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Beständigkeit als Leitmotiv - Andreas Gryphius Trauerspiel: Catharina von Georgien oder bewehrete Beständigkeit

Hausarbeit 2005 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Beständigkeit im Rahmen der Stoa

3. Das Trauerspiel Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit
3.1 Die Rolle der Beständigkeit im Trauerspiel
3.2 Die Darstellung der Beständigkeit
3.2.1 Die Reyen
3.2.2 Catharinas Beständigkeit

4. Schlußbeurteilung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1657 schrieb Andreas Gryphius die Tragödie Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit [1]. Bereits der Titel zeigt deutlich das Hauptaugenmerk des Trauerspiels. Zum einen erzählt Andreas Gryphius die wahre Geschichte über die Königin Catharina von Georgien-Gurgistan, die sich 8 Jahre in Gefangenschaft am persischen Hof unter Schah Abas befand. Zum anderen geht es dem Autor um die Darstellung einer Tugend: Beständigkeit. Bereits in der Vorrede zu dem Trauerspiel weist Andreas Gryphius auf die ruhmwürdige Beständigkeit der Protagonistin hin: Catharine […] stellet dir dar in jhrem Leib vnd Leiden ein vor dieser Zeit kaum erhoeretes Beyspiel vnaußsprechlicher Bestaendigkeit[2]. Bereits durch diese Laudatio lenkt Gryphius den Blick des Lesers in die von ihm gewünschte Richtung und sensibilisiert ihn für eine Protagonistin deren Handeln Gryphius als unwiderrufliches Exempel versteht.

Catharina von Georgien ist ein Trauerspiel, das dem Zuschauer vor Augen führt, welche Möglichkeiten sich ihm bieten sich innerhalb seiner Lebenszeit zu verhalten. Der Tenor liegt hierbei vor allem auf der Entgegenhaltung von zeitlichem und ewigem Leben. Die Nachteile des Einen und die Vorzüge des Anderen werden aufgeführt. Das Resultat dieser Entgegenstellung ist contemptus mundi - Weltverachtung. Als Märtyrerin verkörpert Catharina das Konzept der contemptus mundi am reinsten und bestätigt somit den nacheiferungswürdigen Charakter ihrer Lebensführung, wie es durch Gryphius bereits in der Vorrede herausgestellt wird.[3]

Bei der Lektüre der Tragödie stellt sich zunächst einmal die Frage woher der Tugendbegriff der Beständigkeit stammt, dessen sich Gryphius hier als Paradigma bedient. Dieser Frage soll in dem Kapitel ‚Die Beständigkeit im Rahmen der Stoa’ nachgegangen werden. Im Anschluss daran soll das Trauerspiel an sich näher betrachtet werden. Hierbei wird zunächst die Rolle erörtert, die die Beständigkeit in der Catharina spielt. Im sich anschließenden Kapitel gilt es das Problem der Inszenierung einer solchen Tugendhaltung zu betrachten. Eine einwandfreie, vorbildliche Haltung ist primär auf eine geistige Überzeugung zurückzuführen und dadurch schwer darstellbar. In diesem Trauerspiel muß sie aber szenisch umgesetzt und für den Zuschauer bzw. Leser sichtbar gemacht werden. Aus diesen Umständen resultiert die Frage, wie Gryphius die Beständigkeit darstellt. In diesem Zusammenhang wird zunächst einmal die Aufgabe der Reyen erfasst. Im Weiteren soll explizit die Figur Catharina betrachtet werden. Dabei geht es vor allem um die Fragen, wie sich ihre Beständigkeit bemerkbar macht, ob diese einer Entwicklung unterliegt oder stetig ist und wohin Catharina durch die Beständigkeit letztendlich geführt wird. Die Arbeit endet mit einer Schlussbeurteilung.

2. Die Beständigkeit im Rahmen der Stoa

Die Stoa ist eine antike Tugendlehre die ca. 300 v. Chr. in Griechenland entstand. Für die Stoiker ist das höchste Gut (summum bonum) die Tugend (virtus). Der Stoiker ist stets dazu angehalten seinen Geist (animus) zu nutzen. Körperliche Begierden (voluptas) gilt es zu bezwingen, da diese den Menschen beherrschen und zur Unfreiheit des Geistes führen. Je tugendhafter ein Stoiker lebt, desto größer ist die Freiheit, die sich ihm erschließt. Das Ziel ist die absolute Freiheit, die durch den Tod und die damit verbundene Befreiung von jeglichem körperlichen Verlangen erreicht werden kann. Ein tugendhaft lebender Mensch ist bereit alle Lasten des Lebens duldsam zu ertragen. Er hat kein Mitgefühl mit dem Schicksal von anderen (stoische Apathie) und zudem die völlige Seelenruhe bzw. Unerschütterlichkeit (Ataraxie).[4]

Im Folgenden soll aus dem Konzept der Stoa die Constantia, also die Beständigkeit näher betrachtet werden. Sie gilt als Grundtugend der Stoa. In der frühen Neuzeit wird die antike Stoa übernommen und in das Christentum integriert. Auch die Constantia- Auffassung erhält im Barockzeitalter neue Züge. Fortan wird sie auf das Engste mit der Vanitas- Idee verknüpft. Die Auffassung darüber, dass das endgültige Ziel eines jeden Lebens nur im Jenseits liege, bekommt regen Zuspruch. Dank ihrer Heilshoffnung fühlen sich die Menschen imstande allen Widerwärtigkeiten der Welt und somit auch der Vergänglichkeit zu trotzen.[5]

Zunächst einmal gilt es aber zu beweisen, dass die entsprechende Person der Ewigkeit würdig ist, indem sie in einer Zwangslage ihre Tugend bewahrt. Das bedeutet, wenn der nach der stoischen Philosophie lebende Mensch in eine Notlage kommt, muss er beständig sein und darf nicht wanken.

Ein beständiger Geist ist vor allem tapfer, das heißt, er ist in der Lage eine Ausgeglichenheit zwischen Angst und Mut herzustellen. Allerdings eröffnet erst die Existenz von Angst die Möglichkeit, dass sich die Beständigkeit profilieren kann. Angst wird somit zur unabdingbaren Vorraussetzung der Constantia. Erst in dem Moment, wenn ein unbeständiger Mensch der Angst nachgeben würde, kann sich das standhafte Gemüt auszeichnen, indem es nicht abweicht und dadurch seinen Mut beweist.

Zu den Grundlinien der Leitvorstellung der Constantia gehören die stoische Charakterfestigkeit und die christliche Unerschrockenheit im Glauben. Unglücksfälle und Widerwärtigkeiten verwandeln sich in dieser Perspektive zu positiv bewerteten Ereignissen.[6] Das Leiden an und in der Welt wird dadurch zu einer notwendigen Durchgangsstufe zur himmlischen Seligkeit. Erst durch das Bestehen von Beschwerlichkeiten hat der Gläubige die Möglichkeit in das Reich Gottes einzugehen.[7]

3. Das Trauerspiel Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit

3.1 Die Rolle der Beständigkeit im Trauerspiel

Zunächst stellt sich die Frage, welche Rolle die Beständigkeit in dem Trauerspiel Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit spielt.

Um die Aufgabe der Constantia zu verstehen ist erst einmal der Zeit- Ewigkeit Gegensatz zu betrachten, der dem gesamten Trauerspiel zugrunde liegt.[8] In diesem Kontext geht es in erster Linie darum die Vergänglichkeit alles Irdischen und damit zeitlich Begrenzten ad oculos zu demonstrieren. Der Gegenpol zur sterblichen Zeitlichkeit ist die Ewigkeit und damit das ewige Leben, welches als höchstes Gut und Ziel angesehen wird.

Das Trauerspiel beginnt mit einem Monolog der Ewigkeit, in dem sie (diese) Vergänglichkeit des Daseins thematisiert und den Menschen vor die Wahl zwischen Endlichkeit und Ewigkeit stellt. Die Ewigkeit bringt die Vanitas- Idee zum Ausdruck und hält einen Appell für die Hinwendung zum Jenseits.

Ich tret auff Zepter vnd auff Stab vnd steh auff Vater und dem Sohne./ Schmuck/ Bild/ Metall vnd ein gelehrt Papir/ Ist nichts als Sprew vnd leichter Staub vor mir./ Hir ueber euch ist diß waß ewig lacht!/ Hir vnter euch was ewig brennt vnd kracht/ Diß ist mein Reich/ wehlt/ was jhr wuendtschet zu besitzen […] Schaut des Himmels Wollust an! Hir ist nichts denn Trost und Wonne. I/ 68-75

Die Ewigkeit verweist hierbei auf das einzig Beständige- sich selbst.

Es ist die große Tragödie der Welt, auf deren Bühne der Held nur besteht, wenn er die wahren Werte von den falschen unterscheiden lernt. Aber den wahren Werten leben, heißt, wie der Märtyrer das Glück nicht in der vergänglichen Welt, die Freiheit nur in sich und die Wahrheit nur im Glauben zu suchen.[9]

Die Beständigkeit ist für Gryphius das Bindeglied zwischen Zeit und Ewigkeit. Standhaftigkeit manifestiert sich zur höchsten Tugend innerhalb der Zeit. Zusätzlich ist sie die Tugend, durch die sich die Pforte zur Ewigkeit erschließt.[10] Das bedeutet innerhalb der Vergänglichkeit bietet sich ein Rahmen, in dem man sich für die Ewigkeit qualifizieren kann. Einzig und allein das Zeitgeschehen mit seinen unvorhersehbaren Zwangslagen und Schicksalsschlägen, seinen Versuchungen und Verlockungen, die auf den Menschen einstürmen, kann das Bewährungsfeld für diese Beständigkeit sein, die sich vor allem durch ein heroisches Element der Unverzagtheit und Unerschrockenheit auszeichnet.[11]

Bereits der Titel der Tragödie lässt ahnen, dass die Beständigkeit in der Catharina von Georgien eine große Rolle spielt. Schon in der Vorrede zu dem Stück geht Gryphius auf die Beständigkeit ein und beleuchtet sie von zwei Seiten. Dies ist zum einen Catharinas Standhaftigkeit als Märtyrerin. Zum anderen ist es der Sieg der himmlischen über die irdische Liebe. Die Märtyrertragödie zeigt die Beständigkeit der himmlischen Liebe, das Leidenschaftsdrama die Unbeständigkeit der irdischen.

Die Begegnung der irdischen mit der himmlischen Liebe führt also zu der paradoxen Situation, dass die Gefangene und Wehrlose in Wahrheit frei und überlegen ist, der Mächtige und Rücksichtslose gefangen und unterlegen.[12]

Der Bestand der ewigen Liebe triumphiert über die Vergänglichkeit der irdischen.

[...]


[1] Andreas Gryphius: Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit, Stuttgart 2003.

[2] Ebd.: S. 5, Zeile 1-6.

Im Folgenden werden Zitate aus dem Primärtext kursiv geschrieben. Die Angabe der Textstelle erfolgt unmittelbar nach dem Zitat im Text wie folgt: Akt/ Zeile.

[3] Vgl. Hans Jürgen Schings: Catharina von Georgien oder bewehrete Beständigkeit, in: Gerhard Kaiser (Hrsg.): Die Dramen des Andreas Gryphius. Eine Sammlung von Einzelinterpretationen, Stuttgart 1968, S. 35- 72, S. 39.

[4] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Stoa.

[5] Vgl. Marian Szyrocki: Die deutsche Literatur des Barock. Eine Einführung, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 13.

[6] Vgl. Ferdinand van Ingen: Die schlesische Märtyrertragödie im Kontext zeitgenössischer Vorbildliteratur. Märtyrerdrama und Märtyrerbuch, in: Daphnis 28 (1999), S. 481- 528, S. 489.

[7] Vgl. Ebd., S. 507.

[8] Vgl. Elida Maria Szarota: Künstler, Grübler und Rebellen. Studien zum europäischen Märtyrerdrama des 17. Jahrhunderts, München 1967, S. 195.

[9] Clemens Hesselhaus: Gryphius. Catharina von Georgien, in: Wiese, Benno (Hrsg.): Das deutsche Drama von Barock bis zur Gegenwart: Interpretationen, Bd. 1, Düsseldorf, 1958, S. 35- 60, S. 44.

[10] Vgl. Elida Maria Szarota: a. a. O., S. 191.

[11] Vgl. Ebd., S. 192.

[12] Vgl. Clemens Hesselhaus: S. 54

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638589017
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66226
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Beständigkeit Leitmotiv Andreas Gryphius Trauerspiel Catharina Georgien Märtyrerdramen Frühen Neuezeit

Autor

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