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Das Berufsprinzip als Strukturmerkmal der professionellen Organisation gesellschaftlicher Arbeit in der BRD

Didaktische Konkretisierung im Konstrukt des staatlich anerkannten Ausbildungsberufs

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Didaktik - BWL, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Problemstellung

2.0 Berufsausbildung und Berufsprinzip
2.1. Ein historischer Abriss
2.2. Das Berufsprinzip – Sozialisations- und Integrationsfunktion
2.3. Teilarbeitsmärkte
2.4. Staatlich anerkannte Ausbildungsberufe
2.5. Das Berufsprinzip als Mittler

3.0 Das duale System
3.1. Berufsausbildung im dualen System
3.2. Ausbildungsordnungen
3.3. Ausbildungsordnungskonzepte
3.4. Rahmenlehrpläne
3.5. Verfahren zur Erarbeitung von Ausbildungsordnungen und ihrer Abstimmung mit den Rahmenlehrplänen

5.0 Das Berufsprinzip – Kritik und Gegenargumente
5.1. Einbahnstraße Beruf
5.2. Berufsbilder als Persönlichkeitsbilder

6.0 Schlussbetrachtung

7.0 Anhang
7.1 Bibliographie

1.0. Problemstellung

Das Berufsprinzip bildet den tragenden Pfeiler gesellschaftlicher Arbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Sowohl das berufliche Bildungssystem, in dem sich speziell die staatlich anerkannten Ausbildungsberufe herausgebildet haben, als auch das Beschäftigungssystem orientieren sich an vorhandene oder neu gestaltete Berufsbilder. Die Ausbildung staatlich anerkannter Ausbildungsberufe erfolgt in einem dualen System, das Deutschland von seinen Nachbarländern differenziert. Im Laufe mehrerer Jahre haben sich einige kritische Stimmen zu der Orientierung an das Berufsprinzip und dem Bildungssystem geäußert. Es ist von Erosion oder gar Aufhebung des Berufsbildes und einer Modernisierung des Bildungssystems die Sprache. Um die Aussagekraft dieser Meinungen untersuchen zu können, beschäftigt sich diese Hausarbeit mit der Herausbildung der staatlich anerkannten Ausbildungsberufe im Hinblick auf das Berufsprinzip und den didaktischen Regelungen des dualen Systems. Dabei wird zunächst das Berufprinzip in seiner Sozialisations- und Integrationsfunktion, bezogen vor allem auf die Ausbildung, beleuchtet und der Zusammenhang zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem dargestellt. Die didaktische Konkretisierung im Konstrukt des staatlich anerkannten Ausbildungsberufes wird anhand der Erläuterung des dualen Systems deutlich gemacht. Weiterhin werden kritische Äußerungen zum Berufsprinzip vorgestellt und diskutiert.

2.0. Berufsausbildung und Berufsprinzip

2.1. Ein historischer Abriss

Berufe sind aufgrund von Arbeitsteilung entstanden. Danach muss der Mensch zur Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse Güter herstellen und Dienstleistungen erbringen. Dabei wurde aus Effizienzgründen Arbeit verteilt. Dies drückt sich in der heutigen Zeit in den Berufen aus.[1] Zum Verständnis von Berufen sind einige Definitionen vorhanden. So versteht Brater ganz allgemein unter dem Begriff Beruf

,,die institutionalisierten, dem einzelnen vorgegebenen Muster der Zusammensetzung und Abgrenzung spezialisierter Arbeitsfähigkeiten […], die gewöhnlich mit einem eigenen Namen benannt werden und den Ausbildungen als strukturierendes Organisationsbild zugrundeliegen’’.[2]

Eine genaue Definition des Berufsbegriffs zu finden, ist nahezu unmöglich, da diese durch den dynamischen Wandel der Gesellschaft und der Arbeitsstrukturen ihre Gewichtigkeiten verlagern, sodass immer ein anderer Punkt von entscheidender Bedeutung ist.[3] Berufe entwickelten sich aus ungeplanten Vorgängen, in denen Fähigkeiten und Kenntnisse der gesamten gesellschaftlichen Arbeit gefiltert und einem erwartbaren Qualifikationsprofil einer Person zugeordnet wurden.[4] Diese Qualifikationszuteilungen sind aber nicht ausschließlich wegen des technischen Wandels vollzogen worden, sondern hauptsächlich wegen sozialer Interessenauseinandersetzungen. Jede Gruppe wollte sich bestimmte soziale und ökonomische Statusvorteile sichern, die mit einem Beruf assoziiert werden.[5] So entstanden verschiedene Berufe, die im Mittelalter von den Zünften geregelt wurden. Diese waren ebenfalls für die handwerkliche Ausbildung zuständig. Der Lehrling trat in die familiäre Umgebung des Meisters ein, lebte fortan bei diesem und erlernte die für eine spätere Berufstätigkeit notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse zum größten Teil durch ,,Learning by doing’’. Die zunehmende Industrialisierung im 17. und 18. Jahrhundert führte schließlich zu einer Entmündigung der Kammern.[6]

Eine Erarbeitung zur Ordnung der Berufsausbildung zu einem standardisierten Verfahren, das verbindliche Kenntnisse und Fähigkeiten in einer bestimmten Ausbildungszeit für verschiedene Berufsbilder festlegt, begann erst im 20. Jahrhundert. Die Arbeit wurde mit dem Berufsbildungsgesetz vom 14. August 1969, das eine einheitliche Regelung der staatlich anerkannten Ausbildungsberufe fixierte, belohnt.[7] Trotz einiger Änderungen des Berufsbildungsgesetzes ist die Grundstruktur der Berufsausbildung im dualen System erhalten geblieben.

2.2. Das Berufsprinzip – Sozialisations- und Integrationsfunktion

,,Beruf, so eine Kernaussage der Soziologie, sei Gliederungs- und Strukturprinzip unserer Gesellschaft’’.[8] Um also ins Erwerbsleben aufgenommen werden zu können, gleichgesetzt mit der Integration in die Arbeitswelt, muss man sich nach den Vorgaben der Berufsmuster ausbilden lassen. Was aber ist genau der Beruf? Nach Stooß handelt es sich bei diesem nicht nur um eine spezifische Organisationsform von Arbeit, sondern ist auch mit einigen Merkmalen verbunden. Zum einen bietet er die Möglichkeit, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben, die in der Gesellschaft von anderen Marktteilnehmern akzeptiert wird, wodurch auch der soziale Status und das Netz der sozialen Absicherung bestimmt wird. Zum anderen eröffnet Beruf Perspektiven, die dem Individuum Aufstieg im sozialen Status ermöglichen.[9] Die soziale Absicherung wird durch staatliche Organe erfüllt. So erhalten Absolventen anerkannter Ausbildungsberufe, deren Berufe dem Leitberuf Facharbeiter zugeordnet werden, verschiedene soziale Rechte und Absicherungen. Zu diesen zählen unter anderem die staatliche Förderung bei Umschulungs- oder Weiterbildungsmaßnahmen, längere Gewährung einer Waisenrente, Anrechnung der Ausbildungszeit bei der Rentenberechnung und die Beurteilung von Berufsunfähigkeit.[10] Dies liegt daran, dass die einheitlich geregelten Ausbildungsabschlüsse eine einfachere Zuordnung in das Tarif- und Sozialrechtssystem zulassen als betriebsspezifische oder regional eingegrenzte Abschlüsse.[11] Weiterhin bietet das Berufsprinzip durch die Bindung bestimmter Tätigkeiten an einen speziellen Beruf einen Schutz vor Konkurrenz. Fehlte dieses, wären soziale Ungerechtigkeiten die Folgen, die sich in niedriger Entlohnung, wie sie bei Arbeitern im Baugewerbe auftauchen, widerspiegeln würden. Zusätzlich führt Beruf zu sozialer Ungleichheit, da mit diesem bestimmte Erwartungen der Arbeiter an den sozialen und gesellschaftlichen Status und damit an verschiedene Karrieremöglichkeiten im Betrieb und Einkommensverteilungen verknüpft werden.[12] Dies kann in eine Makroebene und eine Mikroebene unterteilt werden, wobei die erstere die Einkommens- und Beschäftigungschancen auf dem Arbeitsmarkt widerspiegelt während die zweite sich mit der Position des Arbeiters in der betrieblichen Arbeitsorganisation und dessen Sozialhierarchie beschäftigt.[13] Der Berufsbegriff und die Ausbildung in einem Beruf grenzen weiterhin nicht nur Fähigkeiten und Kenntnisse in ein Berufsschema ein, sondern sollen auch dazu befähigen, selbstständig und problembezogen Lösungen im Arbeitsleben zu erarbeiten, sodass breite fachliche Qualifikationen und eine ausdehnfähige Eigenverantwortlichkeit vorliegen. Des Weiteren sind mit den Berufsbildern auch Persönlichkeitsbilder verbunden, da Berufe nicht nur Waren auf einem Arbeitsmarkt sind, sondern eben auch die Forte für die persönliche Entwicklung öffnen.[14] So identifiziert man sich mit seinem Beruf und fühlt sich einer Sparte gesellschaftlicher Arbeit angeschlossen. Weiterhin fördern das Betriebsklima und das Gefühl eine nützliche Tätigkeit ausüben zu können, die Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit und das Gefühl ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Die historische Herausbildung von Berufen und deren einheitlich geregelter Ausbildung im Zusammenhang mit den bereits genannten sozialen Aspekten drückt sich in einer Aufsplittung des Arbeitsmarktes in drei verschiedene Teilarbeitsmärkte aus.

2.3. Teilarbeitsmärkte

Der Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik Deutschland gliedert sich in einen dreigeteilten Arbeitsmarkt. Dieser wurde aufgrund von empirischen Untersuchungen von Lutz und Sengenberger entworfen. Ihrer Meinung nach beruht die Arbeitsmarktsegmentation vor allem auf das dauerhafte Interesse der Betriebe an spezifisch qualifizierten Arbeitskräften. Die dominierende Rolle der Beschäftigungsstrategie der Betriebe führt zu einer Dreiteilung in den unstrukturierten, den berufsfachlichen und den betriebsinternen Teilarbeitsmarkt.[15]

Dem unstrukturierten Arbeitsmarkt gehören vor allem ausländische Mitbürger und Frauen an, wodurch dieser auch ,,Jederfrau-Teilarbeitsmarkt’’ genannt wird. Kennzeichnend ist weiterhin eine relativ geringe Betriebsbindung, die sich in hoher Arbeitsplatzfluktuation bemerkbar macht.[16] Des Weiteren stellen sich ,,instabile, gering qualifizierte, niedrig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse’’[17] für diesen Teilarbeitsmarkt als typisch heraus. Es handelt sich hierbei also um eine Art Restkategorie, in der unspezifische Qualifikationen zur Verfügung stehen und die für jeden offen ist.

Der betriebsinterne Teilarbeitsmarkt entsteht durch die betriebsinterne Qualifizierung der eigenen Arbeitskräfte. Diese Vorgehensweise wird von den Betrieben gewählt, um möglichst unabhängig vom Arbeitsmarkt und dessen Schwankungen zu sein. Weitere Gründe der betriebsgerichteten Spezialisierung sind im Folgenden zu finden:

,,die zwischenbetriebliche Mobilität zu erschweren, die Konkurrenz mit anderen Arbeitsachfragern zu vermeiden, Ausbildungsinvestitionen nicht zu verlieren, die arbeitsorganisatorischen und motivationalen Vorteile erhöhter Betriebsbindung nutzen zu können usw.’’.[18]

Dabei bilden sich in der Personalstruktur eine Stamm- und eine benachteiligte Randbelegschaft aus, da die durch den Betrieb spezialisierten Arbeitskräfte aufgrund ihrer durch die Weiterbildung verursachten Kosten auch in Krisenzeiten weiterhin beschäftigt werden. Der Idealtypus dieses Teilarbeitsmarktes ist durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet: ,,qualifiziert, männlich, inländisch, Alter zwischen 30 und 60, leistungswillig und aufstiegsorientiert mit hoher Betriebsbindung’’.[19]

[...]


[1] Beck, Ulrich/Brater, Michael/Daheim, Hansjürgen, Soziologie der Arbeit und der Berufe. Grundlagen, Problemfelder, Forschungsergebnisse, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 23-24.

[2] Brater, Michael, Thesen zur Berufskonstruktion, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 10. Jg. (1981), H. 5, S. 32.

[3] Münch, Joachim, Berufsbildung und Berufsreform in der Bundesrepublik Deutschland, Bielefeld 1971, S. 121.

[4] Vgl. Brater, Michael, a.a.O., S. 33.

[5] Vgl. Beck, Ulrich/Bolte, Karl Martin/Brater, Michael, Bildungsreform und Berufreform. Zur Problematik der berufsorientierten Gliederung des Bildungssystems, in: Brinkmann, Wilhelm (Hrsg.), Erziehung, Schule, Gesellschaft, Bad Heilbronn/Obb. 1980, S. 100.

[6] Greinert, Wolf-Dietrich, Berufsqualifizierung und dritte Industrielle Revolution, Baden-Baden 1999, S. 23-25.

[7] Vgl. Benner, Hermann, Entwicklung anerkannter Ausbildungsberufe – Fortschreibung überkommener Regelungen oder Definition zukunftsbezogener Ausbildungsgänge?, in: Sloane, Peter F.E. (Hrsg.),Duales System im Umbruch, Pfaffenweiler 1997, S. 56-57.

[8] zit. in: Stooß, Friedemann, Zum Beruf als Grundlage des Berufsbildungsgesetzes, in: Recht der Jugend und des Bildungswesens, 38. Jg. (1990), S. 351.

[9] Vgl. Stooß, Friedemann, a.a.O., S. 352.

[10] Vgl. Benner, Hermann, Zur sozialrechtlichen Bedeutung der Ausbildungsberufe, in: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 7. Jg. (1978), H. 4, S. 11-12.

[11] Vgl. Kloas, Peter-Werner, Modularisierung in der beruflichen Bildung. Modebegriff, Streitthema oder konstruktiver Ansatz zur Lösung von Zukunftsproblemen?, Bielefeld 1997, S. 23.

[12] Vgl. Meyer, Rita, Qualifizierung für moderne Beruflichkeit. Soziale Organisation der Arbeit von Facharbeiterberufen bis zu Managertätigkeiten, Münster 2000, S. 41-42.

[13] Vgl. Deißinger, Thomas, Beruflichkeit als ,,organisierendes Prinzip’’ der deutschen Berufsausbildung, Markt Schwaben 1998, S. 141-142.

[14] Vgl. ebenda, S. 149.

[15] Vgl. Georg, Walter/Sattel, Ulrike, Arbeitsmarkt, Beschäftigungssystem und Berufsbildung, in: Arnold, A./Lipsmeier, A. (Hrsg.), Handbuch der Berufsbildung, Opladen 1995, S. 128.

[16] Vgl. Deißinger, Thomas, Beruflichkeit als…, a.a.O., S. 143.

[17] Zit. in: ebenda, S. 143.

[18] Georg, Walter/Sattel, Ulrike, a.a.O., S. 131.

[19] ebenda, S. 132

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638578776
ISBN (Buch)
9783638954501
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65264
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Schlagworte
Berufsprinzip Strukturmerkmal Organisation Arbeit Bundesrepublik Deutschland Konkretisierung Konstrukt Ausbildungsberufs Ausbildung Beruf Systematische Aspekte Beziehung

Autor

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