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John Stuart Mill - Freiheit und Individualität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

John Stuart Mill – Freiheit und Individualität

A. Einleitung

B) Freiheitsbegriff und Individualität bei John Stuart Mills „Über die Freiheit“
1. Mill und der Einfluss des Utilitarismus
2. Der Freiheitsbegriff
3. Autoritäre Gesellschaft contra Individuum
a. „Tyrannei der Mehrheit“
b. Grenzen der Freiheit
c. Schutzmaßnahmen
4. Die Handlungsfreiheit des selbstbestimmten Individuums
a. Persönliche Freiheit
b. Bürgerliche Freiheit
5. Freiheit und Individualität der Frau im 19. Jahrhundert
a. Das Gesetz des Stärkeren
b. Mills Vorstellung einer selbstbestimmten Frau

C) Schluss

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den Abhandlungen des britischen Philosophen John Stuart Mill zum Freiheitsbegriff. Ausgehend von seinen beiden Werken „Über die Freiheit“[1] und „Die Hörigkeit der Frauen“[2] soll dargelegt werden, wie Mill Freiheit definiert, welche Rolle dabei die viktorianische Gesellschaft spielt und welche Auswirkungen diese Vorstellung auf das Individuum hat.

John Stuart Mill lebte im 19. Jahrhundert. Es soll daher im ersten Kapitel kurz aufgezeigt werden, in welchem Umfeld er seine Theorien entwickelte und wie er von der ideologisch-politischen Richtung des Utilitarismus dabei beeinflusst wurde. Das zweite Kapitel grenzt den Freiheitsbegriff von John Stuart Mill ab und definiert ihn. Im Folgenden soll die Rolle der „autoritären“ Gesellschaft in ihrer Beeinflussung des Individuums dargelegt werden, sowohl welche Gefahr sie hierin für den einzelnen ist als auch im Umkehrschluss die Abgrenzungsmöglichkeiten gegen die „Tyrannei der Mehrheit“. Das vierte Kapitel geht speziell auf die Möglichkeiten der Freiheits-Nutzung des einzelnen Menschen ein und gliedert sich in persönliche und bürgerliche Freiheit. Mill kämpfte in seiner Funktion als Abgeordneter im britischen Unterhaus als einer der ersten Politiker für die Gleichstellung und in diesem Sinne für die der Frauen. Da der Begriff Individuum und freiheitliche Rechte in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nicht unbedingt dem weiblichen Teil der Bevölkerung übertragen werden konnten, ergänzt Kapitel 5 Mills Vorstellungen von Freiheit und Individualität, indem es auf die Rolle der Frauen eingeht.

John Stuart Mill war sicherlich einer der fortschrittlichsten Vordenker seiner Zeit – gerade was die Freiheit und Gleichheit der Geschlechter anbelangt – aber der gerade auch in einem Zeitalter der Industrialisierung das persönliche Interesse des Menschen vordergründig sah, solange es im Sinne des Gemeinwohls verfolgt wurde. Er entwickelte im Laufe seines Lebens und seiner Karriere seine eigene philosophische Theorie von Freiheit, die sich nicht streng einer Richtung zuordnen lässt. Beeinflusst wurde er dabei von vielen Faktoren; sei es seine Ehefrau, mit der er viel über die Geschlechterfrage diskutierte und die einen maßgeblichen Anteil an seiner Abhandlung über „die Hörigkeit der Frauen“ hat. Oder sei es seine strenge Erziehung, die ihn abgetrennt von anderen philosophischen Richtungen, im Sinne des Utilitarismus bildete. Mill betrachtete die Freiheit als Hauptantriebskraft des wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Fortschrittes und als Mittel für das größte Glück insgesamt.[3]

Er fordert ein freies Individuum, das sich nicht nur anpasst, sondern sein Handeln überdenkt, das sich entfalten und seinen eigenen Lebensplan aufstellen soll. Die Hausarbeit soll darlegen, wie Mill seine Vorstellungen von Freiheit auf die Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts anlegt und wo er die Grenzen der Beeinflussung des Individuums durch den Staat sieht.

B. Freiheitsbegriff und Individualität bei John Stuart Mills „Über die Freiheit“

1. Mill und der Einfluss des Utilitarismus

John Stuart Mill verlebte seine Kindheit in unmittelbarer Nachbarschaft des Begründers des Utilitarismus Jeremy Bentham. In diesem Sinne wurde er bereits früh mit der utilitaristischen Denkweise vertraut. Er lernt so, alles der radikalen Kritik, der Empirie und der Nützlichkeit zu unterziehen.[4] In seiner beruflichen Laufbahn zeigt sich Mill weiterhin vom Utilitarismus beeinflusst. Auch in seinem schriftstellerischen Werk betont er seine utilitaristische Grundhaltung; so auch in „Über die Freiheit“. Dort bekennt er sich zweimal ausdrücklich dazu. Sowohl in der Einleitung argumentiert er mit dem Nützlichkeitsprinzip[5], und auch das zweite Kapitel endet mit einer klaren utilitaristischen Begründung der Gedankenfreiheit. Allerdings scheint er sich nach Meinung einiger Forscher im dritten Kapitel seines Essays davon zu lösen[6], da er die These aufstellt, Individualität sei ein Wert an sich.[7]

Die viktorianische Gesellschaft allerdings, unter der Mill aufwächst, tendiert zu gesellschaftlicher Konformität, was durch die Industrialisierung und die größeren Bildungschancen sicherlich verstärkt wird. Es herrscht unter der Bevölkerung eine enorme Intoleranz, die von gesellschaftlichen Normen und Verhaltensregeln gesteuert wird. Die Regierung hat jedoch sehr wenig Einfluss auf das Privatleben, und auch das wirtschaftliche und soziale Leben steuert sich zum großen Teil selbst. Mill hingegen wünscht sich eine rationale und auch liberalere Gesellschaft, die ihre Individualität durch Gebrauch des Verstandes und des Nützlichkeitsprinzips entfaltet. Für ihn fallen die Gründe für eine Orientierung sinnvollen individuellen Handelns im Sinne einer utilitaristischen Sichtweise mit denen für ein gesellschaftlich relevantes Handeln widerspruchslos zusammen.[8] Dazu muss sich eine gesellschaftliche Situation entwickeln, in der das Individuum sein Eigeninteresse verfolgen und zugleich damit dem allgemeinen Wohl dienen kann.

Der Utilitarismus stellt bei Mill praktisch eine Grundidee dar, die er jedoch nicht konsequent verfolgt. In seiner Bedeutung kann der Begriff für Instrumentalismus stehen, andererseits legitimiert Mill seine Theorie ausgehend davon, dass Glück der oberste Zweck ist. Glück ist dabei eine subjektive Empfindung; es bedeutet die Abwesenheit von Schmerzen und Leid und im positiven Sinne Lusterlebnisse und einen genussvollen Gebrauch des eigenen Verstandes. Er begründet dies, indem er Glück als den einzig wünschenswerten Zweck angibt. Alle Menschen wünschen sich Glück; nicht im Sinne von Glück haben, sondern langfristig glücklich sein. Dabei sind nach Mill die Hauptbestandteile des menschlichen Glückes der individuelle und soziale Fortschritt.[9] Ist das Glück für jedes Individuum ein Gut, so kann das allgemeine Glück für alle Menschen auch nur ein Gut sein.[10] Mill fordert, dass jeder Mensch den gleichen Anspruch auf die Mittel zum Glück hat, wobei nur durch nicht abwendbare Dinge, wie zum Beispiel Krankheit und das Gesamtinteresse der Gesellschaft, in dem das Interesse jedes Einzelnen enthalten ist, diesem Anspruch eine Grenze gesetzt wird. Die utilitaristische Leitidee beinhaltet jedoch auch, dass das Individuum selbst mit einem Maximum an Glücksressourcen und vereinzelten Glückserlebnissen ein unglückliches Leben führen kann. Mill verschweigt dies in seiner Abhandlung und geht auch nicht auf den Fall ein, dass dieser Leitidee zufolge zur Steigerung von Glück auf manches Glückserlebnis verzichtet werden muss, und dass die Summierung dessen eventuell sehr hoch sein kann, ohne im Endeffekt ein glücklicher Mensch zu werden. Kritiker sehen in Mills Überbetonung des Individualisten einen Widerspruch zu seinem utilitaristischen Bekenntnis, da es scheint, als ob die individuelle Entfaltung eher reiner Selbstzweck, als nur Mittel zur Wohlfahrtssteigerung sei.[11]

Neben dem Utilitarismus ist Mill allerdings auch von den liberalistischen Strömungen geprägt. Dies spiegelte sich auch in seinem Wirken als Politiker wider. In seiner Abhandlung „Über die Freiheit“ führt er die von den Liberalisten gefordert individuelle und bürgerliche Freiheit des Einzelnen weiter aus.

2. Der Freiheitsbegriff

Aufgrund der Tatsache, dass es vor dem Viktorianischen Zeitalter andere Regierungsformen gab, war ein Freiheitsgedanke, verbunden mit Individualität, nicht unbedingt dienlich. Der Freiheitsbegriff, den John Stuart Mill konzipiert, bezieht sich nur auf die Gesellschaft seiner Zeit und die Zukunft.[12] Für ihn kann Freiheit nur eine individuelle Freiheit bedeuten, da er dies als die eigentliche Region menschlicher Freiheit bezeichnet. Mill unterscheidet in seiner Abhandlung drei Bereiche der Freiheit. Erstens die innere Freiheit des Bewusstseins – „das eigentliche Gebiet der menschlichen Freiheit.“[13] Es umfasst Gewissensfreiheit (…), Freiheit des Denkens und Fühlens, Unabhängigkeit der Meinung und der Gesinnung. Damit verbunden sind auch die Freiheit der Äußerung und Veröffentlichung von Meinungen. Dies ist wichtig und notwendig für das geistige Wohlbefinden. Denn selbst eine Meinung, die zum Schweigen gebracht ist, verdient angehört zu werden, da die vorherrschende Meinung in einer Gesellschaft selten die komplette Wahrheit enthält. Insofern soll jeder Mensch seine Meinung vertreten und diskutieren dürfen. Der zweite Bereich der Freiheit umfasst die äußere Freiheit des Handelns. Der Einzelne soll sein Streben nach Glück frei entfalten können. Zu diesem Bereich zählt beispielsweise auch die wirtschaftliche Freiheit, die Eigentumsfreiheit und die Gewerbefreiheit. Mill unterscheidet zwei Klassen von Handlungen. Es gibt primär selbstbezogene Handlungen, die nur das Individuum selbst betreffen und es gibt Handlungen, die auf andere bezogen sind.[14] Die zweiteren unterliegen nicht dem Bereich der individuellen Freiheit, sondern dem moralischen und rechtlichen Urteil der Gemeinschaft.[15] Der letzte Bereich der Freiheit, den Mill nennt, ist die Assoziationsfreiheit, also die Freiheit, sich für eine Sache zu vereinigen. Allerdings gilt sie nur für mündige Personen, welche volljährig und nicht unter Zwang oder Täuschung stehen. Die Freiheit ist dabei sowohl Voraussetzung, Mittel als auch selbständiges Ziel, da sie Bestandteil des Glücks und in diesem Sinne Mittel zur Verbesserung der Gesellschaft ist.[16]

Das mündige Individuum ist nach Mill sein eigener Souverän und der Gesellschaft nur dann verantwortlich, wenn durch sein Verhalten andere zu Schaden kommen. In diesem Fall kommt der Staat ins Spiel. Da weder er noch die Gesellschaft dem Einzelnen Schaden zufügen darf, hat er somit eine Schutzfunktion inne, die sich auf alle Bürger erstreckt. Freiheit wird damit ein Recht, das jedem Individuum zukommt. Es kann nur beschränkt werden, um andere vor Schädigung zu schützen. Der Staat darf sich ansonsten in den privaten Bereich des Individuums auch nicht einmischen, solange er daran nur ein indirektes Interesse haben kann und niemand zu Schaden kommt.[17]

Der Mensch kann laut Mill nur in der Gemeinschaft leben. Jeder der den Schutz der Gemeinschaft genießt, schuldet ihr jedoch auch eine Gegenleistung.[18] Freiheit bedeutet nach Mill deshalb auch nicht Selbstzweck des Individuums; ihre Funktion ist ganz klar im letzten Stadium die Steigerung der Wohlfahrt. Auch wenn sie primär von dem Einzelnen wahrgenommen wird, so muss sich im Endeffekt immer ein gesamtgemeinschaftlicher Nutzen ergeben.[19] Und da in diesem Netzwerk der Gesellschaft jeder Mensch versucht, sein Wohlergehen zu fördern, wirkt er damit automatisch auf die Handlungen anderer ein. So berührt die Freiheit jedes Einzelnen die Freiheit anderer Individuen. Auf die Grenzen dieser individuellen Freiheit wird im Kapitel 3b näher eingegangen.

3. Autoritäre Gesellschaft contra Individuum

3a. „Tyrannei der Mehrheit“

Mill schlägt sich in seiner Abhandlung „Über die Freiheit“ auf die Seite des Individuums. Er behandelt vorrangig die Gefährdung des Einzelnen durch die Gesellschaft. Diese Gefährdung ergibt sich aus zwei Faktoren: Zum einen aus der Tyrannei der Behörden und zum anderen aus der „Tyrannei der Mehrheit“. Diese nennt er auch Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens oder Tyrannei der öffentlichen Meinung. Die öffentliche Meinung birgt für Mill besonders die Gefahr der zahlenmäßigen Mittelmäßigkeit, die mit Hilfe von Institutionen und Bürokratie versuche, die Minderheiten in der Bevölkerung zu unterdrücken. Es scheint sich ein wachsender Einfluss der Masse der Mehrheit über das Individuum abzuzeichnen.

[...]


[1] Mill, John Stuart: Über die Freiheit. Stuttgart 1988 (= Reclam Nr. 3491).[Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Freiheit 1988]

[2] Mill, John Stuart; Harriet Taylor Mill; Helen Taylor: Die Hörigkeit der Frau und andere Schriften zur Frauenemanzipation. Frankfurt a. M. 1976. [Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Hörigkeit 1976.]

[3] vgl. Freiheit 1988, S.93: „Es ist kein Grund vorhanden, warum alle menschliche Existenz nach einem oder einigen wenigen Mustern aufgebaut werden sollte.“

[4] vgl. Blum, Wilhelm; Michael Rupp; Manfred Gawlina: Politische Philosophen. München3 1997, S. 254. [Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Blum 1997.]

[5] „Ich betrachte Nützlichkeit als letzte Berufungsinstanz, in allen ethischen Fragen, aber es muss Nützlichkeit im weitesten Sinne sein, begründet in den ewigen Interessen der Menschheit als eines sich entwickelnden Wesens“ Freiheit 1988, S. 18.

[6] vgl. Gaulke, Jürgen: Freiheit und Ordnung bei John Stuart Mill und Friedrich August von Hayek. Versuch, Scheitern und Antithese eines ethischen Liberalismus. Frankfurt a.M.; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien 1994, S. 141. [Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Gaulke 1994.]

[7] vgl. Claeys, Gregory (Hrg.): Der soziale Liberalismus John Stuart Mills. Baden-Baden 1987, S. 139. [Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Claeys 1987.]

[8] vgl. Bartsch, Volker: Liberalismus und arbeitende Klassen. Zur Gesellschaftstheorie John Stuart Mills. Opladen 1982 (=Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung, Bd. 28), S. 54. [Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Bartsch 1982.

[9] vgl. Mill 1988, S. 68.

[10] vgl. Zerb, Peter: Zur Semantik gesellschaftlicher Freiheit. Eine Analyse des Freiheitsbegriffes bei Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Thomas Paine und John Stuart Mill. Frankfurt a.M. 1987, S. 181. [Anm. M.B.: Im folg. abgekürzt: Zerb 1987.]

[11] vgl. Gaulke 1994, S. 146.

[12] vgl. Zerb 1987, S. 175.

[13] Freiheit 1988, S. 20.

[14] vgl. Freiheit 1988, S. 108: „Der Ausdruck Pflicht gegen sich selbst bedeutet (…)Selbstachtung oder Selbstentwicklung, und für keine von ihnen ist man seinen Mitgeschöpfen verantwortlich“

[15] „Dem Individuum soll der Teil des Lebens gehören, bei dem hauptsächlich der Einzelne interessiert ist, der Gesellschaft hingegen der Teil, an dem die Gemeinschaft ihr Interesse hat.“ Freiheit 1988, S.103.

[16] vgl. Zerb 1987, S. 173.

[17] „Aber es gibt einen Tätigkeitsbereich, an welchem die Gesellschaft im Unterschied zum Individuum nur indirekt Interesse hat. Dieser schließt alle Einzelheiten des persönlichen Lebens und Treibens ein, die nur ihn selbst angehen.“ Freiheit 1988, S. 19.

[18] vgl. Gaulke 1994, S. 153.

[19] vgl. Gaulke 1994, S. 141.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638579476
ISBN (Buch)
9783640440009
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65353
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Politikwissenschaft 1
Note
2.0
Schlagworte
John Stuart Mill Freiheit Individualität Gleichheit

Autor

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Titel: John Stuart Mill - Freiheit und Individualität