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McLuhan im Playboy - Eine Untersuchung ausgewählter Thesen des Medientheoretikers Marshall McLuhan

von Matthias Weber (Autor) Andreas Wallstein (Autor)

Hausarbeit 2006 40 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung [Wallstein]

2 The Extensions of Man [Weber]

3 The Medium is the Message [Weber]
3.1 Putin [Weber]
3.2 Castro [Weber]
3.3 Silvio Berlusconi – die italienische Lösung [Wallstein]
3.4 Angela Merkel – die Kanzlerin direkt [Wallstein]
3.5 Fazit Putin, Castro, Berlusconi, Merkel [Weber]
3.6 Wie die Medien die politischen Institutionen verändern [Wallstein]

4 The Global Village [Weber]

5 Heiße und kalte Medien [Wallstein]

6 Allgemeine Kritik [Weber]
6.1 Negativ
6.2 Positiv

7 Schlussbemerkung [Weber]

8 Quellenverzeichnis
8.1 Literatur
8.2 Internet

9 Anhang

10 Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung[Wallstein]

Marshall McLuhan ist zweifelsohne einer der bekanntesten und umstrittensten Medientheoretiker überhaupt. Welche Popularität er genoss, macht auch ein Interview im US-amerikanischen Männermagazin Playboy klar (siehe Abb. 1). Schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im März 1969 hatte die Zeitschrift in den USA einen hohen Bekanntheitsgrad. Die enorme Beachtung, die McLuhan seitens der Öffentlichkeit entgegengebracht wurde, lässt sich dadurch begründen, dass seine Gedanken den damaligen Zeitgeist trafen, auch weil sie provokant und streitbar waren und bis heute sind. Wie umstritten seine Theorien waren, verdeutlichen folgende Zitate: Während manche ihn zum intellektuellen Kometen stilisieren („Canada’s Intellectual Comet“, Schickel 1965, S. 62) bezeichnen andere ihn sogar als Scharlatan, wie z.B. Jacques Barzun, ehemaliger Professor an der Columbia University, der McLuhans berühmten Satz „The medium ist the message“ ironisch in „The tedium is the massage“ korrigierte (Bookrags Website 2006, nicht mehr online).

Doch egal aus welcher Perspektive man den medienkritischen Denker betrachtet, unumstritten bleibt die Wirkung seiner theoretischen Überlegungen für die Medientheorie. Anhand des Interviews im Playboy möchten wir auf die, von McLuhan in diesem Gespräch erläuterten, Grundthesen seiner Lehre eingehen und diese dabei aus heutiger Sicht beleuchten.

2 The Extensions of Man[Weber]

„Weil alle Medien (...) Ausweitungen des Menschen sind (...).“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 8)

Ein erster zentraler Aspekt ist McLuhans Begriff der extensions of man (vgl. McLuhan 1964). Zur Erklärung dieses Terminus benutzt er den griechischen Mythos vom Narziss (vgl. Wikipedia Website, Narziss: 2006, online), ein Motiv, welches bis heute in der modernen Pop-Kultur existiert (z.B. Marilyn Manson, Target Audience (Narcissus Narcosis) , 4:18, Holy Wood , Universal Music). McLuhan weist mit diesem Bild daraufhin, dass die mit den Medien einhergehende Verlängerung und Ausweitung des Menschen eine Betäubung seiner Sinne darstellen würde, welche zu einer Art Selbsthypnose oder Narziss-Narkos e (vgl. Baltes/Höltschl 2002, S. 8) führe. Er verwendet den Begriff der Narziss-Narkose wie im gleichnamigen Essay (vgl. McLuhan 1964, S. 45) um zu verdeutlichen, welche Gefahr, speziell von den elektronischen, Medien ausgehe. Der Medientheoretiker orientiert sich dabei nicht allzu sehr an der eigentlichen Erzählung vom Narziss, der sich der Überlieferung nach in sein eigenes Spiegelbild verliebte, als vielmehr an dem Grundthema des Selbstbezuges. Besonders extrem wirkt in diesem Zusammenhang der Ausdruck der Amputation, den der Kanadier verwendet um zu beschreiben, wie drastisch sich die Wahrnehmung des Menschen durch Medien verändern würde. Der damit einhergehende Schock verhindere, laut McLuhan, die bewusste Erkenntnis der Ausweitung des menschlichen Sinnesapparates durch die Medien und der damit verbundenen tief greifenden Veränderungen des zentralen Nervensystems (vgl. Kummer 1969, S. 206f.).

Die Schuld für diesen Schock und die Betäubung gibt er den neuen Medien, die den Menschen überfordern würden. Im Prinzip sieht er darin eine bestimmte Form der Nostalgie (nostos = Rückkehr, Heimkehr, Vergangenheit, algos = Schmerz).

„Wir kehren den alten Erziehungsgrundsatz um und schreiten nicht mehr vom Bekannten zum Unbekannten, sondern wenden uns ab vom Unbekannten hin zum Bekannten – was nichts anderes ist als der Betäubungsmechanismus, der immer dann abläuft, wenn unsere Sinne durch neue Medien drastisch erweitert werden.“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 10)

Eine weitere Formulierung im Zusammenhang mit der medial verursachten Betäubung ist McLuhans Warnung, die sich an anderer Stelle findet: „Der Mensch wird zum Geschlechtsteil der Maschinenwelt (…).“ (McLuhan 1992, S.63).

McLuhans Bestrebungen gehen dahin, den Einfluss der Medien aufzudecken, um Entwicklungen vorauszusagen und damit Medien beherrschbar zu machen (vgl. Baltes/Höltschl 2002, S. 10). Ihm geht also in erster Linie um Aufklärung und die Rückgewinnung der Selbstbestimmung im Umgang mit den Medien. Er schien dabei allerdings, angesichts des damaligen medientechnischen Entwicklungsstandes verständlich, wenig in Betracht zu ziehen, dass viele Menschen sich bewusst und willentlich den Medien aussetzen, um z.B. ihrer Alltagswelt ein Stück weit zu entfliehen. Besonders in Zeiten von Virtual Reality, muss aber auch der Aspekt des absichtlichen Eintauchens in künstliche, medial erzeugte Welten in Erwägung gezogen werden. Begriffe wie Involvement , Presence oder Immersion sind mittlerweile fester Bestandteil medienpsychologischer Diskurse im Zusammenhang mit computerunterstützen Medien (vgl. Klimmt 2004, S. 695ff.).

3 The Medium is the Message[Weber]

„Das alle Bereiche des Menschen erfassende Medium selbst, und nicht der Inhalt, ist die Botschaft, die Message.“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 9)

In McLuhans Augen, spielt der Inhalt einer Botschaft eine untergeordnete Rolle. Von viel größerer Bedeutung ist für ihn das Medium selbst: „Der Inhalt oder die Botschaft eines bestimmten Mediums haben ungefähr so viel Bedeutung wie die Aufschrift auf der Kapsel einer Atombombe.“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 9) Ein weiteres Beispiel ist die Eisenbahn. Auch hier ist es wenig von Relevanz, was das Medium Eisenbahn (als Erweiterung des menschlichen Bewegungsapparates) transportiert, als vielmehr der Fakt, dass es transportiert und damit zahlreiche Bereiche des menschlichen Zusammenlebens beeinflusst (vgl. McLuhan 1992, S. 437). So vertretbar wie der Medienbegriff des Kanadiers in diesem Beispiel ist, so überdenkenswürdig erscheint er in manch anderer Hinsicht, wie der Annahme, dass Kleidung eine Ausweitung der Haut sei (vgl. Baltes/Höltschl 2002, S. 18). Hier wird ein Problem seiner Taxonomie offensichtlich: ein sehr weit gefasster Medienbegriff, vom Buch übers Fernsehen bis hin zum Stuhl als Ausweitung des Gesäßes (vgl. McLuhan 2001, S. 123).

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt dieses Medienbegriffs ist die, im Verhältnis zum Inhalt, zu starke Betonung des Mediums an sich als Botschaft. „Der große Defekt der McLuhan’schen Theorie jedoch ist die völlige Verneinung der Relevanz des Inhalts von Kommunikation.“ (Lieberman 1969, S. 264) McLuhans Ansatz wirkt zu absolut, da er die Wechselwirkung von Inhalt und Medium nicht ausreichend berücksichtigt. Deutlich wird dies z.B. an der Geringschätzung der Verantwortung Hitlers am Erstarken des deutschen Nationalsozialismus mit allen weltpolitischen und historischen Folgen, wenn er sagt: „Dann hätte eben irgend ein anderer Demagoge das Radio dazu benutzt, die Deutschen in eine Stammesgesellschaft zu verwandeln (…).“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 21). Hier wird ein häufig kritisierter Mangel der McLuhan’schen Argumentation offensichtlich: die Vernachlässigung historischer Determinismen wie die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Lage sowie die Persönlichkeit Hitlers selbst, die in ihrer Gesamtheit zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt haben. Auch an anderer Stelle finden sich kritikwürdige Gedanken hinsichtlich der Beziehung zwischen dem dritten Reich und den Entwicklungen im damaligen Deutschland: „Wäre das Fernsehen während des Hitler-Regimes schon weit verbreitet gewesen, würde er sich nicht lange gehalten haben. Wenn das Fernsehen schon vorher aufgekommen wäre, hätte es überhaupt keinen Hitler gegeben.“ (McLuhan 1995, S. 452) Benjamin de Mott stellt diesbezüglich die berechtigte Frage, ob Millionen Juden umgebracht wurden, weil der Rundfunk vor dem Fernsehen kam (vgl. De Mott 1969, S. 287).

„Aber McLuhans Verachtung für Leute, die sich auf den Inhalt verlassen, verleitet ihn zu negieren, daß [sic] Inhalt überhaupt irgendeine Rolle spiele.“ (Ricks 1969, S. 250) Diese Aussage Christopher Ricks spiegelt die zeitgenössische Wahrnehmung vieler wider, die McLuhans Aussagen vielleicht zu wenig in seinen theoretischen Gesamtkontext integrieren. Die oftmals zu eindimensionale Rezeption lag wohl auch daran, dass er sich bewusst der Provokation als Mittel zur Verbreitung seiner Anschauungen bediente. Trotz der provokanten Wirkung seiner Thesen, finden sich nämlich z.B. im Playboy -Interview durchaus Belege für eine relativierende Haltung bezüglich seiner Ansichten: „Wenn ich betone, dass weniger der Inhalt, sondern eher das Medium die Botschaft ist, dann meine ich damit nicht, dass der Inhalt überhaupt keine Rolle spielt – nur dass er ganz klar eine untergeordnete Rolle spielt.“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 21)

McLuhan rechtfertigte seinen Argumentationsstil wie folgt:

„Wenn wir das ganze Augenmerk auf den Inhalt richten und das Medium dabei praktisch ganz ausser Acht lassen, dann verschenken wir jede Chance, die Wirkung neuer Technologien auf den Menschen wahrzunehmen und zu beeinflussen, und darum sind wir dann immer ganz perplex – und überhaupt nicht darauf vorbereitet, wenn die Welt durch neue Medien auf revolutionäre Art verändert wird.“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 21)

Wie wichtig das Medium an sich als Botschaft tatsächlich ist, zeigen folgende Beispiele von Politikern und ihrem Verhältnis zum Fernsehen. Dabei wird deutlich wie groß der Einfluss von Medienpräsenz auf die politischen Machtverhältnisse sein kann. Die Schwierigkeit bei diesen Betrachtungen liegt darin, zu unterscheiden zwischen der bloßen Wirkung des Mediums und den mit ihnen transportierten Inhalten, denn man könnte z.B. die Frage ‚Wie wirkt ein Politiker?’ nicht nur als ein dem Medium Fernsehen immanenten Aspekt, sondern auch als Inhalt ansehen. Hier wird das Problem der geringen Trennschärfe beider Begriffe deutlich. Man muss also sicherlich die Wirkung des Fernsehens differenzierter betrachten, denn entscheidend ist nicht nur das ein Politiker TV als Plattform nutzt, sondern auch wie. Dabei bleibt der Grundgedanke McLuhans unbestritten, dass die TV natürlich schon an sich als Medium eine große Veränderung in der Wahrnehmung der Politik bedeutet (vgl. McLuhan 2001, S. 194).

3.1 Putin[Weber]

„Das Fernsehen revolutioniert gerade jedes politische System der westlichen Welt. Zum einen bringt es einen ganz neuen Typ nationaler Führungsfiguren hervor, Männer, die viel mehr von einem Stammeshäuptling als von einem Politiker haben.“ (Baltes/Höltschl 2002, S. 21)

Neben der adäquaten politischen Haltung Wladimir Putins im Jahre 2000, als die Mehrheit der russischen Wähler einen Präsidenten forderte der für Ordnung steht, lässt sich der Erfolg des jetzigen Kreml-Chefs auch eindeutig auf sein medial erzeugtes Bild zurückführen. Im Gegensatz zu Boris Jelzin, erkannte er den großen Einfluss von PR-Arbeit auf die politische Meinungsbildung und stellte sie weit oben auf seine Agenda. Er erklärte Publicrelations zur Chefsache und war damit der erste russische Staatsmann, der dies in solchem Umfang tat (vgl. Veremej 2005, online).

Putin schien sich v.a. auch der Wirkung des Mediums Fernsehen bewusst gewesen zu sein. Er erkannte mit Sicherheit, die Bedeutung der elektronischen Medien für den ideologischen und politischen Wandel. Dies geht konform mit der Sichtweise McLuhans, der sie an einer Stelle in seinem Buch Das Medium ist die Botschaft sogar als „zentrales Nervensystem“ der neuzeitlichen Gesellschaft bezeichnet: „Das Entscheidende bei den elektronischen Medien ist folgendes: Sie verlagern den Schwerpunkt im Wechselspiel der Sinne und sorgen so für eine Generalüberholung und Umstrukturierung all unserer Werte und Institutionen“ (McLuhan 2001, S. 197). Mit „elektronischen Medien“ meinte McLuhan in erster Linie das Fernsehen.

Ein Indiz dafür, das Putin dem Fernsehen eine Schlüsselrolle im politischen Machtkampf beimaß lässt sich anhand der zahlreichen Maßnahmen gegen z.B. Wladimir Gussinski oder Boris Abromowitsch Beresowski ablesen. Diese hatten, nach Meinung des Präsidenten, zu stark in den Wahlkampf im Jahre 2000 eingegriffen, indem sie die Ausstrahlung regimekritischer Beiträge in ihren Medienunternehmen zuließen (vgl. Wikipedia Website, Wladimir Putin: 2006, online). Gussinskis Konzern Media-MOST , zu dem der kremlkritische und unabhängige Fernsehsender NTW gehörte, löste sich durch Betrugsvorwürfe, diverser strafrechtlicher Verfolgungen und staatlichen Druck letztendlich auf. NTW galt als der letzte unabhängige Sender Russlands (vgl. Wikipedia Website, NTW: 2006, online). Noch vor der Übernahme der TV-Station durch die Regierung sagte Beresowski, auch genannt der Medien-Pate : „Wenn Putin NTW unter staatliche Kontrolle bringt, verlieren wir die wichtigste Freiheits-Institution in Russland. Das würde bedeuten, Putins Regierung könnte sagen, was sie wollte, ohne Kontrolle und ohne jegliche Opposition.“ (3sat Website, Kulturzeit: 2001, online). ORT , der Fernsehsender von Beresowski, wurde ab dem Jahre 2000 staatlich beaufsichtigt und auch er persönlich wurde seitens der Regierung Putins mit Schwierigkeiten konfrontiert: Mutmaßlich aufgrund kritischer Sendungen zum Untergang des U-Bootes Kursk und zum Tschetschenienkonflikt, wurde gegen Beresowski im Oktober 2001 ein Haftbefehl erlassen, worauf er ins Ausland flüchtete (vgl. Wikipedia Website, Boris Abramowitsch Beresowski: 2006, online).

Mit diesen Maßnahmen gegen unabhängigen TV-Journalismus in Russland machte der Kreml-Chef große Schritte in Richtung Entprivatisierung der Medien, welche inzwischen als vollzogen gilt. Mittlerweile überwacht Putin die meisten Fernsehstationen, was es ihm ermöglicht, ein unreflektiertes, eindimensionales und damit natürlich verzerrtes Bild von sich verbreiten zu können. Diese Popularisierung seiner Selbst, betreibt der Präsident nach Ansicht vieler Kritiker absolut bewusst und zielgerichtet (vgl. Veremej 2005, online).

Was dies für die politische Meinungsbildung in der russischen Gesellschaft bedeutete, lässt sich an folgenden Statistiken ablesen: Bei den Parlamentswahlen 2003 errang die Partei Putins, Einiges Russland , einen klaren Sieg und wurde mit 37,1 Prozent der Stimmen stärkste Fraktion in der Duma (vgl. Wikipedia Website, Russische Parlamentswahlen 2003: 2006, online). Durch dieses Votum der russischen Bürgerinnen und Bürger wurde Putins Kreml-Regierung immens gefestigt. Obwohl die Wahl nach Untersuchungen der OSZE korrekt ablief, bemängeln viele Kritiker, dass die Medien einen erheblichen Beitrag zur Unterstützung der Präsidentenpartei geleistet haben (vgl. Wikipedia Website, Wladimir Putin: 2006, online).

Die Präsidentschaftswahlen 2004 gewann Putin mit 71 Prozent der Stimmen und ging so in seine zweite Amtszeit. Wiederum waren es unbestreitbar die staatlichen Medien, die für den amtierenden Kreml-Chef warben. Eine unabhängige Analyse des Journalistenverband Russlands zur medialen Präsenz der Kandidaten im Zeitraum 22.2. bis 12.3.2004 ergab, dass sich der Hauptteil der Fernsehzeit und der Berichterstattungen in den Printmedien zum Thema Wahlen eindeutig auf den amtierenden Präsidenten bezog (vgl. Center for Journalism in Extreme Situations Website 2004, online). Jede Gelegenheit, ihn in einem guten Licht erscheinen zu lassen, wurde genutzt, jedes Bild von Putin zeigte ihn als zielstrebigen Mann, der allen Herausforderungen gewachsen zu sein scheint und in jeder Lage die Zügel fest in der Hand behält.

Diese Art und Weise, wie der Präsident die russischen Medien benutzt, bezeichnet die freie Journalistin Nellja Veremej in ihrem Bericht „Putins Bild in den russischen Medien“ als „Personifizierung des politischen Diskurses“ (vgl. Veremej 2005, online). Damit ist der Kreml-Chef jedoch nicht der Erste, der einen derartigen Stil der Staatsführung pflegt: Schon 1969 kommentierte Marshall McLuhan diese Entwicklung auf der anderen Seite des ehemaligen eisernen Vorhangs: „Das Fernsehen revolutioniert gerade jedes politische System der westlichen Welt. Zum einen bringt es einen ganz neuen Typ nationaler Führungsfiguren hervor, Männer, die viel mehr von einem Stammeshäuptling als von einem Politiker haben“ (McLuhan 2001, S. 194). „John F. „Kennedy war der erste Fernseh-Präsident, weil er der erste prominente amerikanische Politiker war, der die Möglichkeiten und die Wirkungsweise des Ikonoskops begriffen hat“ (ebd.). Parallelen zu Wladimir Putin lassen sich leicht erkennen: Ohne weiteres kann man ihn den ersten russischen TV-Präsident nennen. Will man die Vorgehensweise Putins historisch fundieren, muss man das Rad der Geschichte sogar noch ein Stück weiter zurückdrehen, denn die Art und Weise der medialen Selbstdarstellung im Fernsehen und auch anderen Medien erinnert auch noch an eine andere, vergangen geglaubte, Epoche: „Wie zu den Zeiten der Sowjetunion gibt es für die meisten Sender nur ein Kriterium für wirklich wichtige Nachrichten: die Anwesenheit des Präsidenten“ (Reitschuster 2004, S. 135).

Doch mittlerweile regt sich immer mehr Widerstand gegen einen derartigen Politikstil: So protestierten z.B. am 17. April diesen Jahres viele bekannte russische Journalisten auf Moskaus Straßen gegen die staatliche Manipulation der Medien seit der Wahl des Präsidenten 2000. Sie bemängelten, zum fünfjährigen Jubiläum der Übernahme des bis dahin als unabhängig geltenden Fernsehsenders NTW , die immer größer werdende Einflussnahme der Regierung auf die mediale Berichterstattung sowie den drohenden Verlust der Pressefreiheit (vgl. ARD Tagesschau Website 2006, online).

Das Beispiel Wladimir Putin zeigt die starke Verbindung zwischen Macht und Medienpräsenz, welche sich im McLuhan’schen Sinn als message interpretieren lässt. Putin ist diese Botschaft im russischen Fernsehen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob der Einfluss des Inhaltes, wie es McLuhan propagierte, tatsächlich vernachlässigbar ist. Sicherlich steht der Inhalt nicht im Fokus, wenn der Staatschef bei allen möglichen Gelegenheiten über den Bildschirm flimmert, aber andererseits bedeutet das Senden der immer gleichen message (Putin als souveräner Präsident) nicht, das ebendiese nicht transportiert wird. Wenn der Kreml-Chef beispielsweise in einen Skandal verwickelt wäre, der via Fernsehen kritisch beleuchtet würde, hätte dies mit Sicherheit einen Effekt auf das Bild, welches die Russen mit ihrem Präsident verbinden, egal wie oft eine Berichterstattung über dieses fiktive Ereignis erfolgen würde. Zumindest für die Zuschauer dieser Sendung wäre nicht nur das medium die message .

3.2 Castro[Weber]

„Castro ist ein gutes Beispiel für einen neuen Stammeshäuptling (…).“

(Baltes/Höltschl 2002, S. 21)

Das Thema Selbstdarstellung und -inszenierung betreffend, kann man sicherlich Fidel Castro als Paradebeispiel bezeichnen. Kaum ein anderer Staatschef betreibt einen derartigen Kult um seine Person wie der Präsident, dessen Konterfei in Kubas Strassen allgegenwärtig ist: auf Postern, Bildern, Plakaten etc. (siehe Abb. 2). Oft enthalten die Illustrationen nationale Symbolik, oder Castro ist neben einer prominenten historischen Person abgebildet. Diese ständige Präsenz in den vielen Jahren unter seiner Führung, die totale Unterdrückung jeder Opposition sowie die gleichgeschalte Medienlandschaft haben zu einer kritiklosen Stilisierung der Figur Fidel Castros in Kuba geführt. Für viele Kubaner und auch Nicht-Kubaner gilt sein Name beinahe als Synonym für die mittelamerikanische Inselrepublik.

Interessant ist dabei, dass das Privatleben Castros in der medialen Darstellung seiner Person fast völlig ausgeblendet bleibt, vielleicht mehr als bei jedem anderen Politiker weltweit (vgl. Reinhardt 2006, S. 68). Das kubanische Volk lernt seinen maximo lider (Großer Führer) eben nur als diesen und als Staatsmann in seiner typischen Uniform kennen. Der Kult um seine Person, den der kubanische Präsident übrigens leugnet, hat dazu geführt, dass sich Fidel Castro als Person und Ikone wahrscheinlich mehr Beliebtheit bei den Kubanern erfreut als seine Partei und dessen Politik – ganz zu schweigen von der allgemeinen Situation Kubas. Hier lässt sich eine Parallele zum deutschen Ex-Kanzler Gerhard Schröder erkennen, der in der Gunst der Wähler während seiner Regierungszeit zeitweise höher stand als seine Partei (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung Website 2005, online).

Eine tragende Säule Castros politischer Machtfestigung bilden seine zum Teil im Radio und Fernsehen ausgestrahlten Reden (siehe Abb. 3), die v.a. für ihre Länge bekannt sind (angeblich bis zu acht Stunden und mehr). Er instrumentalisiert sie, um sich selbst als Mann mit Durchhaltevermögen, ungebrochenen Idealen, Stärke und Führungsqualitäten in Szene zu setzen – ein Bild, das in den letzten Jahren immer wieder ins Wanken geriet, z.B. als der Staatschef bei einer Rede am 24. Juni 2001 zusammenbrach (vgl. Tagesspiegel Website 2000, online). Doch selbst in Situationen, die eigentlich seine zunehmende, körperliche Angegriffenheit dokumentieren, vertraut Castro auf das Fernsehen als Mittel zur Aufrechterhaltung seiner Autorität, wie das jüngste Beispiel eines im TV ausgestrahlten, inszenierten Treffens zwischen ihm und dem als seinen politischen Ziehsohn geltenden venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zeigt. Sogar noch im Krankenbett liegend, versucht der kubanische Staatschef seine Macht zu demonstrieren. Dabei stellt sich unweigerlich die Frage, ob der gealterte Revolutionsführer immer noch hofft, dass das Fernsehen seine Macht weiter festigt, oder ob er Gefahr läuft, sich im Gegenteil eher bloß zu stellen.

[...]

Details

Seiten
40
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638587945
ISBN (Buch)
9783638678414
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65985
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1.3
Schlagworte
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Titel: McLuhan im Playboy - Eine Untersuchung ausgewählter Thesen des Medientheoretikers Marshall McLuhan