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Identitätsstiftung in Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 37 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Identität: ein definitorischer Versuch
2.1 Wandel im 18. Jahrhundert

3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Autobiografie
3.1 Das Streben nach Aufstieg und dem Verlassen des eigenen Standes
3.2 Auf der Suche nach Identitätsfundamenten
3.2.1 Religion
3.2.2 Natur
3.2.3 Gruppenzugehörigkeit
3.3 Vergleich mit Vater und Großvater

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Zeit, in der wir heute leben, hat uns eine Menge Annehmlichkeiten und Vorteile gebracht, die wohl die wenigsten Menschen missen wollen. Sie birgt allerdings auch neue Verpflichtungen und Probleme, die wir alle mehr oder minder bewältigen müssen, wozu beispielsweise die Freiheit gehören dürfte, sich innerhalb der Gesellschaft seinen eigenen Platz relativ ungebunden wählen zu können. Gleichzeitig lassen diese neuen Möglichkeiten jedoch unweigerlich die Frage aufkommen: Wer bin ich eigentlich und wo gehöre ich hin? Auf den Punkt gebracht bedeutet dies also, dass wir alle heute dazu verpflichtet sind, unsere Identität selbst zu suchen, zu bilden und zu wahren.

Wenn auch wohl die Wenigsten von uns sich dieser Aufgabe täglich bewusst werden, so gibt es doch Situationen in denen die Bedeutsamkeit der Suche nach dem eigenen Ich zunimmt. Eine dieser Gelegenheiten dürfte wohl das Verfassen einer Autobiografie darstellen, weshalb die vorliegende Arbeit sich um die exemplarische Textanalyse von Johann Heinrich Jung-Stillings autobiografischen Büchern Henrich Stillings Jugend und Henrich Stillings Jünglingsjahre[1] kümmern wird, in denen sich die zu untersuchende Problematik deutlich belegen lässt. Die übrigen Bücher der Autobiografie sollen außen vor gelassen werden, da sie durch den stark religiös geprägten und relativ einheitlichen Charakter einen vergleichsweise geringen Beitrag zu der zu behandelnden Fragestellung leisten können.

Zunächst stellt sich nun die Frage, was genau unter dem Begriff Identitätsstiftung im Zusammenhang mit einer Autobiografie zu verstehen ist. Willert fasst die entscheidenden Kriterien hierfür recht treffend zusammen: „eigene Identität [soll] begründet und dem Publikum als eine empfangene vorgeführt werden.“[2] Das bedeutet also, dass im Wesentlichen zwei eng verzahnte Komplexe berücksichtigt werden müssen, nämlich einerseits die bewusst vom Autor inszenierten sowie die unbewusst im Text vorhandenen Belege seiner letztendlich errungenen Identität und andererseits jene inneren und äußeren Faktoren und Einflüsse, die zur Entwicklung eben dieser Identität geführt haben. Beide Bereiche sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht und anhand von Textbelegen beleuchtet werden. Des Weiteren stellt sich die Frage, warum Bemühungen zur Stiftung von Identität in diesen relativ alten Texten überhaupt von Bedeutung sind, wo doch die Problematik eben als besonders in die heutige Zeit gehörig dargestellt wurde. Hier sei sofort auf die Entstehungs- und Erscheinungszeit von Jung-Stillings Werk im 18. Jahrhundert verwiesen, wo nicht zuletzt Aufklärung und allmähliches Aufbrechen der Standesgrenzen ihren Teil dazu beigetragen haben, dass die Position des Menschen in der Gesellschaft durchaus variabel und definitionsbedürftig wurde. Auf in diesem Zusammenhang bedeutsame historische Umbildungen, soll daher in Unterkapitel 2.1 näher eingegangen werden, nachdem eine allgemeine Definition eines so vieldeutigen Begriffes wie Identität im Hinblick auf die vorliegende Arbeit erfolgt ist.

Des Weiteren scheint Jung-Stillings Text vor allem deshalb geeignet, weil der Protagonist einen zur freien Identitätsstiftung denkbar ungünstigen Ausgangspunkt einnimmt, der entsprechende Legitimationsbemühungen erfordert. Als Sohn eines Dorfschulmeisters und Schneiders, der tief im christlichen Glauben verwurzelt ist und im Hause des pietistischen Großvaters vollkommen isoliert erzogen wird, steht Heinrich durch sein starkes Streben nach Wissen und geistigen Schätzen in einer vollkommenen Außenseiterposition, die seinen ungewöhnlichen und mit zahlreichen Widerständen verbundenen Werdegang umso schwieriger werden lässt. Auf diese Sonderstellung und den damit verbundenen Problemkomplex soll vor allem unter Punkt 3.1 eingegangen werden, wo die Schwierigkeiten und Rückschläge, die das Verlassen des eigenen Standes mit sich bringen, beleuchtet werden.

Unabhängig von dieser eher historisch bedingten Problemdimension, liegt eine der größten Schwierigkeiten bei der Suche und Stiftung von Identität damals wie heute wohl darin, die individuell geeigneten Fundamente auszuwählen, auf denen sich die eigene Persönlichkeit aufbauen lässt. Jung-Stilling stehen dabei verschiedene zeitspezifische Möglichkeiten zur Verfügung, denen die Unterkapitel 3.2.1 bis 3.2.3 gewidmet werden sollen.

Darüber hinaus ist natürlich in der gesamten Arbeit zu bedenken, dass ein Autor beim Verfassen seiner Autobiografie durchaus konstruierend und auswählend vorgeht und sein Leben gemäß seiner Aussagewünsche beleuchtet und darstellt. Für Jung-Stilling gilt dies in recht starkem Maße, wie beispielsweise die von Görisch erkannte „Fiktion der Unterscheidung zwischen dem Protagonisten Henrich/Heinrich Stilling und dem Erzähler“ oder der Untertitel „Eine wahrhafte Geschichte“ belegen können[3]: der Autobiograf tritt bis auf wenige Ausnahmen als auktorialer Erzähler auf, der außerhalb des berichteten Geschehens zu stehen scheint. Diese Tatsache und auch das Vorhandensein zahlreicher Dialoge, welche wohl kaum wortwörtlich von Jung-Stilling erinnert werden konnten, sondern vielmehr als inszeniert angesehen werden müssen, belegen somit eine gezielte Darstellung, die die Erreichung des erkannten Ursprungsziels gewährleisten soll: dieses sieht der Autor im Laufe seines Lebens in der göttlichen Führung und Vorsehung, weshalb er sein gesamtes Werk zunehmend im Hinblick auf jene Providenz entwirft.

Ein weiterer interessanter Aspekt ergibt sich aus der eher ungewöhnlichen Tatsache, dass ein Großteil der Jugend gar nicht dem Autor selbst, sondern vielmehr seinem Großvater und Vater gewidmet ist. Denn anders als Jung-Stilling bewegen sich diese beiden Vorfahren in relativ geregelten und vorgezeichneten Bahnen und haben entsprechend geringe Schwierigkeiten ihren Platz im Leben zu finden und ihre Identität zu definieren. Dies gilt für den Großvater noch in stärkerem Maße als für den Vater Wilhelm Stilling. Auf die daraus resultierenden Unterschiede innerhalb der drei Generationen soll im letzten Unterkapitel von Punkt drei noch einmal eingegangen werden.

In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse der Arbeit dann noch einmal resümiert, so dass eine Klärung der Frage möglich wird: Welchen Stellenwert erhält Identitätsstiftung in Johann Heinrich Jung-Stillings Werk und wo bzw. warum tritt sie zu Tage?

2. Identität: ein definitorischer Versuch

Jeder moderne Mensch befindet sich zeitlebens in einem mehr oder minder bewussten Prozess der Identitätssuche und -sicherung. Es ist davon auszugehen, dass diese scheinbar einfache Behauptung weitgehend auf Zustimmung treffen wird. In ihr verbergen sich jedoch mindestens zwei klärungsbedürftige Begriffe, denen in diesem und dem nächsten Unterkapitel auf den Grund gegangen werden muss. Zum einen: was versteht man eigentlich unter der Identität eines Menschen, wie kann man diese definieren? Und zum anderen: Welche Bedeutung kommt der Moderne in diesem Zusammenhang zu, d.h. welche historischen Bedingungen sind im Bereich der Identitätsstiftung zu beachten?

Nicht zu Unrecht weißt Straub gleich zu Beginn seiner Ausführungen zur Identität auf die Vielzahl der Disziplinen hin, in denen sich der Begriff wiederfindet, darunter Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Ethnologie, Sozial- und Kulturanthropologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft, Philosophie und andere mehr[4], aber auch, und dies erleichtert seine wissenschaftliche Bestimmung nicht unbedingt, in die Alltagssprache hat der Begriff Eingang gefunden. Das Phänomen des hierdurch weit aufgespannten Untersuchungsfeldes, ist wohl nicht zuletzt auf die Vieldeutigkeit des Wortes Identität zurückzuführen und bedingt damit eine ständige Kontroverse beim Ringen nach Festlegung und Definition, die ein wichtiges Grundproblem für die vorliegende Arbeit offenbar werden lässt: im Folgenden muss stark auswählend vorgegangen werden, da ein derartig umfangreiches Thema hier freilich nur in einem knappen Abriss zur Begriffsklärung behandelt werden wird, der der Komplexität des Gegenstandes nicht gerecht werden kann. Dieser definitorische Versuch soll dann als Basis für die anschließend folgenden Ausführungen zu Jung-Stillings Autobiografie dienen.

Vor der eigentlichen Definitionsarbeit ist es zunächst einmal notwendig, eine grundlegende Unterteilung des Identitätsbegriffes in Personale Identität und Kollektive Identität vorzunehmen, denn da es aufgrund des Untersuchungsfeldes Autobiografie vor allem Erstere ist, die hier interessieren wird, erscheinen einige wenige Bemerkungen zu Letzterer als ausreichend. Im Unterschied zur personalen Identität, in der es um tatsächliche und leibliche Personen geht, betrachtet der Bereich kollektiver Identität, wie die Bezeichnung bereits deutlich macht, mehr oder weniger große Kollektive, die sich, weit entfernt von Einzelpersonen, bis hin zu Nationen, Kulturen oder Sprachgemeinschaften ausweiten können. Und obwohl gerade bezüglich ethischer oder kultureller Identität zahlreiche Publikationen zu finden sind, scheint eine Begriffsbestimmung hier wesentlich schwerer als im Bereich personaler Identität[5]. Denn da nicht von handlungsfähigen und leiblichen Subjekten ausgegangen werden kann, bewegt sich die gesamte Problematik sehr stark im Wagen und läuft stets Gefahr bei der Definition einer kollektiven Identität eine Abgrenzung von anderen gleichzeitig abgewerteten und diskriminierten Kollektiven zu betreiben. In dieser Arbeit soll es daher genügen, kollektive Identitäten mit Straub als „eine näher zu spezifizierende Gemeinsamkeit im praktischen Selbst- und Weltverhältnis sowie im Selbst- und Weltverständnis Einzelner“ zu verstehen[6].

Abgeleitet vom spätlateinischen identitas (= Wesenseinheit) lässt sich nun personale Identität definieren als „die subjektive Verarbeitung biographischer Kontinuität/Diskontinuität und ökologischer Konsistenz/Inkonsistenz durch eine Person in Bezug auf Selbstansprüche und soziale Anforderungen.“[7] Obwohl sehr kurz, scheint diese Definition die wichtigsten Komponenten längerer Ausführungen auf den Punkt zu bringen und liefert daher den Grundansatz für die weiteren Überlegungen.

Jedes Individuum sieht sich zeitlebens vor die Aufgabe gestellt, sich mit allen Vorgängen auseinanderzusetzen, die in ihm und um es vorgehen, dabei Neuerungen verursachen oder auch Bewährtes statisch und unverändert erhalten. Hierbei spielt natürlich die je individuelle, also subjektive Wahrnehmung eine entscheidende Rolle, da bei allen Versuchen des Erhalts und/oder der Schaffung eigener Identität das bereits vorhandene eventuell zu modifizierende eigene Ich nicht ausgeschaltet werden kann. Interessant erscheint dabei vor allem, dass nicht nur Veränderungen sondern auch Beständigkeit einer Verarbeitung bedarf, da beispielsweise auch das Verharrenmüssen in gegebenen und bleibenden Zuständen zu Konflikten und Problemen führen kann (ohne dies freilich zwangsläufig zu müssen), wie nicht zuletzt die Ausführungen zu Jung-Stillings Autobiografie zeigen werden.

Zusätzlich und unabhängig von den biografischen Ereignissen oder Unveränderlichkeiten, die in direktem Zusammenhang mit der jeweiligen Person ablaufen, müssen natürlich auch noch bestehende Beziehungen der Person zu ihrer Umwelt, also die jeweilige Ökologie, berücksichtigt werden, da die Unterschiedlichkeit möglicher umgebender Umwelten in ihrer Wirkung auf ein Individuum wohl nicht zu leugnen ist. Auch hier geben sowohl Veränderungen als auch Kontinuität Grund und Anlass zu individueller Verarbeitung. Über diese bereits komplizierte Verflechtung von eigener Biografie und Umwelt hinaus, spielt für die personale Identität nun noch eine dritte Ebene eine wichtige Rolle, in der zusätzlich die je eigenen und sozialen Ansprüche zur Geltung kommen, die den Hintergrund allen bisher Ausgeführten bilden. Dass solche persönlichen Ansprüche, die wiederum aus einer bereits vorhandenen eigenen Identität hervorgehen, überhaupt bestehen können, kann eine Aussage Straubs sehr gut deutlich machen, in der er „Identität als Konstrukt und stets nur vorläufiges Resultat einer lebenslangen Entwicklung“ bezeichnet, als „Aspiration“[8]. Das bedeutet, dass jedes Ringen um Schaffung und Erhalt personaler Identität immer vor dem Hintergrund einer bereits bestehenden Identität zu sehen ist.

Diese Ausführungen sollen genügen um die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die der Versuch zur Findung einer einfachen und eindeutigen Definition von Identität mit sich bringt. Als Ergebnis kann jedoch festgehalten werden, dass Jung-Stillings Werk im Folgenden auf die eben erläuterten Teilbereiche hin untersucht werden soll, die für die personale Identität eines Individuums von Bedeutung sind, und die die oben zitierte kurze Definition zusammenfassend vor Augen geführt hat. Bevor diese Textarbeit jedoch beginnen kann, stellt sich noch die folgende entscheidende Frage, deren Relevanz auf die Entstehungszeit des Textes zurückzuführen ist: Wie ist es um die Gültigkeit obiger Definition für das 18. Jahrhundert bestellt?

2.1 Wandel im 18. Jahrhundert

Bei den bisherigen Überlegungen wurde stets von der heutigen Zeit und vom modernen Menschen gesprochen, der sich auf die ständige Suche nach eigener Identität begeben muss. Jung-Stilling jedoch lebte und schrieb im 18. und 19. Jahrhundert, in einer Zeit also, in der die Moderne gerade erst zu entstehen begann und die individuellen Lebensbedingungen der Menschen von den heutigen als sehr verschieden angesehen werden müssen. In wie weit hat also das dargestellte Ringen nach Stiftung und Definition der eigenen Identität für die damalige Zeit ihre Gültigkeit?

Sicherlich ist Straub recht zu geben, wenn er betont, dass Personen in heutigen Gesellschaften das Identitätsproblem als virulent empfinden können, „weil allgemeine, eindeutige und bleibende Antworten auf die Identitätsfrage im Zuge der Deontologisierung, Enttraditionalisierung, (funktionalen) Differenzierung, Pluralisierung, Individualisierung, Temporalisierung und Dynamisierung kontingenter Lebensverhältnisse nicht mehr verfügbar sind.“ Die Menschen müssen daher „selbst zusehen, und zwar stets aufs Neue, wer sie (geworden) sind und sein möchten.“[9]. Die Frage ist also, wann der Wegfall solcher allgemeingültiger Antworten erfolgt ist, so dass man dadurch beginnen musste, sich verstärkt seiner Subjektivität zu widmen, wobei unter letzterer mit Meyer-Drawe „eine Zentralfigur von Sinnstiftung“ verstanden werden soll und nicht jede irgendwie geartete Selbstbeziehung, die sicherlich zu allen Zeiten im menschlichen Denken zu finden ist[10]. Natürlich kann eine solche Zeitpunktsfrage nicht durch eine einfache Jahreszahl beantwortet werden, zumal je nach Umfeld und individueller Lebensführung die Suche nach dem eigenen Ich für manche eher Bedeutsamkeit erlangte als für andere. Und auch bei Jung-Stilling in dessen Werk, soviel kann bereits vorweggenommen werden, eindeutig Identitätsstiftungsarbeit geleistet wird, findet sich die Lösung seiner Probleme letztlich in Gott und der Religion, also einer der oben angesprochenen allgemeingültigen Wahrheiten, deren Wegfall eben noch als Voraussetzung für Identitätssuche postuliert wurde. Es scheint daher angebracht, obige Frage etwas zu modifizieren und nicht nach dem Zeitpunkt eines Wegfalls, also nach einem Ende zu suchen, „denn dass der Mensch Selbstreferenz besitzt, über sich nachdenkt und dabei als von anderen verschieden erfährt, dürfte eine anthropologische Konstante darstellen“[11], sondern vielmehr das Auftreten relevanter Neuerungen in den Blick zu nehmen, die neue Möglichkeiten, neue Impulse und weitere Spielräume bereitgestellt haben, ohne jedoch die zuvor gültigen Antworten automatisch bedeutungslos werden zu lassen. Und hier scheint das 18. Jahrhundert und somit die Entstehungszeit von Jung-Stillings Autobiografie geradezu ideal.

Ideengeschichtlich verwurzelt im Humanismus, in der Reformation und den rationalistischen und philosophischen Systemen des 16. und 17. Jahrhunderts, setzen sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zusehends die Ideen der Aufklärung durch, die in einer Abwendung vom Gottesgnadentum und in Ablehnung der Kirche als höchste Entscheidungsgewalt den vernunftbegabten Menschen in den Mittelpunkt rücken. Wenn auch die Aufklärung im zersplitterten Deutschland aufgrund des vergleichsweise schwach entwickelten Bürgertums nur einen relativ geringen Einfluss im politischen Leben hat, so ist sie doch Wegbereiterin der Naturwissenschaften und sorgt für neue Strömungen in Philosophie und Literatur. Verstärkt wird ihre Wirkungsmacht durch die langsame aber stetige Alphabetisierung der Gesellschaft, die sich am Entstehen zahlreicher Lesegesellschaften manifestieren lässt. Mittelalterliche und barocke Vorstellungen, die ein ausnahmsloses Hoffen auf das jenseitige Leben im Paradies propagierten, können endgültig der Vergangenheit zugerechnet werden und das Diesseits rückt zusehends in den Fokus der Betrachtung. Expansion in Wirtschaft, Industrie und Handel sorgen für neue Aufstiegsmöglichkeiten, die dadurch aufkommenden Freiheiten bringen jedoch auch zahlreiche Probleme mit sich. In einer Gesellschaft, in der man nicht mehr an strenge Standesgrenzen gebunden ist, sondern sich mittels eigener Leistung durchaus in gewissen Rahmen bewegen kann, muss man beginnen seinen eigenen Platz zu suchen und seine Zugehörigkeiten zu prüfen. Mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Verzicht auf starke Wahrheiten und Vorgaben werden die Menschen „aus einer inhaltlich und strukturell relativ fest gefügten Ordnung entlassen“ und verlieren somit das „alles überwölbende Dach“, welches ihnen zuvor zur Verfügung stand[12]. Gott als alleingültige letzte und unhinterfragbare Wahrheit kommt ins Wanken und die katholische Kirche gerät durch eine immer stärkere Intellektualisierung und den fortdauernden Ausschluss der Laien aus kirchlichen Funktionen wieder einmal in nicht geringe Kritik. Durch das Zwischenschalten einer „Unmenge von Vermittlungsinstanzen zwischen Gott und Mensch“ provoziert die Institution Kirche im auf Eigenverantwortung hin ausgerichteten 18. Jahrhundert geradezu das Aufkommen des auch für Jung-Stilling bedeutsamen Pietismus, der sich eine neue Reformation zum Ziel setzt, um kirchliche Institutionalisierung und Orthodoxie zu bekämpfen[13]. Ganz im Sinne der in allen gesellschaftlichen Bereichen aufkommenden Individualisierungstendenzen, bedingen die pietistischen Ideen eine starke Betonung der Subjektivität und eine Verlagerung des Verkehrs mit Gott in das eigene Innere. Die dadurch geschaffene Freiheit im Umgang mit der eigenen Religion begründet jedoch gleichzeitig die Pflicht zur Suche des eigenen Weges zu Gott, der für die Pietisten nun nicht mehr institutionell und von außen vorgeschrieben wird, sondern sich zu einer individuellen Aufgabe für jeden Einzelnen entwickelt.

Vor diesem historischen Hintergrund wird es also durchaus verständlich und wahrscheinlich, dass der Pietist gleichzeitig aber naturwissenschaftlich interessierte Jung-Stilling durchaus Identitätssuche und -stiftung betreiben musste:

„Hier will er noch weiter mit den Pietisten auf einem gemeinsamen Boden stehen […] dort will er zum Gesprächspartner der Philosophen der Aufklärung gerade als ein Christ werden, der seine Sache mit ihren Mitteln zu verteidigen und im besten Sinne als glaubwürdig zu erweisen strebt.“[14].

In dieser treffenden Formulierung Willerts wird die gesamte Problemkonstellation auf den Punkt gebracht: geboren in einer Zeit des Wandels weg vom reglementierten und wenig Alternativen bietenden Leben der vorhergehenden Jahrhunderte hin zu den Anfängen der Moderne und ihrer Möglichkeiten, scheinen Probleme und Konflikte im Leben eines Menschen wie Jung-Stilling vorprogrammiert und das 18. Jahrhundert geradezu prädestiniert einen wissbegierigen und aufstiegswilligen Dorfschulmeister in nicht geringe Krisen zu stürzen und dadurch schwierige Selbstfindungsprozesse in Gang zu setzen.

3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Autobiografie

Ausgehend von der in Unterkapitel 2 zitierten Definition personaler Identität, sollen die nun folgenden Ausführungen sich konkret mit den ersten beiden Büchern von Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie Jugend und Jünglingsjahre befassen und hier anhand ausgewählter Textbeispiele die Bemühungen des Autors zur Identitätsstiftung beleuchten. Im Einzelnen heißt das also: wie wird das Verarbeiten biografischer und ökologischer Konsistenz und Veränderung vor dem Hintergrund der persönlichen Ansprüche und der zeitspezifischen sozialen Erwartungen vermittelt, d.h. mit anderen Worten: Wo stiftet Jung-Stilling seine Identität? Dabei wird der Fokus auf jeweils verschiedene Teilaspekte gelegt werden, denen je eigene Unterkapitel gewidmet sind.

3.1 Das Streben nach Aufstieg und dem Verlassen des eigenen Standes

Zu Beginn der Jugend stellt der Autor zunächst die westfälische Landschaft vor, in der er geboren wurde und aufgewachsen ist. Nicht zufällig erfolgt direkt im Anschluss an diese Schilderungen eine sofortige Bezugnahme auf seinen Großvater Eberhard Stilling, dessen Leben als Bauer und Kohlebrenner in groben Konturen umrissen wird:

„Er hielt sich den ganzen Sommer durch im Walde auf, und brannte Kohlen; kam aber wöchentlich einmal nach Hause, um nach seinen Leuten zu sehen, und […] nach Florenburg in die Kirche gehen zu können, allwo er ein Mitglied des Kirchenraths war. Hierin bestanden auch die mehresten Geschäfte seines Lebens“[15].

Damit sind bereits innerhalb der ersten beiden Seiten die bestimmenden Elemente im frühen Leben des Autors erfasst, was bedeutet, dass Jung-Stilling schon gleich zu Beginn seines Werkes mit der Schilderung des dörflichen Milieus und des Großvaters als Familienoberhaupt auf eine Problematik aufmerksam macht, die den gesamten Text über bestimmend bleiben wird: geboren in einer ländlichen Gegend im Jahre 1740 als Sohn eines Dorfschulmeisters und Schneiders und in einer gläubigen und traditionsbewussten Familie, ist der Lebensweg des jungen Heinrich eigentlich bereits vorgezeichnet und seine Möglichkeiten scheinen dementsprechend begrenzt. Denn obwohl im 18. Jahrhundert bereits ein gewisser gesellschaftlicher Aufstieg erreicht werden konnte, so stellt der Versuch diesen zu bewerkstelligen doch die Ausnahme dar und bereitet entsprechende Schwierigkeiten. Dennoch: Heinrich spürt von frühester Kindheit an eine Neigung zu Wissenschaft und Bildung, fühlt sich zum Schneider und Bauern keinesfalls geboren und kann sich so nie wirklich mit dem ihm zugedachten Lebensweg identifizieren. Im Folgenden soll nun analysiert werden, wo der Autor das hierdurch verursachte Streben nach Aufstieg im Text deutlich macht, um so eine Identität außerhalb der bäuerlichen Umgebung seiner Kindheit und Jugend zu definieren, und wie er seinen Wunsch nach Verlassen des eigenen Standes begründet und dessen Legitimation inszeniert.

Eine mögliche Ursache für den erwähnten Aufstiegswillen ist sicherlich in der ungewöhnlichen Erziehung des jungen Stilling zu suchen, auf die entsprechend auch Arhelger Bezug nimmt, indem er auf die wiederholte Thematisierung derselben hinweist, die ihre Spuren bis ins hohe Alter des Autors hinterlässt[16]. Nach dem Tod der Mutter wohnt Heinrich mit seinem Vater zusammen isoliert in einer Kammer des großväterlichen Hauses, wo er sich hauptsächlich mit dem Auswendiglernen des Katechismus beschäftigen muss. Nicht umsonst weißt Jung-Stilling selbst mehrmals auf die Tatsache seiner Abgeschottetheit hin, wie die folgende Stelle belegen kann: „Heinrich Stilling wurde also ungewöhnlich erzogen, ganz ohne Umgang mit andern Menschen; er wußte daher nichts von der Welt“ (S. 69). Daraus resultiert natürlich, dass ihm also auch jeder Kontakt zu anderen Kindern fehlt, so dass er keine Beeinflussung durch deren Wünsche und Zukunftspläne erfährt, die ihn vielleicht auf eher gangbaren und üblichen Wegen hätte halten können, sondern eine von Arhelger erkannte vollkommene Ausrichtung auf die „Ebene intellektueller Beschäftigung“ entwickelt[17]. Deutlich wird jene Orientierung beispielsweise dadurch, dass an die Stelle sozialer Kontakte das ständige auch freiwillige Befassen mit Büchern tritt, so dass er den durchschnittlichen dörflichen Bewohnern bereits in frühester Kindheit als sehr fremdartig erscheinen muss und entsprechend den üblichen sozialen Erwartungen nicht gerecht werden kann: „Das Gerücht von diesem Knaben erscholl weit umher; alle Menschen redeten von ihm und verwunderten sich.“ (S. 70). Bedingt durch Heinrichs ungewöhnliche Beschäftigungen baut er sich bereits früh ein seiner Erfahrung entsprechendes kindliches Welt- und Menschenbild auf, das in einer Äußerung des Knaben vom Autor manifest gemacht wird. Von Nachbar Stähler danach befragt, ob er denn schon lesen könne, antwortet Heinrich: „Das ist ja eine dumme Frage, ich bin ja ein Mensch!“ (S. 70), was, so kurz diese Antwort auch sein mag, überaus deutlich zeigt, dass die Identitätsdefinition des Autors bereits in den ersten Jahren seiner Kindheit eng im Zusammenhang mit geistigen Idealen angesiedelt wird und damit weit entfernt zu suchen ist vom Streben anderer Kinder seiner Zeit und Umgebung. Darüber hinaus bedingt die streng pietistische Haltung Wilhelms eine tiefe Verwurzelung des Knaben in religiösen Überzeugungen und eine daraus resultierende lebenslange Frömmigkeit.

[...]


[1] die Titel beider Bücher werden im folgenden abkürzend nur noch Jugend und Jünglingsjahre genannt

[2] Willert, Albrecht: Religiöse Existenz und literarische Produktion: Jung-Stillings Autobiographie und seine frühen Romane, Frankfurt am Main/Bern 1982, S. 11.

[3] Görisch, Reinhard: Jung-Stilling aus literaturgeschichtlicher Sicht, in: Krüsselberg, Hans-Günter / Lück, Wolfgang (Hgg.): Jung-Stillings Welt. Das Lebenswerk eines Universalgelehrten in interdisziplinären Perspektiven, Krefeld 1992, S. 175.

[4] vgl. Straub, Jürgen: Identität, in: Jaeger, Friedrich / Liebsch, Burkhard (Hgg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band I. Grundlagen und Schlüsselbegriffe, Stuttgart / Weimar 2004, S. 277.

[5] vgl. Straub: Identität, S. 290f.

[6] Straub: Identität, S. 299.

[7] Endruweit, Günter: Identität, in: Endruweit, Günter / Tromsdorff, Gisela (Hgg.): Wörterbuch der Soziologie. 2., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart 2002, S. 218.

[8] Straub: Identität, S. 279.

[9] Straub: Identität, S. 280.

[10] Meyer-Drawe, Käte: Subjektivität – Individuelle und kollektive Formen kultureller Selbstverhältnisse und Selbstdeutungen, in: Jaeger, Friedrich / Liebsch, Burkhard (Hgg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band I. Grundlagen und Schlüsselbegriffe, Stuttgart / Weimar 2004, S. 304.

[11] Petersdorff, Dirk von: Fliehkräfte der Moderne. Zur Ich-Konstitution in der Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts, Tübingen 2005, S. 1.

[12] Petersdorff: Fliehkräfte der Moderne, S. 1.

[13] Willert: Jung-Stillings Autobiographie, S. 53f.

[14] Willert: Jung-Stillings Autobiographie, S. 46.

[15] Jung, Johann Heinrich, gen. Stilling: Lebensgeschichte. Sämtliche Schriften, Band I, Hildesheim / New York 1979, S. 26.

(Zitate aus diesem Werk werden im Folgenden im laufenden Text durch Angabe der Seitenzahl in Klammern kenntlich gemacht)

[16] vgl. Arhelger, Reinhard: Jung-Stilling – Genese seines Selbstbildes. Untersuchungen zur Interdependenz von Religiosität, Identität und Sozialstruktur zur Zeit der ’Jugend’, Frankfurt am Main 1990, S. 223.

[17] Arhelger: Genese seines Selbstbildes, S. 224.

Details

Seiten
37
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638583893
ISBN (Buch)
9783656112532
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v66005
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Identitätsstiftung Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie Hauptseminar

Autor

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Titel: Identitätsstiftung in Johann Heinrich Jung-Stillings Autobiografie