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Sprache und Macht - Performative Ansätze bei Wittgenstein, Austin, Derrida und Butler

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 15 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Performative Sätze in der Sprachphilosophie wie im Feministischen Diskurs
1.1 Wittgenstein
1.2 Austin
1.3 Derrida
1.4 Butler

2. Abschließende Bemerkungen

3. Literaturnachweis

1. Performative Sätze in der Sprachphilosophie wie im Feministischen Diskurs

1.1 Wittgenstein

Die Bezeichnung “performativ” im Zusammenhang mit der Klassifizierung von Sätzen taucht zwar erst bei Austin auf, aber bereits Wittgenstein hat in seinen Philosophischen Untersuchungen einem Aspekt des performativen Sprechaktes im Rahmen seiner Bestimmung von Sprachspielen Beachtung geschenkt: dem Befehlen.[1]

Wittgenstein denkt sich eine primitive Sprache, in der zwei Menschen in einem Hierarchieverhältnis miteinander operieren , sodass der Gehilfe B dem Bauenden A auf dessen Ausruf „Platte!“ hin den gewünschten Artikel bringt. Hier zieht also eine sprachliche Äußerung eine Handlung nach sich.[2] Nachdem er auf die verschiedenen Funktionen der Wörter, dem Vorgang des Erlernens einer Sprache und den Begriff des „Sprachspieles“ eingegangen ist, kommt Wittgenstein im § 19 erneut auf das Beispiel zurück und geht der Frage nach, ob es sich bei „Platte!“ um eine Verkürzung von „Gib mir eine Platte!“ handelt, oder aber diese Aussage die Verlängerung des Befehls ist. So kann „Platte!“ Wort wie auch Satz genannt werden.[3] Worin nun aber dieser Unterschied zwischen der Aussage „Fünf Platten“ und dem Befehl „Fünf Platten!“ besteht, lässt sich laut Wittgenstein schwer festzumachen. So könnte der Unterschied in der Aussprache, dem Tonfall liegen, anderseits gibt es viele verschiedene Möglichkeiten der Aussprache, womit der Unterschied rein auf die Verwendung beschränkt sein könnte.[4] Dieselbe Aussage kann also einmal konstativ, einmal performativ gebraucht werden; die Unterscheidung scheint schwierig.

Die Beziehung zwischen Namen und Benannten kann, neben vielen anderen Möglichkeiten auch darin bestehen, dass „das Hören des Namens uns das Bild des Benanten vor die Seele ruft.“[5] Butler wird im weitesten Sinne diesen Ansatz in ihren Begriff der Anrufung aufnehmen, wenn sie diesen auch ausweitet, sodass dabei nicht nur das „Bild des Bezeichneten vor die Seele gerufen wird“, sondern das Benannte selbst durch die Anrufung konstituieren wird. Jens Kertschner hat weiters darauf hingewiesen, dass Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen die „Sprache in die Nähe eines theatralischen Performativitätskonzeptes im Sinne von performance als Inszenierung“ rückt.[6]

Wittgensteins Befehlssätze fallen jedoch im Gegensatz zu den späteren Ansätzen der Performativität unter den Begriff der Performanz, da sie ein handelndes Subjekt voraussetzen. Da dieses Subjekt einer bestimmten Lebensform angehört, ist auch die Sprache von dieser abhängig. Sie wird also auch bestimmt durch ein Eingeübtsein in eine Gesellschaft. Weiters kommt der Aspekt der Körperlichkeit hinzu, da die Körpersprache, die das verbale Artikulieren begleitet oder auch ganz ohne dessen Einfluss Signale senden, nie völlig vom Sprechenden gelenkt werden kann.[7]

1.2 Austin

Wie Wittgenstein fällt auch Austin auf, dass die Sprache Sätze besitzt, die sowohl Aussagen wie auch Befehle sein können. Er führt in seiner Vorlesungsreihe „ Zur Theorie der Sprechakte” ( „How do to things with words“) daher die Bestimmung “performatorische oder performative Äußerungen“ für Sätze ein, die dem Aussehen nach Aussagen sein könnten, sich jedoch dadurch auszeichnen, dass „etwas sagen etwas tun heißt.“[8] Damit ist gemeint, dass durch das Äußern bestimmter Wörter eine Handlung vollzogen wird, wie dies im Bespiel einer Scheidung oder Heirat geschieht; dass den Wörtern die Kraft innewohnt, Sachverhalte und Wirklichkeiten zu erschaffen. Diese „performativen“ Sätze können damit nicht „wahr“ oder „falsch“ sein wie es bei konstativen Sätzen der Fall ist, sondern sie können nur „glücken“ oder „verunglücken“.[9] Diese Aussagen müssen innerhalb von „passenden Umständen“ vollzogen werden und Austin stellt sechs Regeln auf, welche befolgt werden müssen, wenn der Sprechakt glücken soll:

(A.1) Es muss ein übliches konventionales Verfahren mit einem bestimmten konventionalen Ergebnis geben; zu dem Verfahren gehört, dass bestimmte Personen unter bestimmten Umständen bestimmte Wörter äußern.

(A.2) Die betroffenen Personen und Umstände müssen im gegebenen Fall für die Berufung auf das besondere Verfahren passen, auf welche man sich beruft

(B.1.) Alle Beteiligten müssen das Verfahren korrekt

(B.2) und vollständig durchführen.

(Γ.1) Wenn, wie oft, das Verfahren für Leute gedacht ist, die bestimmte Meinungen oder Gefühle haben, oder wenn es der Festlegung eines der Teilnehmer auf ein bestimmtes Verfahren dient, dann muss, wer am Verfahren teilnimmt und sich darauf beruft, diese Meinungen und Gefühle wirklich haben, und die Teilnehmer müssen die Absicht haben, sich so und nicht anders zu verhalten.

(Γ.2) und sie müssen sich dann auch so verhalten.[10]

Wenn eine oder mehr der sechs Regeln nicht beachtet werden, dann verunglückt der Sprechakt. Wenn gegen die A- und B- Regeln verstoßen wird, so kommt die Handlung nicht zustande, dies nennt Austin „Versager“.[11] Diese wiederum unterteilt er bei den Versagern der Art A in „Fehlberufungen“, wenn kein solches Verfahren existiert, und „Fehlanwendungen“, wenn ein Verfahren existiert, aber nicht angewandt werden kann. Die Versager der Art B nennt er „Fehlausführungen“, da hierbei die Zeremonie entweder inkorrekt vollzogen („Trübungen“) oder unvollständig durchgeführt („Lücken“) wird. Bei Verstößen gegenüber den Γ- Regeln, kommt die Handlung zwar zustande, es handelt sich dabei aber um „Missbräuche“ des Verfahrens. Wenn die Beteiligten, die Meinungen und Gefühle nur vortäuschen, so bezeichnet Austin das als „Unredlichkeit“. In Austins Konzept ist also auch die Intention des Sprechers von Bedeutung. Jens Kretschner weist jedoch darauf hin, dass dieser Aspekt in Austins Denken nicht überbewertet werden sollte.[12] Alle Handlungen, die in allgemein üblichen Formen oder zeremoniell ablaufen müssen, können verunglücken.[13] Die Sprache ist somit in einen außersprachlichen Kontext eingegliedert, wie auch schon Wittgensteins postulierte.

Vom richtigen Gebrauch der Sprache unterscheidet Austin den „parasitären“ Gebrauch, welcher stattfindet, wenn Aussagen in durchschaubarer Weise auf einer Bühne unernst getätigt werden.[14] Gerade diesen Punkt werden Derrida und Butler als einen entscheidenden betrachten und Einspruch dagegen erheben.[15]

[...]


[1] vgl. Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. Berlin 1984, § 23.

[2] vgl. Wittgenstein, PU, 1984, § 2.

[3] vgl. Wittgenstein, PU, 1984, § 19.

[4] vgl. Wittgenstein, PU, 1984, § 21.

[5] Wittgenstein, PU, 1984, § 37.

[6] Kertschner, Jens: Wittgenstein- Austin- Derrida. „Performativität“ in der sprachphilosophischen Diskussion, in: Kertscher, Jens / Mersch, Dieter (Hg.): Performativität und Praxis. München 2003, S.40

[7] vgl. ebenda, S. 41.

[8] Austin, John Langshaw: Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart 1972, S.35.

[9] vgl. Austin, 1972, S. 35ff.

[10] Austin, 1972, S. 37.

[11] Austin, 1972, S. 38ff.

[12] Kertschner , 2003, S. 43.

[13] Austin, 1972, S. 41.

[14] Austin, 1972, S. 43f.

[15] Derrida, Jaques: Signatur, Ereignis, Kontext, in: ders.: Limited Inc. Wien 2001, S. 37ff.; Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/M 1991, S. 203ff.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638590235
ISBN (Buch)
9783638779753
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66426
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,00
Schlagworte
Sprache Macht Performative Ansätze Wittgenstein Austin Derrida Butler

Autor

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Titel: Sprache und Macht - Performative Ansätze bei Wittgenstein, Austin, Derrida und Butler