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Jamaikas Weg in die Unabhängigkeit - das Ende des Britischen Empires in der Karibik

Hausarbeit 2004 18 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Anfänge der Unabhängigkeitsbemühungen
2.1 Die Entstehung einer jamaikanischen Identität als Vorrausetzung für den Weg in die Unabhängigkeit
2.2 Parteien und Führungspersönlichkeiten, ihre Ziele und Forderungen

3. Die Westindische Förderation, oder die Unabhängigkeit
3.1 Die Westindische Förderation und ihr scheitern
3.2 Jamaika als Dominion in den “Nations of Commonwealth”

4. Abschließende Betrachtung

5. Quellen und Literatur

1. Einleitung

Jamaika ist die drittgrößte Antilleninsel, 150 Kilometer südlich von Kuba, 200 Kilometer südlich von Haiti gelegen. Seit ihrer Entdeckung durch Christoph Kolumbus 1494 stand sie unter der Herrschaft der spanischen Krone. Die Versklavung der Urbevölkerung, der Arawakindiander, führte innerhalb kürzester Zeit zu ihrem Genozid. Bereits 1500 mussten erste Sklaven, zunächst weiße europäische Häftlinge, für die Plantagenarbeit eingeschifft werden.

Der Pirat Henry Morgan eroberte 1665 die Insel und gliederte sie dem britischen Empire an.

Unter britischer Herrschaft entwickelte sich Jamaika zum Hauptumschlagplatz für den internationalen Sklavenhandel. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass bis zur Sklavenemanzipation 1833 circa 1 Millionen Sklaven aus Afrika nach Jamaika verschleppt wurden. Die formelle Gleichstellung brachte den freigelassenen Sklaven keine Vorteile, da sich im 18.Jahrhundert bereits ein „ … Plantagenfeudalismus … “[1] etabliert hatte und ihnen nur die gleichen menschenunwürdigen Arbeitsmöglichkeiten oder der Rückzug in die Gebirge blieben, um ein ärmliches Leben als Bauern zu führen. Die Bevölkerung hörte nicht auf, für ihre Forderungen nach mehr Gerechtigkeit und besseren Lebensbedingungen einzutreten, bis Königin Elisabeth II. am 6. August 1962 Jamaika in die Unabhängigkeit innerhalb des Commonwealth entließ.

In dieser Arbeit soll der Weg Jamaikas in die formale Unabhängigkeit von Großbritannien behandelt werden und als Beispiel für das Ende des Empires in der Karibik dienen. Im Zuge der Dekolonisation der Welt nach Ende des Zweiten Weltkrieges gilt hier, anders als in Afrika, Asien oder Indien der Aspekt der Identität, die Frage eines nationalen Bewusstseins anders zu betrachteten, da sich die Bevölkerung zu 76,8% Prozent[2] aus direkten Nachfahren von Sklaven zusammensetzt. In diesem Zusammenhang wird die Bewegung des Panafrikanismus in der Karibik kurz beleuchtet. Es soll analysiert werden, wie sich in einer ehemaligen Sklavengesellschaft ein „ … gesunde[r] demokratischer Geist …“[3] und ein Zweiparteiensystem etablieren konnte. Hierzu werden die bedeutendsten politischen Persönlichkeiten und Parteien vorgestellt.

Ursachen und Ideen für die Gründung der Westindischen Förderation, die von 1958 bis 1961 bestand, werden erläutert. Die Bedeutung der Mitgliedschaft der ehemaligen karibischen Kolonie in den „Nations of Commonwealth“ wird ebenso behandelt wie die Bedeutung des karibischen Raums für die Vereinigten Staaten von Amerika, die Großbritannien interessenpolitisch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ablösten.

2. Die Anfänge der Unabhängigkeitsbemühungen

2.1 Die Entstehung einer jamaikanischen Identität als Vorrausetzung für den Weg in die Unabhängigkeit

Neu entstandene Nationen setzen sich meist besonders stark mit dem Problem der Identitätsfindung auseinander. So auch Jamaika und eine ganze Reihe karibischer Staaten, die im Zuge der fortschreitenden Dekolonialisierung der Welt nach 1945 ihre formale Unabhängigkeit erlangten und sich als souveräne Staaten definieren mussten.

Für den Beginn des 20. Jahrhunderts ist es schwer „ the Jamaican identity „ genau zu definieren. Sie wird zunächst wechselnd in „ things Jamaican “, oder „Jamaican Image“ ausgedrückt.[4]

Als Bewohner eines Inselagrarstaates und ihrer Abstammung aus fremden Kontinenten ist die Bevölkerung Jamaikas seit je her permanent exogenen Einflüssen ausgesetzt. Träume und Hoffnungen lagen meist in den Händen anderer Völker. Entstandene ethische und moralische Werte wurden im Laufe der über 300 jährigen Entwurzelung von fremden Kulturen übernommen. Es migrierten zwischen 1880 und 1920 146000 Jamaikaner nach Nordamerika, Panama, Cuba, oder nach Costa Rica. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg migrierten noch einmal circa 210000 nach Großbritannien und 10000 nach Nord Amerika.[5] Betrachtet man den karibischen Raum als in sich geschlossenen Kulturkreis, so lassen sich Gemeinsamkeiten durch die historische Erfahrung, wie durch die damalig aktuelle Situation feststellen. Auf politischer und wirtschaftlicher Ebene wurde die traditionelle Abhängigkeit jedoch noch nicht überwunden, auf kultureller Ebene sind hingegen über den Prozess der Akkulturation weitgehend eigenständige und binnenorientierte Mischkulturen entstanden.[6]

In den 20er Jahren des 20. Jahrhundert entstand eine politische „ Back to Africa “ Bewegung in Nord Amerika und in der Karibik, deren prominenteste Führungspersönlichkeit aus Jamaika, ein gewisser Marcus Garvey war.[7] Da „ … die Mehrzahl der Afroamerikaner die Stereotypen der Weißen über das barbarische, wilde, gesichtslose Afrika übernahmen …“[8], fand sich unter ihnen nur eine Minderheit, die an einer Emigration nach Afrika interessiert war. Dieses gilt gleichermaßen für die bürgerlichen Schichten auf Jamaika, die sich hauptsächlich aus Mulatten zusammensetzten. Unter den armen, oft tief schwarzen Massen war die Bereitschaft zur physischen Rückkehr nach Afrika größer, jedoch verhinderte ihre ökonomische Situation die Realisierung dieser Wünsche. Bemerkenswert aber ist, dass trotz des geringen Interesses gerade jamaikanische Persönlichkeiten wichtige Impulse für die Entstehung des Pan – Afrikanismus gaben.[9] Dieses brachten die horizontale Mobilität und der damit weite geistige und politische Horizont mit sich, der seit dem späten 19. Jahrhundert in diesem Ausmaß nur im Britischen Empire möglich war.

Hinzu kommt, dass der Kontakt mit den Vereinigten Staaten praktisch nie abriss. Laut Imanuell Geiss, gewährte „… das Britische Empire mit seiner beträchtlichen, wenn auch nicht absoluten Pressefreiheit, mit seinen frühen Ansätzen zu einem wenigstens rudimentären Parlamentarismus durch die Bildung der „Legslative Councils“ ein Minimum persönlicher Freiheiten und politischen Spielraumes auf kolonialem Boden …“.[10]

Betrachtet man die jamaikanische Identitätsfindung mit der Zielsetzung der Schaffung eines souveränen Staates, muss man sich unweigerlich mit seinen möglichen Repräsentanten auseinandersetzen. Auch wenn der größte Teil der Bevölkerung sich in Jamaika oder der Karibik heimisch fühlt, kommt die „Queen of England“ als Staatsoberhaupt für die meisten Jamaikaner weniger in Frage. Sie stellte die Herrin einer Oligarchie von weißen Plantagenbesitzern dar, deren beste Zeiten mit dem rapiden Preissturz des Zuckerpreises im ausgehenden 19. Jahrhundert dem Ende zugingen. Auch erfüllt sie nicht den Anspruch eines wie es Rex Nettlefort ausdrückt „son of the soil“. Er stellt die Frage, ob ein Sir C. Campbell, Sir J. Mordeacai, H. Tai Tenn Quee, Dr. Varma, E. Seaga oder B. Barker diesem Anspruch gerecht werden können.[11] Sie alle sind in den 1960’ern prominente Persönlichkeiten Jamaikas mit unterschiedlichsten geographischen Abstammungen.

Innerhalb der Vereinten Nationen und in Afrikanischen Staaten etablierte sich der Name Afro - Sachsen als gängige Bezeichnung für Jamaikaner und die Bewohner anderer Inseln der britischen Antillen. Norman W. Manley drückte es jedoch in einer Rede wie folgt aus: „ We are neither Africans though we are most of us black, nor are we Anglo-Saxon though some of us would have others to belive this. We are Jamaicans! “[12] So heißt bis heute auch das offizielle Motto Jamaikas: “Out of Many One People”

2.2 Parteien und Führungspersönlichkeiten, ihre Ziele und Forderungen

Seit 1865 unterlag Jamaika als Kronkolonie der direkten Herrschaft der englischen Krone. Sie wurde durch einen letztlich nur von ihr bestimmten Gouverneur und seinen Beratern vertreten. Das Wahlrecht war von einer bestimmten Größe des Grundbesitzes und der Höhe des Einkommens abhängig. Dadurch waren weniger als 6% der Bevölkerung wahlberechtigt. Es ist aus heutiger Sicht offensichtlich, dass diese größtenteils weiße Elite ihre Interessen durch das britische Königreich gewahrt sah und bis in die 1940’er Jahre demokratischen Reformen opponierend gegenüberstand.

Doch bereits seit dem späten 19. Jahrhundert verbreitete sich der Wunsch nach einer effektiveren, selbstständigen Regierung und konstitutionellen Verränderungen. Diese Forderungen wurden von der wachsenden Mittelklasse gestellt, die sich in offiziellen Organisationen wie der 1894 gegründeten „Jamaica Union of Teachers“ und der 1895 gegründeten „Jamaica Agricultural Society“, formierten. Diese Organisationen, von denen es 1945 über 65 gab, stellten natürlich eine Möglichkeit dar, politische Forderungen zu kanalisieren.[13]

Die erste Partei, People’s Political Party, wurde allerdings bereits 1927 von dem schon erwähnten Marcus Garvey gegründet. Die Partei war radikal gefärbt und ihre Aussagen an die Bevölkerung afrikanischen Ursprungs adressiert. Sie scheiterte an dem eingeschränkten Wahlrecht und löste sich 1935 auf.

In den meisten Fällen setzt die gebildete Mittelschicht politische Impulse in Gang. Diese umzusetzen bedarf es jedoch einem Aufbegehren der Mehrheit der Bevölkerung, um den jeweiligen Machthabern einen Handlungsbedarf zu verdeutlichen. Die ersten großen Aufstände auf den Antillen erlebte Großbritannien 1935, als arbeitslose Bananenpflücker und Hafenarbeiter in mehren Städten marodierten, um auf ihre erbärmliche Situation aufmerksam zu machen. In den Jahren 1929 bis 1934 fiel das reale Prokopfeinkommen auf Jamaika stetig.[14] Wachsende Arbeitslosenzahlen, extrem niedrige Löhne und die schwache Wirtschaft (auch hier erneut der drastische Preisverfall des Zuckers) ließen den Unmut innerhalb der unteren sozialen Schichten wachsen.

[...]


[1] Zitiert nach Breitwieser, Thomas, S. 9

[2] vgl. Nettleford, Rex, S. 9

[3] Zitiert nach Höfer, Hans, S. 65

[4] Zitiert nach Nettleford, Rex, S. 3

[5] ebd. S. 4

[6] vgl. Gewecke, Frauke, S. 7

[7] vgl. Breitwieser, Thomas, S. 19 ff.

[8] Zitiert nach Geiß, Imanuell, S. 30

[9] vgl. Geiss, Imanuell, S.166: „ … kräftige Impulse verliehen vor allem Marcus Garvey und Claude McKay, ferner Amy Jaques und Amy Ashwood Garvey, beide Frauen Garveys, Dr. Harrold Moody (alle aus Jamaica), George Padmore und C.L.R. James aus Trinidad … “

[10] Zitiert nach Geiss, Imanuell, S. 16

[11] vgl. Nettelford Rex, S. 5

[12] Zitiert nach Manley, Robert W., Rede vor dem National Press Club U.S.A. im April 1961

[13] vgl. Stephens, E. H. und Stephens, J. D., S. 13

[14] ebd. Seite 13

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638589086
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66235
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Jamaikas Unabhängigkeit Ende Britischen Empires Karibik Zusammenbruch Herrschaft

Autor

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