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Das Reinkarnationsmodell des Buddhismus in der Auseinandersetzung mit dem Christentum

Seminararbeit 2006 17 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die buddhistische Reinkarnationslehre
1.1 Erlösung aus dem Zyklus der Wiedergeburten
1.2 Karma – die wirkende Tat
1.3 Das Gesetz von der bedingten Entstehung

2. Die buddhistische Reinkarnationsvorstellung im Kontext christlichen Glaubens
2.1 Argumente aus der Heiligen Schrift
2.2 Argumente Systematischer Theologie
2.2.1 Die Frage nach der Identität
2.2.2 Das Erlösungsverständnis
2.2.3 Das Zeitverständnis
2.2.4 Der Schöpfungsglaube
2.2.5 Reinkarnation und Theodizee

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Nach Schätzungen der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), dem Dachverband der Buddhisten und buddhistischen Gemeinschaften in Deutschland, leben in Deutschland neben den 120000 asiatischen Buddhisten weitere 130000 deutsche Buddhisten.[1] Die Zahl der Sympathisanten ist deutlich höher. Jeder fünfte Deutsche bejaht die Wiedergeburt.[2] Sowohl internationale Prominenz wie Richard Gere, Tina Turner, Sharon Stone, Cindy Crawford u.v.a., als auch deutsche Persönlichkeiten wie Nina Hagen bekennen sich öffentlich zum Buddhismus und machen ihn populär. Der Buddhismus tritt als Lebensmöglichkeit also auch im christlichen Kulturraum auf und wirkt auf eine nicht geringe Anzahl von Menschen anziehend. Deshalb liegt die Frage nahe, ob der Buddhismus mit seiner ganz anderen Zukunftserwartung, der Reinkarnation, mit christlichen Glaubensüberzeugungen vereinbar ist.

Im ersten Teil werden die Grundgedanken der buddhistischen Wiedergeburtslehre erläutert. Im zweiten Teil wird zunächst erörtert, welche Hinweise es in der Bibel auf die Reinkarnation gibt und ob die Lehre von der Wiedergeburt als biblische Lehre betrachtet werden kann. Danach werden einige theologische Problemstellungen skizziert und mögliche Ansätze vorgestellt, wie man sich von christlicher Seite der buddhistischen Reinkarnationsidee annähern kann.

1. Die buddhistische Reinkarnationslehre

1.1 Erlösung aus dem Zyklus der Wiedergeburten

Kern der Verkündigung des Buddha (dem Erwachten) sind die sogenannten „Vier Edlen Wahrheiten“[3], die „das Leiden, seine Ursache, die Überwindung des Leidens durch Beseitigung seiner Ursache und schließlich den Weg dahin“[4] beschreiben. Eng verbunden mit dem Leid ist die Reinkarnation, da die Ursache des Leids gleichzeitig den Grund für den Daseinskreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt darstellt.[5] Leid umfasst nach der Verkündigung des Buddha verschiedene Aspekte:

Alter, Krankheit und Tod sind laut der ersten Wahrheit Leiden, weil sie uns unsere Vergänglichkeit verdeutlichen; mit der Geburt beginnt dieser Vergänglichkeitsprozess.[6] Die verblendete Haltung zu anziehenden Objekten (Gier) und die verblendete Einstellung gegenüber abstoßenden Objekten (Hass) sind nach buddhistischer Auffassung sowohl Ursache des eigenen Leids, als auch Quelle leidenszufügender Taten.[7] Hass kann durch Güte und Wohlwollen überwunden werden, Gier durch das freiwillige Geben von Almosen und Weisheit.[8] Der Gier und dem Hass liegt nach buddhistischer Auffassung ein Streben nach dem „Todlosen“ bzw. „Unbedingten“ zugrunde.[9] Da der Mensch aber aufgrund seines bedingten Charakters sein Streben aus Verblendung auf das Vergängliche ausrichtet, erfährt er unweigerlich Frustration.[10]

Ursache des Leids, der „Durst“ nach sinnlichen Freuden, ist also eine Sehnsucht des Menschen, die ihn von seinem Streben nach Unbedingtheit ablenkt.[11] Solange der Mensch diese Verblendung nicht ablegen kann, bleibt sein Verlangen unerfüllt. Dieses unerfüllte, weil auf das Vergängliche gerichtete Streben, macht die Wiedergeburt notwendig. Erst durch die Aufhebung der Verblendung kann das Streben des Menschen auf das Unbedingte bzw. das Nirvâna gerichtet werden. Hierbei handelt es sich dann nicht mehr um „Durst“, sondern um „edles Streben“ nach Erleuchtung, in der die Lebensgier abgetötet und das „Todlose“ gefunden wird. Da mit der Erleuchtung der „Durst“ verlischt, ist die Ursache des Leidens überwunden. Diese Verlöschung des „Durstes“ bzw. des Verlangens nach Sinneslust bringt auch die Erlösung aus dem Kreislauf der Geburten mit sich. Von der Wiedergeburt selbst ist also keine Erlösung zu erwarten, sondern nur von der Ursache der Wiedergeburt, des sich in Gier, Hass und Verblendung äußernden „Durstes“.

Eine weitere Reinkarnation kann im Mahâyâna-Buddhismus[12] nur noch freiwillig geschehen, um den übrigen Wesen auf dem Weg ihrer Erlösung zu helfen.[13]

1.2 Karma – die wirkende Tat

Karma beschreibt im Buddhismus den Bedingungszusammenhang zwischen einer gewollten Handlung und ihrer Wirkung.[14] Damit ist nicht nur eine Wirkung auf die Umwelt, sondern vor allem eine innere Wirkung auf den Täter selbst gemeint.[15] Da die Taten, bzw. das Karma den Ort und die Qualität der Wiedergeburt bestimmen,[16] kann der gläubige Buddhist alles ihm widerfahrene Unrecht als wohlverdiente Folge von Fehlverhalten im früheren Dasein erklären.[17] Beim Eintritt der Wirkung des Karmas unterscheidet man zwischen Karma, das in diesem Leben wirkt, Karma, das im nächsten Leben wirkt und Karma, das erst in einem späteren Leben wirkt.[18]

Wurzeln des unheilsamen Karmas sind die bereits oben angesprochenen Haltungen Gier, Hass und Verblendung, die Wurzeln des heilsamen Karmas sind dementsprechend Selbstlosigkeit, Güte und Weisheit.[19] Zu diesem Beziehungszusammenhang schreibt Perry Schmidt-Leukel:

Ist das Karma unheilsam, so kommt es je nach Schwere der Taten zu einer Wiedergeburt in den negativen Existenzbereichen, das heißt in einer der Höllenwelten, als Dämon oder Hungergeist, als Tier oder unter unglücklichen menschlichen Bedingungen. Ist das Karma hingegen heilsam, so erfolgt die Wiedergeburt in einer Himmelswelt oder unter glücklichen menschlichen Umständen.[20]

Die Menschenwelt gilt vor der Götterwelt als bester Wiedergeburtsbereich, weil nur als Mensch Erlösung aus dem Zyklus der Wiedergeburten erlangt werden kann.[21]

Die gleiche Tat hat aber nicht unbedingt auf jeden Täter die gleiche Rückwirkung.[22] Diese Rückwirkung hängt davon ab, welche karmischen Tendenzen im jeweiligen Wesen überwiegen. Denn die karmisch heilsamen und karmisch unheilsamen Wurzeln haben die Tendenz, jeweils ähnliche Tendenzen hervorzubringen. Demnach erzeugt Gier Gier und Selbstlosigkeit wiederum Selbstlosigkeit. Dieser Vorstellung liegt die Theorie zugrunde, dass jedem Bewusstseinmoment ein ähnlicher Bewusstseinsmoment folgt, dass zwischen ihnen also eine Kausalität besteht.[23] Da sich z.B. Gier und Selbstlosigkeit aber widersprechen, führt eine Stärkung heilsamer Wurzeln zu einer Schwächung unheilsamer Wurzeln oder umgekehrt, „so daß die jeweils entgegengesetzten Impulse nicht zur vollen Wirkung kommen.“[24] Eine Entfaltung heilsamer Tendenzen führt zu einem glücklicheren Leben und zu einer erstrebenswerten Wiedergeburt. Im Übergang in ein neues Leben setzen sich also die Tendenzen des vorherigen Lebens fort. Der Mensch ist dann vollendet, wenn die heilsamen die unheilsamen Tendenzen endgültig überwunden haben. Da unheilsame Taten nun ausgeschlossen sind und heilsame Taten aufgrund der bereits erreichten Vollendung keine karmischen Wirkungen mehr besitzen, ist eine neue Entstehung von Karma nicht mehr möglich.

1.3 Das Gesetz von der bedingten Entstehung

Die Wiedergeburtslehre des Buddhismus unterscheidet sich vom Hinduismus und vom Jainismus durch ihre Zentrallehre, nämlich die Ablehnung einer den Tod überdauernden Seele.[25] Ein Wesen in verschiedenen Geburten ist laut Buddha „weder dasselbe noch verschieden“[26].

Der Buddhismus kennt kein beständiges, eigenständig existierendes Ich, sondern nur einander bedingende, unbeständige Daseinsfaktoren.[27] Diese sind Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, Willensregungen und Bewusstsein. Nur wenn der Mensch das Zusammenwirken dieser Elemente durchschaut, kann er sich von weiteren Wiedergeburten befreien.

Aus der Sicht des Buddha vollzieht sich Wiedergeburt durch „Bedingtes Entstehen“. Nach dem Gesetz der bedingten Entstehung umfasst der Zyklus von Geburt und Tod zwölf Glieder:[28]

Aus „Unwissenheit“ [1], bzw. Verblendung entstehen „Karmaformationen“ [2], die, wie oben beschrieben, die Entstehung eines neuen Wesens benötigen, um sich auswirken zu können. Aus den Karmaformationen entsteht nach dem Tod ein bestimmtes „Bewusstsein“ [3], das als Hauptrepräsentant der Daseinselemente am stärksten die Kontinuität der Existenten darstellt. Vom Bewusstsein abhängig sind das „Körperliche und Geistige“ [4], die wiederum die „Sechs Grundlagen“ [5] bedingen. Damit sind sie fünf physischen Sinnesorgane und das Bewusstsein gemeint. Daraus folgt die „Berührung“ [6] der Sinne mit ihren Objekten, welche Grundlage für „Empfindung“ [7] ist. Jede Empfindung ist aber Anlass zur Entstehung von „Begehren“ [8], das seinerseits zum „Anhaften“ [9] an Dingen nach dem Tod führt. Das Anhaften wiederum bedingt den karmischen „Werdeprozess“ [10], aus dem die „Wiedergeburt“ [11] resultiert, welche automatisch zu „Altern und Sterben“ [12] führt.

Mit der Lehre vom „Bedingten Entstehen“ ist der Reinkarnationsprozess ohne die Existenz einer den Tod überdauernden Seele vorstellbar. Eine entscheidende Rolle hat dabei das Bewusstsein, welches vom Sterbenden beim Moment der Empfängnis in die Mutter eingeht.[29] Es geht also nicht vom Sterbenden in das neue Wesen über, sondern in die Mutter, in der es wirkt.

[...]


[1] Vgl. http://www.buddhismus-deutschland.de/dbu/pdfdocs/info_zahlen.pdf.

[2] Vgl. H. Waldenfels, Auferstehung, Reinkarnation, Nichts?, 248.

[3] P. Schmidt-Leukel, Reinkarnation und spiritueller Fortschritt im traditionellen Buddhismus, 30.

[4] R. Hummel, Reinkarnation, 53.

[5] Vgl. P. Schmidt-Leukel, Reinkarnation und spiritueller Fortschritt im traditionellen Buddhismus, 30.

[6] Vgl. ebd., 31.

[7] Vgl. ebd., 35.

[8] Vgl. Z. Wesolowski, Reinkarnation im Buddhismus, 35.

[9] Vgl. P. Schmidt-Leukel, Reinkarnation und spiritueller Fortschritt im traditionellen Buddhismus, 31.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. hierzu und zum Folgenden ebd., 31f.

[12] Mahâyâna bedeutet wörtlich übersetzt „Großes Fahrzeug“ und beschriebt eine der drei Hauptrichtungen des Buddhidmus.

[13] Vgl. E. Moder-Frei, Reinkarnation und Christentum, 62.

[14] Vgl. R. Hummel, Reinkarnation, 39.

[15] Vgl. O. Gächter, Wiedergeburt im Hinduismus, 19.

[16] Vgl. P. Schmidt-Leukel, Reinkarnation und spiritueller Fortschritt im traditionellen Buddhismus, 36.

[17] Vgl. E. Moder-Frei, Reinkarnation und Christentum, 69.

[18] Vgl. P. Schmidt-Leukel, Reinkarnation und spiritueller Fortschritt im traditionellen Buddhismus, 37.

[19] Vgl. ebd., 36.

[20] Ebd., 36f.

[21] Vgl. Z. Wesolowski, Reinkarnation im Buddhismus, 40.

[22] Vgl. hierzu und zum Folgenden P. Schmidt-Leukel, Reinkarnation und spiritueller Fortschritt im traditionellen Buddhismus, 37-40.

[23] Dieser Aspekt wird für das folgende Kapitel noch von Bedeutung sein.

[24] Ebd., 38.

[25] Vgl. H. W. Schumann, Seelensucher gegen Seelenleugner, 23.

[26] Z. Wesolowski, Reinkarnation im Buddhismus, 37.

[27] Vgl. hierzu und zum Folgenden R. Hummel, Reinkarnation, 54f; Z. Wesolowski, Reinkarnation im Buddhismus, 36.

[28] Vgl. hierzu und zum Folgenden R. Hummel, Reinkarnation, 55f; Z. Wesolowski, Reinkarnation im Buddhismus, 37-40.

[29] Vgl. H. W. Schumann, Seelensucher gegen Seelenleugner, 25.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638582162
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65710
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Katholische Theologie
Note
1,3
Schlagworte
Reinkarnationsmodell Buddhismus Auseinandersetzung Christentum Proseminar Eschatologie

Autor

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