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Zeit- und Kulturkritik in Hermann Hesses »Der Steppenwolf«

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Index

1. Problembeschreibung und Konzeption

2. Der historisch-kulturelle Hintergrund:
Die Zeit der »Goldenen Zwanziger«

3. »Immer auf der Spur des Großen und Ewigen«
Erläuterungen zur Lebenshaltung des Protagonisten

4. »Eine Welt für Politiker, Schieber und Lebemänner«:
Aspekte der Zeit- und Kulturkritik im Roman

5. Der Besuch beim Professor:
Kritik am Bildungsbürgertum

6. »Mahnend und angstvoll«:
Die Ankündigung des Weltkriegs

7. Abschließende Betrachtungen:
Die Kritik an der Kritik

Literatur

1. Problembeschreibung und Konzeption

Hermann Hesses Steppenwolf, diese »Pathographie des modernen Intellektuellen«[1], wurde immer auch als ein zeit- und kulturkritischer Roman gelesen, hängt doch der individuelle Konflikt des Protagonisten untrennbar zusammen mit seiner Abscheu vor den Auswüchsen der modernen Massen- und Industriegesellschaft und mit seiner Verzweiflung, den Untergang all dessen erleben zu müssen, was ihm kulturelle Identität und Heimat ist. Diese Zivilisationskritik ist von einer Stilisierung des einsamen und verkannten Künstler-Ichs durchzogen, in der noch die Jugendbewegung der sechziger Jahre Identifikationsmuster für ihren Protest gegen das Establishment gefunden hat. Auf diese zur Lebenshaltung erhobene Selbstisolation wird im Folgenden näher einzugehen sein, zumal sie gemeinsam mit dem Gegenentwurf des Protagonisten zum herrschenden Zeitgeist den Kontext für die im Roman geäußerte Kritik bildet.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, Hesses Werk bloß als literarische Erhöhung des Außenseitertums oder als Aufruf zum Nonkonformismus zu betrachten, vielmehr ist es der Versöhnungs- und Toleranzgedanke, der sich letztendlich über alle Animositäten hinweg in den Vordergrund drängt. Hesse hat stets betont, dass die Geschichte des Steppenwolfs »zwar eine Krankheit und eine Krisis darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht einen Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung«.[2] Nun stellt dies keine prinzipielle Rücknahme oder auch nur Glättung der Wogen dar, die im Verlauf der Handlung geschlagen werden, dennoch lohnt es sich, die teilweise radikale Kritik des Harry Haller nicht als etwas Absolutes zu begreifen, sondern eben auch als eine Art dramaturgische Fallhöhe, zu deren Klimax hin Harry seiner Umwelt immer weiter entfremdet wird, um sich ihr am Ende in einem mühsamen Lernprozess wieder anzunähern.

Bevor aber auf der Grundlage dieser Prämissen eine eingehende Beschäftigung mit dem eigentlichen Thema dieser Arbeit, der Zeit- und Kulturkritik im Steppenwolf, stattfinden kann, gilt es noch, den historischen Referenzrahmen auszuleuchten, auf dem diese Kritik gründet. Ohne ein prinzipielles Verständnis der komplizierten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge jener Epoche, die als die Goldenen Zwanziger in die deutsche Erinnerungskultur eingegangen ist, wird Hesses Roman kaum verstanden werden können. Der anschließende Hauptteil ist dann in drei Abschnitte unterteilt: In einem ersten Schritt wird ein Überblick über die Aspekte der Hallerschen Kritik an der Dekadenz seiner Zeit gegeben, wobei schon – hier wie später mit größtmöglicher Nähe zum Text – einige Schwerpunkte und zentrale Motive herausgearbeitet werden sollen. Vor allem der Kulturpessimismus, der an einigen Stellen eine globale Qualität aufweist, verdient dabei besondere Beachtung. Die folgenden Kapitel wenden sich dann Einzelaspekten zu, deren Sonderstellung im thematischen Gefüge des Romans durch eine besonders eingehende, ausgereifte und redundante Behandlung belegt wird. Es sind dies der Anstoß an der moralischen und kulturellen Degeneration des Bildungsbürgertums und der Mahnruf gegen Krieg und Kriegsgeist, wobei auch auf die Interdependenzen zwischen beiden hinzuweisen ist.

In einem abschließenden Resümee soll schließlich die im Roman entworfene Kritik als solche näher betrachtet werden: Wie lässt sie sich charakterisieren, was sind ihre Leitgedanken, auf was für einem Weltbild basiert sie? Und schließlich: Was ist die intendierte Konsequenz dieser Kritik, worin besteht ihr kathartisches Potential, wenn man den Aufruf zur Opposition mit gutem Grund ausschließen muss? Im Sinne einer ersten Bewertung sollen die Stellen herausgestellt werden, an denen sie dem Leser besonders plastisch respektive objektivierbar entgegentritt und dann wiederum solche, die von einem sehr eng gefassten Wertebegriff zeugen, der kaum über die Figur des Harry Haller hinauszureichen vermag. Abschließend soll neben dieser inhaltlichen auch die formal-terminologische Bedingtheit der Kritik im Steppenwolf thematisiert werden, womit zugleich auch ihre Grenzen angesprochen sind.

2. Der historisch-kulturelle Hintergrund:

Die Zeit der »Goldenen Zwanziger«

Mit seiner genauso wahllosen wie effektiven Vernichtungsmaschinerie hatte der Erste Weltkrieg das bisher Vorstellbare hinter sich gelassen und »dabei Europa so kahl [ge]fressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm« (Friedrich Engels). Der ersten deutschen Republik hatte er ein schweres und letzten Endes verhängnisvolles Erbe mitgegeben, das sich auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zugleich erstreckte. Die nationale Katastrophe, die sich in den Friedensbestimmungen von Versailles manifestierte, führte nicht zur Selbstbesinnung, sondern zu militantem Revisionismus. Die leisen Stimmen, die von Schuld und Umdenken sprachen, wurde zahlreich übertönt von Verschwörungstheorien wie der Dolchstoßlegende und Hetzparolen gegen die vermeintlichen Zersetzer des Reiches, ob es sich nun um Juden, Liberale oder Pazifisten handelte. Die wehrlose Weimarer Demokratie wurde von allen Seiten – Monarchisten, Militaristen, Nationalisten und Kommunisten – angefeindet; in unzähligen politischen Grabenkämpfen ging ihre Handlungsfähigkeit verloren. Der alltägliche Wirtschaftsverkehr lag wegen der grassierenden Inflation am Boden, während die Großindustriellen, gestützt auf billige Kredite und das Exportgeschäft, ihre Vermögen vervielfachten. Im Grunde fand eine riesige Vermögensumschichtung statt, die auf Kosten der mittleren und unteren Schichten ausgetragen wurde und letzten Endes deren politischen Radikalisierung Vorschub leistete. Das wilhelminische Gesellschaftsgefüge stürzte im Chaos von Hungersnot, Arbeitslosigkeit und Aufständen in sich zusammen und wurde in dieser orientierungslosen Situation anfällig für Ideologien aller Couleur.

Ab 1924 traten gewisse Besserungen ein, die für eine kurze Zeit den Blick auf die tieferliegenden Probleme der Republik als unangebrachten Pessimismus erscheinen ließen: Nachdem die Inflation durch die Einführung der Rentenmark abgefangen worden war, konnte durch die Neuregelung der Reparationszahlungen zusammen mit ausländischen Krediten ein wirtschaftlicher Aufschwung eingeleitet werden. Damit einhergehend verloren die radikalen Positionen in der Politik zunächst an Boden und es kam zu einer innenpolitischen Stabilisierung, die von der Rückkehr Deutschlands in die Weltpolitik (Aufnahme in der Völkerbund 1926) eingerahmt wurde. Die Atempause wurde von der ausgezehrten Gesellschaft, die bislang von existenziellen Fragen gänzlich vereinnahmt worden war, zu einer kulturellen Neuorientierung genutzt. Die romantisierenden Tendenzen der Wilhelminischen Ära in Kunst, Literatur und Architektur waren von den Erfahrungen des Krieges ad absurdum geführt worden, ihre antiquierten Ausdrucksformen konnten mit der dynamischen Modernität auf wirtschaftlich-technischem Gebiet nicht länger vereinbart werden. Die vormals tonangebenden Teile der Gesellschaft, Adel und Offizierskorps, hatten sich diskreditiert und verloren zusehends ihre soziale Geltung. Indes suchte das Bürgertum, das seinen Lebensstil bisher an eben diesen Vorbildern ausgerichtet hatte, nach einer neuen Identität.

Diese Suche war geprägt durch die Absage an die ästhetischen Glaubenssätze der vergangenen Epoche, eine immer dynamischere Technisierung, die nunmehr auch in den privaten Bereich hineinragte, sowie die Ausrichtung an den USA, der neuen Wirtschaftsmacht hinter dem Ozean, die sich im 20. Jahrhundert von den Vorbildern der Alten Welt zu lösen begann und eigene, innovative Formen des kulturellen Ausdrucks schuf. Gerade danach dürstete indes der alte Kontinent, nachdem seine historischen Kulturwerte im Wahnsinn der Selbstzerfleischung entwertet worden waren. Mit den amerikanischen Krediten wurde so auch das amerikanische Lebensgefühl der Roaring Twenties – von Charleston über Jazz bis Charlie Chaplin – importiert. Die kulturelle Erneuerung in Europa vollzog sich vor allem als Ablehnung an jegliche Form von kollektiven Ideologien, verbunden mit einer Tendenz zu mehr individueller Autonomie und einer Subjektivierung der Wirklichkeitserfahrung. Expressionismus, Surrealismus und Dadaismus hießen die kulturellen Strömungen der Zeit, überwölbt von der Neuen Sachlichkeit mit ihrer Abwendung vom künstlerischen Pathos, der sich verdächtig gemacht hatte, die Desintegration des Menschlichen zu betreiben, und der Hinwendung zum Faktischen und Rationalen.

Die Entbehrungen und Frustrationen der Nachkriegsjahre entluden sich in einer schier unstillbaren Nachfrage nach Unterhaltung und Konsum, zusätzlich potenziert durch die neuen technischen Möglichkeiten. In den neuen Berliner Großkinos Capitol und Ufa-Palast eroberte der Tonfilm die Leinwände, am Kurfürstendamm reihten sich Theater und Kleinkunstbühnen, Bars und Nachtklubs, Weindielen und Teestuben aneinander, Namen wie Walter Gropius, Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau machten die deutsche Hauptstadt zum kulturellen Zentrum Europas. Es entstand die moderne Freizeit, eine neue Sport- und Naturbewegung, bei den Frauen löste der Bubikopf die Haarnadel ab, in den sich rasant verbreitenden Radiogeräten wurden Operetten von Richard Tauber übertragen, Josephine Baker gab ihre legendären Revues – die Zeit glich einer Bühne, auf welcher der Beginn der modernen Massenkultur eingeläutet wurde.

Jedoch gab es auch Gegenbewegungen. Während das Gros der deutschen Bevölkerung die Zukunft in Wissenschaft, Technik und Konsum sah, sehnten sich andere in den bedachtsameren Lebensrhythmus der vergangenen Epoche zurück, die von ihnen nun zu einer vergeistigten, kultivierten Zeit stilisiert wurde. Diese Menschen – sie kamen vor allem aus dem gehobenen Bildungsbürgertum – fühlten sich fremd und deplaziert inmitten des gedankenlosen Rummels, den sie weder verstehen noch gutheißen konnten. Vielen von ihnen blieb nur der Weg in die innere Emigration. Andere arbeiteten mit ideologischem Eifer daran, die verhasste Republik von innen zu zersetzen. Im Grunde prallten in diesen Jahren zwei Epochen, zwei Lebenswelten aufeinander und während die eine Veränderung wollte und sich in die Zerstreuung stürzte, suchte die andere nach Halt und sah bestürzt auf das, was sie als Auflösung und Chaos begreifen musste.

Am Ende misslang der Versuch, eine moderne, tolerante und demokratische Gesellschaft zu etablieren und das bunte Kartenhaus der Goldenen Zwanziger stürzte zusammen. Unter der glitzernden und lärmenden Oberfläche waren die autoritären Strukturen und Wertvorstellungen des vergangenen Jahrhunderts intakt geblieben und es brauchte nur eine Erschütterung, eine neue Krise, um sie wiederzubeleben. Das Vertrauen in die Republik war in den ersten Jahren ihres Bestehens, die von Versorgungsengpässen, Finanzskandalen und politischer Instabilität geprägt waren, nachhaltig erschüttert worden, so dass schließlich nur wenige bereit waren, für sie einzutreten. Der »Geist von Weimar« (Friedrich Ebert) – er war längst erloschen. Der für Deutschland katastrophale Frieden von Versailles, der auf das Konto der Republikaner verbucht wurde, wog am Ende mehr als die verhängnisvolle Kriegshetze der Konservativen und Nationalisten von 1914. Denn es waren diese Kräfte, die wieder an Einfluss gewannen, als die wirtschaftliche Lage sich zu verschlechtern begann und die Arbeitslosigkeit sich wieder bemerkbar machte. Als die amerikanische Wirtschaft 1929 kollabierte und die deutsche Regierung, die ihre Konjunktur bisher auf Pump finanziert hatte, zu einem harten Sparkurs überging, hatte die Weimarer Republik auch ihren politischen Kredit endgültig verspielt. Aus ihrem Scheitern, das mit erneut aufbrechenden sozialen Spannungen einherging, wussten ihre langjährigen Feinde geschickt Kapital zu schlagen. Unter der Regie der Nationalsozialisten, die mit ihrem revisionistischen und völkischen Programm 1933 stärkste Regierungspartei geworden waren, kam es schließlich zu einer Selbstliquidierung der ausgezehrten Republik.

In der Rückschau, mit dem Wissen um die bevorstehende Weltwirtschaftskrise von 1929 und die nationalsozialistische Barbarei, wird man die Ausgelassenheit der Goldenen Zwanziger (in Anlehnung an einen Filmtitel aus dem Jahr 1938) tatsächlich als einen »Tanz auf dem Vulkan« bezeichnen können. Eine Gesellschaft, die nicht nur den Krieg, sondern mit ihm auch ihre Identität verloren hatte, stürzte sich damals über alle drängenden Fragen hinweg in ein ausschweifendes Fest des Vergessens und suchte in den kulturellen Errungenschaften der anbrechenden Moderne gleichsam die Bestätigung dafür, die vergangene Epoche endgültig hinter sich gelassen zu haben. Kaum jemand registrierte, dass die geschwächten Machteliten des Kaiserreichs sich indes in einer unheiligen Allianz mit radikalen Heilsversprechern verbunden hatten und daran gingen, die Republik zu demontieren. Die Stimmen derjenigen, die vor einem Ausbruch des Vulkans warnten, passten nicht zum Fortschrittsglauben und zur Vergnügungssucht der Zeit und wurden überhört. Indes nahm das Land Kurs auf eine erneute Katastrophe, welche die vorhergehende weit übertreffen sollte.

3. »Immer auf der Spur des Großen und Ewigen«:

Erläuterungen zur Lebenshaltung des Protagonisten

Die Voraussetzungen der in Hesses Roman zum Ausdruck kommenden zeit- und kulturkritischen Reflexionen und Urteile sind eng an die Person Harry Hallers gebunden, zumal alle anderen Figuren »in der Vermischung von Wirklichem und Unwirklichem ihre Herkunft aus dem Unbewussten ahnen lassen«, d.h. im Grunde destillierte Manifestationen von Harrys Psyche sind.[3] Diese Perspektivität in ihren konstitutiven Wertvorstellungen und den daraus abgeleiteten Ansprüchen an die Realität zu klären, muss daher als Voraussetzung aller inhaltlichen Beschäftigung mit der im Roman geäußerten Kritik gelten. Wer also ist Harry Haller, was ist zu seiner Sozialisation zu sagen und wie steht er zu der Welt, zu der Zeit, in der er lebt? Geht man davon aus, dass die Handlungszeit des Romans in etwa mit den Jahren seiner Entstehung (1926/27) zusammenfällt, dann führt die Beantwortung dieser Fragen zu den oben dargelegten Erläuterungen zum Identitätsverlust unter den Bedingungen eines tiefgreifenden Epochenwechsels.[4] Dass Harrys Leiden an der Welt in eben diesem Kontext zu betrachten ist, ist bereits dem Vorwort des fiktiven Herausgebers zu entnehmen:

Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden. […] Haller gehört zu denen, die zwischen zwei Zeiten hineingeraten, die aus aller Geborgenheit und Unschuld herausgefallen sind, zu denen, deren Schicksal es ist, alle Fragwürdigkeit des Menschenlebens gesteigert als persönliche Qual und Hölle zu erleben. (33 f.)

Zwei Zeiten und zwei Kulturen also, auf der einen Seite der trunkene Taumel der Goldenen Zwanziger, auf der anderen eben jene »Geborgenheit und Unschuld«, zu der es nach der epochalen Zäsur des Krieges kein Zurück geben kann. Was aber ist nun diese Welt, die untergehen muss, auf welchen Werten beruht sie und warum steht sie dem Neuen so unversöhnlich gegenüber?

Esselborn-Krumbiegel schreibt dazu: »Die moderne Zivilisation mit ihrer fortgeschrittenen Technisierung wird erlebt und beurteilt von einem Individualisten, der in seiner Ästhetik, seinen Idealen und seiner gesamten Lebenshaltung geprägt ist vom Welt- und Menschenbild der humanistischen deutschen Bildungstradition.«[5] Die Genese dieser Lebenshaltung, wie sie sich aus den Aufzeichnungen des Steppenwolfs konstruieren lässt, soll im Folgenden dargestellt werden. Aus recht bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen stammend (»[…] auch meine Mutter war eine Bürgersfrau und zog Blumen und wachte über Stube und Treppe, Möbel und Gardinen und bemühte sich, ihrer Wohnung und ihrem Leben so viel Sauberkeit, Reinheit und Ordentlichkeit zu geben, als nur immer gehen wollte« [23]), musste Harry, dem Willen seiner Eltern folgend, seine Jugendjahre dem bürgerlichen Ideal einer klassischen Bildung widmen (»[…] sie haben mich Latein und Griechisch und all das Zeug lernen lassen. Aber tanzen lernen ließen sie mich nicht […]« [119]). Hier wurzelt bereits die Weltfremdheit und Vereinsamung des Harry Haller, der sie anfangs noch in romantischer Tradition zu verklären weiß zum Bild eines vergeistigten Einzelgängers »voll tiefen Genießens und voll von Versen«, der berauscht »die Stimmungen der Einsamkeit und Melancholie« (40) einsaugt.

Aus dem empfindsamen Jüngling wird ein beflissener Bildungsbürger, eben jenem Professor ähnlich, den er Jahre später, längst zum Steppenwolf geworden, kritisiert: Er »glaubt an den Wert seines Tuns, er glaubt an die Wissenschaft, deren Diener er ist, er glaubt an den Wert des bloßen Wissens« (105). Allerdings schwindet Harrys Lust zu »wissenschaftlichem Geschwatze« (102) mit der Erfahrung des Krieges, in dem er nicht zuletzt auch einen Sündenfall der Wissenschaft sieht. Bestürzt hatte er angesehen, wie sich der Fortschritt in den Dienst des Mordens gestellt hat und wie die geistigen Eliten des Landes, anstatt ihre Fähigkeiten im Sinne der Verständigung zu gebrauchen, zu Wortführern einer revisionistischen und hasserfüllten Politik wurden. Der von ihnen mitverschuldete Krieg kommt in Harrys Augen einer Selbstzerfleischung des alten Europa gleich – samt seiner gesamten Kultur- und Bildungstradition, die nicht fähig war, ihren ethischen Anspruch einzulösen.

[...]


[1] Huber, Peter, Der Steppenwolf. Psychische Kur im deutschen Maskenball, in: Reclam Interpretationen. Hermann Hesse – Romane, Stuttgart 1994, S. 76. Zur Frage der Identifikation des Autors mit seinem Protagonisten vgl. Niefanger, Dirk, Hermann Hesses Steppenwolf im Kontext der Biografien-Mode, in: Blasberg, Cornelia (Hrsg.), Hermann Hesse. 1877 – 1962 – 2002, Tübingen 2003, S. 92-94

[2] Pfeifer, Martin, Hesse-Kommentar zu sämtlichen Werken, München 1977, S. 56

[3] Esselborn-Krumbiegel, Helga, Hermann Hesse. Der Steppenwolf, München 31998, S. 32

[4] Vgl. auch Huber, Peter, Der Steppenwolf, S. 84. Böttger sieht den Epochenwechsel erst vom Autor zur »Neurose einer ganzen Generation« stilisiert, tatsächlich habe es sich um die »Vereinsamung und Verzweiflung einer kleinen Intellektuellenschicht« gehandelt (vgl. Böttger, Fritz, Hermann Hesse. Leben – Werk – Zeit, Berlin 71990, S. 326).

[5] Esselborn-Krumbiegel, Der Steppenwolf, S. 65

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638579841
ISBN (Buch)
9783656611011
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65415
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
1
Schlagworte
Kulturkritik Hermann Leben Werk Zeitkritik Gesellschaftskritik Steppenwolf Hesse Analyse Goldene Zwanziger Zivilisationskritik Kriegsgeist Moderne Künstler Massengesellschaft Intellektuelle Selbstisolation Glasperlenspiel Zeitgeist Nonkonformismus Harry Haller Textanalyse Roman

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