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Januaraufstand - Der polnische Aufstand 1863

Hausarbeit 2006 9 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Der polnische Aufstand von 1863 (auch Januaraufstand genannt) spielt wie die anderen Unabhängigkeitsversuche Polens im 19. Jahrhundert noch heute eine wichtige Rolle im polnischen Nationalbewusstsein; der Hergang der Ereignisse ist somit derzeitig gründlich recherchierte und ausgiebig beschrieben. Die Analyse der Gründe des Aufstandes bleibt jedoch komplex: einerseits die nachteilig außenpolitische Lage, die Übermacht Russlands, der Alvensleben’schen Konvention (durch die sich Preußen und Russland im Kampf gegen die polnische Unabhängigkeit verbünden[1]), der Enthaltung anderer europäischen Großmächte aus machtpolitischen Gründen. Vor allem die Passivität Frankreichs und Italiens traf den Aufstand schwer, so schienen diese Länder doch zuvor aktiv für das Selbstbestimmungsrecht der Völker einzustehen und ließen somit vermuten sich in einem polnisch-russischen Krieg auf Polens Seite zu schlagen. Auf der anderen Seite gab es aber auch eine große Zahl innerer gesellschaftlicher Probleme, die zwar den Aufstand programmierten ihn jedoch zugleich zum Scheitern verurteilten. Um den Aufstand nun effektiv zu beschreiben und sein Scheitern zu verstehen, ist ein tieferes Verständnis der polnischen Gesellschaft notwendig. Die Organische Arbeit, die dabei eine wichtige Rolle spielte ist leider nur sehr begrenzt zu analysieren, da die Archive größtenteils zerstört wurden[2], so werden wir uns zunächst mit der generellen Lage des Adels beschäftigen und dann mit der der landwirtschaftlichen Bevölkerung.

I. Der polnische Adel

Obwohl die Polen lange Zeit unter russischer Herrschaft lebten, entwickelten sie ein außergewöhnlich starkes Nationalbewusstsein (A), was vor allem die Beziehung zu Russland äußerst schwierig gestaltete (B).

A) Das adlige Nationalbewusstsein

Bereits im 16. Jahrhundert wurde das Königreich Polen zu einer Wahlmonarchie[3]. Der Adel wählte den König und sicherte sich somit eine politisch äußerst einflussreiche Stellung, weswegen man bald von einer „démocratie nobiliaire“[4] sprach. Doch der polnische Adel unterschied sich nicht nur durch diese politischen Rechte vom Adel in anderen europäischen Ländern, sondern stellte auch einen wesentlich größeren Anteil innerhalb der polnischen Gesellschaft. Während in Frankreich der Anteil des Adels an der Bevölkerung bei nur 0,3% lag, nahm er in Polen immerhin 8% der Gesamtbevölkerung ein[5]. Trotz großer Besitzunterschiede hatten alle Adeligen dieselbe Rechtsstellung und entwickelten mit der Zeit ein ausgeprägtes „Bewusstsein der Verantwortung für den Staat“[6]. Manfred Alexander beschreibt sie sogar als „das Rückgrat des Staates“[7]. Doch genau dieses politische Bewusstsein ließ den polnischen Adligen die russische Fremdherrschaft so unerträglich erscheinen. Sie widersprach zutiefst ihrer weit zurückreichenden Tradition von Demokratie und Selbstverwaltung. In der Hoffnung einen polnischen Staat zurückzuerlangen, kämpften polnische Soldaten unter dem Motto „Pour notre liberté et pour la vôtre!“[8] im Rahmen verschiedener europäischer Freiheitsbewegungen, vor allem in Frankreich, Italien und Ungarn. Viele hatten sich bereits an den napoleonischen Kriegen gegen Russland beteiligt.

Der Patriotismus der Adligen war also tief verwurzelt in ihrer Geschichte und wurde generationenübergreifend weitergegeben. Vor allem emigrierte Polen exaltierten den Nationalkult in Malerei[9] und Literatur[10], die als Schatzkammer des nationalen Gedächtnisses[11] gelten, und trugen somit zum allgemeinen Gemütszustand bei, der schließlich den Aufstand ausbrechen ließ.

B) Die Beziehung zu Russland

Obwohl alle Teile des ehemaligen polnischen Staates unter der Besatzung litten, wurde sie vor allem im russischen Teil als unerträglich erfunden. Russland, zu dieser Zeit einer der autokratischsten Staaten überhaupt[12], erkannte den Polen zwar zeitweise eigene Rechte zu, die jedoch jederzeit rückgängig gemacht werden konnten. Genau diese Unsicherheit und die Abhängigkeit von der Gnade des russischen Zaren brachten viele Polen dazu, auszuwandern. Nach dem Zusammenbruch des Novemberaufstandes 1831 kam es zur „Großen Emigration“[13]. 9000 Polen emigrierten, vor allem nach Frankreich. Paris wurde zu einem Zentrum polnischer Exilkultur, eine Exilregierung, das Hôtel Lambert, versuchte auf die Ereignisse in Polen Einfluss zu nehmen. Fern von der teils harten Realität in der Heimat, wurden jedoch oft abwegige Forderungen gestellt. In Polen selbst bildeten sowohl Studenten als auch Offiziere Geheimgesellschaften, die sich trotz zunehmender russischer Kontrolle nicht einschüchtern ließen. Durch immer neue Repressionen (Verschleppung des polnischen Kulturgutes nach Russland, Schließung der polnischen Universitäten[14]) festigten die Russen ihre Rolle als verhasste Besatzer. Nur wenige Polen waren bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

[...]


[1] Alvensleben’sche Konvention, veröffentlicht in : Karl-Ernst Jeisman und Lech Trzeciakowski, Polen im europäischen Mächtesystem des 19. Jahrhunderts: die „Konvention Alvensleben“ 1863, Braunschweig 1994, S. 35.

[2] Christian Pletzing, Vom Völkerfrühling zum nationalen Konflikt: Deutscher und polnischer Nationalismus in Ost- und Westpreußen 1830-1871, Wiesbaden 2003, S. 15.

[3] Encarta Enzyklopädie 2004: Polen, Geschichte, Wahlkönigtum

[4] Daniel Beauvois, Histoire de la Pologne, 1995, Hatier, S. 77.

[5] Manfred Alexander, Kleine Geschichte Polens, Stuttgart: Reclam, 2003, S. 89.

[6] Alexander, M., Kl. Geschichte Polens, S. 90.

[7] Alexander, M., Kl. Geschichte Polens, S. 90.

[8] Michał Tymowski, Une histoire de la Pologne, Montricher: Les éditions noir sur blanc, 2003, S. 109.

[9] cf. Anhang 1

[10] zum Beispiel die Werke von Adam Mickiewicz, wie der Nationalepos « Pan Tadeusz » (Herr Thaddäus oder die letzte Fehde in Litauen)

[11] Jerzy Jarzębski, Die polnische Literatur im 20. Jahrhundert, auf der Internetseite der Botschaft der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland, http://www.botschaft-polen.de/literatur/jarzebski.html, 01.04.2006.

[12] Tymowski, M., Une histoire de la Pologne, S. 101.

[13] Alexander, M. Kl. Geschichte Polens, S. 203.

[14] Alexander, M., Kl. Geschichte Polens, S. 224.

Details

Seiten
9
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638590914
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66516
Institution / Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre
Note
15/20
Schlagworte
Januaraufstand Aufstand

Autor

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Titel: Januaraufstand - Der polnische Aufstand 1863