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Naturpantheismus. Liebe und Natur des jungen Goethe im Konflikt

Eine Analyse der Gedichte 'Maifest' und 'Ganymed'

Seminararbeit 2005 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung
All-Natur als Ideal und als Problem

B. Hauptteil
I. „Maifest“
1. Entstehungsrahmen
2. Der Inhalt von „Maifest“
3. Analyse und Interpretation von „Maifest“
II. „Ganymed“ und „Maifest“ im Vergleich
1. Der Wandel der Pantheismusreflexion
2. Entstehungsrahmen von „Ganymed“
3. Analyse und Interpretation von „Ganymed“ im Vergleich mit „Maifest“
4. Die Sichtweise im „Maifest“ und der Gegensatz „Ganymed“
5. Die Form verkörpert den Inhalt von „Ganymed“
6. Motive des Mythos im Gedicht „Ganymed“

C. Schluss
Die Liebe als Motiv

Anhang
„Maifest“ und Metrum
„Ganymed“ und Metrum
Bibliographie

Naturpantheismus

Liebe und Natur des jungen Goethe im Konflikt

Eine Analyse der Gedichte „Maifest“ und „Ganymed“

A. Einleitung

All-Natur als Ideal und als Problem

Gott ist alles in allem. Der Pantheismus des jungen Goethe, besser gesagt, Goethes Reflexion des Pantheismus, gibt den Anlass für den nachfolgenden Gedichtvergleich. Denn einerseits manifestiert sich im „Maifest“ von 1771 die Anschauung eines „Eins sein“ von Gott, Natur und Liebe. Darin kann das individuelle Ich – das in der Epoche des jungen Goethe die Bühne der Literatur betritt –[1] aufgehen und gleichzeitig seine Identität erkennen. Anders in „Ganymed“,1774. Hier stellt sich die Frage, ob das Ich in einer Alles-ist-Eins-Religion überhaupt als Individuum bestehen kann.

Der Zuspruch im „Maifest“ zum Pantheismus als Heilmittel, besonders für die Künstler-Persönlichkeit, wird in der Forschung eindeutig belegt – vergleicht man etwa die Analysen von Bernhard Sorg, Hiltrud Gnüg, oder Kurt May. Dieser Lesart schließt sich auch die folgende Analyse an, wobei der Pantheismus hier als Lernprozess des Individuums aufgefasst wird.

Die Interpretationen von „Ganymed“ unterscheiden sich dagegen deutlich voneinander. So erkennen Clemens Lugowski oder Joachim Müller im Text die gleiche Naturverehrung, wie im „Maifest“. Gerhard Kaiser zeigt hingegen, dass, im Gegenteil, die Probleme des Naturpantheismus und deren Folgen für das Individuum dargestellt sind. Letzterer Auslegung schließt sich die hiesige Analyse an.

In einem Gedichtvergleich, ausgehend von „Maifest“, wird nun die unterschiedliche Rezeption von Naturpantheismus im Hinblick auf Liebe und Individualität gegenübergestellt.

B. Hauptteil.

I. „Maifest“

1. Entstehungsrahmen

„Maifest“, das Goethe später in „Mailied“[2] umbenannte, zählt zu den Gedichten aus seiner Zeit in Sesenheim. Es entstand wahrscheinlich 1771 und wurde erstmalig 1775 in der Zeitschrift „Iris“ veröffentlicht. Das Gedicht soll hier als autonomes Kunstwerk, unabhängig von den Lebensumständen Goethes, betrachtet werden. Da es sich um ein Liebesgedicht handelt, soll hier nur soviel erwähnt werden: Goethes Sesenheimer Geliebte ist Friederike Brion.

2. Der Inhalt von „Maifest“

„Maifest“ beschreibt die starke, subjektiv-emotionale Wahrnehmung eines artikulierten Ich. Dieses Ich empfindet „herrliche“ (V. 1) Natur. Es ist wahrscheinlich ein Frühlingsmorgen, den dieses Ich erlebt. Frühling, denn es „dringen Blüten aus jedem Zweig“ (V. 5/6) und „Morgenwolken“, sowie „Morgenblumen“, werden genannt. Aus Wiesen und Feldern dampft es[3], die Welt der Tiere und Insekten erwacht[4]. Das Ich besingt förmlich die Natur, feierlich, wie eine Gottheit.[5] Und ebenso besingt das Ich die Liebe: „O Erd´, o Sonne, / O Glück, o Lust, // O Lieb´, o Liebe“, heißt es in Vers elf bis dreizehn. Die Liebe wird spezifiziert als gegenseitige Liebe zwischen dem artikulierten Ich und einem Mädchen. Es spendet dem Ich durch diese Liebe Kraft, Jugend und Inspiration. Und somit endet das lyrische Ich mit dem Wunsch und der Aufforderung „Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst“ (V. 35/36).

3. Analyse und Interpretation von „Maifest“

Diese letzten beiden Zeilen beinhalten den Kern von Goethes Gedicht. Die erwünschte, gegenseitige Liebe von Ich und Du soll ewig sein. Ewig wie die Natur, ewig wie die Liebe als solches, ewig, wie es ein Göttliches oder Kosmisches Prinzip ist. Natur und Liebe werden in diesem Gedicht zur Einheit, werden zur Religion. Es ist, wie Hiltrud Gnüg es ausdrückt, „der Glaube and die innere Harmonie von Ich und Welt, Geist und Natur, von Bewusstsein und Gegenstand“[6]. Doch beginnt das Gedicht mit einer anderen Sichtweise.

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

Das artikulierte, empfindende Ich wird stark betont, wie kein anderes Wort im gesamten Text. Nur Vers Zwei hat einen betonten Auftakt. Ausnahmslos beginnen die restlichen Verse unbetont. Diese Betonung wird verstärkt durch die Einsilbigkeit des Wortes „Mir“, ebenso wie durch die zwei darauf folgenden kurzen, unbetonten Silben. Denn gleichzeitig ist das alternierende Schema von betonten und unbetonten Silben in jeder anderen Zeile ebenso durchgehalten wie der unbetonte Auftakt. Das empfindende Subjekt ist damit auffällig herausgestellt. Noch zusätzlich durch seinen Ausruf von Empfindung, die ihm zuteil wird, die scheinbar nur ihm zuteil wird. Mir leuchtet die Natur, und deshalb glänzt mir die Sonne, lacht mir die Flur. Beachtet man die Textsubjektebene, so könnte hier eine Andeutung herausgelesen werden, die nun folgenden Wahrnehmungen seien nur Täuschungen eines Einzelnen im Rausch seiner Empfindung, nicht aber Realität. Eine solch subjektive Empfindung impliziert auch, dass diese von anderen vielleicht nicht geteilt werden kann. Andererseits wird die Natur zu Beginn personalisiert. Sie erhält damit, auch neben dem artikulierten Ich, Bedeutung. Die Flur „lacht“ (V. 4).Und dieses Lachen bedeutet Freude, bedeutet Harmonie. Bedeutet Harmonie aber eine Gleichwertigkeit von Ich und Natur? Die Natur „leuchtet“ dem artikulierten Ich. Sie „leuchtet / Mir“ (V. 1/2), als sei dies ihre Intention, sie „leuchtet für ihn – und durch ihn“[7]. Durch dessen subjektive Wahrnehmung.

In der zweiten Strophe wird diese Ich-Bezogenheit bereits abgeschwächt. Das artikulierte Ich drückt eine Wahrnehmung der Naturphänomene als Betrachter aus. Es empfindet das Knospen der Äste als „dringen“(V. 5) der Blüten und es scheinen ihm „tausend Stimmen“(V. 7) aus dem Gebüsch zu kommen. Die Wahrnehmung ist weiterhin subjektiv, verstärkt die Ereignisse, doch empfindet sie das Ich nicht mehr als nur für sich entstanden. Deutlicher wird dies in den Versen elf bis dreizehn.

O Erd´, o Sonne,

O Glück, o Lust,

O Lieb´, o Liebe,

Der Ausruf „O“ (V. 11), der Anruf von Erde und Sonne, impliziert den Kontext der Religion. „O Gott“, als Anruf, ist meist mit einer Bitte oder einem Wunsch verbunden, oder, im Alltagsleben, der Ausdruck des Erstaunens über eine erschreckende Nachricht. Jedenfalls steht die angerufene Gottheit über den Menschen, als die das Schicksal beeinflussende Macht. Hier wird somit die Natur zur Gottheit. Und mit ihr auch das Glück, die Lust und die Liebe (V. 12/13)! Durch diese Anrufe wird Natur, als übermenschliche Kraft, und Liebe, als menschliche Empfindung[8], miteinander verschränkt, ja gleichgestellt. Natur und Liebe werden universal-kosmische Kraft. Der Mensch, erschaffen von der Natur und Empfindender von Liebe, ist in diesen Kosmos eingegliedert. Der Mensch erfährt beides, Liebe und Natur, als Glück und Lust. Im Gedicht wird dieses Eingliedern auch durch die Stellung von „O Glück, o Lust“ (V. 12) zwischen Natur (V. 11) und Liebe (V. 13) sichtbar.

Doch durch das Strophenenjambement in den vorausgehend erläuterten Versen steht die Liebe (V. 13) abgesondert. Sie wird im Strophenanfang herausgehoben. Zwar ist wieder die Verschränkung von Liebe und Natur deutlich gemacht, denn die Liebe wird durch den Naturvergleich charakterisiert („So golden schön / Wie Morgenwolken / Auf jenen Höhn“, V. 14-16), aber für das empfindende Ich ist die Liebe hervorgehoben. Erstmals wird nun ein Du angesprochen. Und sie, die Liebe, ist das angesprochene Du, dem das artikulierte Ich gegenübersteht.

Du segnest herrlich

Mit dem Attribut „herrlich“ referiert das Gedicht auf sich selbst. Eingangs leuchtete die Natur herrlich (V. 1/2), nun segnet die Liebe herrlich (V. 17). Durch das gleiche Attribut, wird eine Hierarchie unter diesen Kräften erneut negiert. Denn selbst wenn eine Hierarchie existiert hat (weil die Natur, als segnende Kraft, ihren Segen nicht Ebenbürdigen geben würde), so wird sie jetzt, durch den Segen und das Attribut herrlich, aufgehoben.

O Mädchen, Mädchen,

Wie lieb´ ich dich!

Wie blinkt dein Auge,

Wie liebst du mich!

Ab Strophe sechs beginnt ein neuer Abschnitt. Denn wie in der ersten Strophe, die natürlich den ersten Abschnitt markiert, beginnen auch hier drei Verse ebenso mit „Wie“. Diese Wiederaufnahme vom Beginn des Gedichts, lässt einen erneuten Beginn vermuten. Semantisch sind die beiden Abschnitte getrennt, da Strophe eins bis fünf das Allgemeine darstellt, Strophe sechs bis neun das Allgemeine in Beispiele fasst, wie zu zeigen sein wird.

[...]


[1] Kaiser 1996, S. 328.

[2] So seit den „Schriften“, nach Conrady 1994, S. 123.

[3] „Im Blütendampfe“(V. 19) steht die „volle Welt“(V.20). Dampfende Felder sind anzunehmen, durch die Position von „Feld“ und „Blütendampf“ am Versende zweier einander folgender Verse (V. 18/19), sowie durch die Betonung beider (der männlichen Kadenz des Wortes „Feld“ folgt „Blütendampfe“, welches durch die Viersilbigkeit heraus sticht).

[4] „Und tausend Stimmen / Aus dem Gesträuch“ (V. 8).

[5] Hierauf und auf das folgende wird in der Analyse genauer eingegangen.

[6] Gnüg 1983, S. 72.

[7] Sorg 1984, S. 58.

[8] Wobei natürlich im Zusammenhang von Liebe und religiösen Bezügen nicht vergessen werden darf, dass das Christentum sich als die Religion der Liebe definiert. Doch Gott ist eben hier Natur und Liebe und Mensch zugleich.

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638587143
ISBN (Buch)
9783638680660
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65971
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Naturpantheismus Liebe Natur Goethe Konflikt Eine Analyse Gedichte Maifest Ganymed Seminar

Autor

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Titel: Naturpantheismus. Liebe und Natur des jungen Goethe im Konflikt