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Latein 13. Klasse Gymnasium. Seneca, ep.mor. 41,7-8: Übersetzung „familiam formosam- rationale enim animal est homo“

Inhaltliche Klärung unter bes. Berücksichtigung des „proprium hominis“

von Ines Bauermeister (Autor)

Unterrichtsentwurf 2004 15 Seiten

Didaktik- Klassische Philologie - Latinistik

Leseprobe

Thema des Kurses: Individualphilosophie

Thema der Unterrichtseinheit: Seneca- Epistulae morales

Thema der Unterrichtsstunde: Seneca, ep.mor. 41,7-8:

Übersetzung „ familiam formosam- rationale enim animal est homo“ und inhaltliche Klärung unter besonderer Berücksichtigung des „proprium hominis“

1. Bild der Lerngruppe

Seit dem Halbjahreswechsel des Schuljahres 2003/2004 unterrichte ich die Schülerinnen[1] und Schüler des Grundkurses 13 mit drei Wochenstunden. Die Lerngruppe, die aus 8 Mädchen und 3 Jungen besteht[2], kenne ich bereits aus zwei vorangegangenen Ausbildungsphasen.

Die Arbeitsatmosphäre ist entspannt, die Leistungsbereitschaft insgesamt gut. Gravierende Unterschiede gibt es dagegen im Leistungsvermögen und in der aktiven Beteiligung[3]. Während sich die meisten Schüler aufgrund von Schwächen in den grammatikalischen Grundkenntnissen und wegen der fälschlichen Annahme, nur vollkommen Richtiges äußern zu dürfen, in Erschließungsphasen sehr zurückhalten, ist die Beteiligung in den Vertiefungsphasen breiter. Doch auch hier benötigen die Schüler Ermunterung und relativ viel Zeit, bis sie sich zu einer aktiven Mitarbeit entschließen. Nach dieser Anlaufphase entwickeln sich in der Regel jedoch freiere Gespräche, die sich durch eine hohe Qualität der Beiträge auszeichnen und das große Interesse an den Textinhalten dokumentieren. Daher ist es Aufgabe des Lehrers, die Schüler durch die Gewährung des benötigten Freiraumes und gezielte Ermunterung zu einer aktiven Beteiligung zu motivieren.

2. Lernvoraussetzungen

a) Inhaltlich

Die Schüler haben Brief 16,3-5 und 1 übersetzt und dabei Grundzüge senecanischer Philosophie erarbeitet. Dabei haben sie auch das durch Determinismus gekennzeichnete Weltbild der Stoa kennen gelernt und anhand der § 1-2, 4-7 der ep. 41 weiter vertieft: Der animus als göttlicher Funke im Menschen macht dessen Wert aus und ermöglicht eine Einsicht in sittlich gutes oder schlechtes Handeln[4].

b) Methodisch

Die Schüler sind es gewohnt, den Text[5] ohne Vorerschließung direkt zu übersetzen sowie Inhalt und Gehalt lehrerinitiiert parallel zur Übersetzung zu erarbeiten. Als Übersetzungsmethode wenden sie eine Kombination aus dynamischem und analytischem Verfahren an. Sie sind auch mit dem Vierschritt Erschließen- Übersetzen- Vorbereitung der Interpretation- Interpretation vertraut[6]. Als Einstieg in die Vertiefung kennen sie die inhaltliche Zusammenfassung mit eigenen Worten, auf deren Basis die Kernaussagen des Textes über Leitfragen herausgearbeitet werden, sowie lokale und globale Öffnung. Im bisherigen Kursverlauf wurden Bilder unter komparativ-kontrastiven Aspekten eingesetzt.

c) Arbeits-/Sozialformen

Erschließung und Erstellung der Arbeitsübersetzung erfolgen wahlweise in Partner- oder Einzelarbeit. Die Arbeitsübersetzung wird im Plenum vorgestellt und dient als Basis der im Lehrer-Schüler-Gespräch erarbeiteten guten Übersetzung. In problemlösenden Phasen wird den Schülern zunächst Raum zur Entwicklung von Ideen im Austausch mit dem Partner gegeben, ehe eine Klärung im Unterrichtsgespräch erfolgt.

3. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang

In der dieser vorangegangenen Stunde wurde §7 inhaltlich geklärt. In den im Anschluss an die Klausur stattfindenden Stunden wird der Brief mit einer Erörterung der sich aus der Doppelnatur des Menschen ergebenden Diskrepanz zwischen Ideal und Realität sowie einer Gesamtinterpretation abgeschlossen.

Hinweise zum Verstehen des Briefes 41

Brief 41 liefert die metaphysische Begründung der bisher vermittelten Lehrsätze und führt den noch nicht explizit genannten, inhaltlich aber bereits umschriebenen Begriff der ratio ein[7]. Die aus ep. 16 bekannte Wegmetapher aufnehmend ermuntert Seneca Lucilius, sein Bemühen um die bona mens fortzusetzen und dabei ganz darauf zu vertrauen, die vita beata aus eigener Kraft erreichen zu können. Zu diesem Ziel führe ihn nämlich der ihm innewohnende sacer spiritus durch consilia magnifica et erecta. Damit enthalten die ersten beiden Paragraphen in komprimierter Form die Grundgedanken des Briefes, die im Folgenden entfaltet werden. Anhand von exempla aus der Natur (§3) und dem des vir sapiens (§4, 5) zeigt Seneca, dass man das Wirken des numen spüren kann. Mit Hilfe des Bildes von der Sonne und ihren Strahlen veranschaulicht er die Herkunft der ratio aus dem Gesamtlogos und das Streben des vir sapiens zu seinem Ursprung als Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Heimat. Die Seele des Menschen lebt also durch ihren Kontakt zum Gesamtlogos (§6). Der Definition des proprium hominis nähert sich Seneca nun immer weiter an, indem er zunächst die Adiaphora als wesensbestimmend ausschließt und dann mit Hilfe des exemplums von der Fruchtbarkeit des Weinstocks das proprium eines Lebewesens als einen in diesem fest verwurzelten Wert umschreibt. Diese Konkretisierung bildet das Bindeglied zu der nun folgenden Definition des proprium hominis.

4. Didaktisch-methodische Vorüberlegungen

a) Didaktische Begründung der Textauswahl

Das in der abendländischen Welt dominierende Menschenbild, das den Menschen als Vernunftwesen charakterisiert, ist von griechischen und römischen Philosophen, insbesondere denen der Stoa, entwickelt und vom Christentum beeinflusst worden, sodass die ratio heute zum Fundament europäischer Kultur gehört[8]. Die ratio, die dem Menschen Erkenntnisvermögen und Würde verleiht, ist Richtschnur für das Leben.

Durch die Auseinandersetzung mit diesem Text können die Schüler, die sich in der Identitätsfindungsphase der Adoleszenz auch die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, zu einer Reflexion ihrer bisherigen Wertordnung angestoßen werden, indem sie Maßstäbe und Orientierungshilfen für sittlich gutes Handeln kennen lernen. Gerade angesichts der Fülle materieller Güter und einer sich immer schneller wandelnden Welt, in der sich traditionelle Wertvorstellungen, Geschlechterrollen und Berufsbilder als instabil erweisen, und eines persönlichen Umfeldes[9], das zu falschem Verhalten geradezu antreibt, gewinnt die Fähigkeit, sein proprium und ethische Maßstäbe für ein glückliches, sinnerfülltes, unabhängig von Modetrends gestaltetes Leben zu finden, zunehmend an Bedeutung[10]. Hier wird also ein Beitrag zu dem Erziehungsziel „Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung“[11] geleistet, d.h. zur Erkenntnis, dass Selbstverwirklichung nicht die unter der Modeformel transportierte Durchsetzung persönlicher Interessen (Spaß, Erlebnis, Konsum) bei Ablehnung von sozialer Verantwortung meint, sondern die Verwirklichung von durch Christentum, abendländische Kultur und Verfassung bestimmten Werten bei Ausbildung einer eigenen Identität, die durch unabhängigen Vernunftgebrauch in einem aktiven Prozess gewonnen werden muss und Voraussetzung eines sinnerfüllten und glücklichen Lebens in der Beziehung zwischen Du, Ich und Werten ist.

b) Sachanalyse

Nach dem unmittelbar zuvor formulierten Lehrsatz in homine quoque id laudandum est, quod ipsius est gibt Seneca zunächst eine Definition dessen, was das proprium hominis nicht ausmacht: Anhand typischer exempla für äußere Werte (formosa familia, domus pulchra, serere, fenerare), deren Anhäufung sprachlich durch Anaphern, Asyndeton und Homoioteleuton zum Ausdruck kommt, macht er deutlich, dass keinesfalls Adiaphora das Wesen des Menschen konstituieren, da sie nicht in diesem verankert und begründet (non in ipso) sind, sondern um ihn herum (sed circum ipsum), also wesensfremd sind. Dieser durch das Polyptoton von ipse und die Antithese sehr eindringlichen Zurückweisung von Scheingütern folgt die Forderung, zu loben, woran der Mensch gemessen werden soll (quod nec eripi potest nec dari, quod proprium hominis est). Auf die rhetorische Frage nach dessen Wesen folgt nun die Definition mit animus et ratio in animo perfecta, die mit rationale enim animal est homo begrifflich zugespitzt wird. Es ist also eine Definition mit dualistischem Charakter: Neben die anthropologische Grundkonstante des animus tritt die zu entfaltende ratio. Der animus ist der göttliche Keim des Menschen, der diesen als Konsequenz seines Strebens zum Gesamtlogos gleichsam als observator et custos zu einem sittlich guten Leben führt. Allein diese Existenz des von der Weltvernunft hinab gestiegenen animus macht den Wert des Menschen aus. Hat er diese Vorstellung vom Weltgeist mittels der dem animus immanenten ratio erfasst und das in Folge dieser Erkenntnis angestrebte sittliche Ziel der Vervollkommnung in eine dauerhafte Haltung (bona mens, ratio perfecta) umgesetzt, erreicht er als vir sapiens seine Eudaimonie. Dieser Weise erkennt kraft seiner ratio, welche Dinge einen Beitrag zur Verwirklichung der virtus leisten. Daraus folgt, dass er im Vertrauen auf seine ratio gegenüber den Adiaphora und Affekten eine Überlegenheit entwickelt hat, die sich in Tugenden wie fortitudo, securitas und tranquillitas animi, manifestiert[12]. Damit hat der vir sapiens sich selbst verwirklicht und die Forderung der ratio nach dem secundum naturam suam vivere erfüllt[13].

[...]


[1] Im Folgenden wird für die Lernenden einheitlich die Bezeichnung Schüler verwendet.

[2] Xxxxxx lernen Latein als 3. Fremdsprache seit der 9.Klasse.

[3] Detaillierte Angaben zu Stärken und Schwächen der Schüler in Arbeitsverhalten und Leistungsvermögen, s. kommentierter Sitzplan.

[4] Im 3. Semester haben die Schüler eine Klausur zu Cic. de off. 1,11-14 geschrieben, sodass sie zumindest auf rudimentäre Kenntnisse über die ratio als das Spezifikum des Menschen zurückgreifen können müssten.

[5] Da die Schüler weder über eine Textausgabe noch über einen Kommentar verfügen, stelle ich die Texte selbst zusammen: Auf einem Blatt werden Text und Hilfen jeweils in einer eigenen Spalte nebeneinander angeordnet, in einer dritten sollen die Schüler einen individuellen Arbeitskommentar erstellen, indem sie z.B. Gedanken zu Schlüsselbegriffen und zur sprachlichen Gestaltung notieren.

[6] Bei der Interpretation wird zwischen textinterner und textexterner Interpretation unterschieden.

[7] E. Hachmann, Die Führung des Lesers in Senecas epistulae morales, Orbis antiquus Heft 34, Münster 1995, S.272-282

[8] H. Leretz, Werte der Antike- Werte Europas. Projekte zur Philosophie. Lehrerkommentar. Bamberg 1998, S. 3ff.

[9] Hier ist insbesondere an den Einfluss der Medien und der „peergroup“ zu denken.

[10] F. Maier, Wissen-Bildung-Gymnasium, in: Forum Classicum 2/2002, S. 122

[11] RRL, S.8

[12] Somit werden erst hier die offenen Formulierungen des vindica te tibi und serves tua aus ep.1 verständlich, da die Aufforderung zur Befreiung zu sich selbst als Appell zur Loslösung von allen irdischen Werten und der Rat zur Bewahrung des tua als Bewahrung des Wesenseigenen begreifbar werden.

[13] H. Leretz, Philosophie bei den Römern. Kommentar ratio Band 13, Bamberg² 1999, S. 7f.

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638580878
ISBN (Buch)
9783656570486
Dateigröße
881 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65551
Note
1,6
Schlagworte
Unterrichtsstunde Seneca Klärung Latein Gymnasium

Autor

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    Ines Bauermeister (Autor)

    6 Titel veröffentlicht

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Titel: Latein 13. Klasse Gymnasium. Seneca, ep.mor. 41,7-8: Übersetzung „familiam formosam- rationale enim animal est homo“