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Das Sprachverständnis Karl Ferdinand Beckers im Vergleich zu Wilhelm von Humboldt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Sprachverständnis Karl Ferdinand Beckers

2. Sprachverständnis Wilhelm von Humboldts

3. Karl Ferdinand Becker und Wilhelm von Humboldt - die Positionen im Vergleich

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ab etwa 1800 löst die romantische bzw. historisch-genetische Sprachwissenschaft die bis dahin vorherrschende normativ-kritische Grammatikforschung ab.[1] Anders als diese richtet sie den Blick nicht nur auf grammatische Regeln, sondern auf die Sprache an sich in ihrer ganzen Komplexität, was bedeutet, dass Grammatik und Lexik, Lautlehre und philosophische Aspekte von Sprache, wie z.B. der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken, betrachtet werden.

Die romantische Sprachwissenschaft markiert zugleich den Beginn der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft schlechthin.

Mit Karl Ferdinand Becker (1775-1849) betritt ein Außenseiter die Szene der wissenschaftlichen Sprachforschung und dies in zweifacher Hinsicht: Zunächst als Lehrer für Mathematik und Latein, dann als Arzt und Naturwissenschaftler (Chemiker) tätig, beginnt er zum einen relativ spät, sich mit sprachwissenschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen, zum anderen wendet er sich einem Gebiet zu, das von vielen Forschern eher gemieden wird, der Sprachdidaktik.[2]

Sein später Einstieg in die sprachwissenschaftliche Forschung hindert ihn jedoch nicht daran, zahlreich zu publizieren. So veröffentlicht er 1824 sein erstes umfassendes grammatisches Werk, das sich mit der deutschen Wortbildung beschäftigt. Es folgen zahlreiche weitere grammatische Abhandlungen, bis 1827 sein als Hauptwerk anzusehendes Buch erscheint, in dem er – neben den grammatischen Kapiteln – seine Sprachphilosophie entwickelt.[3]

Mit seinem Zeitgenossen Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der neben zahlreichen anderen Aufgaben (so ist Humboldt zeitweilig Kultusminister von Preußen) ebenfalls intensive sprachwissenschaftliche Studien betreibt, steht Becker in regem Gedankenaustausch. Anders als Becker genießt Humboldt jedoch schon den Ruf eines Forschers und Universalgelehrten, als ersterer mit der sprachwissenschaftlichen Forschung beginnt. Ist Humboldt unzweifelhaft auf vielen Gebieten als großer Denker anerkannt und bekannt, so sagt der Name Karl Ferdinand Becker auch heute noch nicht nur dem sprachwissenschaftlichen oder –philosophischen Laien wenig, wofür auch die relativ geringe Anzahl der Sekundärliteratur über Becker Zeugnis ablegt.

Beckers und Humboldts Gedankenaustausch fußt auf den gleichen Grundlagen der Sprachphilosophie, lassen sich doch beide der romantischen Schule zuordnen.

Inwieweit die Positionen beider übereinstimmen, wo sie sich trennen bzw. anders weiterentwickeln, soll diese Arbeit untersuchen. Dazu sollen in Kapitel 1 die Position Beckers und in Kapitel 2 die Position Humboldts in ihren Hauptzügen skizziert werden. In Kapitel 3 soll ein Vergleich der beiden Positionen erfolgen. Darüber hinaus soll an dieser Stelle aufgezeigt werden, welche Wirkungen auf heutige Sprachtheorien zu verzeichnen sind.

1. Das Sprachverständnis Karl Ferdinand Beckers

Die in der romantischen Sprachphilosophie vorherrschende Auffassung der Sprache als Organismus, als lebendiges Wesen, wird auch von Karl Ferdinand Becker vertreten. Wie dieser sprachliche Organismus sich darstellt, welche Aufgabe er hat und was sich durch ihn nach außen transportieren lässt, deutet sich in der Definition der Sprache an, die er seinen sprachphilosophischen Ausführungen im „Organism“ voranstellt:

„Man versteht unter S p r a c h e entweder das S p r e c h e n s e l b s t als diejenige V e r r i c h t u n g des Menschen, in welcher der Gedanke in die Erscheinung tritt, und durch welche ein gegenseitiger Austausch der Gedanken und eine Gemeinschaft des geistigen Lebens in dem ganzen Geschlechte zu Stande kömmt, oder die g e s p r o c h e n e Sprache als ein P r o d u k t der menschlichen Natur, in welchem die von dem menschlichen Geiste gebildete Weltsicht ausgeprägt und niedergelegt ist.“[4]

Bereits an dieser Stelle sind einige zentrale Punkte seiner Sprachauffassung genannt: Neben dem gemeinschaftsbildenden Aspekt der Sprache und der Sichtweise der Sprache als Medium der Weltsicht, ist ein überaus wichtiger Punkt die Sichtweise der Sprache als Ausdruck der geistigen Tätigkeit, womit er die Verbindung von Denken und Sprache, von Geist und Materie thematisiert.

Um Sprache erkennen und verstehen zu können, muss nach Becker versucht werden, wie auf jedem anderen Gebiet der Forschung auch, die Natur der Erscheinung an sich zu ergründen, denn auch jedes Ding in der Natur kann erst dann erkannt werden, wenn man weiß, wie es entstanden ist. So könne auch die gesprochene Sprache in ihrer ganzen Komplexität nur dann richtig erfasst werden, wenn die Verrichtung des Sprechens in ihrer Natur erkannt sei. So sehr Becker am „Wie“ dieses Prozesses interessiert ist, so wenig reizt ihn die Frage nach dem „Wann“, d.h. er hält das auslösende Moment für die Anfänge des Sprechens an sich und den Zeitpunkt der ersten menschlichen Rede zur Erforschung der Sprache für ebenso irrelevant, wie etwa die Gründe und den Zeitpunkt für die erste Muskelbewegung herauszufinden.

Von hohem Interesse ist somit für Becker die Frage, wie Sprache funktioniert und vor allem, wie sie im Zusammenhang mit dem Denken funktioniert und gesehen werden muss. Seine Position dazu drückt Becker fast formelhaft aus:

„Die Sprache ist nichts Anderes als der in die Erscheinung tretende Gedanke und beide sind innerlich nur Eins und Dasselbe.“[5]

Er versucht, dies transparent zu machen mit dem Verweis auf ein allgemeines Naturgesetz, das festzuhalten sei: Jede geistige Tätigkeit habe ihre stoffliche bzw. leibliche Entsprechung und Geist und Materie würden sich nicht nur ergänzen, sondern einander bedingen. Das Sprechen selbst sieht er dabei als organische Verrichtung, die

„m i t e i n e r i n n e r e n N o t h w e n d i g k e i t a u s d e m o r g a n i s c h e n L e b e n d e s M e n s c h e n h e r v o r g e h t: denn der Mensch spricht, weil er denkt.“[6]

So sei Sprache keineswegs nur Mittel zur äußeren Bedürfnisbefriedigung,[7] sondern Ausdruck eines inneren Bedürfnisses der menschlichen Natur, da das organische Wesen des Menschen in seiner ganzen Komplexität ohne die Sprache nicht zustande kommen könne, und so sei der Mensch nur Mensch durch Sprache.[8]

[...]


[1] Vor 1800 ist die Sprachforschung daran orientiert, praktische Regeln für den korrekten Sprachgebrauch aufzustellen, und weniger dahin gehend interessiert, die Sprache an sich zu erforschen. Abgesehen von einigen Ausnahmen, die sich sprachphilosophisch betätigen, wie z.B. Johann Gottfried Herder, ist Grammatikbetrachtung normativ-kritisch ausgerichtet. Diese vor allem mit dem Namen Adelung verbundene Richtung will zwar auch, dass nicht nur Regeln gelernt werden, sondern Sprachverständnis erzeugt wird, was der Stilbildung zuträglich sein soll, jedoch sind seine grammatischen Werke durchweg präskriptiv.

[2] Die Anfänge für die negative Bewertung der Sprachdidaktik und mit ihr der Schulgrammatik liegen in der Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzenden Trennung von wissenschaftlicher und pädagogischer Grammatik. Wissenschaftliche Grammatiken, die z.T. schulische Belange überhaupt nicht mehr berücksichtigen, werden zwar immer noch geschrieben, aber auch die wissenschaftlich ausgebildeten Lehrer schreiben jetzt Grammatiken, hauptsächlich um ihren Unterricht damit besser gestalten zu können. Solange überwiegend wissenschaftliche Grammatiken für den Unterricht benutzt werden, ist die Bezeichnung „Schulgrammatik“ wertneutral besetzt. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft diskreditiert diese nun, da sie mit der wissenschaftlichen Grammatik konkurriert, und bedenkt sie mit Geringschätzung. Vgl. dazu Bahner, Werner/Neumann Werner (Hrsg.): Sprachwissenschaftliche Germanistik. Ihre Herausbildung und Begründung, Berlin 1985, S. 252 ff.

[3] Becker, Karl Ferdinand: Organism der Sprache als Einleitung zur deutschen Grammatik, Frankfurt am Main 1827

[4] Becker, Karl Ferdinand: a.a.O., §1,

[5] Becker, Karl Ferdinand: a.a.O., § 1,

[6] A.a.O., §1, S. 1 f. In diesem Zusammenhang weist Becker auch darauf hin, dass Sprache nicht als Funktion des Individuums zu sehen sei, sondern als Gattungsfunktion, da die Individuen wechselseitig aufeinander bezogen seien. Kennzeichnend dafür sei auch, dass der Mensch, gleichermaßen als Sender und Empfänger von Gedanken, mit zweierlei Organen ausgestattet sei: mit Sprech- und Hörorganen.

[7] Becker wendet sich an dieser Stelle gegen die lange Zeit gültige Meinung der älteren Sprachforschung, dass Sprache ein Kunstprodukt sei, geschaffen nur zu dem Zweck, äußerliche Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen.

[8] Zwingende Grundlage für Sprache sei dabei die allgemeine menschliche Sprachfähigkeit, woraus sich zum einen die jeweilige Nationalsprache und zum anderen die individuelle Rede ergebe.

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638577809
ISBN (Buch)
9783638922364
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v65139
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Sprachverständnis Karl Ferdinand Beckers Vergleich Wilhelm Humboldt

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