Lade Inhalt...

Der Heinrich-Heine-Klub in Mexiko-Stadt, 1941-1946

Magisterarbeit 2005 126 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Ausgangslage und These
1.2. Vorgehensweise und Gliederung der Arbeit

2. Materialsituation und Quellenlage
2.1. Archivmaterial
2.2. Exilforschungsliteratur

3. Mexiko als Exilland für Deutsche
3.1. Mexikos Einwanderungspolitik der 1940er Jahre
3.2. Einzelinitiativen zur Visabeschaffung
3.3. Reformpolitik Mexikos und die Rolle der Exilanten
3.4. Unfreiwilliges Exil

4. Gründung
4.1. Das Pariser Netzwerk
4.2. Die Geburtsstunde des Heinrich-Heine-Klubs
4.3. Motive und Hintergründe der Gründung
4.4. Der Gründungstermin
4.5. Berichterstattung über die Gründung

5. Namensgebung

6. Ziele, Aufgaben und Funktionen des Heinrich-Heine-Klubs
6.1. Erklärte Ziele und Aufgaben
6.2. Soziale Funktion
6.3. Kulturelle Bedürfnisse der Exilgemeinde
6.4. Publikum

7. Organisationsstruktur des Heinrich-Heine-Klubs
7.1. Mitglieder und Mitwirkende
7.1.1. Mitgliederstruktur
7.1.2. Aufgabenteilung
7.2. Finanzierung
7.2.1. Einnahmequellen des Heinrich-Heine-Klubs
7.2.2. Unterhalt der Mitwirkenden
7.3. Briefpapier
7.4. Häuser und Orte

8. Programm des Heinrich-Heine-Klubs
8.1. Allgemeine Analyse des Programms
8.2. Stellenwert von Theater im Exil
8.3. Die Theateraufführungen des Heinrich-Heine-Klubs
8.4. Programmgestaltung

9. Widerstände und Kritik
9.1. Widerstände von außen
9.1.1. Angespanntes Klima in der Exilgemeinde
9.1.2. Politik und der Heinrich-Heine-Klub
9.1.3. Die Liga Pro-Cultura Alemana und der Heinrich-Heine-Klub
9.1.4. Allgemeine Vorwürfe
9.2. Schwierigkeiten innerhalb des Heinrich-Heine-Klubs
9.2.1. Labiles Gleichgewicht
9.2.2. Interne Auseinandersetzungen

10. Ende des Heinrich-Heine-Klubs
10.1. Festbroschüre Heines Geist in Mexiko
10.2. Gründe für die Auflösung
10.3. Die Rückreise

11. Fazit

Anhang

Biografische Skizzen

Chronik der Veranstaltungen

Dramlett Eine Vorstands-Sitzung des Heine-Clubs

Vers Zehn kleine Meckerlein

Interview mit Regisseur Ernst Rooner zur Wozzek- Aufführung

Briefpapier

Mitgliedsausweis

Dokumente, Anzeigen, Programme

Bibliografie

Abkürzungsverzeichnis

Adressen

1. Einleitung

„ Und er verließsein graues Land, das ohne Stimme war, und ritt in einen Widerstand und k Ämpfte um Gefahr. “ (Rilke 1954)

Die deutschsprachigen Exilanten in Mexiko gründeten während des Zweiten Weltkrieges eine Reihe kulturpolitischer Organisationen, als deren bedeutendste der Heinrich-Heine-Klub1 ange- sehen werden kann. Die Initiative zu seiner Gründung im Jahr 1941 in Mexiko-Stadt ging von namhaften Exilautoren wie Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Bodo Uhse und anderen emigrier- ten Künstlern wie dem Musiker Dr. Ernst Römer aus. Bekannte Schriftsteller wie Lenka Reinerová, der Architekt Hannes Meyer, Schauspieler wie Steffie Spira sowie andere Kultur- schaffende und Wissenschaftler schlossen sich dem Heinrich-Heine-Klub an. Innerhalb kürzester Zeit gelang es den Beteiligten eine gut funktionierende Kulturorganisation mit mehreren hundert Mitgliedern aufzubauen. Das Interesse des Klubs war es, deutschsprachige Kultur fernab der Heimat zu pflegen und gleichzeitig mittels Literatur und anderer kultureller Ausdrucksformen Position gegen den Faschismus zu beziehen. Zwischen 1941 und 1946 organisierte der Heinrich- Heine-Klub unter den schwierigen Bedingungen des Exils regelmäßig ein- bis zweimal im Monat kulturelle Veranstaltungen in deutscher Sprache wie Theateraufführungen, Konzerte, literarische Abende, wissenschaftliche Vorträge und Filmvorführungen. Er erreichte auf diese Weise ein Pub- likum zwischen 200 und 800 Personen und gehörte damit zu einer der bedeutendsten kulturellen Vereinigungen des deutschsprachigen Exils in Lateinamerika.

1.1. Ausgangslage und These

In der Forschung ist dem Heinrich-Heine-Klub bislang jedoch nicht die ihm angemessene Be- deutung zugekommen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sozioliterarisch interessanten Vereinigungen wie dem Heinrich-Heine-Klub, die in der Zeit zwischen 1933 und1945 entstanden, nimmt in der Sekundärliteratur nur einen geringen Raum ein. Die Geltung des Heinrich-Heine-Klubs spiegelt sich nicht einmal an seinem Wirkungsort Mexiko-Stadt wider.2 Ein weiterer Grund, weshalb der Heinrich-Heine-Klub bisher weitestgehend unerforscht geblie- ben ist, dürfte in der schwierigen Quellenlage zu sehen sein. Die Materialsuche erwies sich als sehr aufwändig. Während der Recherchearbeit3 wurde offenbar, dass seit der Auflösung des Heinrich-Heine-Klubs 1946 bisher niemand die Quellen zusammengetragen und systematisch ausgewertet hat, um einen umfassenden Überblick über diese bedeutende Kulturorganisation zu ermöglichen. Durch die Zugänglichkeit der Unterlagen aus ehemaligen SED-Archiven sind mittlerweile neue Quellen zugänglich, die die bisherigen Kenntnisse über den Heinrich-Heine- Klub bedeutend erweitern. Mit einem größeren zeitlichen Abstand ist zudem eine kritische Neu- bewertung der Quellen möglich - und damit eine Neubewertung des Heinrich-Heine-Klubs. Nicht zuletzt das Wissen darum, welchen Einfluss der Kalte Krieg auf das Weltbild früherer For- schung hatte, macht es möglich, den Heinrich-Heine-Klub und seine Rezeptionsgeschichte nun unter anderen Vorzeichen zu erfassen. Diese Arbeit wird ein besseres Verständnis dafür liefern, was den Heinrich-Heine-Klub ausmachte, wer seine Mitglieder waren und welche sozioliterari- sche und politische Bedeutung er als Vereinigung in Mexiko und darüber hinaus hatte.

Im Wesentlichen werden in der Sekundärliteratur zwei Vorstellungen vom Heinrich-Heine-Klub deutlich. Der einen Ansicht nach ging der Klub aus dem Exilsalon der Österreicherin Irma Römer hervor und hielt die Erinnerungen der Exilanten an „ihre österreichische Heimat“ leben- dig. (Vgl. Kloyber 2002:183) Die andere Position sieht den Heinrich-Heine-Klub als politisches Instrument der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). (Vgl. Schmidt 2002:152 f.) Aus- gangsfrage dieser Arbeit ist es, wo sich der Heinrich-Heine-Klub unter Berücksichtigung der systematisch ausgewerteten Primärquellen zwischen diesen beiden Positionen verorten lässt. Die Autorin verfolgt dabei folgende These: Unter den besonderen Bedingungen des Exils hat der Heinrich-Heine-Klub sowohl eine soziale Funktion übernommen, als auch mit literarischen Mitteln über den Selbstzweck von Literatur hinaus politischen Einfluss auf die Exilgemeinde aus- üben wollen. Der Klub eröffnete den Schriftstellern ganz eigene Möglichkeiten, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Für diese neue Deutung des Heinrich-Heine-Klubs in inter- polarer Stellung zwischen den von der existierenden Forschungsliteratur aufgezeigten Charakterisierungen lassen sich heute weitaus mehr Belege finden. Diese Arbeit wird darüber hinaus zeigen, dass es die Umstände des Exils waren, die neben den kulturellen und politischen Ansprüchen seiner vielen prominenten Mitglieder das „Phänomen“ Heinrich-Heine-Klub her- vorgebracht haben.

Ein wichtiges Anliegen dieser Arbeit war es außerdem, Material aus verschiedenen Nachlässen und Archiven zusammenzutragen, um eine Basis für weitere Forschung zu schaffen. Bislang unveröffentlichte Drucksachen, die ihren Ursprung im Heinrich-Heine-Klub selbst haben, sind dieser Arbeit im Anhang beigefügt.

1.2. Vorgehensweise und Gliederung der Arbeit

Um der Beantwortung der Ausgangsfrage näher zu kommen, werden die konkreten Bedingungen des Exils in Mexiko untersucht, die den Heinrich-Heine-Klub überhaupt ermöglichten und zu seiner Gründung führten. Ausführungen darüber schließen sich daran an, wie der Heinrich- Heine-Klub strukturiert war und wie er unter den aufgezeigten Exilbedingungen als Kulturorga- nisation funktionierte. Diese Arbeit versucht ebenso die Entscheidungen jener nachzuvollziehen, die sich im Hinblick auf die politischen, sozialen oder kulturellen Konstellationen ihrer Zeit dem Heinrich-Heine-Klub anschlossen.

Die Einteilung der Arbeit folgt einer zeitlichen Gliederung, die in den 1940er Jahren mit der letzten großen Ausreisewelle aus Frankreich nach Mexiko einsetzte. Beginnend mit dem Kapitel Exilland Mexiko wird der Kontext, in dem sich die Exilanten bewegten, umrissen. Ohne interdisziplinäre Forschung, also der gleichzeitigen Untersuchung historischer Gegebenheiten, politischer Hintergründe sowie wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Voraussetzungen im Exil, können literarsoziologische Phänomene wie der Heinrich-Heine-Klub nicht erklärt werden.

Das anschließende Kapitel ist der Gründung des Klubs im November 1941 gewidmet und beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Theorien darüber, wer die Gründung initiierte. Im Anschluss wird die Namensgebung thematisiert.

Des Weiteren wird auf die erklärten Ziele und impliziten Funktionen eingegangen. Wer mit dem Programm erreicht werden sollte, wer also die Zuschauer waren, ob es sich vorrangig um Mitglie- der des Heinrich-Heine-Klubs handelte oder nicht, dem wird im Kapitel Publikum nachge- gangen.

Im Zusammenhang mit der Organisationsstruktur, wird im Abschnitt Mitglieder und Mitwirkende die Zusammensetzung der Mitglieder untersucht, ihre nationale Herkunft sowie ihre ideologische Ausrichtung. Ein weiterer Punkt ist die Finanzierung der Veranstaltungen und der Mitwirkenden.

Ein zentraler Bestandteil der Arbeit ist das Kapitel Programm, das die Verflechtungen zwischen Anspruch auf Unterhaltung und politischen Ambitionen am Beispiel der Theateraufführungen zeigt. Eine literaturwissenschaftliche Analyse der im Klub vorgestellten Literatur und Theaterstücke kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden.

Das Exil und die Zusammensetzung der Exilgemeinde brachten Probleme mit sich, die sich auch auf den Heinrich-Heine-Klub auswirkten und im Abschnitt Widerst Ände und Kritik untersucht werden.

Die Bedingungen in Europa, die ein Exil notwenig machten, waren mit Kriegsende 1945 nicht mehr gegeben. Deshalb bezieht sich der Begriff Exil4 aus der Sicht der deutschen Literaturgeschichte auf die Zeit zwischen 1933 und 1945. Die Auflösung von kulturellen Vereinigungen und Gruppen vollzog sich jedoch nicht von einem auf den anderen Tag, da die Rückreise der Exilanten sich aus finanziellen und organisatorischen Gründen oft verzögerte. Zur Auflösung des Heinrich-Heine-Klubs kam es deshalb erst im Februar 19465. Die Kapitel Ende des HeinrichHeine-Klubs und Die Rückreise schließen diese Arbeit ab.

Abhandlungen zum Heinrich-Heine-Klub beschränken sich oft nur auf die Nennung einiger prominenter Namen. Um einen Überblick über alle Mitglieder des Heinrich-Heine-Klubs zu erhalten, entstand deshalb im Verlauf der Arbeit eine Kartei der Mitwirkenden, die sukzessive aus anderen Quellen wie Archivmaterialien und Autobiografien ergänzt wurden. Diese Namen sind nun, alphabetisch geordnet, und, sofern diese zu ermitteln waren durch Kurzbiografien ergänzt, dem Anhang dieser Arbeit beigefügt (Siehe Anhang S. I-IX).

Im Anhang befindet sich weiterhin eine vollständige Aufstellung aller Veranstaltungen des Heinrich-Heine-Klubs. (Siehe Anhang S. XII-XIX)

2. Materialsituation und Quellenlage

Kein Ort in Mexiko-Stadt legt Zeugnis von den Aktivitäten des Heinrich-Heine-Klubs ab. Auch in Deutschland gibt es in keinem Archiv eine Karteikarte oder einen Datenbankeintrag unter dem Stichwort „Heinrich-Heine-Klub“. Die Sekundärliteratur hat sich nur am Rande mit dem Heinrich-Heine-Klub beschäftigt. In autobiografischen Texten, Briefen und Tagebüchern finden sich aber versatzstückhafte Hinweise zu Organisationsstrukturen und dem Verlauf von Veranstaltungen. Darüber hinaus diente als Grundlage für diese Arbeit Archivmaterial und allgemeine Sekundärliteratur zum Thema „Exil in Mexiko“.

Im Folgenden wird die Quellenlage erläutert und die Fundorte des Archivmaterials als Grundlage für weitere Forschungen aufgezeigt sowie die Sekundärliteratur charakterisiert. Alles in Deutschland zugängliche Material wurde ausgewertet. Grundlage für eine weiterführende Arbeit könnte eine auf das Ausland ausgedehnte Recherche, z.B. in Archiven in Prag und Wien6 sein.

2.1. Archivmaterial

Originaldokumente des Heinrich-Heine-Klubs ausfindig zu machen, um sie interpretieren zu können, gestaltete sich aus mehreren Gründen als schwierig. Aufgrund der besonderen Bedin- gungen des Exils gibt es wenig Archivmaterial. Im Fall des Heinrich-Heine-Klubs liegt das daran, dass nur spärlich dokumentiert wurde; es gab keine angestellten Bürokräfte, die sich hauptberuf- lich um Dokumentation hätten kümmern können. Darüber hinaus ist Material nur noch selten erhalten, da Dokumente wie Zwischenbilanzen, Kassenberichte und womöglich auch Briefe von verschiedenen Personen aufbewahrt, dadurch verstreut und oft verloren worden. Es ist weiterhin davon auszugehen, dass Dokumente bei der Abreise zurückgelassen oder vernichtet worden. Ver- schiedene Hinweise deuten darauf hin, dass es diese Dokumente gegeben hat. Im Vergleich zur Quellenlage des Heinrich-Heine-Klubs sind von parallel existierenden Vereinigungen, die aller- dings einen ganz anderen organisatorischen Charakter 7 hatten, sehr viele Briefe überliefert. Bislang hat keine Forschungseinrichtung Bestrebungen angestellt, ein eigenes vollständiges Hein- rich-Heine-Klub-Archiv aufzubauen.

Ein wichtiges Dokument für diese Arbeit ist die Festbroschüre Heines Geist in Mexiko, die der Heinrich-Heine-Klub nach seiner Auflösung 1946 in Mexiko-Stadt herausgab. Sie enthält kurze Beiträge der letzten Vorstandsmitglieder von Alexander Abusch bis Bodo Uhse. Aufschlussreich ist die in der Broschüre enthaltene Chronik aller Aktivitäten, die im Hinblick auf Termine zum Teil jedoch den Anzeigen und Rezensionen im Freien Deutschland (FD)8 widersprechen. Je ein Exemplar von Heines Geist in Mexiko befindet sich in der Sammlung Egon Erwin Kisch im Archiv der Akademie der Künste in Berlin (SAdK Sign. 56/44), in der Anna-Seghers-Gedenkstätte und im Rara-Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden (Sign. 19 ZZ 4521).

Die Auswertung der in Mexiko erschienenen Exilzeitschrift Freies Deutschland ergab, dass regel- mäßig Rezensionen zu Veranstaltungen des Heinrich-Heine-Klubs gedruckt wurden. Da die Herausgeber des Freien Deutschland jedoch zum größten Teil mit den Veranstaltern des Klubs identisch waren, können diese Rezensionen nicht unkritisch gelesen werden.9 Die Besprechungen waren vor allem wohlwollend und unterstützend. Marcel Rubin schreibt dazu in der Exilzeit schrift Demokratische Post: „Lob aus Höflichkeit, leider die Regel in den Blättern der deutschsprachigen Emigration, ist nicht Kritik, sondern Kritiklosigkeit.“ (DÖW 2002:442) Fehlgeschlagenen Veranstaltungen wurden die schwierigen Arbeitsverhältnisse im Exil zu Gute gehalten.

Hinweise im Freien Deutschland lassen darauf schließen, dass auch in der mexikanischen Presse über Veranstaltungen berichtet wurde. Eine Auswertung der mexikanischen Presse im Hinblick auf die Reflexion der Tätigkeiten des Heinrich-Heine-Klubs war im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht möglich.

Im konkreten Fall des Heinrich-Heine-Klubs kommt bei der Materialsuche erschwerend hinzu, BStU dass viele der Remigranten „in Ost-Berlin Anfang der 50er Jahre alles Material aus der Emigrati- on vernichtet haben, weil sie Angst hatten, dass es gegen sie verwendet werden könnte.“10 Überliefert sind hingegen autobiografische Selbstauskünfte11, die unter dem Rechtfertigungs- zwang der Prozesse zur Feststellung der Integrität der Mexikoexilanten in den 1950er Jahren in der DDR verfasst wurden. Auf die Abwehr jeder persönlichen Schuld abzielend, wurden vielfach Aussagen konstruiert. Diese Akten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) befin- den sich in der Obhut der „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ (BStU). Recherchen bei der BStU ergaben außer den Selbstauskünften, einigen Einladungskarten und leerem Briefpapier keinen Fund zum Heinrich-Heine-Klub, dafür eine umfangreiche Dokumentation aller Aktivitäten der Bewegung Freies Deutschland.12

In der „Stiftung Akademie der Künste“ (SAdK) befinden sich einige Nachlässe und Sammlungen Akademie der Künste von ehemaligen Heinrich-Heine-Klub-Mitgliedern wie Anna Seghers, Bodo Uhse, Alexander Abusch, Egon Erwin Kisch, aber auch von jenen, die mit ihnen im Kontakt standen. Aus den Nachlässen von Anna Seghers und Bodo Uhse zum Beispiel ist zu erfahren, dass es in der Zeit des Bestehens des Heinrich-Heine-Klubs einen regen Briefkontakt zu Exilanten in anderen Ländern wie Heinrich Mann und F.C. Weiskopf gab, deren Nachlässe sich auch in der SAdK befinden. Der Heinrich-Heine-Klub wurde in den gesichteten Briefen nicht erwähnt. Auch offizielle Briefe an den Heinrich-Heine-Klub wurden nicht gefunden, obgleich es Briefpapier gegeben hat. Im Nachlass von Egon Erwin Kisch befindet sich ein solcher Briefbogen des Heinrich-Heine-Klubs mit gedrucktem Kopf. Kisch diente der Bogen als Papier für einen Essayentwurf.

Die Tagebuchaufzeichnungen von Mitgliedern, die sich in der SAdK befinden, enthalten selten Konkretes über den Heinrich-Heine-Klub. Sie geben jedoch Einblicke in die Gefühlslage der Beteiligten wie im Beispiel Bodo Uhses, bei dem Anfeindungen durch Schriftstellerkollegen im Rahmen einer Heinrich-Heine-Klub-Veranstaltung ein Schaffenskrise auslöste.13 (Vgl. SAdK Bodo Uhse Sign. 380)

In der SAdK befinden sich auch autobiografische Selbstauskünfte. Steffie Spira verarbeitete Teile dieser Selbstauskünfte, Erinnerungen an Veranstaltungsvorbereitungen zum Beispiel, in ihrer Autobiografie Trab der Schaukelpferde. Autobiografische Schriften sind besonders im Vergleich untereinander interessant, zeigen sie doch, wie unterschiedlich die Erinnerungen an das Exil und damit einhergegangene Erfahrungen sind. 30 oder 40 Jahre nach der Rückkehr aufgeschrieben, ist die Glaubwürdigkeit der Berichte nicht gesichert. Das zeigt sich in zum Teil auftretenden Widersprüchen zwischen Erinnertem und Berichten aus dem Freien Deutschland.14

1990 erfolgte im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands die Vereinigung des Bundesarchivs Bundesarchiv mit den zentralen Archiven der DDR. Zwei Jahre später wurde die „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv“ (SAPMO) in Berlin errichtet. Zu den Unterlagen im Bundesarchiv gehören Erinnerungen, Nachlässe und Sammlungen privater Her- kunft von Heinrich-Heine-Klub-Mitgliedern. Einige der sich im Anhang befindenden Kopien von Dokumenten, Einladungskarten und vom Briefpapier des Heinrich-Heine-Klubs (Siehe An- hang S. XXIV) werden in dieser Arbeit erstmals öffentlich zugänglich gemacht.

Aufschlussreich war der Besuch der letzten Wohnung15 der Präsidentin des Heinrich-Heine- Anna-Seghers- Gedenkstätte Klubs, Anna Seghers. Sie lebte in dieser Wohnung in Berlin-Adlershof von 1955 bis 1983. Die Akademie der Künste, der Anna Seghers ihren Nachlass vererbte, begann nach ihrem Tod am 1. Juni 1983 dort mit der Einrichtung einer Gedenkstätte. Seit 1985 ist diese Gedenkstätte der Öf- fentlichkeit zugänglich. Fast alles wurde so belassen, wie es Anna Seghers hinterlassen hatte. In den bis an die Decke reichenden Bücherregalen im Flur sowie in den Wohn- und Arbeitszimmern steht nach wie vor ihre umfangreiche Bibliothek mit über 9.000 Bänden. Das Gespräch mit Monika Melchert, der stellvertretenden Vorsitzenden der Anna-Seghers-Gesellschaft, die die Autorin durch die Räume führte, gab wichtige Impulse für das Kapitel Namensgebung.

Eine in Bezug auf den Heinrich-Heine-Klub noch unausgewertete Quelle sind die Akten ameri- kanischer Geheimdienste, des Federal Bureau of Investigation (FBI) und der Central Intelligence Agency (CIA), die so genannte Linke in Mexiko ins Visier nahmen.16 Diese Akten könnten bishe- riges Wissen über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Exilautoren, ihre politischen Aktivitäten, literarische Projekte, finanzielle Nöte und Liebschaften ergänzen. Alexander Stephan, der über 10.000 Akten des amerikanischen Geheimdienstes über Exilschriftsteller ausgewertet hat, erwähnt in seinem darauf basierenden Buch Im Visier des FBI, dass es ein Dossier zum Hein- rich-Heine-Klub gibt (Vgl. Stephan 1998:241). Dieses Dossier wurde von FBI-Agenten über Veranstaltungen des Heinrich-Heine-Klubs angelegt, die sie regelmäßig besucht haben. Aller- dings werden viele der Akten immer noch vom FBI zurückgehalten.17

Da es keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt, musste auf diese Quelle verzichtet werden.18

2.2. Exilforschungsliteratur

Bei der Literaturrecherche fiel auf, dass innerhalb der Exilforschung das Exil in Lateinamerika vernachlässigt wurde. Vom eurozentristischen Blick aus gesehen an der Peripherie liegend, wird Lateinamerika in der deutschen Exilforschung auch nur peripher behandelt, obgleich sich ein Fünftel19 der deutschen Emigranten dort nach 1933 niederließen.

Zum Thema Vereinsforschung im Exil gibt es keine eigenständigen Publikationen. Zusammen- schlüsse von Intellektuellen und Kulturschaffenden im Exil werden lediglich in einzelnen Kapiteln von Gesamtdarstellungen kurz umrissen. Die Gründe für deren Entstehung und die Bedeutung ihrer Arbeit erschließen sich daraus nicht. Das Interesse an weltanschaulichen Positionen und der gesellschaftspolitischen Orientierung bestimmter Dichtergruppen rückt in der Literaturwissenschaft immer mehr in den Hintergrund. Der Literaturwissenschaftler Jost Hermand stellte im Rahmen der Untersuchung deutscher Dichterbünde fest:

Gruppenbetonte Intentionen oder gar parteipolitische Entscheidungen spielten [...] in der germanistischen Forschung nach 1980 eine immer geringere Rolle. (Hermand 1998:2)

Das Schreiben über das Exil ist genauso politisch, wie das Exil an sich. Die Sekundärliteratur zur Exilforschung reflektiert deshalb im besonderen Maße die politische Einstellung und Weltanschauung der Autoren. Nachfolgend wird ein kurzer Überblick über die Exilforschungsliteratur gegeben. Gleichzeitig wird eine kurze Charakterisierung dieser Literatur vorgenommen, um die Aussagen der einzelnen Autoren besser werten zu können.

Die erste Veröffentlichung zum Exil nach dem Zweiten Weltkrieg war Walter A. Berendsons Die humanistische Front (1946). F.C. Weißkopfs Unter fremden Himmeln. Abrißder deutschen Litera tur 1933-1947 erschien zwei Jahre später, 1948.

Eine Zeit der Tabuisierung des Exils in beiden Teilen Deutschlands, aus jeweils unterschiedlichen Gründen, führte dazu, dass erst Anfang der 1970er Jahre wieder zum Thema Exilforschung pub- liziert wurde. Das Interesse der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg war nicht groß, was vornehmlich daran lag, dass es sich um kommunistische und linke Exilierte handelte. Der Ger- manist Jost Hermand sieht die Gründe für die mangelnde wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Exilliteratur und Exiltheater in der BRD zum einen in der um 1947 verstärkt einsetzenden antikommunistischen Haltung. Zum anderen blieben Professoren der Germanistik aus dem Dritten Reich in ihren Positionen.20

Aus Sicht der BRD verloren Schriftsteller wie Ludwig Renn, Bodo Uhse und Anna Seghers, die freiwillig in die DDR gingen, ihre moralische Legitimation. Die Anna Seghers-Forschung zum Beispiel war in der BRD spärlich, weil man ihr Angepasstheit und ihren späteren Arbeiten Propaganda vorwarf.21

In der DDR bewirkten in den 1950er Jahren mit Beginn des Kalten Krieges parteigeschichtliche Hintergründe eine Tabuisierung des mexikanischen Exils wegen seiner autonomen KPD-Politik.22

Die erste umfassende Darstellung des deutschsprachigen Exils in Mexiko wurde erst 1967 vom DDR-Historiker Wolfgang Kießling vorgelegt. Fritz Pohle, einer der führenden Exilforscher der BRD, unterstellt Kießlings frühen Abhandlungen, die Geschichte der KPD-Exilgruppe in Mexi- ko in das Bild der Parteigeschichte der SED eingepasst zu haben. (Vgl. Pohle 1986:IX).

Erst 1972 wurde in der BRD das Buch Deutsche Exilliteratur 1933-1950 von Hans-Albert Walter publiziert. Ein Jahr später erschien in München Theater im Exil, herausgegeben von Hans Christof Wächter. In seinem Buch befasst er sich auf einigen Seiten mit der Theaterarbeit des Heinrich-Heine-Klubs.

1974 gab es eine weitere umfassende Publikation über das mexikanische Exil von Wolfgang Kießling, Alemania Libre in Mexiko. Sie ist die erste Dokumentation von Materialien zum mexi- kanischen Exil aus dem SED-Parteiarchiv. Da diese Unterlagen für andere zu diesem Zeitpunkt unzugänglich waren, bildete die Dokumentation mit ihrer Auswertung eine Grundlage für andere Exilforscher.

Aus einem anderen Hintergrund als Kießling schrieb Marianne Oeste de Bopp 1973 ihren Auf- satz Die Exilsituation in Mexiko, erschienen in Manfred Durzaks Sammelband Die deutsche Exilliteratur 1933-1945. Sie schrieb aus der Sicht der bürgerlichen Position der deutschen Kolo- nie, die den deutschen Flüchtlingen größtenteils feindlich gesinnt war (Vgl. Kapitel Exilland Mexiko S. 21). Ihre Einstellung spiegelt sich in ihrem Vokabular wider. Verallgemeinernd setzt sie Kommunisten mit „radikal marxistisch Eingestellten [mit einer] aktivistischen Parteihaltung“gleich (Bopp 1973:176) und erwähnt Parteifunktionäre nicht ohne den Zusatz „militant“ (Bopp 1973:178).

1981veröffentlichte Kießling sein Werk Exil in Lateinamerika in der Reihe Kunst und Kultur im antifaschistischen Exil 1933 - 1945. Wie Alemania Libre in Mexiko gehört dieses Buch zwar zu den Standardwerken. Beide sind jedoch unvollständig. Wenn der Autor von Exilanten in Mexiko spricht, erwähnt er nur die Namen der Kommunisten wie Alexander Abusch, Erich Jungmann, Paul Merker und Ludwig Renn. Parteilose oder anderen Parteien angehörige Intellektuelle, meist Juden wie Rudolf Feistmann oder die Brüder Zuckermann unterschlägt er. Die Literaturhistorikerin Brigitte Schmidt wirft Wolfgang Kießling eine unterschwellige antisemitische Formierung der Geschichte vor, auch wenn er ihrer Aussage nach seit 1989 bemüht war, mit der Geschichte der Opfer eigene Falschaussagen aufzuarbeiten (Vgl. Schmidt 2002:16).

In den 1980er Jahren entstanden die Arbeiten von Fritz Pohle Das mexikanische Exil (1986) und vom österreichischen Exilforscher Christian Kloyber (1987). Pohle23 ist zum Teil deutlich seine antikommunistische Einstellung anzumerken, während Christian Kloyber die Rolle der österrei- chischen Juden sehr stark betont, die in den deutschen Publikationen vernachlässigt wird.24

Ein Buch, das einen differenzierten Einblick in das Thema „Exilland Mexiko“ gibt, ist das von Renata von Hanffstengel, einer in Mexiko lebenden Exilforscherin, 1995 herausgegebene Buch Mexiko, das wohltemperierte Exil. Zu den neuesten Publikationen zählt Markus G. Patkas Buch Zu nahe der Sonne (1999), in dem er verschiedene Phänomene des Exils am Beispiel einzelner Mexikoexilanten zeigt. Da Buch gibt einen ersten Einblick in verschiedene Themen.

Mit Ö sterreicher im Exil. Mexiko 1938-1947 erschien 2002 eine ausführliche Dokumentation des Exils in Mexiko, herausgegeben vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW). Die Einführungen der Autoren Christian Kloyber und Markus G. Patka,25 um die Do- kumente in einen Kontext zu stellen, sind zum großen Teil nützlich. An manchen Stellen lassen sich die Autoren jedoch zu Vermutungen verleiten, die nicht begründet sind. Dennoch bildet die Dokumentation eine gute Basis zur weiteren Erforschung des mexikanischen Exils.

3. Mexiko als Exilland für Deutsche

„ Sein Volk mißtraut den Ausl Ändern, unter deren Gier es jahrhundertelang gelitten hat. Es mißtraut auch dem flüchtigen Besucher, der es anstaunt wie ein wildes Wunder und in allem nur die Heiterkeit sehen will, nie aber die schwere Last des Pflugs und die Schrecken der Trockenheit und den Wahnsinn, der in den Tropenn Ächten umgeht. “ (Regler 1995:134)

In diesem Kapitel wird aufgezeigt, dass das Exilland Mexiko in entscheidendem Zusammenhang mit der Gründung des Heinrich-Heine-Klubs stand. Es war kein Zufall, dass sich gerade in Me- xiko-Stadt jene Konstellation von Leuten zusammenfand, die ein gemeinsames Interesse und auch die Vorraussetzungen mitbrachten, den Heinrich-Heine-Klub zu gründen. Sowohl die Flüchtlingspolitik in den 1940er Jahren, als auch das politische Klima in Mexiko allgemein zu dieser Zeit und die wohlwollende Haltung der mexikanischen Regierung gegenüber kulturschaf- fenden Exilanten machten die Gründung einer deutschsprachigen Kulturorganisation überhaupt erst möglich.

3.1. Mexikos Einwanderungspolitik der 1940er Jahre

Trotz seines Rufs ist Mexiko bei genauerer Betrachtung kein klassisches Exilland. (Vgl. Pohle 1986:4) Die Einwanderungspolitik Mexikos erlebte zum Beispiel restriktive Phasen, in denen keine Flüchtlinge einreisen durften. Fritz Pohle zählt Gründe auf, die zum Mythos Mexikos als klassischem Exilland beitrugen:

Die besondere Liberalität Mexikos bei der Aufnahme verfolgter Revolutionäre, die großzügigen Asylangebote an vertriebene Republikaner und an andere europäische Antifaschisten und nicht zuletzt die außergewöhnli- che politische Bewegungsfreiheit, die Exilierte in Mexiko genossen, haben Tendenzen zur Verklärung des Phänomens „Asyl in Mexiko“ begünstigt. Hinter dem Bild des seine Grenzen den europäischen Flüchtlingen weit öffnenden antifaschistischen Mexiko bleiben sowohl die zahlenmäßigen Dimensionen, als auch die nähe- ren Umstände der mexikanischen Asylgewährung und Flüchtlingspolitik im Dunkeln. (Pohle 1986:4)

Laut einer Anfang 1943 veröffentlichten Statistik nahm Mexiko zwischen 1933 und 1941 nur 1.200 deutschsprachige Flüchtlinge26 auf, während andere lateinamerikanische Länder wie z.B. Argentinien 45.000 deutschsprachigen Flüchtlingen und Brasilien 25.000 Exil gewährten. (Vgl. Kießling 1981:51) Die Anzahl der in Mexiko aufgenommenen Flüchtlinge war im Vergleich zu anderen Ländern demnach sehr gering. Brasilien hatte jedoch im Gegensatz zu Mexiko keine Kommunisten oder der KPD nahe stehenden Emigranten einreisen lassen, nur Mexiko hatte kei- ne politische Einwanderungsklausel. Mexiko-Visa wurden hauptsächlich an politische Flüchtlinge vergeben. (Vgl. DÖW 2002:177)

Neben den politischen Flüchtlingen wurde aber auch jenen die Einreise gewährt, die sich ver- pflichteten, in die mexikanische Wirtschaft zu investieren. Es gab also die Möglichkeit, als „investierender Einwanderer“ nach Mexiko einzureisen. Dazu war es nötig, eine Summe von 50.000 USD für Investitionen und 10.000 USD für die Garantie der Investitionen bei der mexikanischen Bank Nacional Monte de Piedad zu deponieren. (Vgl. DÖW 2002:162) Die Frage des finanziellen Potentials von Einreisewilligen und deren berufliche Qualifizierung bestimmte vorrangig die mexikanische Asylpolitik, war also mehr von wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten bestimmt als von humanitären.

Eine mögliche Erklärung dafür ist die schwierige wirtschaftliche Lage Mexikos Ende der 1930er Jahre. Zu dieser Zeit gab es in Mexiko-Stadt 300.000 Arbeitslose, das entspricht einer Arbeitslo- senquote von über 15 %. Dass Mexiko nur widerstrebend Flüchtlinge aufnahm, hatte also auch praktische Gründe. Die Beschränkungen sollten verhindern, dass Einwanderer einheimischen Arbeitnehmern die Arbeitsplätze streitig machen oder eine Konkurrenz für Arbeitslose darstellen. (Vgl. DÖW 2002:139)

In Sachen Einwanderung waren sich der Präsident Mexikos Lázaro Cárdenas27, der eine liberale Einwanderungspolitik verfolgte, und das mexikanische Innenministerium nicht einig. Das In- nenministerium forderte im Gegensatz zu Cárdenas eine restriktive Einwanderungspolitik. Im Januar 1939 begründet der Innenminister Ignacio Garcia Tellez diese Forderung mit der Pflicht, „die Einwanderung von Fachkräften zu verhindern, die die Gefahr der Entlassung von mexikani- schen Arbeitern [...] bedeutend verschärfen würden“ (DÖW 2002:139), wobei es nicht um Rassenvorurteile ginge. Jedoch bezieht sich der Innenminister eindeutig auf jüdische Einwanderer, die er bezichtigt, sich mittels „Tourismus-Trick“ die Einreise zu erschleichen.

Der verfolgte Israelit reist weder zum Vergnügen noch führt er das erforderliche Bargeld mit sich, und, was letztendlich die zeitliche Beschränkung (sechs Monate) anbelangt, so möchte er natürlich nach deren Ablauf nicht in sein Land zurückkehren, und im Allgemeinen kann er das auch nicht, weil sein Pass nicht in Ordnung ist. (DÖW 2002:140)

Den Verweis auf fehlende Arbeitsplätze benutzten auch die profaschistischen Gruppierungen als Argument, um Einfluss auf die jüdische Emigration zu nehmen. (Vgl. Pohle 1986:10) Mexiko verhielt sich deshalb besonders bei der Aufnahme nichtspanischer, europäischer Flüchtlinge jüdischen Glaubens eher zurückhaltend.

Vor allem aber war Mexiko nicht an Einwanderern interessiert, die sich schlecht assimilieren lie- ßen. Auf Grund ihrer Erfahrungen mit der deutschen Kolonie28, die über Generationen ihren nationalen Charakter beibehalten hatte, hatte Mexiko für die Bildung nationaler Minderheiten kein Verständnis. (Vgl. DÖW 2002:141) Die demografische Politik Mexikos zielte nämlich auf die Erhöhung des mestizischen29 Anteils der Bevölkerung durch Assimilation von Ausländern. Deshalb gewährte man vorzugsweise Spaniern Asyl, da diese auf Grund der gleichen Sprache als assimilierfähig galten. So nahm Mexiko in den Kriegsjahren 40.000 spanische Flüchtlinge auf. (Vgl. DÖW 2002:128)

Die Einreise nichtspanischer Flüchtlinge wurde 1939 zusätzlich durch den Abschluss des Nichtangriffspakts zwischen der Sowjetunion und Deutschland erschwert. Diese Allianz zwischen Stalin und Hitler führte zu Vorbehalten gegenüber der Einreise von Kommunisten.30 Die Einwanderungsquote wurde auf 1.000 Personen deutscher und österreichischer Nationalität gesenkt. (Vgl. DÖW 2002:22)

3.2. Einzelinitiativen zur Visabeschaffung

Im Juni 1940 spitzte sich mit der Kapitulation Frankreichs die Lage der nach Südfrankreich geflüchteten politischen Exilanten dermaßen zu, dass sie Europa sofort verlassen mussten. Im letzten Moment wurde von Fall zu Fall durch den Präsidenten Lázaro Cárdenas persönlich entschieden, wer zusätzlich einreisen durfte. (Vgl. DÖW 2002:21)

Nur wo es sich um prominente politische Kämpfer handelt, die Gefahr laufen, infolge ihrer Aktivitäten gegen den Faschismus Leben und Freiheit zu verlieren, kann in Einzelfällen die Asylgewährung durchgesetzt werden. (DÖW 2002:141)

Initiativen einzelner mexikanischer Entscheidungsträger bestimmten maßgeblich Mexikos Asyl- politik. Der mexikanische Botschafter in Marseille31 Gilberto Bosques zum Beispiel, der dort die schwierige Lage der Exilanten einschätzen konnte, setzte sich über die asylpolitischen Richtlinien seiner Regierung hinweg und versuchte, so viele Leben wie möglich zu retten. 1941 stellte er den in Le Vernet32 Internierten Einreisevisa aus und verhinderte somit deren Auslieferung an die Na- tionalsozialisten. Unter den Internierten befand sich eine größere Anzahl deutschsprachiger Schriftsteller, Politiker und Publizisten. Bei der Visaerteilung umging Bosques die sonst nötige Zustimmung des mexikanischen Innenministeriums, die seit 1940 für die Einreise Staatenloser Pflicht war. Durch seine Eigeninitiative weitete Gilberto Bosques Mexikos schützende Unterstützung auf alle antinazistischen und antifaschistischen Flüchtlinge in Frankreich aus. Die mexikanische Regierung legalisierte seine Initiative im Nachhinein.

Gilberto Bosques begründete sein Engagement 1988 bescheiden mit humanitärer Verpflichtung:

Unter diesen höchst Besorgnis erregenden Rahmenbedingungen wurden Unterstützung und Hilfe für die verfolgten Israeliten zu einer humanitären Verpflichtung. Mexiko hatte in dieser Frage keine offene und entschlossene Position bezogen, aber in Frankreich spielte sich ein Drama ab, und so musste man diesen Menschen helfen. (DÖW 2002:133)

Während Bosques von Frankreich aus alles für die Exilanten tat, war in Mexiko der politisch ein- flussreichste Fürsprecher für die Aufnahme politischer Exilanten Vicente Lombardo Toledano, Politiker und Vorsitzender des Gewerkschaftsverbandes CTM. (Vgl. Pohle 1986:24) Er war Freund und Unterstützer der deutschsprachigen Kommunisten, besonders der Schriftsteller und Journalisten, und setzte sich persönlich beim Präsidenten Lázaro Cárdenas für deren Einreise ein.

Die unter den Bedingungen der Internierung entstandenen Organisationsverbindungen und das Netzwerk der Kulturschaffenden wurden genutzt, um in Zusammenarbeit mit dem mexikani- schen Konsulat Fluchtmöglichkeiten zu organisieren. Diejenigen, denen die Flucht nach Mexiko gelungen war, versuchten von dort aus Visa und Reisemittel für die in Frankreich Internierten zu besorgen. Von Mexiko aus bemühten sich Bodo Uhse33 und Gustav Regler34 mit Hilfe der Liga Pro-Cultura Alemana 35 , der ersten deutschen Exilorganisation, in Mexiko um Einreisevisa. Der Berliner Journalist Enrique Gutmann36, Gründer der Liga, unterhielt gute Beziehungen zu Funk- tionären der Regierung und Gewerkschaften, und stellte sich als Kenner der mexikanischen Bürokratie und „coyataje“ - Berufsbestecher - in die Dienste der Exilanten und Emigranten.

(Vgl. Pohle 1986:26) Von Amerika aus bemühte sich F.C. Weiskopf um die Ausreise vieler Exilanten aus Europa. Bodo Uhse erinnert sich an das Engagement F.C. Weiskopfs:

Mit welchem Eifer und mit welcher menschlichen Wärme doch hat er, als viele der nach Frankreich emig- rierten Schriftsteller durch den Einmarsch Hitlers in Gefahr waren, von New York aus um ihre Rettung gekämpft und gerungen. Kein Tag verging damals, ohne daß nicht ein Brief in mein mexikanisches Exil flat- terte mit Berichten, Wünschen, Vorschlägen, Anregungen. Und wenn ich müde war und verzweifelt, weil die Dinge nicht weitergehen wollten, weil es an allem fehlte und nicht einmal das nötige Porto für Briefe da war - seine Unverdrossenheit fand Worte und Mittel, mich zu stärken und die Arbeit weiterzutreiben. (Reinerová 1985:48)

Die Einzelinitiativen zur Visabeschaffung für deutschsprachige Intellektuelle waren überhaupt nur möglich, weil der mexikanischen Regierung grundsätzlich am Erhalt der deutschen Kultur lag. Die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Mexiko haben eine lange Tradition, die mit dem ersten Besuch Alexander von Humboldts in Mexiko zwischen 1803 und 1804 ein- geleitet wurde.37

3.3. Reformpolitik Mexikos und die Rolle der Exilanten

Die politische Orientierung Mexikos38 Mitte des 20. Jahrhunderts und seine revolutionären Geschichte39 trugen dazu bei, dass hauptsächlich politischen Flüchtlingen Asyl gewährt wurde. Präsident Cárdenas gab am 7. August 1940 Anweisung an das Konsulat in Marseille einer Gruppe von Kulturschaffenden politisches Asyl zu gewähren:

Es handelt sich dabei um Personen, die auf Grund ihrer Vorgeschichte die Tradition der deutschen Kultur vertreten und die zu ihren persönlichen Qualitäten noch die Eigenschaften aufweisen, dass sie Kämpfer für die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit sind. (DÖW 2002:160)

Die Bemühungen der Regierung unter Lázaro Cárdenas, das Land zu reformieren, fanden ihren Ausdruck vor allem in der Verstaatlichung der Eisenbahn und der Erdölgesellschaften. Teil seines Reformprogramms war die Bildungsreform, die es sinnvoll erscheinen ließ, ausländische Intel- lektuelle mit einzubeziehen. Cárdenas wollte aber generell das wissenschaftliche und kulturelle Kapital der Exilanten für die Entwicklung seines Landes fruchtbar machen. Für Exilanten gab es keine Beschränkungen im Zugang zu Lehre und Forschung. Mexiko gewährte deshalb im Gegen- satz zu anderen Exilländern den Eingewanderten mit dem Visum gleichzeitig eine Arbeitserlaubnis. (Vgl. DÖW 2002:192)

Unter diesen Voraussetzungen kam zum Beispiel der deutsche Reformpädagoge und sozialistische Theoretiker Otto Rühle40 auf Initiative des mexikanischen Bildungsministeriums nach Mexiko, für das er bis 1939 arbeitete. (Vgl. Pohle 1986:2) Andere, die ihr Wissen in den Dienst Mexikos stellten, waren die Mitglieder des Heinrich-Heine-Klubs Ludwig Renn, der als Professor an der Universität Morelia lehrte, (Vgl. DÖW 2002:275) sowie Alexander Abusch, Rudolf Feistmann, Bruno Frei, Erich Jungmann, Paul Merker, Anna Seghers und André Simone,41 die als Dozenten an der Universidad Obrera, der Marxistischen Arbeiter-Universität Mexikos, arbeiteten. (Vgl. Sandoval 2001:112) Die Bedenken der mexikanischen Regierung gegenüber ausländischen Ein- wanderern, die in Mexiko bleiben würden, gab es gegenüber den politischen Exilanten nicht, weil klar war, dass sie das Exil in Mexiko nur als vorübergehenden Aufenthaltsort betrachteten und alles daran setzen würden, nach Beendigung des Krieges nach Europa zurückkehren zu können.42

3.4. Unfreiwilliges Exil

Viele der deutschsprachigen Exilanten wollten nicht nach Mexiko.43 Sie schreckte die große Ent- fernung zur Heimat. Ihnen ging es dabei wie Walter Janka, der sagte: „Zunächst wollte ich nichts von Mexiko wissen. Mir war dieses Land viel zu weit weg.“ (Janka 1991:185) Für die Antifa- schisten unter den Exilanten kam hinzu, dass sie aufgrund der Entfernung glaubten, weniger Einflussmöglichkeiten auf die Geschehnisse im Dritten Reich zu haben. Bodo Uhse schrieb am 1. Februar 1944: „Oft verwuenschen wir, dass wir hier so weit weg vom Schuss sind.“ (SAdK Bodo Uhse, Sign. 206)

Im Vergleich zu anderen Exilländern erschienen den Exilanten der Entwicklungsstand Mexikos zudem gering und die wirtschaftlichen Strukturen unentwickelt. Für viele Exilanten war das Grund genug, Mexiko nicht als bevorzugtes Fluchtziel zu betrachten. Anna Seghers zum Beispiel hatte sich ihr Exil in den USA vorgestellt. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen jedoch zog Bodo Uhse, Mitbegründer des Heinrich-Heine-Klubs, das mexikanische Exil dem amerikanischen vor. Der Gedanke „vom geschichtslosen Boden dieses Landes [den USA] nun wieder in ein Land mit alter Kultur zu kommen“, gab Uhse „ein merkwürdig anheimelndes Gefühl.“ (Caspar 1990:25) Einigen glückte die Einreise in die USA. Die USA lagen zwar nicht näher an Europa, jedoch war der Kulturunterschied zu Europa dort nicht so groß. Ein linkspolitisches Engagement war allerdings in den USA nicht denkbar.

Abgesehen von der Entfernung gab es noch einen anderen Grund, warum gerade linke Exilanten Mexiko nicht attraktiv finden konnten. Allein in der Hauptstadt Mexiko-Stadt lebten ca. 6.000 deutsche Staatsangehörige, von denen 1933 ein hoher Prozentsatz die NSDAP wählten. (Vgl. Schmidt 2004:http) Die Mehrzahl der Deutschen, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Me- xiko lebten, war demnach sehr konservativ und nationalistisch. Ihr Deutschlandbild war geprägt von der Zeit vor 1914. Sie standen der Machtergreifung der Nationalsozialisten positiv gegen- über. Diese wiederum bemühten sich bewusst um die Unterstützung der Deutschen in Mexiko. Seit 1932 gab es eine Landesgruppe Mexiko der NSDAP-Auslandsorganisation. Außerdem gin- gen junge Mexikodeutsche freiwillig nach Europa, um für Hitlers Deutschland zu kämpfen. Vermögende Mexikodeutsche unterstützten die Nationalsozialisten finanziell. Die ersten politi- schen Flüchtlinge aus Deutschland sahen sich also einer den Nationalsozialisten positiv eingestellten Mehrheit Auslandsdeutscher gegenüber. Nachdem das Schicksal sie nun einmal nach Mexiko geführt hatte, stellte aber gerade diese Tatsache auch eine Herausforderung dar. Sie konnten über das was tatsächlich in Deutschland vor sich ging aufklären und die Menschen vom Antifaschismus versuchen, zu überzeugen. Fernab der Heimat konnten sie so ihren Beitrag leis- ten. Wenige werden geglaubt haben, dass sie gerade in Mexiko die Möglichkeit dazu bekommen würden.

Da sich kaum jemand lange auf die Abreise aus Europa vorbereiten konnte, beherrschten nur wenige die Landessprache Mexikos - Spanisch. In diesem „ungewollten“ Exil verspürten die Exil- anten in einer so andersartigen Kultur als der ihren, deren Sprache sie nicht einmal sprachen, das Bedürfnis, sich eine deutschsprachige kulturelle Insel zu schaffen. Mexiko zeigte sich im Gegen- satz zu anderen lateinamerikanischen Ländern in der Beziehung als großzügiges Exilland. Die Exilanten hatten in Mexiko Versammlungs- und Pressefreiheit und bekamen sogar aktive Unterstützung sowohl von der mexikanischen Regierung als auch von der Gewerkschaft44 und konnten ungestört Organisationen wie den Heinrich-Heine-Klub aufbauen. Darüber hinaus unterlagen die Veranstaltungen des Heinrich-Heine-Klubs keiner Zensur durch die Regierung oder Behörden. (Vgl. Sandoval 2001:62)

Wie in diesem Kapitel gezeigt wurde, kamen im Verhältnis zu anderen lateinamerikanischen Ländern nur relativ wenig deutschsprachige Exilanten nach Mexiko. Die meisten von ihnen wa- ren politische Exilanten und Antifaschisten, die sich in Mexiko-Stadt niederließen. Die Annahme von der Literaturwissenschaftlerin Birgit Schmidt, dass die Konzentration von Linken darauf zu- rückzuführen ist, dass kommunistische Schriftsteller in der Frage nach dem Ort des Exils den Vorgaben der KPD unterstanden (Vgl. Schmidt 2002:39), ist in diesem Zusammenhang eher unschlüssig. Vieles spricht dagegen, insbesondere die Notwendigkeit der Flucht aus Frankreich 1941, die die Exilanten aus Mangel an Alternativen45 nach Mexiko führte. All die genannten Kriterien, die Einwanderungspolitik Mexikos und das persönliche Engagement von Vicente Lombardo Toledano zum Beispiel, sorgten dafür, dass ein Großteil der Exilanten Literaten und Schauspieler waren. Somit war personell die Basis für die Gründung einer Kulturorganisation Ende 1941 gegeben. Lateinamerika war als Exilort zwar selten erste Wahl dieser Literaten und Schauspieler. Mexiko bot ihnen dennoch die optimalen Bedingungen für deutschsprachige Kul- turarbeit, konkret die Gründung des Heinrich-Heine-Klubs.

4. Gründung

„ Auf einmal ging die Tür zu Egons Zimmer auf, Gisl erschien auf der Schwelle und fragte: ‚ Wollt ihr noch Kaffee, oder gründet ihr schon wieder etwas? ’“ (Reinerov á 1985:107)

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den konkreten Umständen der Gründung. Es beantwortet die Frage auf wen die Initiative zurückging und diskutiert die damit im Zusammenhang stehenden Theorien in der Sekundärliteratur sowie die Gründungsmotive.

4.1. Das Pariser Netzwerk

Einen wichtigen vorbereitenden Charakter hatte vor Ankunft in Mexiko-Stadt die Zeit in Paris. Nach Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland flüchteten viele Schriftstellerinnen, Schriftsteller und andere Kunstschaffende nach Paris, zu denen auch die zukünftigen Mitglieder des Heinrich-Heine-Klubs gehörten. Unter ihnen bestand ein guter Zusammenhalt. Sie bildeten sozusagen ein Netzwerk: „Wir hatten enge Verbindungen miteinander und konnten schnell etwas auf die Beine bringen.“ (Spira 1984:103) So organisierten sie schon in Paris deutschsprachige, kulturelle Veranstaltungen die gut besucht waren. Sie trafen sich regelmäßig montags im Café Mephisto, Boulevard Saint-Germain, Ecke Rue de Seine. Schon bei diesen Treffen wurde aus unveröffentlichten Manuskripten gelesen, meist von professionellen Schauspielern, wie es später im Heinrich-Heine-Klub weitergeführt werden sollte.

Außerdem gründeten sie dort im Oktober 1933 den Schutzverband Deutscher Schriftsteller im Exil (SDS), nachdem er in Deutschland von den Nazis verboten worden war. Mitglieder waren unter anderen Recha Rothschild, Joseph Roth, Hermann Kesten, Max Schroeder, Arthur Koestler, Alfred Kantorowicz, Gustav Regler und die späteren Heinrich-Heine-Klub-Mitglieder Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Theo Balk, Bodo Uhse, Kurt Stern. (Vgl. Spira 1984:102)

1936 bildeten sich in einzelnen Pariser Stadtteilen die Freundeskreise der deutschen Volksfront, die Veranstaltungen organisierten auf denen u.a. Steffie Spira antifaschistische Lyrik vortrug oder Kurt Stern seine Kriegserlebnisse aus Spanien erzählte. (Vgl. Spira 1984:110) Diese Zusammen- arbeit und die Entfaltung einer eigenständigen Exilpolitik hatten einen wesentlichen vorbereitenden Charakter für die Gründung des Heinrich-Heine-Klubs in Mexiko. Diese ge- meinsamen Aktivitäten konnten in Mexiko, mit offizieller Billigung und sogar Unterstützung der Regierung, weitergeführt werden.

4.2. Die Geburtsstunde des Heinrich-Heine-Klubs

Schon vor der Gründung des Heinrich-Heine-Klubs im Jahre 1941 trafen sich Exilanten in Me- xiko-Stadt, um ihren kulturellen Bedürfnissen nachzugehen oder miteinander zu diskutieren. Die Villa von Irma und Dr. Ernst Römer46 in der Colonia del Valle war gesellschaftlicher Treffpunkt der kulturell interessierten jüdischen Emigration und der Vertreter des kulturellen und politi- schen Exils. Hier trafen Wissenschaftler sowie andere in akademischen und künstlerischen Berufen Tätige auf Personen aus Wirtschaft und öffentlichem Leben, vor allem Ärzte, Kaufleute, Fabrikanten. Dr. Ernst Römer, Wiener Dirigent, machte sich im Exil als Förderer der deutsch- sprachigen Kultur und Kunst einen Namen. In seinem Haus fanden in Wiener Kaffeehausatmosphäre die ersten musikalisch-literarischen Abende statt, (Vgl. DÖW 2002:431) ganz in der Tradition der romantischen Salons der deutschen Literaturgeschichte. Dort „versam- melte man sich zum Zwecke des gemeinsamen Träumens um einen Tisch“, erinnert sich Bruno Frei, der seit 1942 im Heinrich-Heine-Klub mitwirkte. (Frei 1972:242) Im Herbst 1941 vergrö- ßerte sich die Zahl der deutschen und österreichischen Kulturschaffenden, unter ihnen Musiker, Schauspieler und Wissenschaftler, erheblich.47 Für die jüdischen Emigranten die schon länger in Mexiko lebten, boten die neu Angekommenen eine kulturelle Abwechslung:

Für sie, die aktiver Politik zumeist fernstanden und sich größtenteils der ‚Menorah’ angeschlossen hatten, stellten die namhaften deutschsprachigen Schriftsteller und Publizisten, allen voran Anna Seghers und Egon Erwin Kisch, eine kulturelle Attraktion dar, die ihnen die jüdische Vereinigung nicht bieten konnte. (Pohle 1986:127)

Für Kulturschaffende wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch war es wiederum ein Bedürfnis, sich auch im Exil kulturell zu betätigen. Viele Exilanten blieben in der ersten Zeit ihres Aufent- haltes „zur Untätigkeit verurteilt. Sie suchten das Gespräch und den Gedankenaustausch. Die meisten von ihnen waren parteilos und hielten sich mit politischen Urteilen zurück.“ (Kießling 1981:274)

Im Verlauf der Gespräche im Hause Römers entstand die Idee zur Gründung einer Kulturorganisation. (Vgl. Kießling 1981:275) Rudolf Feistmann, Sekretär des Heinrich-Heine-Klubs rekonstruiert in der Festbroschüre Heines Geist in Mexiko das mögliche Gespräch, das zur Geburt des Heine-Klubs führte:

„Es muss etwas geschehen“, sagt der Erste. „In Paris sind zu den Veranstaltungen der deutschen Schriftsteller immer Hunderte von Menschen gekommen“, meinte ein Zweiter. „In Mexiko sind andere Verhaeltnisse“, erklaerte der Dritte, der schon laenger im Lande war. „Wir muessen die Menschen wachruetteln“, rief ein Vierter. „Was werden die anderen Organisationen sagen?“, warf der Fuenfte dazwischen. „Wir werden etwas ganz Anderes machen, etwas Neues schaffen“, sagten alle zusammen. Dieses Rundgespraech fand an einem Herbst-Tage des Jahres 1941 in der Stadt Mexiko im Hause von Dr. Ernst Roemer in der Colonia del Valle statt. Es war die Geburtsstunde des Heinrich-Heine-Klubs. (HHK 1946:11)48

Zu den Gründern, die auch den ersten Vorstand bildeten, gehörten Anna Seghers, Dr. Leo Deutsch, Dr. Ernst Römer, Rudolf Feistmann, Egon Erwin Kisch, Dr. Paul Mayer und Bodo Uhse. Ein Teil der Gründer kannte sich bereits aus Europa. Bei Irma und Dr. Ernst Römer lernten sich diese gerade Angekommenen und die bereits länger in Mexiko Lebenden, zum Teil jüdische Emigranten, aber auch demokratische Mexikodeutsche kennen.

Warum die Gemeinschaft sich nicht mit den Abenden in kleiner Runde zufrieden gab, mag da- mit zu tun gehabt haben, dass sie Kultur einem größeren Publikum zugänglich machen wollte. Möglicherweise gab es aber auch Leute innerhalb der deutschsprachigen Exilgemeinde, die sich am österreichischen Patriotismus im Hause Römers störten und sich zudem „nicht eingeladen fühlten.“ (Kloyber 2002:182) Ein namenloser Zeitzeuge wird hierzu von Christian Kloyber zi- tiert:

Ungefähr ein halbes Dutzend Wiener Kommunisten spielten ‚Weltbewegung’. Sie überpurzelten sich gele gentlich in schwarz-gelbem (das sind die Farben der Österreichisch-Ungarischen Monarchie) Patriotismus. Sie biederten sich den emigrierten Hofräten, Kommerzialräten und Räten anderer Sorte an. (Kloyber 2002:182)

Diesen Interessenskonflikt lösend, wurde ein neues Forum gesucht, mit dem sich deutschsprachige Exilanten, sowohl österreichischer, aber auch tschechoslowakischer, jugoslawischer und deutscher Herkunft, identifizieren konnten - ein Forum für deutschsprachige Kultur, das ein Betätigungsfeld vor allem für Antifaschisten bot. Dieses Bedürfnis wurde in dem Maße stärker, in dem sich die politische Situation der Verfolgten in Europa verschärfte und sich damit der Kreis der Gleichgesinnten in Mexiko-Stadt erweiterte. Das war insbesondere in der Zeit zwischen Herbst 1940 und Sommer 1941 der Fall.

4.3. Motive und Hintergründe der Gründung

Die Motive und Hintergründe der Gründung werden in der Sekundärliteratur unterschiedlich interpretiert. Wolfgang Kießling zufolge ging die Initiative zur Gründung des Heinrich-Heine- Klubs von den KP-Mitgliedern Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Bodo Uhse und Rudolf Feistmann aus. Damit schließt er ohne es weiter zu belegen eine aktive Rolle von Dr. Ernst Römer aus. (Vgl. Kießling 1981:274) Dieser gehörte jedoch neben den Erwähnten und Dr. Paul Mayer49 zu den ersten Vorstandsmitgliedern.

Fritz Pohle bringt die Gründung des Heinrich-Heine-Klubs in Verbindung mit Differenzen in- nerhalb der Liga Pro-Cultura Alemana 50. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffpakt spaltete im Spätsommer 1939 Befürworter und Gegner. Im Juli 1942 spitzte sich die Situation zu. Die KPD- Mitglieder verließen die Liga. Laut Alexander Stephan ging es bei der Abspaltung von der Liga um die „Distanzierung der mit Nazisympathisanten durchsetzten deutschen Kolonie.“ (Stephan 1998:246) Die KPD-Mitglieder hatten im März 1941 bereits die Bewegung Freies Deutschland (BFD)51 gegründet. (Vgl. Patka 1999:80) Die Bewegung Freies Deutschland soll laut Pohle den Heinrich-Heine-Klub zur Weiterführung ihrer Kulturarbeit initiiert haben. (Vgl. Pohle 1986:127) Fritz Pohles Theorie zufolge geht die Idee also nicht von Leuten aus dem Kreis um Dr. Ernst Römer aus. André Simone, Bodo Uhse und Alexander Abusch, dem Mitbegründer der Bewegung Freies Deutschland, sollen die Gründung schon lange geplant haben. Alexander Abusch schreibt tatsächlich in seiner Autobiografie, dass ihn beschäftigte, wie auf die Deutsche Kolonie Einfluss genommen werden könnte. (Vgl. Abusch 1986:33) Da Alexander Abusch aber erst im Dezember 1941 in Mexiko landete, kann er nicht für sich in Anspruch nehmen, an der Grün- dung des Heinrich-Heine-Klubs beteiligt gewesen zu sein. Pohle schreibt zudem, dass man nur noch die Ankunft von Anna Seghers im Juli 1941, Theodor Balk im August 1941 und Bruno Frei im September 1941 ab wartete, weil danach die Voraussetzungen gegeben waren um die Gründung durchzuführen. (Vgl. Pohle 1986:119) Er weist jedoch nicht darauf hin, warum gera- de diese drei Personen zur Gründung dringend notwenig waren.

Wenn die KPD-Leitung, dass heißt die Bewegung Freies Deutschland, bei der Gründung eine so aktive Rolle gespielt haben soll, verwundert es, dass der Sekretär der Bewegung Freies Deutschland Erich Jungmann nur Vermutungen über den Grund der Gründung des Heinrich-Heine-Klub anstellen kann:

Der Heinrich Heineklub wurde geschaffen, sicherlich auch, um den zahlreichen Schriftstellern, Schauspielern, Musikern usw. eine Betätigungsmöglichkeit zu geben. Verdächtig war, dass Feistmann trotz seiner vielen Arbeit mit der Demokratischen Post nie seine Funktion als Sekretär des Heineklubs aus den Händen gab. Meiner Meinung nach wurde der Heineklub geschaffen, um ein Forum zu schaffen für alle freien Bewegun- gen, für die Juden und für eine Reihe der deutschen Kolonie. (BStU AIM 5082/56 Band 2 Blatt 151-152)

Es gab tatsächlich Überschneidungen zwischen Mitgliedern des Heinrich-Heine-Klubs und KP- Mitgliedern52, was jedoch nicht genug Anhaltspunkte dafür liefert, um wie Fritz Pohle davon aus- zugehen, dass die Gründung eine Initiative der KPD war. Der Beteiligung von Irma und Dr. Ernst Römer, Paul Mayer sowie dem bürgerlichen Demokraten Dr. Leo Deutsch schreibt Pohle ohne Begründung eine Alibi-Funktion zu. Im Verlauf der Geschichte des Heinrich-Heine-Klubs gab es außerdem ebenso Vorstandsmitglieder wie den parteilosen Richard Bucholz oder Dr. Paul Feibelmann, die keine Mitglieder der Kommunistischen Partei waren. Die Parteizugehörigkeit spielte bei den Mitgliedern demzufolge keine Rolle. Christine Zehl Romero stellt in ihrer Anna Seghers-Biografie fest:

Der Klub vertrat keine bestimmte politische oder weltanschauliche Linie, die einzige Bedingung für die Mitgliedschaft waren eine antifaschistische Haltung und - am Anfang - eigenen wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit. (Zehl Romero 2000:409)

Auch das Argument, dass durch die Abspaltung von der Liga die Diskussion zwischen KP und anderen Exilanten verhindert werden sollte, überzeugt kaum in Anbetracht der gemischten Mitgliederstruktur und der Auseinandersetzungen, die es auch innerhalb des Heinrich-Heine-Klubs gab.53 Hinzu kommt, dass der Heinrich-Heine-Klub bereits 1941 gegründet wurde, die Abspaltung der KP-Mitglieder von der Liga Pro-Cultura Alemana jedoch erst acht Monate danach stattfand, somit von Weiterführung der Kulturarbeit keine Rede sein kann.

4.4. Der Gründungstermin

Anfang November 1941 fand in Mexiko-Stadt die Gründungsveranstaltung des Heinrich-Heine- Klubs als Vereinigung antinazistischer Intellektueller deutscher Sprache (Club Enrique Heine, Asociación de Intelectuales Antinazi de Habla Alemana) statt. Egon Erwin Kisch nannte die Gründung des Heinrich-Heine-Klubs eine „Tat des kollektiven Optimismus“ (HHK 1946:12). Christiane Zehl Romero, schreibt vom 7. November 1941 als dem Gründungsdatum:

Die Gründungsversammlung für den „Künstlerklub“, den Seghers in dem eben zitierten Brief ankündigte, fand am 7. November 1941 statt. Initiatoren waren - neben ihr selbst - Kisch, Rudolf Feistmann, der Dichter und ehemalige Lektor im Rowohlt Verlag Paul Mayer und der Wiener Dirigent Erich [sic! Ernst] Römer, in dessen Haus man sich traf. (Zehl Romero 2000:409)

Nach Klaus Haupt könnte als Gründungstermin auch der 9. November, der 23. Jahrestag der deutschen Novemberrevolution in Frage kommen (Vgl. Haupt 1985:264). Im Freien Deutschland wird jedoch berichtet, dass die Gründungsveranstaltung zwei Wochen vor der ersten Lesung am 21. November 1941 stattfand (Vgl. FD I/2 (12/41) S. 2).

Die Gründung wurde mit einer kurzen Notiz im Freien Deutschland Anfang November 1941 ohne Angabe des Gründungsdatums bekannt gegeben:

Eine Reihe von Schriftstellern, Musikern, Kuenstlern und Wissenschaftlern deutscher Sprache haben sich ‚einig im Bekenntnis zum Freiheitskampf gegen den Nazi-Faschismus’ in Mexico zu einem Heinrich HeineClub zusammengeschlossen. (FD I/2 (11/41) S. 28)

4.5. Berichterstattung über die Gründung

In der zweiten Ausgabe des Freien Deutschlands vom Dezember 1941 standen detailliertere Angaben zum Ort der Gründung und zu den beteiligten Personen:

Der Heinrich-Heine-Klub in Mexico hat in seiner Gründungsversammlung, die Anfang November in den Raeumen des Editorial Seneca, Varsovia 35 A stattfand, Anna Seghers zum Praesidenten, sowie Egon Erwin Kisch und Dr. Ernst Roemer zu Vizepraesidenten gewaehlt. (FD I/2 (12/41) S. 2)

Der spanische Exilverlag Editorial Seneca54 stellte dem Heinrich-Heine-Klub für seine ersten Veranstaltungen seine Räume zur Verfügung.

Zur Eröffnungsveranstaltung, auf der ein Vorstand gebildet und als erste Veranstaltung ein Autorenabend geplant wurde, (Vgl. Kießling 1981:276) erschien außer den „Einladenden und ihren Familienangehörigen - nur eine einzige Person“ erinnert sich Rudolf Feistmann. Über schlechte Besucherzahlen konnte sich der Heinrich-Heine-Klub jedoch später nicht beklagen. Die Gründungsveranstaltung bildete eine Ausnahme.

[...]


1 In dieser Arbeit wird die Schreibweise „Heinrich-Heine-Klub“ verwendet, wie es auf den Mitgliedsausweisen steht. In Publikationen zum Heinrich-Heine-Klub finden sich ganz unterschiedliche Schreibweisen, zum Teil im selben Text mit und ohne Bindestrich, Klub mit ‚K’ oder mit ‚C’. Es gibt auch Bezeichnungen wie „Heineklub“ oder „Heinebund“. (Vgl. SAPMO-BArch, SGY 14/14, Bl. 1-104).

2 Renata von Hanffstengel doziert an der größten Universität Mexikos, der UNAM. Die in Mexiko lebende Exilforscherin teilte der Autorin mit, dass das Archiv der UNAM zum deutschen Exil in Mexiko über keine relevanten Dokumente zum Heinrich-Heine-Klub verfügt. (E-Mail vom 12. März 2003).

3 Die Forschungsmotivation geht auf einen kurzen Artikel im Geo Special Mexiko Nr. 6 (GEO 2001:8) zurück.

4 Schon während der Jahre des Exils gab es eine Diskussion über die Abgrenzung und Bedeutung der Begriffe „E- xilant“, „Emigrant“, „Exil“ und „Emigration“. Der Begriff „Emigranten“ geht auf die Propagandasprache des Nationalsozialismus zurück und ist aus diesem Grund aus der literaturwissenschaftlichen Terminologie weitge- hend zurückgedrängt worden. Nach wie vor finden beide Begriffe Verwendung, dann meist mit der Tendenz, dass der Begriff „Exilanten“ sich vorwiegend auf politische Flüchtlinge bezieht und „Emigrant“ auf Flüchtlinge, die aufgrund ihrer religiösen, jüdischen, Herkunft ihre Heimat verlassen mussten. „Emigrant“ wird in dieser Ar- beit dann synonym verwendet.

5 Viele Mitwirkende des Heinrich-Heine-Klubs engagierten sich auch nach seiner Auflösung 1946 bis zu ihrer

Abreise im Comit é Pro-Intercambio Cultural Mexicano-Alem á n, in der Freien Jugend und anderen Organisationen.

6 In Prag befindet sich der Nachlass von Egon Erwin Kisch und in Wien das Archiv des österreichischen Wider- standes.

7 Die Bewegung Freies Deutschland beschäftigte zum Beispiel eine Korrektorin und Fremdsprachensekretärin. (BArch SGY 14/19 Bl. 11-27)

8 Zwischen November 1941 und Juni 1946 erscheinende politisch-kulturelle Monatszeitschrift der antifaschisti- schen Bewegung Freies Deutschland in Mexiko. Das FD gehört zu den bedeutendsten Periodika des deutschen Exils und erschien bei internationaler Verbreitung in einer Auflage von bis zu 4.000 Exemplaren kontinuierlich bis Mitte 1946, zuletzt unter dem Namen Neues Deutschland. Beide Chefredakteure, Bruno Frei (1941) und Alexander Abusch (1942-1946), waren Mitglied im Heinrich-Heine-Klub. Das FD kostete in Mexiko 75 centavos, in anderen Ländern 25 USA cent.

9 Siehe Kapitel Programm des Heinrich-Heine-Klubs S. 60.

10 Den Hinweis auf vernichtete Dokumente verdankt die Autorin dem Exilforscher Marcus G. Patka. (E-Mail vom 24. August 2004). Die Hintergründe der Ängste liegen in der politischen Ausschaltung früherer Mexiko-

Exilierter in der DDR in den 1950er Jahren, wegen ihrer vermeintlich autonomen KPD-Politik im Exil. Die offizielle Anklage lautete „Agent des amerikanischen Imperialismus und seiner zionistischen Agentur.“ (Patka 1999:222)

11 Einer der wenigen, die sich für eine aktive Zuarbeit gewinnen ließen, war Erich Jungmann, der als inoffizieller Mitarbeiter „Felix“ ehemalige Mitglieder des Heinrich-Heine-Klubs ausspionierte. (BStU AIM 5082/56)

12 Bewegung Freies Deutschland siehe Fußnote S. 27.

13 Vgl. Kapitel Labiles Gleichgewicht S. 74 f.

14 Lenka Reinerovás Erinnerung an den 24. Juni 1943, den Tag an dem Anna Seghers ihren schweren Unfall in Mexiko erlitt (Vgl. Reinerová 1985:173 f.), steht im Widerspruch zur Rezension im Freien Deutschland (FD II/9 (8/43) S. 34). Sie erinnert sich, dass ein gefüllter Saal auf die Ankunft der Vortragenden, Anna Seghers, wartet und dass nach Bekanntwerden des Unfalls diese Veranstaltung abgesagt wird. Laut einer Rezension des Abends im Freien Deutschland, hielt Rudolf Feistmann einen Vortrag, für den er „den verdienten Beifall entgegennahm.“

15 Adresse siehe Anhang S. XXXXI.

16 Anna Seghers wurde zum Beispiel überwacht. Sie wurde mit kodierten Briefen in Zusammenhang gebracht. (Vgl. Stephan 1998:7)

17 Alexander Stephan schrieb in einer E-Mail an die Autorin am 16. Oktober 2004: „Die FBI-Akte zum Heinrich Heine Klub in Mexiko enthält nur 9 Blätter, von denen 2 an mich ausgeliefert wurden. [...] Hinzu kommt, daß viele der Dokumente zum Exil in Mexiko, mit denen ich gearbeitet habe, darunter auch FBI-Dokumente, aus dem Archiv des Department of State stammen, das in Washington in den National Archives liegt und nur unter großen Problemen zu kopieren ist.“

18 Die Autorin hat im Zuge der Arbeit eine Liste mit Namen einiger Kinder von Mitgliedern des Heinrich-Heine- Klubs erstellt, die für weiterführende Arbeiten befragt werden könnten. (Siehe Anhang S. X)

19 Insgesamt wird die Zahl der deutschen Emigranten nach 1933 auf 500000 Menschen geschätzt. (Rosenberg 2001:http)

20 Geäußert in seiner Vorlesung Exil, gehalten im WS 2004/5 an der Humboldt-Universität zu Berlin.

21 Zwei Beispiele für die Anna Seghers-Rezeption sind Radiosendungen wie die vom 19. November 1975, um 13.00 Uhr, im Rias (BStU AP 04593/92 Blatt 124-132) und vom 19. November 1980, um 20.30 Uhr im Hessi- schen Rundfunk (BStU AP 04593/92 Blatt 143).

22 Etliche Remigranten aus Mexiko wurden konstruierten Verdächtigungen und Verhören ausgesetzt. Als „West- emigranten“ wurden sie verdächtigt, ein Netz von Spionen aufgebaut zu haben. (Vgl. DÖW 2002:221) Ein Beispiel dafür ist Leo Zuckermann, Heinrich-Heine-Klub-Mitglied, dem vorgeworfen wurde, Agent gewesen zu sein. Siehe Akte über Anwerbung Erich Jungmanns als GI „Felix“ vom 30. März 1953 (BStU AIM 5082/56 Bl. 8).

23 Pohle ist davon überzeugt, dass die KPD den Heinrich-Heine-Klub initiierte und die vollständige Kontrolle über alle Vorgänge hatte, andere Beteiligte nur Alibifunktionen übernahmen.

24 Zum Beispiel betont Kloyber, dass Steffie Spira in Wien geboren ist. Er zählt sie damit zu den österreichischen Exilanten.

25 Da nicht im Einzelnen gekennzeichnet ist, welcher Autor welchen Beitrag verfasst hat, wird in dieser Arbeit der Übersichtlichkeit wegen bei Zitaten und Verweisen nur ein Name, Christian Kloyber, genannt.

26 Andere Quellen sprechen von 3.000 deutschsprachigen Exilanten. (DÖW 2002:128)

27 Cárdenas, Lázaro (1895-1970), mexikanischer General und Politiker; 1934-1940 Staatspräsident; setzte das revolutionäre Programm des Partito Nacional Revolucionario (PNR) um: Bodenreform, 1938 Verstaatlichung vieler Wirtschaftsbetriebe und der britischen und nordamerikanischen Erdölgesellschaften, sowie Eisenbahn.

28 Nach Mexikos Unabhängigkeit von Spanien, setzte Mitte der 1830er Jahre eine Phase der Frühindustrialisierung ein. Das Land entwickelte sich für Deutschland zu einem neuen Handelspartner. Handelsverträge wurden abgeschlossen und deutsche Handelshäuser in Mexiko gegründet. Porfirio Díaz förderte in seiner Regierungszeit von 1876 bis 1911 den Zufluss ausländischer Kreditgelder und Direktinvestitionen. Große Ländereien wurden zur exportorientierten Landwirtschaft freigegeben. Viele deutsche Familien, die schon seit Jahrzehnten in Guatemala im Kaffee-Sektor tätig waren, kamen nach Mexiko. Unter Porfirio Díaz begann sich die „deutsche Kolonie“ zu bilden

29 Mestizen (lat.-span.), bezeichnet Mischlinge zwischen Weißen und Indianern.

30 Im Spätsommer 1939, mit Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen des Nichtangriffspakts galten die KPDMitglieder offiziell als Verbündete des „Dritten Reiches“. Die Exilorganisation der KPD in Frankreich war jedoch nicht auf eine Illegalisierung und behördlichen Maßnahmen gegen ‚feindliche Ausländer’ eingestellt (Vgl. Pohle 1986:18). Sie beschloss den behördlichen Anweisungen zur allgemeinen Registrierung von exilierten und nichtexilierten Reichsdeutschen Folge zu leisten, woraufhin die meisten KPD-Mitglieder interniert wurden. Gegen Ende 1941, nach der Besetzung Frankreichs durch Deutschland, setzte eine erneute Flüchtlingswelle ein. Vielen gelingt die Flucht über Marseille nach Übersee, u.a. nach Mexiko.

31 „Unzählige glänzende Augenpaare richteten sich auf das Tor. Für diese Männer und Frauen war das Konsulat keine Behörde, ein Visum kein Kanzleiwisch. In ihrer Verlassenheit, die von nichts übertroffen wurde als von ih- rer Zuversicht, nahmen sie das Haus für das Land und das Land für das Haus. Ein unermeßliches Haus, in dem ein Volk wohnte, das sie einlud.“ Anna Seghers beschreibt in ihrem Roman Transit die Situation vieler politischer Flüchtlinge, die größtenteils seit 1939 in Südfrankreich interniert waren, und deren letzte Hoffung 1940 und 1941 das mexikanische Konsulat in Marseille war. Denn die mexikanische Asylpolitik ermöglichte Kommunisten die Einreise, die ihnen in den USA aufgrund ihrer Gesinnung verwehrt blieb.

32 Die Situation in Frankreich spitzte sich im Herbst 1941 drastisch zu. Das Verhalten der Vichy-Regierung zwang die deutschsprachigen Antifaschisten zur Flucht.

33 Die CTM, die Gewerkschaft Vicente Lombardo Toleado, bürgte für Bodo Uhse, der am 22. März 1940 in Me- xiko eintraf. Uhse, der ein ausgezeichnetes Spanisch sprach, lebte sich schnell ein. Seine Kontakte halfen ihm, für die in französischen Lagern internierten Freunde, mit Hilfe US-amerikanischer Hilfskomitees Visa zu beschaffen.

34 Gustav Regler (1898-1963) der bis 1939 Kommunist war, kam 1940 nach Mexiko. Zu dem Zeitpunkt hatte er sich schon von der Kommunistischen Partei. Er war kein Mitglied im Heinrich-Heine-Klub.

35 Die Liga Pro-Cultura Alemana war eine deutsche Kulturorganisation, die es seit 1938 gab und die mit Vorträgen im Radio Nacional über Faschismus, aber über auch deutsche Literaten an die Öffentlichkeit ging. In den ersten Kriegsjahren wurde die Liga Pro-Cultura Alemana zum Sammelbecken der zahlreich eintreffenden Exilierten. Sie wurde 1942 aufgelöst.

36 Gutmann, Heinrich, (auch Enrique Gutmann) Berliner Journalist, Fotograf emigrierte 1933 nach Mexiko. 1934 erlangte er die mexikanische Staatsbürgerschaft. 1938 gründete er die Liga Pro-Cultura Alemana, deren Vorsit- zender er war. Er erreichte zahlreiche Einreisevisa beim mexikanischen Innenministerium. Beim 1941/42 ausgebrochenen Streit zwischen Gustav Regler und den kommunistischen Liga -Mitgliedern war er mitbeteiligt.

37 Alexander von Humboldt (1769-1859), deutscher Naturforscher, reiste im späten 18. Jahrhundert mehrere Jahre durch Lateinamerika und veröffentlichte seine Ergebnisse in seinem über 30-bändigen Werk Voyage aux r é giones é quinoxiales du nouveau continent.

38 Die Politik Mexikos war sozialistisch orientiert und strebte eine Gesellschaft an, die auf Freiheit, Gleichberechti- gung und Solidarität fußte.

39 Die nach dem revolutionären Bauernführer Emiliano Zapata benannte, ist eine der bekanntesten revolutionären Bewegungen. Der 1910 ausbrechende Bürgerkrieg, in dem Zapata eine führende Rolle spielte, trug Züge eines sozialen Kampfes.

40 Otto Rühle (1874-1943) war ein Rätekommunist, der 1933 Deutschland verließ und 1936 nach Mexiko kam. Er stand in Opposition zur Bewegung Freies Deutschland Mexikos und hielt sich von den Aktivitäten der Exilanten fern.

41 Siehe Anhang Biografische Skizzen S. I-IX

42 Antifaschisten betrachteten in der Regel das Exil als Zwischenaufenthalt, „einen aufgezwungenen Wechsel des Kampfplatzes.“ (Kießling 1981:11)

43 Die mexikanische Regierung machte zahlreichen europäischen Schriftstellern das Angebot, in Mexiko Zuflucht zu finden, was sie nicht annahmen, da sie das Exil in den USA vorzogen, so im Fall von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger. (Vgl. Pohle 1986:4)

44 Der Heinrich-Heine-Klub konnte zum Beispiel das Theater der Gewerkschaft Teatro de los Trabajadores Electri- cistas nutzen.

45 b Juli 1941 verschärften die USA unter dem Vorwand der Spionageabwehr die Einreisereise für Deutsche und Österreicher.

46 Siehe Anhang Biografische Skizzen S. I-IX.

47 Vgl. Kapitel Einzelinitiativen zur Visabeschaffung S. 18 f.

48 Die mexikanischen Druckereinen verfügten über keine Drucktypen der Umlaute. Zitate aus Publikationen die in Mexiko gedruckt wurden, sind hier original übernommen, deshalb ohne Umlaute.

49 Auch der Lyriker und frühere Rowohlt-Lektor Dr. Paul Mayer, der 1939 nach Mexiko kam, wurde zum Grün- dungsmitglied. (Vgl. Pohle 1986:128)

50 Die Liga Pro-Cultura Alemana war eine deutsche Kulturorganisation, die es seit 1938 gab und die mit Vorträgen im Radio Nacional über Faschismus, aber über auch deutsche Literaten an die Öffentlichkeit ging. Sie wurde 1942 aufgelöst.

51 Die Bewegung Freies Deutschland war eine politisch orientierte Exilorganisation in Mexiko-Stadt. Sie trat mit Kundgebungen, Kulturveranstaltungen, Radiovorträgen und Klubabenden in die Öffentlichkeit. 1943 bezog die BFD ihr eigenes Haus in der Dr. Rio de la Loza No. 86.

52 Mitglieder der KPD-Gruppe waren Rudolf Feistmann, Anna Seghers, Egon Erwin Kisch und Bodo Uhse. (Vgl. Pohle 1986:129)

53 Siehe Kapitel Interne Auseinandersetzungen S. 75.

54 Vgl. Kapitel Orte und H Äuser S. 54.

Details

Seiten
126
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638579162
ISBN (Buch)
9783656068167
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65319
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Heinrich-Heine-Klub Mexiko-Stadt

Autor

Zurück

Titel: Der Heinrich-Heine-Klub in Mexiko-Stadt, 1941-1946