Lade Inhalt...

Literatur und Lust, die Lust am Schrecklichen am Beispiel von Juli Zeh: "Adler und Engel"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arten der Lust
2.1 Lust beim Rezipienten
2.2 Lust beim Autor
2.3 Lust psychoanalytisch nach Sigmund Freud
2.4 Arten der Lust bei Thomas Anz

3. Juli Zeh: „Adler und Engel“

4. Die Faszination am Schrecklichen
4.1 Böse Lust
4.2 Moralische Lust und er Triumph der Aufklärung
4.3 Aggressionslust

5. Reaktionen auf Adler und Engel
5.1 Rezensionen
5.2 Kritikpunkte

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wer liest, will Lust“ [...][1]

Warum lesen wir bestimmte Bücher gerne und begierig und legen andere nach einigen Seiten unwillig weg? Was entscheidet darüber, ob wir ein Buch mögen oder nicht?

Diese Arbeit wird sich mit dem Zusammenhang von Literatur und Lustempfinden beschäftigen. Dem Zusammenhang von Literatur, Lust und Psychanalyse sowie die Thesen Sigmund Freuds werde ich hier besonders beachten. Im ersten Teil gebe ich zunächst einen Überblick über die verschiedenen Arten der Lust beim Lesen, beim Leser, beim Autor, sowie die psychoanalytische Lust und die Lustarten in Thomas Anz Buch: „Literatur und Lust“, das Grundlage für diese Arbeit ist.

Im zweiten Teil geht es um die schreckliche Lust, die Faszination am Schrecklichen. Grundlage ist hier Juli Zehs Roman: „Adler und Engel“, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Reaktionen auf den Roman sowie Kritik an ihm schließt die Arbeit ab.

2. Arten der Lust

2.1 Lust beim Lesen beim Rezipienten

Durch das Lesen von Büchern können die unterschiedlichsten Bedürfnisse beim Rezipienten befriedigt werden. Literatur kann uns zum Lachen bringen, zum Weinen, uns aber auch wütend machen oder sexuell erregen.[2] So lesen wir vorzugsweise Texte, die uns Lust verschaffen und meiden solche, die uns Unlust verschaffen. Aber was entscheidet darüber, ob uns ein Text Lust verschafft oder nicht?

Entscheidend ist zum einen, in welcher Lebenslage der Rezipient sich gerade befindet, ob er glücklich ist oder nicht. Die psychische Verfassung ist ausschlaggebend für das Lustempfinden beim Lesen. So lassen wir uns viel eher auf einen traurigen Text, z.B einen traurigen Liebesroman wie „die Wahlverwandtschaft“ ein, können uns lustvoll geradezu in den Liebesschmerz der Protagonisten fallen lassen und ihn fast körperlich fühlen, wenn wir eine solche Situation gerade auch durchmachen oder bereits durchgemacht haben.

Wir (er) leben den ganzen Schmerz, die ganze Lust und die Gefühlsstürme mit, aber wir sind glücklicherweise außen vor, können ganz voyeuristisch zusehen, aber der Schmerz trifft diesmal nicht uns, wir können unsere eigenen Erfahrungen noch einmal erleben, verarbeiten etc.

So kann der Leser sich einerseits auf die Identifikationsangebote des Textes einlassen, sich so z.B aufwerten. Andererseits kann er durch die Distanz zum Text eigene Lösungsvorschläge finden, was passiert, warum passiert es? Und eigentliche Unlust kann einen Lustgewinn produzieren, wenn man sich auf der Ebene des Verstehens bewegt, die sog. „intellektuelle Lust“.

So schrieb Franz Kafka 1904 einen Brief an einen Freund, in dem es heißt:

„[...] Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen oder stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?[...] Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord [...].“[3]

Selbstverständlich gibt es aber auch völlig gegensätzliche Positionen, die behaupten, dass nur solche Literatur lesenswert ist, die glücklich macht und dem Leser so Lust verschafft. Jorge Luis Borges sagte z.B in einem Vortrag:

„[...] Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert.[..] ein Buch darf keine Anstrengung, das Glück darf keine Mühsal verlangen.“[4]

Ende des 18. Jahrhunderts gab es sogar Warnungen vor der so genannten “Lesesucht“.

Es wurden immer mehr Romane gelesen und die damaligen Kulturkritiker warnten vor einer „exzessiven Lesewuth“. Die Leser, meist junge Leute, würden durch die viele Leserei nicht mehr in der Realität leben, ähnlich einer Drogensucht.[5]

Dies wird aufgegriffen z. B in Madame Bovary, die das Lesen krank macht, es zu einer Sucht für sie wird, weil es neue Welten für sie öffnet. Ihr gesamtes Umfeld versucht, sie davon abzubringen, doch ihre pathologische Leselust ist stärker. Die Lusterfüllung durch Literatur, die Stimulanz von Fantasien durch das Lesen wurden in dieser Zeit las Gift und Rauschgift bezeichnet.[6]

Und auch in der modernen Literatur gibt es Beispiele, wie in Michael Endes „unendlicher Geschichte“, wo schon im Vorwort an die Leidenschaft, die Leselust des Rezipienten appelliert wird. Und gleichzeitig wird gewarnt, dass es auch gefährlich sein kann. Und durch die dem Roman vorangestellten Worte des Erzählers bekommt der Leser eine solche Fülle an Identifikationsmöglickeiten, dass es für ihn schwer sein wird, dieses Buch nicht zu lesen.

„[…] Wer niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buch saß und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, da? Er hungrig wurde oder fror- […] Wer niemals offen oder im geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen mußte von den Gestalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte, und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos erschien- Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat. Er starte auf den Titel des Buches, und ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Das, genau das war es, wovon er schon oft geträumt und was er sich, seit er von seiner Leidenschaft befallen war, gewünscht hatte: Eine Geschichte, die niemals zu Ende ging![…]“[7]

2.2 Lust beim Autor

Es ist also deutlich geworden, dass die Lektüre von Texten beim Leser aus unterschiedlichsten Gründen Lust oder Unlustempfinden hervorrufen kann. Aber wie sieht es bei dem Verfasser des Textes aus? Warum schreibt ein Autor? Wen man dieser Frage nachgehen will, kommt man an der Psychoanalyse nicht vorbei. Sigmund Freuds vortrag „der Dichter und das Phantasieren“, den er 1907 in Wien hielt, versucht dieser Fragestellung nachzugehen. Freud vergleicht hier das Spiel eines Kindes mit der literarischen Fantasietätigkeit eines Kindes.[8] Er stellt hier die These auf, dass die dichterische Tätigkeit schon in der Kindheit beginnt.

„[…] Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht schon beim Kinde suchen? Die liebste und intensivste Beschäftigung des Kindes ist das Spiel. Vielleicht dürfen wir sagen: jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich eine eigene Welt erschaft, oder […] die

Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt […].“[9]

Nicht die Ernsthaftigkeit mit der die Dinge betrieben werden ist hier der Unterschied für Freud zwischen dem Spiel des Kindes und dem Fantasieren des Erwachsenen, sondern die Anlehnung an die Realität. Der Dichter grenzt sich in seiner Fantasiewelt scharf von der Wirklichkeit ab, dass Kind wiederum lernt, sein Spiel an die Realität an.

Das Fantasieren ist also für den Erwachsenen eine Art „Ersatzlustgewinn“ für das kindliche Spiel, welches er als Erwachsener nicht mehr ausleben kann. So erschafft er sich Tagträume, um seine Wünsche zu erfüllen, seine Lust zu befriedigen.[10] Er schafft sich seine eigene Welt, wie das Kind sich seinen Bauklotzturm baut, und der Autor alleine entscheidet, wie er mit den gegebenen Regeln umgehen will, ob er sein Bauwerk einstürzen lassen möchte oder nicht. Er kann sowohl konstruktiv wie auch destruktiv sein und beides kann ihm Freude und Lust bereiten. Denn er ist der Verursacher.[11]

Karl Groos bezeichnete dies als“ Freude an der Macht“ und die „Freude am Ursache-sein“. Er sagt, der Schreiber ist versunken und selbstvergessen in seinem Schaffen, trotzdem besitzt er, im Gegensatz zum spielenden Kind. die Freiheit zur Distanz. Er schafft sich einen lustbringenden Tagtraum, aus dem er aber auch wieder erwachen kann.[12]

Juli Zeh sagt auf die Frage, ob das Leben einen Sinn hat, Folgendes:

„[...] Das Schreiben verleiht mir Sinn, und da ist es mein utopisches Ziel, das Buch zu schreiben, das alles in sich aufnimmt, was ich je zu denken, zu sagen und zu fühlen hatte. [...]. Damit habe ich ein Ziel, bei dem ich gemütlich mit jedem neuen Versuch scheitern kann.“[13]

[...]


[1] Anz, Thomas: Literatur und Lust. Glück und Unglück beim Lesen. München: C.H Beck 1998, Seite 229

[2] Vgl. Anz, S.7

[3] Kafka, Franz: Briefe 1902-1924. Frankfurt a.M. 1975,S. 27f

[4] Borges, Jorge Luis : das Buch. In: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. 5, II: Essays 1952-1979. München 1981, S.227-236

[5] Vgl. Anz, Thomas, S. 11

[6] Ebd., S. 14

[7] Ende, Michael: Die Unendliche Geschichte: Stuttgart 1979,S. 11

[8] Vgl. Anz, Thomas, S. 32

[9] Freud, Sigmund: der Dichter und das Phantasieren. In: Ders.: Studienausgabe. Bd. 10. Bildende Kunst und Literatur. Frankfurt am Main. 1969, S. 169-179

[10] Vgl. Freud, Sigmund: der Dichetr und das Phantasieren

[11] Vgl, Anz, Thomas: S. 66

[12] Ebd., S. 67

[13] Woman Magazin: Ausgabe 9/2005, Seite14, ,G+J Woman Verlag GmbH, Hamburg

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638578639
ISBN (Buch)
9783638773829
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65246
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1
Schlagworte
Literatur Lust Schrecklichen Beispiel Juli Adler Engel SoSe

Autor

Zurück

Titel: Literatur und Lust, die Lust am Schrecklichen am Beispiel von Juli Zeh: "Adler und Engel"