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Forschungsbericht zur Befragung: Einflussfaktoren auf die Höhe des Third-person Effekts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I) Einführung: Der Third-person Effekt

II) Ergebnisse der Forschung zum Third-person Effekt und Implikationen für weitere Studien

III) Hypothesen

IV) Methode

V) Ergebnisse

VI) Fazit: Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Im Wintersemester 2005/06 wurde im Rahmen eines Hauptseminars zum Thema „Wahrnehmungs-phänomene in der Wirkungsforschung“ am IfKW eine Befragung zu verschiedenen Phänomenen der Wahrnehmung von öffentlicher Meinung und von Medienwirkungen durchgeführt. In diesem Forschungsbericht wird der Teil der Studie vorgestellt, der sich auf Einflussfaktoren auf den Third-person Effekt bezog. Dazu wird zunächst eine Übersicht über die bisherige Forschung zum Third-person Effekt gegeben, an die sich die Erläuterung des Forschungsinteresses und die Darstellung sowie Diskussion der Befunde anschließen.

I) Einführung: Der Third-person Effekt

Mit einer Anekdote aus dem zweiten Weltkrieg begründete Davison in seinem Aufsatz „The Third-Person Effect in Communication“ 1983 die Erforschung des Phänomens, dass Menschen dazu neigen, die Wirkung von persuasiven Medieninhalten auf Andere für stärker zu halten als die Wirkung auf sich selbst.

Eine amerikanische Militäreinheit, bestehend aus schwarzen Soldaten und weißen Befehlshabern, war auf einer Insel im Pazifik stationiert. Als die Japaner Flugblätter über der Insel abwarfen, in denen sie den Krieg als Sache der Weißen darstellten und die schwarzen Soldaten zum Aufgeben aufforderten, zogen die Offiziere die Einheit umgehend ab und ersetzten sie durch weiße Soldaten. Und das, obwohl es keinerlei Anhaltspunkte dafür gab, dass die japanische Propaganda tatsächlich Wirkung gezeigt hatte. Offenbar gingen die Offiziere davon aus, dass die Soldaten durch die Propaganda beeinflussbar waren, obwohl sie sich selbst für nicht beeinflussbar hielten.

Weitere persönliche Beobachtungen und kleinere, strengen wissenschaftlichen Kriterien nicht genügende Experimente veranlassten Davison, die „Third-person Effekt“- Hypothese zu formulieren:

„A person exposed to a persuasive communication in the mass media sees this as having a greater effect on others than on himself or herself. Each individual reasons: ‚I will not be influenced, but they (the third persons) may well be persuaded.’“ (Davison, 1983, 1)

Third-person Effekt also deswegen, weil der Empfänger einer Medienbotschaft annimmt, dass diese Botschaft den höchsten Einfluss „nicht auf mich (die erste Person, Anm.d.V.), nicht auf dich (die zweite Person, Anm.d.V.), sondern auf die Anderen – die dritten Personen“ hat.[1] (Davison, 1983, 3)

Die Annahme, dass die anderen durch die Medien stärker beeinflusst werden als man selbst, führt zu einem Paradox. Denn wenn die meisten Menschen das von sich sagen, bleiben keine „anderen“ übrig, auf die die Medien angeblich einen größeren Einfluss haben. Wirklich der Fall sein könnte das eventuell bei Studien mit relativ homogenen medienresistenten Befragten, wie zum Beispiel Wissen-schaftler oder Studenten, die sich mit Fragen der Medienwirkung beschäftigen. Andernfalls kann die Annahme, dass die anderen systematisch stärker beeinflusst werden, nicht stimmen. (Vgl. Tiedge et al., 1991, 142) Das ist für den TPE aber auch zweitrangig – er beruht nicht auf tatsächlicher, sondern auf wahrgenommener Medienwirkung. Dennoch ist das ein Argument dafür, bei Befragungen auf eine breite Streuung der Befragten zu achten, um Verzerrungen des Ergebnisses zu verhindern.

Der Third-person Effekt kommt also dadurch zu Stande, dass Menschen den Einfluss von persuasiven Medienbotschaften auf die Einstellungen und das Verhalten anderer überschätzen und/oder den Einfluss auf sich selbst unterschätzen. Laut Davison ist dieser Effekt deswegen relevant, weil die Betroffenen auf Grund dieser Einschätzung bestimmtes Handeln oder Verhalten an den Tag legen – wie am Beispiel des Truppenabzugs deutlich wird. Auch für ein mögliches Handeln als Konsequenz aus dem TPE ist es unerheblich, ob die Einschätzung der Medienwirkung stimmt: „Wenn wir eine Situation für real halten, dann sind auch deren Konsequenzen für uns real. Die (falsche oder richtige) Vorstellung von der stärkeren Beeinflussung anderer hat für das eigene Verhalten reale Konsequenzen“ (Brosius & Engel, 1997, 325).

II) Ergebnisse der Forschung zum Third-person Effekt und Implikationen für weitere Studien

Der TPE ist bereits vor Davisons Aufsatz beschrieben, aber nicht weiter kommentiert oder untersucht worden (Davison, 1983, 8). In den Jahren seit „The Third-Person Effect in Communication“, insbe-sondere seit Ende der 80er Jahre, machte der TPE jedoch eine steile wissenschaftliche Karriere. Perloff (1999, 354) stellt fest, dass er ein „venerable member of the family of concepts that mass communication scholars regularly address“ sei. 45 veröffentlichte (englischsprachige) Artikel und dutzende Tagungspapiere über den TPE zählt er bis 1999 (ebd.) – seitdem sind mindestens 50 weitere dazu gekommen[2]. Von Seiten der Massenkommunikationsforschung, der Sozialpsychologie, der politischen Psychologie (Wahlforschung) und der Forschung über die öffentliche Meinung wurde der TPE untersucht. Die Studien beziehen sich auf vier Bereiche:

1. Kann ein TPE empirisch nachgewiesen werden?
2. Welche psychologischen Grundlagen stehen hinter dem TPE?
3. Welche Bedingungen beeinflussen Auftreten und Stärke des TPE?
4. Welche handlungsrelevanten Folgen hat der TPE?

1. In allen Studien[3], bei verschiedenen Themenbereichen und methodischen Vorgehensweisen, wurde die vorhergesagte Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bei der Medienwirkung bestätigt. Beim TPE handelt es sich also um ein stabiles, zuverlässig auftretendes Wahrnehmungs-phänomen der öffentlichen Meinung (Vgl Brosius & Engel, 1997, 326; Perloff, 1999, 355f).

Verschiedene Studien untersuchten außerdem, ob es sich beim TPE um ein Methodenartefakt handelt. Typischerweise wird der TPE gemessen, indem den Befragten eine Medienbotschaft vorgelegt wird. Sie sollen dann einschätzen, wie stark sie und andere durch diese Botschaft beeinflusst werden. Oder sie werden direkt gefragt, z.B. in Telefoninterviews, wie stark sie und andere durch Medien allgemein beeinflussbar sind. Es ist denkbar, dass der TPE nur ein Artefakt ist, das durch die Reihenfolge und die Art der Fragen zu Stande kommt. Es könnte sein, dass der TPE nur deswegen auftritt, weil gleichzeitig nach der Selbst- und der Fremdeinschätzung gefragt und so ein künstlicher Vergleichsprozess ausgelöst wird. Price & Tewsksbury (1996, zitiert nach Perloff, 1999, 357f) variierten deshalb die Fragen nach der Fremd- und Selbsteinschätzung und verglichen die Antworten von Befragten, denen nur eine Frage gestellt wurde (entweder nach Selbst- oder nach Fremdeinschätzung) mit den Antworten derer, die nach beiden Einschätzungen gefragt wurden (wobei die Reihenfolge der Fragen nach Selbst- und Fremdeinschätzung variiert wurde). Für alle vier Gruppen konnte ein vergleichbarer TPE nachgewiesen werden. Zum selben Ergebnis kommen auch andere Studien (z.B. Tiedge et al., 1991; Gunther, 1995), die die Reihenfolge der Fragen nach Selbst- und Fremdeinschätzung verändern. Auch hier zeigten sich keine Reiheneffekte. Der Unterschied zwischen angenommener Wirkung auf sich selbst und auf andere war gleich, egal wonach zuerst gefragt wurde. Diese Ergebnisse sind ein starkes Argument gegen die Annahme, dass der TPE ein durch Reiheneffekte ausgelöstes Artefakt ist. Allerdings können Reiheneffekte nicht unter allen Umständen ausgeschlossen werden. Es scheint daher angebracht, die Reihenfolge der Fragen nach Selbst- und Fremdeinschätzung bei Untersuchungen nach Möglichkeit zu randomisieren.

2. Psychologische Faktoren: Als möglicher Erklärungsansatz für den Third-person Effekt wird das Konzept des „optimistic bias“ bzw. „unrealistic optimism“ angeführt. Dieses Konzept besagt, dass Menschen versuchen, ihr Selbstwertgefühl zu erhalten und zu diesem Zweck ein im Vergleich zu anderen unrealistisch positives Selbstbild aufbauen. Sie sehen sich selbst als klüger oder besser an als ihre Mitmenschen und halten sich für immuner gegenüber jeder Art von negativen Ereignissen. Optmistic bias wurde ursprünglich getestet, indem man die Befragten schätzen ließ, für wie groß sie die Wahrscheinlichkeit halten, dass ihnen und gleichaltrigen Geschlechtsgenossen bestimmte positive (z.B. Eigenheim, gut bezahlter Job) und negative (z.B. Arbeitslosigkeit, Autounfall) Ereignisse zustoßen würden (Vgl. Weinstein, 1980; zitiert nach Brosius & Engel, 1997, 327). In den meisten Fällen unterschätzten die Befragten (im Vergleich zu anderen) die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen Negatives zustoßen würde, aber überschätzten die Wahrscheinlichkeit positiver Ereignisse.

Auch die Beeinflussung durch Medien kann man als „negatives Ereignis“ interpretieren. Eine Beeinflussung impliziert, dass man die Kontrolle über sich abgibt und nicht Herr seiner selbst ist – beides ist in westlichen Kulturen negativ besetzt. Die Beeinflussung durch persuasive Medien-botschaften wie Werbung oder Propaganda wird außerdem oft als Gefahr oder Risiko aufgefasst. Daher liegt es nahe, die Theorie von „optmistic bias“ auf den Third-person Effekt zu übertragen. Man hält sich nicht nur solchen Gefahren wie Krankheiten gegenüber für immun, sondern auch gegenüber der Beeinflussung durch Medien. Wenn auch der TPE der Erhaltung des Selbstwertgefühls dient, ist es außerdem naheliegend, dass der TPE mit der Erwünschtheit der Medienwirkung zusammenhängt. Ist eine Medienwirkung positiv besetzt, ist der TPE möglicherweise schwächer oder hebt sich sogar auf (reversed Third-person effect bzw. First-person effect). (Vgl. Perloff, 1999, 358f)

[...]


[1] Dritte Personen sind in den Third-person Effekt auch aus der Perspektive des Kommunikators mit persuasiven Absichten involviert: Für diesen sind dritte Personen nämlich jene, die in irgendeiner Weise von dem Verhalten oder den Einstellungen der augenscheinlichen Botschaftsempfänger betroffen sind. Diese Perspektive ist gerade für das Verhalten der Betroffenen interessant: Möglicherweise könnte ein Kommunikator versuchen, Einfluss auf das Verhalten dieser dritten Personen zu nehmen, indem er scheinbar jemand anderen beeinflusst. Es ist denkbar, dass die Japaner aus Davisons Beispiel genau das im Sinn hatten, also nicht die Soldaten zum desertieren, sondern die Befehlshaber zum Truppenabzug bewegen wollten. (Vgl. Davison, 1983, 3)

[2] 50 Studien seit dem Aufsatz von Perloff 1999 ergibt allein die Recherche in der amerikanischen Zeitschriftendatenbank Academic Search Premier

[3] Glynn&Ostmann (1988) können zwar keinen TPE nachweisen; bei genauerem Hinsehen bezieht sich ihre Studie aber auch nicht auf den TPE, sondern mehr auf die wahrgenommene Beeinflussung von anderen Menschen allgemein (bezogen auf öffentliche Meinung, nicht auf Medien), Vgl. Perloff, 1999, 373.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638579315
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65334
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
Forschungsbericht Befragung Einflussfaktoren Höhe Third-person Effekts Hauptseminar Wahrnehmungsphänomene Wirkungsforschung

Autor

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Titel: Forschungsbericht zur Befragung: Einflussfaktoren auf die Höhe des Third-person Effekts