es gibt viele verschiedene Arten sich affirmativ zu einen Aussage zu äußern: Ja, sicher, genau, bestimmt, und viele mehr. Da es so viele Wege der Affirmation gibt, sollte es auch verschiedene Wege der Negation geben. Nein, nicht, weder, und weitere mehr werden zur Negation verwendet. Weil wir uns immer noch in der postbabylonischen Ära befinden, sind die verschiedenen Völker unserer Erde auf verschiedene Sprachen angewiesen. Der Ursprung der Sprache sei dahingestellt; es bleibt trotzdem der Fakt, dass viele Sprachen unserer heutigen Welt sich bisweilen stark unterscheiden. Wie stark sind diese Unterschiede und welche Problematiken werfen jene auf, wenn von einer in die andere Sprache übersetzt wird. Im Folgenden werde ich exemplarisch die Negation der Sprachen Deutsch und Italienisch untersuchen. Zuerst werde ich auf das Phänomen Negation generell eingehen, um dann einzeln die Sprachen und ihre Negationstechniken zu untersuchen. Hierbei werden Problematiken der verschiedenen Negationsweisen dargestellt, und am Beispiel des Romans Tristan von Thomas Mann untersucht. Schließlich wird die vorliegende Arbeit die Übersetzung bewerten.

2. Definition: Negation

Der Terminus Negation wurde im 16. Jahrhunder dem lat. negatio (Verneinung, Verleugnung) entlehnt[1]. Heute wird der Begriff Negation auch als Verwerfung einer Aussage definiert[2]. Für Engel (1994) „handelt es sich dabei immer um fakultative Regelungen: nichts muss negativ, alles kann auch positiv ausgedrückt werden.“

Wie die Affirmation (Bejahung) ist die Negation (Verneinung) nicht eine semantische Einheit, die verschiedene Negationswörter umfasst. Doch nicht nur die Semantik spielt eine wichtige Rolle im der Negation natürlicher Sprachen, sondern auch Syntax, Prosodie, Pragmatik und Morphologie. Das komplexe Zusammenwirken dieser Disziplinen ist für die Art der Negation entscheidend. Die natürlichsprachlichen Ausdrucksmittel für Negation operieren „nicht nur auf Sätzen, sondern auch auf Satzgliedern bzw. Konstituenten. Dabei ist der Skopus (Geltungsbereich) der Negation von der Stellung des Negationsträgers, vom Akzent sowie vom sprachlichen und/oder außersprachlichen Kontext abhängig.“[3] Diese Faktoren sind nicht nur für die deutsche Sprache bindend, sondern gelten universell für alle natürlichen Sprachen. Generell lässt sich außerdem feststellen, dass alle Negationswörter eine verneinende Einstellung zum Inhalt einer Aussage ausdrücken. Diese Feststellung erscheint banal, doch ist sie Grundlage für die Spezifizierung der Verneinung. Ein Negationswort muss nicht unbedingt den gesamten Satzinhalt einer Äußerung verneinen (Satznegation, totale Negation), sondern kann auch nur einen Teil des Satzes negieren. Hierbei können es Wortgruppen oder gar einzelne Wörter (Sondernegation, partielle Negation) sein, die verneint werden. Folgende Beispiele verdeutlichen dies:

„Er kommt heute nicht. (Satznegation)

Er kommt nicht heute, sondern morgen. (Sondernegation)“[4]

Diese Unterscheidung mag zwar für das Deutsche gelten, ist jedoch nicht ohne weiteres auf andere Sprachen zu übertragen. Für die Einschätzung der Übersetzungsproblematik werde ich daher auf erst auf die Eigenheiten der deutschen Negation eingehen, um mich dann der italienischen zuzuwenden.

3. Negation im Deutschen

Die Negation im Deutschen umfasst laut Helbig (1990) folgende Wörter:

„nicht, nichts, nie, niemals, niemand, nirgends, nirgendwo, kein-(Ø, -e, -er, -es), nirgendwohin, nirgendwoher, keinesfalls, keineswegs, nein, weder-noch“[5]

Diese Wörter stellen verschiedene Mittel dar, nach denen Negation realisiert wird. Wie unten erkennbar wird, ist die Liste der obigen Negationswörter unzureichend. Im Folgenden werde ich versuchen, eine umfassende Bestandsaufnahme der deutschen Negationswörter zu liefern. Dies ist nötig, um im späteren Vergleich mit den Italienischen Negationsausdrücken Problematiken der Übersetzung ausfindig zu machen. Auf vier verschiedene Weisen lässt sich Verneinung realisieren: Lexikalisch, morphologisch, intonatorisch und idiomatisch.[6]

3.1. Lexikalische Negation

Zur lexikalischen Negation gehören folgende Einheiten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Festzuhalten ist, dass nicht alle Negationswörter bestimmten Wortklassen zugeordnet werden können. Diese sind dann, vom Kontext abhängig, in verschiedene Wortklassen einzuteilen. „‘Kein’ kann als substantivisches Pronomen oder als Artikelwort auftreten, ‘keineswegs’ und ‘keinesfalls’ erscheinen als Adverb oder als Satzäquivalent, ‘nicht’ ist entweder Adverb oder Partikel.“[7] Da es nicht ausreicht die syntaktischen Klassen der einzelnen Negationswörter zu kennen, um ihre Verwendung zu bestimmen, ist ein Blick auf die Semantik nötig. Hierbei werden die Negationswörter der offenen Wortklasse wie folgt eingeteilt:

nichts -Hum (menschlich)

niemand +Hum

kein ±Hum

nie +Temp (zeitlich)

niemals +Temp

nirgends +Loc (Ort)

nirgendwo +Loc

nirgendwohin +Dir (Richtung), +sprecherabgewandt

nirgendwoher +Dir, +sprecherzugewandt

keinesfalls +Mod (Art und Weise)

keineswegs +Mod“[8]

Es kommt daher bei der Negation immer darauf an, welcher Fall mit welchem semantischen Merkmal vom Verb verlangt wird. Die oben erwähnten Negationsträger sind einzelne Wörter mit Negationsbedeutung. Doch gibt es auch Negationsbedeutungen ohne oder mit anderen Negationsträgern. Dies wird im Folgenden auf der Wortbildungsebene dargestellt.

3.2. Morphologische Negation

Die Negation kann im Deutschen auch über die Umbildung von Wörtern erreicht werden. Hierbei werden Präfix oder Suffix auf die negationstragenden Bestandteile der jeweiligen Wörter. Adjektive lassen sich also nicht nur durch negieren, sondern auch durch das Präfix un-. Haben Adjektive jedoch ein eindeutiges Antonym, so lässt sich das Präfix un- nicht voranstellen (z.B. *unklein[9] ). Das Präfix Un- ist auch mit Substantiven kompatibel. Adjektive und Substantive werden außerdem durch fremde Präfixe negiert. Hierzu gehören zum Beispiel a(n)-, des-, dis-, in-. Helbig gibt folgende Beispiele:

grammatisch + neg→ agrammatisch

Interesse + neg→ Desinteresse

Proportion + neg→ Disproportion

konsequent + neg→ inkonsequent[10]

Substantive können weiterhin durch das Präfix „mis-“ eine Negationsbedeutung erhalten. Dies gilt auch für Verben.

vertrauen + neg→ mistrauen

Gunst + neg→ Missgunst

Neben den Präfixen stellt -los das einzige Suffix dar, welches eine Verneinungsbedeutung mit sich führt. Hierbei lässt sich -los lediglich zur Bildung von Adjektiven heranziehen (z.B. hilf-los). Ist auf der Wortbildungsebene die Regelung strikt aber kreativ, so zeichnet sich die intonatorische Negation durch einfache aber trotzdem vielfältigere Möglichkeiten der Verneinung aus.

3.3 Intonatorische Negation

Je nach dem Akzent eines affirmativen Satzes, kann man dessen Bedeutung bestimmen. Dies gilt ebenso für die Negation, wobei hier ein Kontrastakzent die entscheidende Rolle spielt. Selbst bei einfachen Sätzen ist die Variierung der Negation relativ groß:

Jakob fährt morgen nicht nach München.

Bei diesem Beispiel kann sich die Negation „durch unterschiedliche Akzentsetzung auf Jakob, fahren, morgen oder München beziehen.“[11] Diese Negationsform kann lediglich lautlich realisiert werden. Hier bedarf es keines speziellen Hintergrundwissens, wie bei der folgenden und letzten Negationsform im Deutschen.

3.4. Idiomatische Negation

Diese Form der Negation geht über den wortsemantischen Rahmen hinaus, und damit in die Idiomatik. Entscheidend ist, dass „die Gesamtbedeutung […] nicht aus der Bedeutung der Einzelelemente abgeleitet werden“[12] kann, sondern das feste Syntagma die Bedeutung bereits vorgibt. Es ist dabei nicht unbedingt ein Negationswort als Bestandteil dieses Syntagmas erforderlich. Bußmanns Beispiel hierzu wäre:

„Das kümmert ihn einen Dreck.“[13]

Hier erzielt die idiomatische Wendung den Negationseffekt. Als weitere Besonderheit sind auch Wörter der funktionalen Wortklasse zu erwähnen, die zur Negation führen können. Die Rede ist hier von Fügewörtern; sie verneinen „…-ohne formalen Negationsträger- den von ihnen eingeleiteten Satz…“[14]. Helbig führt folgende Beispiele an:

„Er kommt, ohne dass er grüßt / ohne zu grüßen. (= Er grüßt nicht.)

Er arbeitet, anstatt dass er schläft / anstatt zu schlafen. (= Er schläft nicht.)

Das Wetter war zu heiß,

als dass man hätte arbeiten können. (= Man konnte nicht arbeiten.)“

Ähnlich dem Negationseffekt bei Fügewörtern, leiten auch bestimmte Verben, die im übergeordneten Satz stehen, eine Negation im Nebensatz ein. Diese Verben enthalten ihrerseits eine negative Aussage: z.B. vermeiden, unterlassen, warnen u.a. Eine weitere Besonderheit ist, dass das Deutsche keine doppelte Negation zulässt, „es sei denn als besonderes Stilmittel zur vorsichtigen Bejahung (nur in der Kopplung ‘ nicht - un- ’ und in der Kopplung ‘ nicht - ohne ’)“.[15] Wie durch die bisherige Darstellung der Negation im Deutschen deutlich wurde, ist nicht der gebräuchlichste Negationsträger in dieser Sprache. Daher werde ich im Folgenden näher auf ihn eingehen.

3.5. nicht -Problematik

Dieser Negationsträger ist in seiner Satzstellung nicht unumstritten. Helbig (1990) hebt hervor, dass verschiedene Ansätze zur Festsetzung einer Stellungsregel für nicht nur ungenügend ausgearbeitet wurden. Der Autor stellt zwar fest, dass „die Stellung der ‘Satznegation’ ‘ nicht ’ teilweise von der Valenz des Verbs abhängig ist“, pflichtet auch Glinz (1961) in der Ansicht bei, „dass die Stellung von ‘ nicht ’ nicht allein von den klassischen Stellungsregeln her erklärbar ist, sondern außer von Valenz- auch von Intonationseigenschaften abhängig ist“[16]. Die Problematik, dass Satz- und Sondernegationen in der Oberflächenstruktur „- unter genau festzulegenden Bedingungen -„[17] positionell zusammenfallen können, erklärt Helbig damit, dass beide Negationen in der Tiefenstruktur getrennt angelegt sind. Sein Beispiel ist:

„Er legt das Buch nicht auf den Tisch.“

Helbig gibt an, dass dieser Unterschied von der verschiedenen Stellung beider Negationen im P-Marker ausgeht. Hierbei haben die Sondernegationen ihre Position in tieferen Verzweigungen und haben eher attributive Funktion. Die Satznegation jedoch steht „an der Spitze des Stammbaumes bei der Expandierung von Satz zu NP und VP“.[18] Gleichzeitig ist Helbig der Ansicht, man solle die Wahl eines bestimmten Negationsträgers nicht unbedingt von der Stellung in der Oberflächenstruktur abhängig machen, denn sonst wären semantische Unterschiede zwischen einzelnen Negationsträgern nicht mehr gegeben[19]. Sollte sich das positionelle Zusammenfallen der Satz- und Sondernegation in der Oberflächenstruktur ereignen, so ist lediglich von der Intonation auf die Bedeutung zu schließen. „Normale Intonation weist auf Satznegation, Sondernegation dagegen fordert die intonatorische Hervorhebung des der Negation folgenden Gliedes.“[20] Helbig fordert, gerade wegen der nicht eindeutigen Unterscheidbarkeit von Satz- und Satzgliednegation, sich mit der „Freiheit der Stellung von nicht zufrieden geben“.[21] Die bis hierhin betrachteten Beispiele und Regelungen im Deutschen werden bei der abschließenden Untersuchung der Novelle Tristan ihre Anwendung im Vergleich zum Italienischen finden. Dazu ist jedoch zuerst ein Blick auf die Verneinung im Italienischen nötig.

4. Negation im Italienischen

Wie in anderen romanischen Sprachen und dem Latein steht auch im Italienischen die Negation unmittelbar vor dem Verb. Nicht immer besteht die Negation aus nur einem Element. Ein zweites semantisch leeres Element der Negation kann hinzutreten. Die ist bei vielen italienischen Dialekten der Fall:

lomb. miga, minga,

ven. emil. miga, mia,

bologn. brisa,

tosc. mica,

Dieses zweite Element kann mitunter auch allein vorkommen und trotzdem den Sinn der Negation erfüllen. In der italienischen Umgangssprache existiert ebenfalls mica: capisco mica. Vergleicht man nun das Italienische mit dem Französischen, so ist die Entwicklung ähnlich, lediglich hält das Französische an der Beibehaltung des ersten Negationselementes in der Schriftsprache fest[22]:

Gesprochen: J’ai compris pas.

Geschrieben: Je ai ne compris pas.

Handelt es sich im Italienischen um die einfache Verneinung, so wird das Negationswort non verwendet. Diese Verneinung steht vor dem finiten Verb und vor einem eventuellen Objektpronomen. Außerdem kann non vor einem Gerundium und einem Partizip ohne Hilfsverb erscheinen, sowie vor dem Wort, das es verneint:

Domenica non vinciamo.

Non li ho visti.

Non avendo giocato abbastanza bene, i tedeschi persero all’ultimo minuto.

Questa è un’opinione non condivisa da tutti.

Non wird weiterhin im Sinne des Deutschen kein verwendet, außer wenn es beim Subjekt steht. Null-Artikel, bestimmter Artikel und unbestimmter Artikel im Singular bleiben unberührt; Teilungsartikel und unbestimmter Artikel im Plural entfallen:

Sono capitano.

Non sono capitano.

Hai tempo? No, non ho tempo.

Hai soldi? No, non ho soldi.

Avete figli? No, non abbiamo figli.

[...]


[1] Auberle (2001). S. 553.

[2] Scholze-Stubenrecht (2000). S. 684.

[3] Bußmann (2002). S. 461.

[4] Helbig. (1990). S. 13.

[5] Ebd. S. 9.

[6] Bußmann (2002). S. 461.

[7] Helbig. (1990). S. 10.

[8] Ebd. S. 14.

[9] Der Asterisk * wird weiterhin als Bezeichnung für Ungrammatikalität verwendet.

[10] Helbig (1990). S. 39.

[11] Ebd. S. 461.

[12] Ebd. S. 290.

[13] Ebd. S. 461.

[14] Helbig (1990). S. 39.

[15] Ebd. S. 41.

[16] Ebd. S. 18.

[17] Ebd. S. 28.

[18] Ebd. S. 29.

[19] siehe Liste der Negationswörter der offenen Wortklasse (S. 5)

[20] Ebd. S. 30.

[21] Ebd. S. 27.

[22] Vgl. Renzi (1980). S. 114f.

Details

Seiten
38
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638595513
ISBN (Buch)
9783638671552
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66607
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Romanische Philologie
Schlagworte
Probleme Negation Deutschen Italienische Hauptseminar

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