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Die Nachfolgefrage des Augustus

Hausarbeit 2006 20 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Fragestellung und Vorgehensweise
1.2. Quellenlage und Forschungsstand

2. Die Nachfolgepolitik des Augustus
2.1 Grundvoraussetzungen in der res publica und die zusätzliche Anforderung von Seiten des Augustus
2.2. Maßnahmen, Mittel und Vorgehensweise des Augustus

3. Das Verhältnis zwischen Augustus und Tiberius
3.1 Vor dem Exil des Tiberius
3.2 Nach dem Exil des Tiberius

4. Fazit / Schlussbemerkungen

5. Bibliographie
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn aber nun sehr gut gespielt ist, dann klatscht Beifall und gebet alle uns mit Freude das Geleit.“ (Augustus auf seinem Totenbett, Nola, 19. August 14)1

1.1. Fragestellung und Vorgehensweise

Es war der 19. August des Jahres 14 n. Chr.: Angeblich verschied der gebrechliche Augustus 35 Tage vor seinem 76. Geburtstag in Nola in demselben Haus und in demselben Zimmer, in dem 72 Jahre zuvor sein Vater verstorben war2. Damit das Lebenswerk des Princeps in dessen Sinne weitergeführt werden konnte, hatte er der Nachfolgerfrage während der zweiten Hälfte seines Principats große Aufmerksamkeit geschenkt3.

Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, wie die Maßnahmen des Augustus bei der Suche nach seinem Nachfolger in antiken Quellenauszügen präsentiert wird. Dabei werden zunächst in Kapitel 2 die grundsätzlichen Voraussetzungen der res publica und die zusätzliche Anforderung, die Augustus an seinen Nachfolger stellte, sowie dessen Maßnahmen und Vorgehensweisen erläutert. Anschließend steht im 3. Kapitel das Verhältnis zwischen dem Princeps und seinem Nachfolger Tiberius im Mittelpunkt. Hier soll sich zeigen, mit welchem Kalkül Augustus bei seiner Nachfolgepolitik vorgegangen ist. Zur besseren Strukturierung wurde eine Unterteilung in die Zeit vor und nach Tiberius Exil auf Rhodos vorgenommen4. Abschließend werden die Ergebnisse in Kapitel 4 nochmals in einem Fazit zusammengefasst.

1.2. Quellenlage und Forschungsstand

Betrachtet man die Quellenlage zur Nachfolgefrage des Augustus, so finden sich in den Werken von historischen Autoren wie Velleius Paterculus, Tacitus, Cassius Dio und Sueton ebenso Informationen und Anhaltspunkte für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung wie in der Res Gestae, dem von Augustus persönlich verfassten Taten- und Leistungsbericht. Für diese Ausarbeitung wurden ausgewählte Quellenauszüge aus den Niederschriften dieser Verfasser zu Grunde gelegt.

Die Niederschriften von Gaius Velleius Paterculus (Vell. Pat.) besitzen für die Erforschung des Überganges von der Republik zum Principat einen hohen Stellenwert, da sie eine der wenigen Quellen eines echten Zeitzeugen (*ca. 20 v. Chr.; † unbekannt) sind. Unter Tiberius war der unter Augustus geborene Senator Legat in Germanien und Pannonien. Sein Werk, der Titel Römische Geschichte ist kaum authentisch, ist in zwei Bücher unterteilt und beginnt mit der Zerstörung Trojas. Allerdings gilt sein Hauptaugenmerk den letzten Jahren der Republik, dem beginnenden Principat und der Regierungszeit ‚seines’ Kaisers Tiberius. Die historischen Fakten - insbesondere die aus der Zeit seines Lebens - gelten als recht zuverlässig. Auch seine positive Stellung zu Tiberius wird heute nicht als Kriecherei oder Propaganda, sondern als Ausdruck aufrichtiger, großenteils nicht unberechtigter Bewunderung aufgefasst. Seine Loyalität gegenüber den Herrschern ließ ihn keinerlei Bruch in der Entwicklung des römischen Staates empfinden5.

Eine weitere wichtige zeitgenössische Quelle stellt der Tatenbericht des Augustus, die Res Gestae divi Augusti (RgdA), dar. Der Rechenschaftsbericht, den der vergöttlichte Augustus erst in seinem letzten Lebensjahr fertig stellen konnte6, lässt zwar die eher ‚unappetitlichen’ Details seines Aufstiegs zur Macht weg, er übertreibt aber nicht beim Aufzählen seiner außen- und innenpolitischen Erfolge, seiner Fürsorge für das Volk, seiner regen Bautätigkeit oder der zahlreichen Ehrungen, die ihm zu Lebzeiten widerfuhren. Überliefert wurde die Res Gestae in Form einer Inschrift an den Wänden eines antiken Tempels der Göttin Roma und des Augustus im heutigen Ankara in der Türkei. Die recht umfangreichen Lücken, die der Text an vielen Stellen durch Beschädigungen aufwies, konnten durch weitere bruchstückhaft erhaltene Abschriften komplettiert werden, wodurch der Text der Res Gestae heute als wesentlich gesichert gilt7.

Abgesehen von den beiden zeitgenössischen Quellen, besitzt der römische Historiker und Senator Publius Cornelius Tacitus (* ca. 55 - 56 n. Chr.; † unbekannt) den zeitlich engsten Bezug zum Übergang der Macht von Augustus auf Tiberius. Tacitus schrieb seine Geschichtswerke aus der Perspektive des Senators, der die Zeit der römischen Kaiser danach beurteilte, wie weit sie den Idealvorstellungen der römischen Republik entsprach. Seine scharfen Analysen haben das moderne Bild vom Römischen Reich im 1. Jahrhundert nach Christus wesentlich geprägt. Grundlage für diese Ausarbeitung sind ausgewählte Auszüge der Kapitel 1 bis 13 des ersten Buches aus seinen Annalen (Tac. ann.), in denen er sich auf die Nachfolgefrage bezieht8. Dabei ist zu beachten, dass sich Tacitus trotz seiner persönlichen Maxime einer objektiven Berichterstattung9 als Anhänger der alten Republik und somit als offener Kritiker der von Augustus etablierten und anschließend von Tiberius fortgesetzten Principatsherrschaft präsentiert10.

Auch den Schriften von Gaius Suetonius Tranquillus (* ca. 70 n. Chr.; † unbekannt) muss man kritisch entgegentreten. Während ein Großteil der Schriften des römischen Schriftstellers und Verwaltungsbeamten verloren sind, ist sein wohl bekanntestes Werk, die De vita Caesarum, fast vollständig erhalten. Das umfangreiche Werk, bestehend aus acht Büchern, enthält zwölf Biographien römischer Alleinherrscher von Cäsar über Augustus (Suet. Aug.) und Tiberius (Suet. Tib.) bis hin zu Domitian. Die Forschung hat die literarischen und historischen Qualitäten dieses Werkes bislang eher niedrig eingestuft. Ursache hierfür ist die Art und Weise, welche Sueton bei der Erstellung veranschlagt hat: Sueton hat nicht in dem Maße Geschichte vermitteln wollen, wie gemeinhin vorausgesetzt wird. Vielmehr zielen seine Schriften auf Unterhaltung ab. So erklären sich einerseits das Fehlen jeglicher Tendenz oder Geschichtsauffassung, andererseits die Faktenfreudigkeit sowie die Vorliebe für Anekdoten und allzumenschliche Züge11. Im Gegensatz dazu bricht Otto Wittstock eine Lanze für Sueton und tituliert ihn als „gewissenhaften Autor“12. Vollends wird sich jedoch niemals klären lassen, an welchen Stellen sich Sueton nicht von realen Fakten sondern von historisch unbedeutendem Hofgerede inspirieren ließ.

Die Ausarbeitungen des römischen Senators, Konsuls und Schriftstellers Claudius Cassius Dio Cocceianus (Dio) vermitteln einen ausführlichen Überblick in die römische Geschichte. Dazu verfasste Cassius Dio zu seinen Lebzeiten (* 155, † nach 229) unter dem Titel Historia Romana insgesamt 80 Bücher. Während viele seiner Schriften verloren gingen, sind die Werke bezüglich der Nachfolgefrage des Augustus noch vollständig erhalten. Als historische Quelle zumal für die Kaiserzeit sind seine Schriften sehr wichtig, obwohl sein literarisches Anliegen diesen Wert oft mindert. Details werden von Dio bewusst zurückgedrängt, aber dafür hat er die Schilderungen dem Geist seiner Zeit folgend mit den Mitteln der griechischen Rhetorik ausgeschmückt. Bemerkenswert sind die eingearbeiteten Reden, welche auch seine eigenen Gedanken beinhalten. Für die Kaiserzeit scheint er sein Tiberiusbild nicht Tacitus, sondern früheren Autoren zu verdanken13. Entgegen anders lautender Meinungen, kann man Dio aus der Sicht von Detlef Fechner nicht als Verächter der Republik bezeichnen14. Bei der Betrachtung der Quellen muss man immer berücksichtigen, dass keiner der drei letztgenannten Verfasser über einen persönlichen Einblick bzw. persönliche Erfahrungen zur Zeit während der Suche nach einem Nachfolger verfügte. Vielmehr beschrieben Tacitus, Cassius Dio und Sueton die Geschehnisse allesamt unter Zuhilfenahme älterer Niederschriften und Quellen in einem Rückblick auf die Geschehnisse. Genau hier liegt auch ein wichtiger Faktor für einen kritischen Umgang mit diesen problematischen Quellen, da heute nicht mehr genau nachvollzogen werden kann, welche Quellen bei den Autoren Verwendung fanden15. In der Forschung ist die am Ende klare Entscheidung für Tiberius nicht unumstritten. So interpretierte etwa Friedrich Klingner einen bis zum Ende offenen Ausgang zwischen Tiberius und Agrippa Postumus und vermutet ein geheimes Ringen zwischen dem greisen Princeps und seiner Gattin Livia. Augustus sei sich demzufolge seiner Entscheidung für Tiberius nicht sicher gewesen16. Ebenso umstritten ist für Klingner in eben diesem Kontext die Verantwortung für den Tod des Agrippa Postumus. Hier werden Livia und Tiberius verdächtigt, wobei Livia eher im Fokus der Aufmerksamkeit steht, da Tiberius die Verantwortung für die Tat abgelehnt haben soll17.

Gegen die verbreitete Theorie, dass Tiberius für Augustus immer nur eine Platzhalterrolle eingenommen hat, wendet sich J. H. Corbett. Aus seiner Sicht wurden sowohl Tiberius als auch Agrippa als echte Nachfolger in Betracht gezogen.18 Auch das im englisch-sprachigen Standartwerk „Tiberius The Polititian“ von Barbara Levick skizzierte „system of overlapping“; eine Art Doppelspitze von zwei weitgehend mit den gleichen Rechten und Vollmachten ausgestatteten Männern an der Spitze der ‚Principatsverfassung’19, zusätzlich gesichert durch immer zwei weitere potentielle Kandidaten in der Nachfolgegeneration, ist in der Forschung nicht unstrittig.

Diese Beispiele belegen, dass in der Forschung viele unterschiedliche Ansichten zu dem komplexen Sachverhalt der Nachfolgefrage existieren und vermutlich auch immer existieren werden. Insbesondere die überaus kritischen und bisweilen sehr einseitigen und negativen Schilderungen von Tacitus über Augustus und Tiberius werden in der modernen Wissenschaft angezweifelt und geben immer wieder Anlass, das so entstandene Bild neu zu überarbeiten20.

2. Die Nachfolgepolitik des Augustus

Es ist nicht zu übersehen, dass das von Augustus errichtete staatliche Gebäude, die ‚Principatsverfassung’, die das Weiterleben des alten Staates unter den gewandelten politischen Verhältnissen zu versinnbildlichen hatte, ein reines Kunstprodukt war21. Gegenüber seinen Standesgenossen und den Angehörigen der römischen Oberschicht hatte Augustus immer darauf geachtet, nicht als Monarch zu erscheinen22. Augustus war Princeps, ‚Erster Bürger’, aber eben auch - nicht titular, doch faktisch - Monarch. Beides war politische Realität23. Für die Sonderrolle seines Principats innerhalb der res publica besaß seine auctoritas, sein Einfluss und sein Ansehen, eine grundlegende Bedeutung24. Augustus selbst hat seine Ausnahmestellung in der Res Gestae durch seine auctoritas begründet:

„Seit dieser Zeit überragte ich alle übrigen an Einfluß und Ansehen [sc. auctoritas], Macht [sc. potestas] aber besaß ich hinfort nicht mehr als diejenigen, die auch ich als Kollegen im Amt gehabt habe.“25

[...]


1 Sueton, Augustus, 99, 1 [Übersetzung Otto Wittstock].

2 Suet. Aug. 100, 1.

3 Vgl.: Bleicken, Jochen: Augustus. Eine Biographie. 3. Auflage. München 1999, S. 621f.

4 Die Gründe für diese Unterteilung folgen zu Beginn von Kapitel 3.

5 Vgl.: Fuhrmann, Manfred: s.v. Velleius Paterculus; In: Der kleine Pauly, Band 5 (1975); Sp. 1160 - 1162.

6 Augustus, Res Gestae divi Augusti, 35 [Übersetzung Ekkehard Weber].

7 Vgl. Augustus: Res Gestae divi Augusti. Meine Taten. Nach den Monumentum Ancyranum, Apolloniense und Antiochenum. Lateinisch-griechisch-deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Ekkehard Weber. Düsseldorf, Zürich 2004 (Tusculum Studienausgabe). S. 6 ff.

8 Vgl.: Klingner, Friedrich, Tacitus über Augustus und Tiberius, Interpretationen zum Eingang der Annalen. Erschienen in den Sitzungsberichten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1953, Heft 7, S. 3.

9 „Deshalb beabsichtige ich, nur weniges über Augustus, (…), zu berichten, dann den Prinzipat des Tiberius und die Folgezeit darzustellen, ohne Abneigung und Vorliebe, wofür mir jeglicher Anlaß fehlt.“ (Tacitus, Publius Cornelius: Annalen 1, 1, 2 [Übersetzung Erich Heller]).

10 Vgl.: Fuhrmann, Manfred: s.v. Tacitus; In: Der kleine Pauly, Band 5 (1975); Sp. 486 - 493.

11 Vgl.: Fuhrmann, Manfred: s.v. Suetonius; In: Der kleine Pauly, Bd. 5 (1975); Sp. 411 - 413.

12 Die De vita Caesarum sind Wittstock zufolge ein kulturhistorisches Dokument von Rang: „Ihr überhaupt nicht von politischen und moralischen Absichten geprägter Realismus ergänze auf willkommene Weise die Perspektiven, welche eigentlich historische Werke, zumal die Schriften von Tacitus, von der frühen Kaiserzeit vermitteln“. Vgl.: Wittstock, Otto: Sueton. Kaiserbiographien. Berlin: 1993, S. 19 f.

13 Vgl.: Fuhrmann, Prof. Dr. Manfred: s.v. Cassius Dio. In: Der kleine Pauly, Bd. 1 (1964); Sp. 1076 - 1077.

14 Dem Königtum steht Dio laut Fechner reserviert gegenüber: Er stellt sich mit seinem Freiheitsideal - welches er im Principat auf das äußerste bedroht sah - in eine bisher nicht gebührend beachtete Nähe zu Tacitus. Vgl.: Fechner, Detlef: Untersuchungen zu Cassius Dios Sicht der Römischen Republik. S. 247 ff.

15 Kommentar: Wie in den Lexikoneinträgen zu den Autoren im Kleinen Pauly nachzulesen ist, sind die Quellenvorlagen heute in vielen Fällen nicht mehr nachvollziehbar. (Vgl.: Fuhrmann, Manfred: s.v. Tacitus; s.v. Cassius Dio; s.v. Suetonius, s.v. Velleius Paterculus. In: Der kleine Pauly, Bd. 1 & 5).

16 Vgl.: Klingner: S. 11.

17 Tiberius soll dem Offizier, der ihm meldete, der Befehl sei ausgeführt, drohend gesagt haben, er habe die Tat nicht befohlen. Angeblich forderte Tiberius den Offizier sogar dazu auf, vor dem Senat Rechenschaft für die Ermordung abzulegen. Hierzu ist es jedoch nie gekommen. Das Thema verlief unbemerkt im Sand, ohne dass es jemals zu einer Anhörung kam. Vgl.: Klingner: S. 13 f.

18 Vgl.: J.H. Corbett: Latomus 33, 1974, S. 87 ff.

19 Vgl.: Levick, Barbara: Tiberius The Polititian. Revised edition. London 1999. S. 29.

20 Vgl.: Klingner: S. 3.

21 Vgl.: Bleicken: S. 681.

22 Vgl.: u. a. L. Claudius Cassius Dio Cocceianus, 53, 6, 3 [Übersetzung Otto Veh]; Dio, 54, 1; Velleius Paterculus 2, 89, 5 [Übersetzung Marion Giebel].

23 Vgl.: Bleicken: S. 680.

24 Vgl.: Wells, Collin: Das Römische Reich. 4. Auflage. München 1994, S. 68.

25 RgdA, 34.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638590709
ISBN (Buch)
9783638753272
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66492
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Schlagworte
Nachfolgefrage Augustus Zeitalter Geschichte des römischen Reiches Antike

Autor

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Titel: Die Nachfolgefrage des Augustus