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Die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten im Vorschulalter

Betrachtung ausgewählter Aspekte

Diplomarbeit 1999 38 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Die allgemeine Entwicklung des Vorschulkindes
2.1 Die motorische Entwicklung
2.2 Geistige Fähigkeiten
2.3 Soziale Aspekte

3.0 Das Musikerleben des Vorschulkindes
3.1 Spiel und Musik
3.2 Musik und Bewegung
3.3 Sprache und Gesang
3.4 Musikalische Hörfähigkeiten

4.0 Die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten
4.1 Rhythmische Fähigkeiten
4.2 Melodische Fähigkeiten

5.0 Auswertung
5.1 Musikalische Förderung im Vorschulalter
5.2 Pädagogische Bedeutung für die eigene Arbeit

6.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Eines Tages kommt meine dreijährige Tochter zu mir und fragt mich, ...welcher Mann da immer im Radio sänge ... und wie derjenige da hineingekommen sei ... und ob sie nicht auch irgendwie dahinein kriechen und singen könnte?

Nachdem ich ihre Stimme am Nachmittag aufgenommen hatte, und sie sich selbst im "Radio" hören konnte, bemerkte ich mit Erstaunen, dass sich die Qualität ihrer gesanglichen Äußerungen von den Vorschulkindern in meiner Früherziehungsgruppe deutlich abhebt.

Ihre saubere Intonation, die Treffsicherheit der jeweiligen Melodietöne und ihr "unerschütterliches" Rhythmusempfinden sowie ihr melodischer und "textlicher" Einfallsreichtum bei schwierigeren Passagen fand meine größte Anerkennung.

Auf Grund meines Berufes als Sänger erlebt meine Tochter den täglichen Umgang mit der Singstimme völlig selbstverständlich. Ihre positive stimmliche Entwicklung ließ mich deshalb über die unterschiedliche Ausprägung der gesanglichen und musikalischen Fähigkeiten der Kinder im Vorschulalter nachdenken.

In meiner Diplomarbeit möchte ich nun einige Grundfaktoren für die Entwicklung von musikalischen Fähigkeiten nennen und dabei die gesanglichen Äußerungen im Vorschulalter detaillierter untersuchen.

Der individuelle und frohe(!) Umgang mit der eigenen Singstimme war mir auch während meiner Tätigkeit als "Früherzieher" ein wichtiges musikpädagogisches Anliegen, um einerseits die häufig ausgeprägte

"Ich-habe-keine-Stimme" Haltung zu entkräften und andererseits die vielfältigen Möglichkeiten einer fundierten musikalischen Förderung von gesanglichen Äußerungen aufzuzeigen.

Dem musikalischen Lernen sollte deshalb gerade im Vorschulalter mehr Bedeutung beigemessen werden.

Vielleicht werden die ersten Eindrücke mit "selbstgemachter" Musik zu einer "wegweisende Entdeckung" für Kind und Eltern?

In vielen Elternhäusern wird aber diese "Entdeckung" durch unsensible Schallüberflutungen akustischer Massenmedien behindert, so dass schon Schulkinder kaum mehr in der Lage sind, ihr "Lieblingslied" zu singen.

Mir erscheint es somit notwendig das musikalische Umfeld und die Lernvoraussetzungen der Kinder zu untersuchen, um die Wechselwirkungen von musikalischen Entwicklungs- und individuellen Persönlichkeitsmerkmalen des Vorschulkindes, wie beispielsweise Konzentrationsfähigkeit, Anstrengungs- und Kooperationsbereitschaft berücksichtigen zu können.

Eigene Erfahrungen und Beobachtungen sollen in die Diplomarbeit einfließen.

Ich werde zuerst einen Überblick über die allgemeine Entwicklung des Vorschulkindes geben, um anschließend auf das Musikerleben des Vorschulkindes fundierter eingehen zu können.

Außerdem möchte ich einige musikalische Entwicklungserscheinungen beispielhaft hervorheben, und in meinen weiteren Ausführungen die Bedeutung der Musikalischen Früherziehung für die individuelle Persönlichkeitsentfaltung im Vorschulalter aufzeigen.

Im letzten Kapitel dieser Diplomarbeit reflektiere ich meine pädagogische Arbeit und möchte "angehende" Musikpädagogen und Eltern zu dieser musikalischen Förderung von Vorschulkindern ermutigen.

2.0 Die allgemeine Entwicklung des Vorschulkindes

Die Besonderheiten in den Entwicklungsvorgängen des Vorschulkindes sind am auffälligsten an den individuellen Persönlichkeitserscheinungen zu beobachten, welche nicht nur am äußeren Gestaltwandel des Vorschulkindes, sondern vielmehr an den komplex ablaufenden Veränderungen in der Wahrnehmungs- und Bedürfnisentwicklungen erkenn- und analysierbar sind.

Diese Veränderungen vollziehen sich vorwiegend in motorischen, geistigen und sozialen Bereichen und erfolgen wesentlich komplexer und differenzierter, als das innerhalb dieser Betrachtung aufgezeigt werden kann. Aus diesem Grund werden in den genannten Bereichen nur wesentliche Aspekte dieser Entwicklung genannt und in den folgenden Betrachtungen partiell und beispielhaft aufgeführt.

2.1 Die motorische Entwicklung

Die äußerlich auffälligste Erscheinung in der motorischen Entwicklung des Vorschulkindes ist neben dem verstärkten Bewegungsdrang der vergrößerte Aktionsradius der lokomotorischen Antriebe, welcher durch die gewachsenen motorischen Fertigkeiten verursacht wird. Diese Tatsache wirkt sich positiv auf die eigene Körperbeherrschung aus, so dass sämtliche "Balanceakte", wie beispielsweise Roller-, Rollschuh- und Fahrradfahren besser beherrscht werden und ein raumgreifenderes Betätigungsfeld fördern.

Hinzu kommen das Interesse an schnellen Ortsbewegungen sowie der Spaß am Wetteifern in Beweglichkeits- und Geschicklichkeitsspielen mit Gleichaltrigen.

Sportliche Bewegungsabläufe werden in diesem Alter, bedingt durch ein vermindertes Risikobewußtsein, viel williger erlernt und spontaner koordiniert, als beispielsweise im Schulalter.

Diese Leistungsbereitschaft, welche das gesamte Spektrum der Individualisierung in der Vorschulentwicklung beeinflußt, findet auch in der Fähigkeits- und Interessenherausbildung ihren Niederschlag.

Eine gewachsene Selbständigkeit ist in der Beherrschung von feinmotorischen Abläufen wie beispielsweise, Knöpfe schließen beim Anziehen oder Tischdecken zu beobachten. Auch der geübtere Umgang mit Werkzeugen und Instrumenten wie beispielsweise Schere, Schraubendreher, Hammer und Gießkanne erweitern das Betätigungsfeld des Kindes erheblich.

Das selbständige Ausführen von feinmotorischen Tätigkeiten ohne visueller Kontrolle, wie das schließen einer Halskette, verdeutlichen die Komplexität der motorischen Entwicklung im Vorschulalter.

2.2 Geistige Fähigkeiten

Charakteristisch für das potentielle Leistungsvermögen des Vorschulkindes ist das gewachsene Interesse am manipulierenden Gestalten von Objekten und Gegenständen.

Die schöpferische und kreative Weiterentwicklung sowie der Wissenszuwachs des Vorschulkindes werden außerdem durch die hohe Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft sehr geprägt. Diese mehr kognitiv als emotional gesteuerten Spielabläufe sind durch die drastische Abnahme der bisher ausgeprägten egozentrischen Denkweise und das Interesse an sachzentrisch gesteuerten Objektbeziehungen gekennzeichnet.

Im Vorschulalter sind auch qualitative Veränderungen, wie Ausdauer, Belastbarkeit und Konzentrationsfähigkeit im werkschaffenden und zielgerichteten Spiel, welches durch neue Erfahrungen mit Materialeigenschaften bereichert und durch elementare physikalische Gesetze erweitert wird, charakteristisch.

Dazu zählen zum Beispiel Konstruktionsspiele, die die schöpferischen Komponenten im phantasievollen Malen, Modellieren und Bauen betonen und somit die individuelle Kreativität des Vorschulkindes begünstigen.

Die spielerische Motivation, das heißt, der Wechsel zwischen Spannung und Lösung, der in vielen Wiederholungen abläuft, auch "Aktionszirkel" genannt, ermöglicht einerseits intensivere Auseinandersetzungen mit den erwähnten Bildungsstoffen und macht dem Vorschulkind andererseits völlig neue Dimensionen des Gefühlslebens erfahrbar.

In diesem Zusammenhang ist das Interesse an Bildmaterialien, Wanderungen und Ausflügen sowie an kindgemäßen Geschichten in Radio- und Fernsehsendungen zu nennen. Die Anregung zu emotionaler Auseinandersetzung mit Kindertheaterstücken oder kindgerechten Filmen ist nicht zu unterschätzen.

Das Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen dieser Altersstufe wird zunehmend durch einsetzende Erklärungsversuche des Vorschulkindes erweitert. Aus den meist animistischen Erklärungen entwickeln sich erste realistische Denkweisen, welche aber noch sehr stark von den Anregungen und Bewertungsmaßstäben der Erwachsenen abhängig sind. Einige dieser "Maßstäbe" werden durch "blindes" Vertrauen auf Vorbildwirkende Autoritäten häufig ohne Prüfung übernommen, so dass in dieser Phase der geistigen Entwicklung schon manifestierte Grundeinstellungen des Vorschulkindes innerhalb seiner Theoriebildungen existieren können.

Emotionale Differenzierungen und geistig intellektuelle Fortschritte sind auch im wachsenden Interesse an Abbildern künstlerischer Aktivitäten erkennbar. Beispielsweise am Nacherzählen von vor- oder selbst gelesenen Auszügen aus Kinderliteratur. Das Interesse am Musikhören und selbst Musikmachen wächst.

Die bildliche Darstellung von Objekten und Gegenständen ist im Vorschulalter zunehmend durch Kombination von Zeichen und Symbolen gekennzeichnet. Charakteristisch für die bildlichen Darstellungen des Vorschulkindes sind subjektive Bewertungen gegenüber Objekten und Gegenständen.

Auffallend ist in ihren Zeichnungen die detaillierte bildhafte Umsetzung ihrer naiven Vorstellungen, die Ausdruck der kindlichen Weltsicht sind.

Alterstypisch sind auch beispielsweise unrealistische Größenverhältnisse und emotional ausgewählten Farben, die den individuellen und schöpferischen Reiz der bildlichen Gestaltung des Vorschulkindes ausmachen.

Planvolles Vorgehen und Zielgerichtetes Objektwissen lassen in den bildlichen Darstellungen der Vorschulkinder eine Steigerung der praktischen Intelligenz erkennen.

In diesem Zusammenhang ist auch das gewachsene Interesse am Lesen und Schreiben zu nennen, vor allem bezüglich des eigenen Namens und der Namen der Eltern.

Das lesende und schreibende Vorschulkind ist beispielhaft für den ausgeprägten Erkenntnisdrang und den Teilhabewunsch am gesellschaftlichen Leben der Erwachsenen.

Der alterstypische Wissensdurst und Informationshunger, welcher sich am auffälligsten in den Fragestellungen "Warum?" und "Wieso?" darstellt sowie die so genannte "Selbsterzeugung" von Wissen, beruhen auf dem Bedürfnis, bestimmte Zusammenhänge selbst zu verstehen beziehungsweise zu erklären.

Ein breites Spektrum innerhalb der geistigen Entwicklung des Vorschulkindes nimmt deshalb die Sprache ein.

Das Vorschulkind entdeckt die Sprache als eigenständiges Medium, das sich im individuellen Gebrauch, beispielsweise in Spielbegleitenden Monologen und in der Entfaltung von Sprachformen gegenüber seinem sozialen Umfeld am deutlichsten aufzeigen lässt.

Die verbesserte Kommunikationsfähigkeit und die damit verbundene Bereitschaft zu sprachlicher Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen und Erwachsenen hat eine Veränderung oder auch Einschränkung der sozialen Bindungen zu den bisherigen "Pflegepersonen" zur Folge.

Dialogformen werden sprachlich den jeweiligen Situationen entsprechend eingesetzt.

Die quantitative Entwicklung des Wortschatzes ermöglicht dem Vorschulkind einen verständlichen und zusammenhängenden kommunikativen Ausdruck.

Es verwendet beispielsweise in ausführlichen Beschreibungen von Begebenheiten und Situationen komplizierte Satzstrukturen, wie zusammengesetzte Sätze, die mit immer größerer Sicherheit angewandt werden können. Außerdem verwendet es gebeugte Wortarten.

Eigenständiges Prüf- und Korrekturverhalten gegenüber sprachlichen Abstraktionen belegen in diesem Zusammenhang das gereifte Bedeutungverständnis der Sprache und den intellektuell gereiften Entwicklungsstand des Vorschulkindes.

Geistige Operationen wie Schlußfolgern, Zusammenfügen und Ordnen ermöglichen dem Vorschulkind eine eigenständige Wissenserzeugung, welche sich beispielsweise im Erfinden von neuen Spielen und Bewegungsabläufen, Märchen und Geschichten, Melodien und Liedern niederschlägt.

Als Ursache dieser Entwicklung ist einerseits die bessere Gedächtnisleistung, welche dauerhafte und vor allem bewußte Informationsspeicherung ermöglicht, und andererseits die Ablösung anschaulich- voroperativen Denkens durch konkret operationales Denken zu nennen.

Die Möglichkeit, sich wesentlich mehr Gedächnismaterial schneller und langfristiger einzuprägen, erhöht das Niveau der Beziehungen innerhalb der gegenständlichen und sozialen Umwelt deutlich.

Diese Gedächtnisleistungen, welche sich durch willkürlich gesteuerte Einpräg- und Merkfähigkeit auszeichnen, können durch anregende Spielsituationen motiviert und gesteigert werden.

Des Weiteren kann die individuelle Herausbildung von Vorlieben und Interessen gefördert werden. Konkrete Tätigkeitsangebote, auch über altersspezifische Wissens- und Könnensanforderungen hinaus, führen in diesem Alter zur Differenzierung von Interessen sowie zur Entwicklung von Begabungen und Fähigkeiten, die auf die spätere individuelle Persönlichkeits-Entwicklung einen entscheidenden Einfluß haben können.

[...]

Details

Seiten
38
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638583732
ISBN (Buch)
9783638671064
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65961
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
Entwicklung Fähigkeiten Vorschulalter

Autor

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Titel: Die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten im Vorschulalter