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Die Darstellung von Männlichkeit in Christa Wolfs Kassandra

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung von Männlichkeit in Kassandra
2.1 Priamos
2.2. Achill
2.3 Anchises
2.3 Aineias

3. Zusammenfassung

Bibliografie

1. Einleitung

Nach dem Untergang Troias von Agamemnon als Beute nach Mykene verschleppt und sich ihres bevorstehenden Todes bewusst, reflektiert die Ich-Erzählerin Kassandra in Christa Wolfs 1983 erschienener gleichnamiger Erzählung über ihr Leben in Troia. In Form eines inneren Monologes berichtet sie rückblickend in mehr oder weniger chronologischer Abfolge vom herannahenden Krieg und schließlich dem Untergang Troias, indirekt aber auch von der zeitgleich stattfindenden Verdrängung und Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat. Besonders interessant ist dabei die fast ausschließlich negative Darstellung der Männerfiguren.

Auch bei Kassandra[1] ist, wie bereits bei dem 1976 erschienenen Roman Kindheitsmuster, eine Reise der entscheidende Schreibanlass: Im Frühjahr 1980 besucht Christa Wolf Griechenland, befasst sich dabei intensiv mit der minoischen Kultur und „verfolgt die literarischen Spuren Kassandras“ (Matzkowski 1996: 10). Sie setzt sich insbesondere mit Aischylos’ Orestie und Homers Ilias auseinander, liest den Kassandra-Mythos aber aus einem neuen – weiblichen – Blickwinkel. Mit ihrer darauf entstehenden Erzählung versucht Christa Wolf, eine alternative Lesart des Mythos anzubieten: Stand bei der Überlieferung des Troia-Stoffs bisher ein männlicher Held im Mittelpunkt und wurde der Mythos damit aus der männlichen Perspektive wieder- und weitergegeben, so lässt Christa Wolf ihn nun aus der Sicht einer Frau – Kassandra – erzählen. In ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die sie 1982 unter dem Titel Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra[2] hält, erläutert sie ihre Überlegungen zum Geschlechterkonflikt, der neben der Gefährdung des Friedens im Mittelpunkt der Erzählung steht. Demzufolge geht sie hauptsächlich folgenden zwei Fragen nach: „Wer war Kassandra, ehe irgendeiner über sie schrieb?“ (VeE: 127) und wo liegen die Anfänge der Unterdrückung der Frau? Denn

[i]n Kassandra ist eine der ersten Frauengestalten überliefert, deren Schicksal vorformt, was dann, dreitausend Jahre lang, den Frauen geschehen soll: daß sie zum Objekt gemacht werden. (VeE: 86)

Ob es überhaupt eine weibliche Ästhetik, ein weibliches Schreiben gibt und ob Frauen und Männer Realität unterschiedlich wahrnehmen, sind zwei der wichtigsten Fragen, denen seit den späten sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts innerhalb der feministischen Literaturwissenschaft – beispielsweise durch Silvia Bovenschen –nachgegangen wird. Auch Christa Wolf stellt sich diese Fragen, versucht dabei aber vielmehr, die erste Frage mit der zweiten zu beantworten:

„Inwieweit gibt es wirklich ‚weibliches’ Schreiben? Insoweit Frauen aus historischen und biologischen Gründen eine andere Wirklichkeit erleben als Männer. Wirklichkeit anders erleben als Männer [...]“ (VeE: 114).

Auf Grund der Tatsache, dass Christa Wolfs weibliche Sichtweise auf den Kassandra-Mythos eine Besonderheit darstellt, stehen in vielen Arbeiten zu Kassandra die Frauenfiguren im Vordergrund (vgl. Mauser 1985, Legg 1998). Im Gegensatz dazu möchte ich in der vorliegenden Arbeit die Männerfiguren in den Mittelpunkt rücken und der Frage nachgehen, warum Christa Wolf diese stark von mythologischen Vorlagen abweichende Darstellung wählt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt dabei bei folgenden vier Männerfiguren: Achill und Priamos, welche exemplarisch für die negativ gezeichneten Männer in Kassandra untersucht werden, sowie Aineias und Anchises, die zu den erstgenannten im Gegensatz stehen. Auf andere Personen kann auf Grund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit nicht eingegangen werden.

2. Darstellung von Männlichkeit in Kassandra

Kassandra reflektiert und berichtet von sehr vielen Männern, sowohl Troern als auch Griechen. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass, bis auf wenige Ausnahmen, die Männer in Kassandra wenig heldenhaft dargestellt werden. Sie sind brutal, eitel, egoistisch und besitzgierig. Es mangelt ihnen an Charakterstärke und Moral. Kassandra drückt ihre Ansicht treffend aus: „Alle Männer sind ichbezogene Kinder“ (K: 11). Des Weiteren entmachten sie Frauen, benutzen sie als Objekte und sind begierig auf sexuelle Beziehungen. Sie versklaven und vergewaltigen Frauen, oftmals um diese zu bestrafen oder um Rache zu nehmen – „Die Frau, einst Ausführende, ist entweder ausgeschlossen oder zum Objekt geworden“ (VeE: 144), sagt Christa Wolf in ihrer vierten Poetik-Vorlesung.

2.1 Priamos

Mit Priamos, Kassandras Vater und König von Troia, stellt Christa Wolf eine Figur dar, anhand derer der Übergang von einer matriarchalen zu einer patriarchalen Gesellschaft abzulesen ist. Sich auf Friedrich Engels’ Theorien stützend, nimmt auch Christa Wolf an, dass gerade in der Zeit, in der man den Untergang des möglichen Troias vermutet, der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat stattfand (vgl. Nicolai 1989: 46). Hilzinger schreibt dazu:

Die historische Figur der Kassandra steht an der Nahtstelle einer Zeitenwende, von der es keine nach wissenschaftlichen Kriterien gesicherten Daten und Fakten gibt: die für die abendländische Geschichte grundlegende Wende, den vermutlich nach längeren kriegerischen Auseinandersetzungen erreichten Sieg des Patriarchats über die bestehende matriarchale Gesellschaft. (1989: 217)

Kassandras Darstellung der Beziehung zwischen ihrer Mutter Hekabe und ihrem Vater macht deutlich, dass es im Troia ihrer Kindheit zunächst eine matriarchale Gesellschaft gibt. Priamos hat ursprünglich eine nachgeordnete Position gegenüber Hekabe, der eigentlichen Herrscherin, was auch durch äußere Merkmale gekennzeichnet ist:

Das machte ihn nicht zum idealen König, doch war er der Mann der idealen Königin, [...] die, häufig schwanger, in ihrem Megaron saß, auf ihrem hölzernen Lehnstuhl, der einem Thron sehr ähnlich sah und an den der König sich, liebenswürdig lächelnd, einen Hocker heranzog. (K: 16; eigene Hervorhebung)

Durch die allmähliche Verdrängung der Frauen aus wichtigen Ämtern und Positionen, entwickelt sich Troia zu einer patriarchalen Gesellschaft. Sogar die Königin, Hekabe, wird durch Priamos verdrängt und verliert damit ihren Einfluss. Dies wird zum einen wieder durch äußere Zeichen deutlich: „Starr saß er bei den großen Feiern [...] neuerdings erhöht neben, über Hekabe“ (K: 106; eigene Hervorhebung). Andererseits wird Hekabe ein Mitspracherecht in Herrschafts-angelegenheiten abgesprochen, was an zwei Stellen zu erkennen ist: Nach einem Streit mit Priamos über die Legitimation des Krieges zieht sich Hekabe ganz aus den Staatsgeschäften zurück:

Ein König, der seine entführte Schwester nicht zurückzugewinnen suche, verliere sein Gesicht. Ach, sagte Hekabe, schneidend. Dann öffentlich nichts mehr. In ihrem Megaron stritten sie sich [...]. (K: 39; eigene Hervorhebung)

Zudem wird ihr die Teilnahme an Sitzungen des Rats verboten:

Versteh doch, Mutter, sagte er [Hektor]. Man will dich schonen. Was jetzt, im Krieg, in unserm Rat zur Sprache kommen muß, ist keine Frauensache mehr. (K: 97)

Für den Umbruch zur patriarchalen Gesellschaft finden sich in Kassandra noch weitere Belege: So verändert sich Priamos’ Beziehung zu Kassandra: Er entzieht seiner Tochter seine Zuneigung und es kommt schließlich auf Grund mehrerer Zwischenfälle, die Kassandra folgendermaßen zusammenfasst, zur Entfremdung:

Priamos der König hatte drei Mittel gegen eine Tochter, die ihm nicht gehorchte: Er konnte sie für wahnsinnig erklären. Er konnte sie einsperren. Er konnte sie zu einer ungewollten Heirat zwingen. (K: 83)

[...]


[1] Bei Zitaten wird im Folgenden die Erzählung Kassandra mit K abgekürzt.

[2] Bei Zitaten wird im Folgenden Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra mit VeE abgekürzt.

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638580663
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65521
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Darstellung Männlichkeit Christa Wolfs Kassandra Nachdenken

Autor

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