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Die Rezeptionsgeschichte Jules Vernes

Magisterarbeit 2006 117 Seiten

Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Jules Verne
2.1 Biographie
2.1.1 Lebenslauf
2.1.2 Der Mensch Jules Verne
2.2 Werk
2.2.1 Wegbereiter und Nachfolger
2.2.2 Gesamtwerk
2.2.3 Der naturwissenschaftliche Abenteuerroman
2.3 Jules Verne als Begründer der »Science-Fiction«?
2.4 Jules Verne als »Technik-Prophet«?

3. Rezeptionsforschung
3.1 Definition von »Rezeption«
3.2 Rezeptionsforschung als wissenschaftliche Methode
3.2.1 Was macht Rezeptionsforschung?
3.2.2 Rezeptionstheoretische Modelle
3.2.3 Empirische vs. Historische Rezeptionsforschung
3.3 Methodische Vorgehensweise dieser Arbeit

4. Die Rezeptionsgeschichte Jules Vernes
4.1 Forschungsstand
4.2 Rezipientenschichten
4.3 Internationale Rezeption
4.4 Verlagswesen
4.5 Rezensionen und berühmte Kritiker
4.6 Theater
4.7 Literatur
4.8 Filme
4.9 Comics
4.10 Hörbücher
4.11 Computerspiele
4.12 Die Verehrung Jules Vernes

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Vorwort

Vor dieser Magisterarbeit wusste ich über Jules Verne nicht viel mehr als dass er Franzose war und einige berühmte Romane wie »20.000 Meilen unter dem Meer« oder »Die Reise um die Erde in 80 Tagen« geschrieben hat. Weder wusste ich, wann er geboren oder gestorben war noch hatte ich eine Ahnung, wovon die Romane mit den abenteuerlichen Titeln eigentlich handeln. Dies änderte sich jedoch als ich Anfang des Jahres im Rahmen eines Praktikums bei einer Hörspielproduktion von »Die Reise um die Erde in 80 Tagen« dabei sein durfte. Hier kam ich zum ersten Mal direkt mit Jules Verne in Berührung und die Geschichte um Phileas Fogg und seine Reise um die Welt faszinierte mich so sehr, dass meine Neugier geweckt wurde. Ich wollte wissen, wer der Mensch Jules Verne war, wollte wissen, was er noch geschrieben hatte. Da zum gleichen Zeitpunkt meine Magisterarbeit immer näher rückte, beschloss ich, das Angenehme mit dem Notwendigen zu verbinden und Jules Verne zum Thema meiner Abschlussarbeit zu machen. Das Ergebnis dieses Vorhabens liegt nun fertig geschrieben, gedruckt und gebunden vor.

An dieser Stelle möchte ich meiner Mutter für ihre unermüdliche Geduld und Unterstützung danken und meinem Vater für seine stets aufmunternden Worte. Besonderer Dank gilt auch meinem Mann Nik – sowohl für das Korrekturlesen der einzelnen Kapitel als auch dafür, dass er an diese Arbeit geglaubt und mir immer wieder den Rücken gestärkt hat.

Abschließend möchte ich mich auch bei Dr. Erdmann Weyrauch für die Übernahme des Themas und die hilfreiche Betreuung meiner Arbeit sowie bei Sandra Fleischer für die Übernahme des Zweitgutachtens vielmals bedanken.

Leipzig, im Januar 2006

Maja Roseck

1. Einleitung

»›Ich reise niemals nach Paris, lebe tief in meiner Provinz und bin der unbekannteste aller Menschen.‹ Das behauptet 1895, zehn Jahre vor seinem Tod, ein Schriftsteller, der seit über dreißig Jahren in regelmäßiger Folge Bücher veröffentlicht und der sich weder von kriegerischen noch von innerfamiliären Auseinandersetzungen, Magenbeschwerden oder beginnender Blindheit davon abbringen lässt. Die Bücher haben ihn zum erfolgreichen Begründer der Gattung des ›wissenschaftlichen Romans‹ gemacht, einige seiner Figuren und Themen sind schon zu Lebzeiten Mythen der Moderne geworden, und ungefähr seit 1873 übersetzt man ihn simultan in ein Dutzend verschiedener Sprachen […]«[1]

Die Rede ist von Jules Verne – Autor von mehr als 80 Romanen und Kurzgeschichten, darunter so weltberühmte Werke wie »Die Reise um die Erde in 80 Tagen« oder »20.000 Meilen unter dem Meer«.

Betrachtet man den französischen Schriftsteller etwas genauer, blickt man auf einen sympathisch einfachen Mann. Insofern hatte Verne Recht; sein Leben und seine Person allein hätten ihm wohl kaum zu der weltweiten Berühmtheit verholfen, die er seinen Romanen verdankt. Diese, im 19. Jahrhundert zur Hochblüte der Industrialisierung entstanden, handeln meist von den faszinierenden Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik, aber auch von den Gefahren, die selbige beinhalten. Eine Problematik, die auch heute noch Aktualität besitzt.[2]

Viele, die einmal in die abenteuerliche Welt Jules Vernes eingetaucht sind, zeigen sich begeistert von den spannenden Abenteuern und dem wissenschaftlichen Detailreichtum der Geschichten, aber auch vom ironischen Humor und den kritischen Zukunftsvisionen Vernes. Dieser hat mit seinen Romanen schon etliche Generationen fasziniert und unterhalten und gilt heute als einer der größten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.

Am 24. März dieses Jahres jährte sich der Todestag des beliebten Romanautors zum 100. Mal. Für sein Heimatland Frankreich war dies ein Anlass, das Jahr 2005 zum Gedenkjahr zu Ehren des französischen Schriftstellers auszurufen. Frankreichs Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres eröffnete die Feierlichkeiten am 11. Januar mit den Worten: »Von dem nach Jules Verne benannten Krater auf dem Mond über das erste atomgetriebene U-Boot Namens ›Nautilus‹ bis zu den anhaltenden Erfolgen seiner Romane und der davon inspirierten Filme zeugt alles davon, dass sein Andenken wach bleibt.«[3]

Im Rahmen dieses Gedenkjahres schlossen sich Vernes Geburtstadt Nantes und Amiens, wo der berühmte Autor viele Jahre gelebt hatte und schließlich auch gestorben war, zusammen, um zahlreiche Theater- und Film-Veranstaltungen sowie Ausstellungen und Kolloquien zum Thema »Jules Verne« zu organisieren. So fand beispielsweise vom 19. bis 27. März in Amiens ein Treffen für Jules-Verne-Fans aus aller Welt statt, das die Teilnehmer unter anderem am 24. März in einer Prozession zum Grab Jules Vernes auf dem Madeleine-Friedhof in Amiens führte.

Mir stellte sich anlässlich des 100. Todestages des Erschaffers von so berühmten Charakteren wie »Kapitän Nemo« oder »Phileas Fogg« die Frage: Als Jules Verne am 24. März 1905 starb, hinterließ er ein umfangreiches literarisches Erbe, das in aller Welt bekannt war. Doch wie sieht es heute aus – hundert Jahre nach seinem Tod? Die technischen Erfindungen und wissenschaftlichen Errungenschaften, die Verne in seinen Romanen beschreibt und die das Publikum des 19. Jahrhunderts in Staunen versetzten, sind längst von der Wirklichkeit eingeholt worden. Hat dies der Faszination, die von seinen Büchern ausgeht, einen Abbruch getan? Ist Jules Verne zusammen mit dem 19. Jahrhundert ein Teil der Vergangenheit geworden oder sind seine Werke auch heute noch präsent? Was hat sich verändert im Verlauf von 150 Jahren Rezeption?

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Zu diesem Zweck sollen sowohl die Verbreitung der Verne’schen Romane in den einzelnen Medien als auch die Aufnahme und Beurteilung derselben durch das Publikum betrachtet werden. Dabei setzt die Untersuchung der Rezeptionsgeschichte Jules Vernes am Beginn seiner schriftstellerischen Karriere an und endet mit der Gegenwart, rund 150 Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Romans.

Das erste Kapitel widmet sich allein Jules Verne. Dabei soll sein Leben nicht nur anhand biographischer Fakten nachvollzogen werden, sondern vielmehr will diese Arbeit mit Hilfe einiger ausgewählter Zitate von Zeitgenossen Vernes versuchen, ein möglichst lebendiges und realitätsnahes Bild des Menschen Jules Verne wiederzugeben. Neben der Vorstellung von Biographie und Werk soll außerdem ergründet werden, ob Verne zu Recht als »Technik-Prophet« und »Vater der Science-Fiction« bezeichnet wird.

Daran schließt sich ein Kapitel über die wissenschaftliche Methode dieser Arbeit an: die Rezeptionsforschung. Nach einer Definition des Rezeptionsbegriffes wird ein kurzer Überblick über die Entstehungsgeschichte, die Arbeitsweise sowie einige ausgewählte Theoriemodelle der Rezeptionsforschung gegeben. Schließlich wird die Vorgehensweise zur Untersuchung der Rezeptionsgeschichte Jules Vernes erläutert, womit gleichzeitig zum Kern dieser Arbeit übergeleitet wird.

Der eigentliche Hauptteil beginnt mit einem Einblick in die Geschichte der internationalen Jules-Verne-Forschung. Im Anschluss daran sollen grundlegende Voraussetzungen der Verne-Rezeption in Erfahrung gebracht werden wie etwa die Zielgruppe oder auch die logistische Verbreitung der Verne’schen Romane durch Verlags- und Übersetzungswesen bevor das Publikum selbst zu Wort kommt. Dieses wird das schriftstellerische Wirken Jules Vernes in Form von Zitaten beurteilen, wobei Verehrer und Kritiker gleichermaßen berücksichtig werden, um ein möglichst ausgewogenes und vor allem realitätsnahes Urteil zu erhalten. An die Beurteilung Vernes durch das Publikum schließt sich der zweite Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit an: die Verbreitung der Verne’schen Erzählungen in den einzelnen Mediengattungen von damals bis heute. Durch die Untersuchung von sowohl Verbreitung als auch Aufnahme der Verne’schen Werke soll schließlich herausgefunden werden wie sich die Rezeption Jules Vernes in 150 Jahren verändert hat. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden abschließend noch einmal zusammengefasst und durch einen Ausblick auf die zukünftige Rezeption Jules Verne abgerundet.

Letztendlich soll diese Magisterarbeit einen kleinen Beitrag zur deutschen Verne-Forschung leisten und dabei vor allem einen Einblick in die Rezeptionsgeschichte Jules Vernes geben, über die man in den bisher erschienenen Veröffentlichungen nur sehr verstreut vereinzelte Angaben finden kann.

Über dies hinaus soll meine Arbeit eine Verneigung sein vor dem Mann, der die Phantasie seiner Leser auf so »Außergewöhnliche Reisen« schickte und mit diesen ein literarisches Erbe hinterließ, dem Respekt und Anerkennung gebührt.

2. Jules Verne

Die folgenden Kapitel befassen sich mit Leben und Werk Jules Vernes, um zunächst den Autor selbst ein wenig besser kennen zu lernen.

2.1 Biographie

2.1.1 Lebenslauf

Jules-Gabriel Verne wird am 8. Februar 1828 auf der Insel Feydeau geboren, unweit der bretonischen Hafenstadt Nantes. Er ist das erste der insgesamt fünf Kinder Pierre Vernes, einem angesehen Rechtsanwalt aus Provins, und seiner Frau Sophie Allotte de la Fuÿe, die einer Reederfamilie aus Nantes entstammt.

Verne verlebt eine behütete Kindheit und beginnt bereits im Knabenalter mit der Lektüre großer Schriftsteller wie Edgar Allan Poe, Honoré de Balzac und James Fenimore Cooper, deren abenteuerliche Geschichten später seine eigenen Werke beeinflussen. Ebenfalls geprägt werden Vernes Erzählungen von seiner Liebe zum Meer, die er gleichfalls in jenen Kindertagen in Nantes entdeckt, wo er vom Haus seiner Eltern das Ein- und Auslaufen der Handelsschiffe und das bunte Treiben im Hafen beobachtet. Vernes kindliche Begeisterung für das abenteuerliche Leben der Seefahrer wird noch angefacht durch die Geschichten Madame Sambins, einer Witwe, bei der er mit fünf oder sechs Jahren seinen ersten Unterricht erhält. Ihr eigener Mann fuhr als Kapitän zur See und kehrte eines Tages nicht mehr von seiner Reise zurück. Eine Geschichte, die den jungen Jules Verne tief beeindruckt und beim späteren Schreiben seiner Romane womöglich inspirierte. Seine erste Biographin, Marguerite Allotte de la Fuÿe, will sogar von einem Ausbruchsversuch des Jungen wissen. Mit elf Jahren soll er versucht haben, als Schiffsjunge auf dem Südseefahrer »Coralie« anzuheuern, um nach Amerika zu segeln. Sein Vater soll jedoch rechtzeitig davon erfahren und Jules Verne ihm kleinlaut versprochen haben: »Ich werde nur noch in Gedanken reisen.«[4] Über den Wahrheitsgehalt dieser abenteuerlichen Episode im Leben Vernes streiten sich die Biographen jedoch.

Mit neun Jahren besucht Verne zusammen mit seinem Bruder Paul zunächst das Eliteinternat »Saint-Stanislas« und ab 1840 das Priesterseminar von Saint-Donatien, bekannt auch als »Petit Séminaire«. Wird er in den ersten drei Jahren
noch für seine guten Leistungen gelobt, veranlasst der darauf folgende Leistungsabfall seine Eltern jedoch dazu, ihn ab 1844 auf das städtische Gymnasium »Collège Royal« zu schicken.

Nach Bestehen des Abiturs hilft er als Baccalaureatus (Abiturient) in der Anwaltskanzlei seines Vaters. Dieser ermuntert seinen ältesten Sohn schließlich dazu, nach Paris zu gehen, um dort sein erstes und zweites juristisches Examen zu machen, damit er eines Tages seine Nachfolge antreten könne. Verne befolgt den väterlichen Rat und bezieht im Jahre 1848 ein Zimmer im Pariser Künstlerviertel »Quartier Latin«.

Die ersten Monate sind eine Zeit der Mutlosigkeit und der Unsicherheit. Während sein Bruder Paul als Seemann die Weltmeere bereist, muss er sich dem trockenen Jura-Studium widmen, obwohl es ihn viel mehr zu Literatur und Musik hinzieht. Als seine Onkel Allotte de la Fuÿe und Châteaubourg ihn in einige literarische Salons einführen, macht er die Bekanntschaft von Alexandre Dumas Père und dessen Sohn Alexandre Dumas Fils. Dies wird zum Wendepunkt im Leben des Zwanzigjährigen. Durch die Dumas erhält er Zugang zur Welt der Literaten und wird über dies hinaus von ihnen dazu angeregt, sich an ersten eigenen Werken zu versuchen. So schreibt er unter anderem das Bühnenstück »Pailles rompues«, das 1850 mit einigem Erfolg im »Théâtre Historique« aufgeführt wird.

Aus den politischen Ereignissen im Jahre 1848 hält sich Verne heraus; seine Anstrengungen gelten allein dem Theater. Während die Bürger Paris’ ihrem Ärger über die vorherrschenden Zustände mit einer Revolution Ausdruck verleihen, schreibt er mehrere Dramen, Komödien und Boulevardstücke. Nebenbei setzt er sein Jura-Studium fort, das er 1849 erfolgreich abschließt. Das Angebot seines Vaters, eine Stelle in Nantes anzunehmen und in die provinzielle Heimat zurückzukehren, schlägt er jedoch aus.

Stattdessen bleibt Verne in Paris und stürzt sich in das Pariser Bohemeleben. Zusammen mit einigen Schriftstellern, Malern und Musikern gründet er den Junggesellenclub »Die elf Frauenlosen«, dem auch sein Freund Aristide Hignard angehört. Finanziell nun auf eigenen Füßen stehend bleibt er von Geldsorgen nicht verschont. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, will er sich deshalb als Bühnenautor versuchen. Er bezieht ein Zimmer am »Boulevard de Bonne Nouvelle« und erhält 1852 eine Anstellung als Sekretär am »Théâtre Lyrique«. Trotz der vielen Arbeit, die dieser Posten mit sich bringt, findet er genug Zeit zum Schreiben und es entstehen eine Reihe von Novellen, Komödien und Operetten.

1855 fährt Verne mit Heiratsabsichten nach Hause, doch die von ihm umworbene Herminie Arnault-Grossetière entscheidet sich für eine bessere Partie. Verne kehrt ohne Frau nach Paris zurück, wo ihn sein Drang nach Freiheit und sein
reges Interesse an anderen Dingen seine Tätigkeit am »Théâtre Lyrique« bald als unerträgliche Bürde empfinden lassen. Aus diesem Grunde gibt er seine Anstellung im Oktober 1856 auf, um sich von nun an voller Eifer seiner Tätigkeit als Schriftsteller zu widmen.

Neun der »elf Frauenlosen« sind inzwischen verheiratet und im Mai 1856 bleibt nur noch Verne übrig. Auf der Hochzeit eines Freundes in Amiens macht er dann jedoch die Bekanntschaft von Honorine Deviane, einer jungen Witwe mit zwei Töchtern, die er am 10. Januar 1857 heiratet. Die Liebe zu seiner jungen Frau gibt ihm neuen Antrieb. Um seine Familie zu ernähren, sieht sich Verne nach einer sicheren Anstellung um und übernimmt mit der finanziellen Hilfe seines Vaters eine Wechselbank in Paris, wo er sich mäßig erfolgreich als Börsenmakler versucht. Dem Schreiben widmet er sich jedoch nach wie vor.

Im Jahr 1859 unternimmt Verne zusammen mit seinem Freund Aristide Hignard eine Reise nach Schottland, woraus später der Roman »Reise mit Hindernissen nach England und Schottland« entsteht. Zwei Jahre später bereist er Skandinavien, dessen Meere und Eiswüsten ihn stark beeindrucken und seine späteren Erzählungen immer wieder prägen.

In dieser Zeit macht Verne auch die Bekanntschaft des Fotografen Gaspar-Félix Tournachon, besser bekannt unter dem Pseudonym »Nadar«, dem der Bau eines Luftschiffes vorschwebt. Verne ist von dieser Idee so begeistert, dass er in Gedanken bereits erste Reisen unternimmt, die ihm nur wenig später den Stoff zu seinem ersten bedeutenden Roman liefern sollen.

Als am 3. August 1861 sein erstes und einziges Kind Michel geboren wird, hält sich Verne gemeinsame mit Hignard in Dänemark auf. Erst fünf Tage nach der Geburt seines Sohnes kehrt er zurück und beklagt sich fortan über das Geschrei des Kindes, das ihn bei seiner Arbeit stört.

1862 lernt Verne den Jugendbuchverleger Pierre-Jules Hetzel kennen, dem er das fertige Manuskript seiner Ballon-Geschichte übergibt. Hetzel erklärt sich bereit, die Geschichte zu veröffentlichen und nimmt Verne für seine Zeitschrift »Magazin der Belehrung und Erholung« unter Vertrag.

So erscheint 1863 Vernes erster Roman »Fünf Wochen im Ballon«, der zugleich den Roman-Zyklus der »Außergewöhnlichen Reisen« eröffnet. Das Buch wird ein voller Erfolg und Verne, bisher unbekannt, wird sprichwörtlich »über Nacht« berühmt.

Ist der Gewinn, den Verne aus der Schreiberei bezieht, anfangs noch so gering, dass er seine Arbeit an der Börse fortsetzen muss, wird er 1865 als exklusiver Hausautor bei Hetzel unter Vertrag genommen und erhält nun ein Monatsgehalt von 750 Francs für das er jährlich drei Romanbände abliefern soll.

Von da an arbeitet Verne fast ohne Unterlass. Das Ergebnis sind zahlreiche Romane, darunter einige seiner bekanntesten Werke wie beispielsweise die »Reise zum Mittelpunkt der Erde« oder seine beiden Mond-Romane »Von der Erde zum Mond« und »Die Reise um den Mond«. Die meisten dieser Erzählungen werden Fortsetzungsweise in Hetzels Jugendzeitschrift veröffentlicht bevor sie später auch als Buch verlegt werden.

Der größte Teil seiner Romane besteht aus Reise- und Abenteuergeschichten, in denen er die eine oder andere später tatsächlich realisierte Erfindung vorwegnimmt. Dies ist jedoch keiner hellseherischen Gabe verdanken, sondern Vernes Kontakten zu Wissenschaftlern und Forschern, die seine Kenntnisse erweitern, ihn fachlich beraten und ihm manche Inspiration geben. Verne sammelt dieses Wissen in einem Zettelkasten, von dem heute gesagt wird, dass er mehr als 20.000 Notizzettel aus sämtlichen Wissenschaftsbereichen enthielt.

Als ihn das Großstadtleben bei seiner Arbeit zu stören beginnt, zieht Verne 1866 mit seiner Familie in das kleine Fischerdorf Crotoy. Im Jahr darauf unternimmt er zusammen mit seinem Bruder Paul eine Reise nach Amerika, wo sie unter anderem New York und den Niagarafällen einen Besuch abstatten. Zurück in Crotoy kauft sich Verne eine kleine Yacht, die er nach seinem Sohn »Saint Michel« benennt. Sie wird zu seinem Zufluchtsort der Ruhe und Abgeschiedenheit, an dem er an einer weiteren Erzählung schreibt, die später unter dem Titel »20.000 Meilen unter dem Meer« veröffentlicht werden soll.

Als im Juli 1870 der Krieg mit Preußen ausbricht, schickt Verne seine Frau mit den Kindern nach Amiens während er selbst als Reservist zur Küstenwache einberufen wird. Nachdem der Krieg beendet ist, folgt er seiner Familie nach Amiens, wo er großes Ansehen genießt und sogar Mitglied der »Académie d’Amiens« wird.

Doch die Nachkriegszeit ist hart und Verne spielt zunächst mit dem Gedanken, seine Arbeit als Börsenmakler wieder aufzunehmen. Stattdessen vollendet er jedoch zwei weitere Romane und drängt seinen Verleger Hetzel zu einem neuen Vertrag mit günstigeren Konditionen: ein Monatsgehalt von 1.000 Francs für zwei Romane pro Jahr.

Im Januar 1873 erscheint dann Vernes wohl bekanntester Roman: »Die Reise um die Welt in 80 Tagen«. Nur ein Jahr später wird dieser auch fürs Theater adaptiert. Am 7. November 1874 erlebt das Stück im »Théâtre de la Porte-Saint-Martin« seine Uraufführung und wird ein Riesenerfolg.

Die Einnahmen machen Jules Verne zu einem wohlhabenden Mann. Für 55.000 Francs kauft er sich eine Dampfbetriebene Yacht und unternimmt in den folgenden Jahren zahlreiche Reisen nach Spanien und Portugal, nach Norwegen, Irland und Schottland sowie in den Mittelmeerraum. Viele der Eindrücke, die er von seinen Reisen mitbringt, verarbeitet er später in seinen Romanen.

Zwar publiziert Verne fast pausenlos weiter, doch mit etwa fünfzig Jahren hat er seinen schöpferischen Zenit überschritten. Sein früher unerschütterlicher Glaube an Technik und Fortschritt wird schwächer, er selbst immer konservativer. Das Jahr 1886 bringt einen endgültigen Wandel im Leben Jules Vernes: Am 9. März wird er das Opfer eines Anschlags durch seinen geistig verwirrten Neffen Gaston, der in einem Anflug von Raserei zwei Revolverkugeln auf ihn abfeuert. Eine von beiden trifft Verne am linken Fuß und kann nicht entfernt werden, weshalb Verne für den Rest seines Lebens gehbehindert bleibt.

In den folgenden Jahren verkapselt er sich ganz in das Leben eines Provinzlers. Zwar ist er noch immer schriftstellerisch tätig, doch die Phantasie und die Kraft seiner Werke lassen allmählich nach. Nachdem sein Vater bereits 1870 verstorben war, trägt er nun schwer am Tod seiner Mutter und seines Freundes und Verlegers Hetzel.

Neben seiner Arbeit als Romanautor kandidiert Verne 1888 auf Seite der Sozialisten für den Gemeinderat von Amiens mit dem Ergebnis, dass er die Wahl gewinnt. Auch seine Kandidaturen 1892, 1896 und 1900 sind von Erfolg gekrönt. Mit peinlicher Genauigkeit widmet er sich seiner Tätigkeit und engagiert sich dabei vor allem im Bereich der Kultur.

Um die Jahrhundertwende verschlechtert sich der Gesundheitszustand Jules Vernes jedoch zusehends: Er klagt über Magenprobleme und Rheuma, leidet unter Gleichgewichtsstörungen und erblindet fast vollständig. Immer wieder rafft er sich auf bis schließlich eine Lähmung seiner rechten Körperhälfte eintritt.

Am 24. März 1905 erliegt Jules Verne in Amiens seiner Krankheit, die später als Diabetesleiden diagnostiziert wird. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wird er am 28. März auf dem Madeleine-Friedhof in Amiens bestattet.

2.1.2 Der Mensch Jules Verne

Das vorangegangene Kapitel referiert den Lebenslauf Jules Vernes, doch was für ein Mensch verbirgt sich hinter den nüchternen Daten und Fakten? In Form von einigen ausgewählten Zitaten soll in diesem Kapitel ein Blick sowohl auf die äußere Erscheinung als auch auf das Wesen des Mannes gegeben werden, der zu den bekanntesten Schriftstellern Frankreichs zählt.

An den jungen Jules Verne erinnerte sich sein ehemaliger Mitschüler Lucien Dubois:

»Jules Verne war damals […], was man als Lehrer einen vergnügungssüchtigen Schüler nennt, der sich mehr fürs Spielen begeisterte als für das Lernen; aber unter dieser Lebhaftigkeit traten bisweilen schon Geistesblitze hervor. Man spürte, dass diese noch grüne, kaum aus seiner Blüte herausgetretene Frucht heranreifte.«[5]

Die äußere Erscheinung des erwachsenen Jules Verne beschreibt der damalige Theaterdirektor Félix Duquesnel:

»Er war mittelgroß, recht schlank, mit eher breiten Schultern. [… ] Er hatte ein etwas längliches Gesicht mit starkem Kinn, einen feinen spöttischen Mund, eine geistreiche Nase mit ausgeprägten Nasenlöchern; die wuchernden Haare waren leicht gekräuselt und kastanienbraun, ebenso wie der spitz zulaufende Bart; aus seinen sehr hellen blauen Augen blitzte der Schalk.«[6]

Über Vernes Wesen sagte Duquesnel:

»Er war ein angenehmer Begleiter, ein freundlicher und charmanter Gesprächspartner, allerdings immer zum Spotten und Foppen aufgelegt, allem gegenüber skeptisch, ausgenommen einer einzigen Sache: Sein Leben lang bewahrte er durch seine bretonische Herkunft eine – wie soll ich mich ausdrücken – katholische Mentalität.«[7]

1895 erhielt Verne Besuch vom italienischen Dichter de Amicis und seinen beiden Söhnen. Der Italiener schilderte seinen Eindruck folgendermaßen:

»[…] Wären wir ihm begegnet, ohne zu wissen, wer er war, wir hätten ihn unmöglich erkannt. Man hätte ihn eher für einen abgedankten General oder für einen Mathematikprofessor oder für einen Abteilungschef im Ministerium gehalten, als für einen Schriftsteller. Er
erinnert etwas an Verdi mit seinem ernsten, gutmütigen Gesicht; in Blick und Wort liegt etwas künstlerisch Lebhaftes. Sein Auftreten ist sehr einfach und trägt das Gepräge einer edlen Reinheit in allen Gefühls- und Gedankenäußerungen. Sprache, Kleidung und Benehmen sind die eines Mannes, der nicht aufzufallen wünscht.« [8]

Der alte Verne hingegen machte auf André Maurel, einen Freund von Vernes Sohnes Michel, einen eher düsteren, beinahe grimmigen Eindruck:

»Er war ein großer Greis mit rund geschnittenem Bart, mürrisch und schweigsam. […]Ich habe in der Nähe von Dinard den Sommer mit der Familie verbracht. Höflich, sogar galant, konnte er vor geistreichen Einfällen und Bemerkungen sprühen, fiel aber schnell in sein sauertöpfisches Schweigen zurück.«[9]

Um das Bild Jules Verne abzurunden, abschließend ein Zitat aus der Stuttgarter Zeitung, die anlässlich seines 100. Todestages am 24. März 2005 schrieb:

»Seine flammende Begeisterung und rege Fantasie machten ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller von Abenteuer- und Zukunftsromanen. Er hat in seinen herrlichen Geschichten [...] nichts erfunden, sondern sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse seiner Zeit gestützt. Denn wenn der eher stille und in sich gekehrte Franzose nicht mit seinem Bruder Paul auf einer ihrer Yachten nach Schottland oder New York segelte, saß er über wissenschaftlichen Büchern und Zeitungen.«[10]

2.2 Werk

2.2.1 Wegbereiter und Nachfolger

Bevor im nachfolgenden Kapitel das schriftstellerische Werk Jules Vernes vorgestellt werden soll, wird sich dieses Kapitel jenen Autoren widmen, die entweder Vernes Arbeit maßgeblich beeinflusst haben oder aber selbst von seinen Erzählungen inspiriert wurden und später seine Nachfolge antraten.

Wie bereits in Kapitel 2.1.1 (»Lebenslauf«) erwähnt, begann Verne bereits im Kindesalter mit der Lektüre namhafter Autoren, deren Werke ihn faszinierten und in seinem späteren Schaffen entscheidend prägten.

»Ich stand ganz unter dem Einfluss von Victor Hugo«[11], bekannte Verne als er 1893 auf die Anfangsjahre seiner Schriftstellerkarriere zurückblickt, in denen Hugos Werke seine ersten literarischen Versuche inspirierten. Hugo gehörte zu den bedeutendsten Autoren der französischen Romantik und war der Verfasser zahlreicher Gedichte, Versdramen und Romane wie »Der Glöckner von Notre Dame« (1831) oder »Die Elenden« (1862).

Während seines Studiums in Paris machte Verne die Bekanntschaft zahlreicher Künstler, die ebenfalls einen großen Einfluss auf seine eigene Arbeit hatten. Unter ihnen waren bekannte Größen wie der französische Dramatiker Augustin Eugène Scribe und der Komponist Daniel-François-Esprit Auber.

So ist es nicht verwunderlich, dass man die Handschriften verschiedenster Au-toren wieder findet, wenn man einen genaueren Blick auf Vernes Lebenswerk, den Romanzyklus der »Außergewöhnlichen Reisen«, wirft. Der amerikanische Schriftsteller James Fenimore Cooper prägte beispielsweise die zahlreichen Seeromane Vernes, die auf oder unter dem Meer spielen. Cooper selbst schrieb neben Indianer-, See- und Grenzerromane auch kritische Essays und Satiren über Amerika und Europa. An den Werken Honoré de Balzacs und Charles Dickens hingegen bewunderte Verne die sowohl eindrucksvollen als auch überzeugenden Darstellungen der Romanfiguren, für die er später selbst gerühmt wurde. Von Walter Scott und Alexandre Dumas Père bezog er die charakteristischen Elemente des historischen Romans während ihn die Erzählungen E.T.A. Hoffmanns (»Nussknacker und Mäusekönig«, 1816; »Der Sandmann«, 1817) und Edgar Allan Poes (»Der Rabe« (1845); »Die Abenteuer Gordon Pyms« (1838)) einiges in Sachen Phantastik und Wissenschaft lehrten.[12]

Diese Aufzählung soll nicht den Eindruck erwecken, Jules Verne habe seine eigenen Romane aus den Werken anderer Schriftsteller zusammengeschrieben. Lediglich die eine oder andere Idee wurde von ihm übernommen und den Lesern in Form einer neuen Geschichte präsentiert. Darüber hinaus wird gerade Jules Verne dafür gerühmt, dass er eine völlig neue Romangattung geschaffen habe: den naturwissenschaftlichen Abenteuerroman. Dass dieses Genre jedoch gar nicht so neu war, zeigen die zahlreichen Erzählungen mit ähnlich abenteuerlichen und utopischen Inhalten, die lange vor Vernes Romanen veröffentlicht wurden.

Einer der ersten bekannteren Vorgänger Vernes war der Franzose François Rabelais (ca. 1494-1553) mit seiner abenteuerlichen Erzählung »Gargantua und Pantagruel«, einem fünfteiligen Romanwerk über den Riesen Gargantua und seinen Sohn Pantagruel.

Auch waren Vernes Helden nicht die ersten, die ins Weltall reisten. Reisen zum Mond und anderen Planeten wurden schon Jahrhunderte zuvor thematisiert, so zum Beispiel in Francis Godwins »Mann im Monde« (1638) oder auch in Cyrano de Bergeracs »Reise nach dem Monde« (1656 oder 1659). Ähnlich fantastische und utopische Geschichten erzählen auch Thomas Campanellas »Sonnenstaat« (1623), John Wilkins »Entdeckung einer neuen Welt« (1638) oder Voltaires »Micromegas« (1752 erschienen).

Die ersten Helden des Abenteuerromans hingegen waren Jonathan Swifts Gulliver (»Lemuel Gullivers Reisen zu verschiedenen weit entlegenen Völkern der Erde«, 1726) und Daniel Defoes »Robinson Crusoe« (1719), wobei sich der erste Robinson Crusoe bereits 1668 in der Gestalt von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens »Simplicissimus« darstellte.

Dass Vernes literarisches Konzept ein erfolgreiches war, zeigt sich nicht zuletzt dadurch, dass es bald die ersten Nachahmer fand. Bereits zu Lebzeiten Vernes fühlten sich andere Autoren durch seinen Stil inspiriert und versuchten gar, ihn an Utopie und Phantastik noch zu übertreffen. Zu ihnen gehörten André Laurie, Paul d’Ivoi, Albert Robida und Gustave Le Rouge, um nur einige von ihnen zu nennen.

Nach Jules Verne entwickelte sich der naturwissenschaftliche Abenteuerroman in zwei unterschiedliche Richtungen. Wie bereits erwähnt prägten Vernes Romane zahlreiche Schriftsteller dahingehend, dass sie versuchten, seinen Stil bestmöglich nachzuahmen. Andererseits regten die immer weiter voranschreitenden Entdeckungen und Entwicklungen der Naturwissenschaften zahlreiche Autoren dazu an, unabhängig von Verne neue wissenschaftliche und fantastische Erzählungen zu schaffen. Zu den Werken, die das Erbe Jules Vernes antraten, zählen vor allem die Romane des englischen Science-Fiction-Autors Herbert George Wells (»Die Zeitmaschine«,1895; »Der Krieg der Welten«, 1898) und des deutschen Schriftstellers Kurd Lasswitz (»Auf zwei Planeten« (1897).

Ein Zitat des Verne-Biographen Volker Dehs zeigt jedoch abschließend, dass das Erbe Vernes ein schwieriges war:

»Im Ausland hatten es Schriftsteller schwer, sich am wissenschaftlichen Roman und an technischer Phantastik zu versuchen, ohne als ›englischer Jules Verne‹ wie Herbert George Wells oder ›deutscher Jules Verne‹ wie Kurd Lasswitz und Hans Dominik […] erklärt zu werden, obwohl die meisten unter ihnen doch ganz andere Anliegen verfolgten als der Autor der ›Außergewöhnlichen Reisen‹.«[13]

2.2.2 Gesamtwerk

Jules Verne schuf in den 77 Jahren seines Lebens ein literarisches Werk, das mehr als 80 Romane und Kurzgeschichten umfasst, von denen einige beeindruckenden Weltruhm erlangt haben. Darüber hinaus verfasste Verne auch einige populärwissenschaftliche Abhandlungen wie »Die illustrierte Geographie Frankreichs und seiner Kolonien« (1868) sowie zahlreiche Theaterstücke. Im Folgenden sollen ein Einblick in die schriftstellerische Arbeit Vernes sowie ein erster Überblick über die Rezeption seiner Werke im Verlauf der letzten 150 Jahre gegeben werden.

Vernes schriftstellerische Karriere begann 1863 mit der Veröffentlichung von »Fünf Wochen im Ballon«. Weder die Leser seines ersten Romans noch Verne selbst konnten zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass von nun an vierzig Jahre lang ein Roman dem anderen folgen würde.

Doch »Fünf Wochen im Ballon« war nicht nur der Roman, der Verne bekannt machte, sondern auch der Auftakt der »Außergewöhnlichen Reisen«. 54 Romane umfasst dieser Romanzyklus, der seinen Namen von Vernes Verleger Hetzel erhielt und gleichzeitig das Lebenswerk Jules Vernes darstellt.

Laut Hetzel war die Absicht dieser umfangreichen Romanreihe »[…] alle geographischen, geologischen, physikalischen, astronomischen Kenntnisse, die die moderne Wissenschaft angehäuft hat, zusammenzufassen und in […] anziehender und malerischer Art die Geschichte des Universums neu zu schreiben.«[14] Verne selbst sagte 1893 im Gespräch mit einem amerikanischen Journalisten: »Mein Ziel

war es, die Erde zu beschreiben, und nicht nur die Erde, sondern das Uni-versum.«[15] Die »Außergewöhnlichen Reisen« sollten demnach der Erkundung von Erde und Weltall auf literarischem Wege dienen.

Wie bereits erwähnt folgten Vernes Durchbruch mit »Fünf Wochen im Ballon« zahllose Romane, die zunächst in Hetzels Familienzeitschrift »Magazin der Belehrung und Erholung« erschienen bevor sie später in Buchform publiziert wurden. Von einigen Ausnahmen einmal abgesehen sind es vor allem die zwischen 1863 und 1876 veröffentlichten Romane wie »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde« (1864); »20.000 Meilen unter dem Meer« (1870) oder die »Reise um die Erde in 80 Tagen« (1873), die Vernes Erfolg bis heute andauern lassen.

All diesen Romanen ist gemeinsam, dass sie Reise- und Abenteuergeschichten erzählen, die, vermischt mit Utopie und wissenschaftlichen Details, zur damaligen Zeit einen großen Teil zur Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Entdeckungen innerhalb der Bevölkerung beitrugen. Verne selbst nannte seine Erzählungen »wissenschaftlich belehrende Romane« und erklärte 1880: »Der Leser – und damit meine ich die Mehrheit der Romanleser – will nicht belehrt, sondern unterhalten werden. Wenn man ihm etwas beibringen will, darf man es sich nicht anmerken lassen, und die Belehrung muss in die Handlung selbst eingehen, sonst wird das Ziel verfehlt.«[16] Auch Max Popp stellt in seiner bereits 1909 veröffentlichten Verne-Biographie mit dem Titel »Jules Verne. Sein Leben, seine Werke, seine Nachfolger.« fest:

»Verne gab sich nicht zufrieden damit, einfach die trockenen Tatsachen, so wie sie vorlagen, aufzuzählen; er ging viel weiter, und zog auch die Konsequenzen aus den bereits gemachten Erfindungen und Entdeckungen. Mit erstaunlichem Scharfsinn kombinierte er die verschiedenen Tatsachen miteinander, folgerte das eine aus dem anderen und ehe der Leser es sich versieht, befindet er sich nicht mehr in der Gegenwart, sondern bereits in einer zukünftigen Zeit.«[17]

Vernes Leser wussten sowohl den unterhaltenden als auch den belehrenden Charakter seiner Erzählungen zu schätzen. Dabei war sich der französische
Schriftsteller dem Erfolg seiner Romane alles andere als gewiss, wie sich einem Zeitungsinterview von 1896 über die Zukunft seiner Bücher entnehmen lässt:

»Ehrlich gesagt, glaube ich kaum, dass die ›Außergewöhnlichen Reisen‹ auch nur den mindesten Einfluss auf die kommende Generation haben werden oder bei ihr Freude am Reisen auslösen könnten. Nein, in dieser Hinsicht habe ich keine Illusionen. Es ist mit diesen Romanen wie mit allen anderen: entweder liest man sie nicht oder man vergisst sie sofort nach der Lektüre.«[18]

Doch Verne irrte sich, denn allein in Frankreich wurden seine Bücher fast ausnahmslos zu großen Erfolgen. So erzielte beispielsweise der Roman »Von der Erde zum Mond« bereits Lebzeiten Vernes mehr als 40 Auflagen.[19] Die fiktionale Beschreibung modernster technischer Erfindungen begeisterte vor allem junge Leser und dank Übersetzungen fanden Vernes Romane nicht nur in Frankreich, sondern auch in Amerika und Europa bald ein breites Publikum.

Dennoch hatte Verne, wie jeder andere Autor auch, nicht nur Anhänger, sondern auch Kritiker. So schreibt Arno Schmidt in seinem essayistischen Werk zur angelsächsischen Literatur (1994): »Seine eigenen Zeitgenossen zwar kannten ihn, schätzten ihn weniger – er war ob seines relativ geringen Wortschatzes leicht zu benaserümpfen; ›die Liebe‹ eliminierte er 100%ig und allzu bewusst […]; und gewisse Schemata verwendete er auch überflüssig häufig […]«[20] Auch Daniel Compère betont in einer Abhandlung über Jules Verne, dass sich dieser die Bezeichnung »Schriftsteller« erst verdienen musste:

»Schriftsteller – dieser Titel ist lange Zeit als unpassend empfunden worden, um jenen Literaten zu bezeichnen, der als Autor wissenschaftlicher Vorwegnahmen in literarischer Form oder als zweitrangiger Schreiberling eingestuft wurde, der sich zudem noch in erster Linie an junge Leser wendete. Heute aber gehört Jules Verne zu den großen Autoren unseres literarischen Erbes.«[21]

Als Verne 1905 verstarb, hinterließ er eine große Anzahl mehr oder weniger vollendeter Werke, von denen sein Sohn Michel einige überarbeitete und unter dem Namen Jules Vernes posthum veröffentlichte. Zu diesen Werken zählen unter anderem: »Der Leuchtturm am Ende der Welt« (1905), »Der Goldvulkan« (1906) oder auch »Die Jagd nach dem Meteor« (1908).

Nach dem Tode Vernes gerieten seine Bücher zunehmend in Vergessenheit. Als Erzähler reiner Abenteuergeschichten kannte man ihn kaum und als Schöpfer utopischer Zukunftsromane wurde er bald von Autoren wie Wells oder Lasswitz überholt. Eine Verfilmung des Romans »Der Kurier des Zaren« (1936) mit Adolf Wohlbrück in der Hauptrolle war das einzige, was in dieser Zeit an den französischen Schriftsteller erinnerte.[22]

Dies änderte sich als seine Romane nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend von der Filmindustrie entdeckt und bald darauf verfilmt wurden. Während es in der Zeit der Weltriege kaum Neuauflagen gegeben hatte, stieg die Nachfrage nach Büchern von Jules Verne seit 1945 wieder an. Nicht nur der Hartleben-Verlag, in dem Vernes Werke fest etabliert waren, sondern auch andere Verlage wie der Verlag Bärmeier & Nikel, der Fischer Taschenbuchverlag oder der Diogenes Verlag in Zürich ließen die Romane neu übersetzen, um sie dann in illustrierten, mehrbändigen Kollektionen herauszugeben. Seit dieser Zeit richtete sich die Aufmerksamkeit der Leser wieder vermehrt auf den französischen Schriftsteller, was sich bis heute nicht geändert hat.[23]

Doch worin liegt das Geheimnis seiner noch immer andauernden Beliebtheit? Was die Leser des 19. Jahrhunderts betrifft, ist es wahrscheinlich, dass sie an Vernes Romanen vor allem die Vorwegnahme technischer Erfindungen und ihre Einbeziehung in den Bereich des Möglichen faszinierte. Darüber hinaus widerspiegelten die fantastischen Reisen, die Verne seine Helden unternehmen ließ, das Lebensgefühl dieser Epoche treffender als die meisten anderen Abenteuerromane, die zur selben Zeit veröffentlicht wurden.

Dass Vernes Erzählungen auch noch hundert Jahre nach ihrer Veröffentlichung gelesen werden, erklärt sich Heinrich Pleticha, Herausgeber des »Jules Verne Handbuch« (1992) folgendermaßen:

»Verne war einmal der Autor der bürgerlichen Gesellschaft, und seine Romane spiegelten ihr Lebensgefühl genauso wie die Plüschsessel, in denen man sich räkelte, um sie zu lesen. Er wurde zum Autor der
abenteuerhungrigen, wohlbehüteten Knaben in Matrosenanzügen. Dann schienen seine Romane zu verschwinden wie die Gesellschaft, aus der sie kamen. Wenn sie heute wieder an Leben gewinnen, dann liegt es gewiss nicht an neuentdeckten literarischen Qualitäten, sondern eher an dieser grandiosen Mischung aus Nostalgie und Zukunftsglauben, aus Fernweh und Abenteuer, aus Nüchternheit und Romantik.« [24]

Vernes Romane und Erzählungen zeichneten sich durch einen eigenen Stil aus, den später manch anderer Autor nachzuahmen versuchte. Max Popp fasst diesen Stil in wenigen Sätzen zusammen:

»Alle Romane Julius Vernes sind Meisterwerke in der Darstellung und Schilderung. Mag auch Stil und Sprache manchmal nicht ganz musterhaft sein, so weiß er doch selbst die abstraktesten Dinge und Berechnungen so spannend zu schildern, dass man dem Meister atemlos folgt. Besonders gelungen sind ihm überall die Expositionen; genau wie in einem klassischen Drama führt er den Leser korrekt in die Handlung ein, und mit seinem Scharfsinn schürzt er dann den Knoten, bis er so fest geschlungen ist, dass er nach menschlichem Ermessen unlösbar scheint. Da, auf dem Höhepunkt tritt die Lösung ein, so überraschend und so einfach, meist durch einen so unerwarteten Trick, dass jeder Leser davon verblüfft ist.«[25]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Ruhm Jules Vernes mit seinem ersten Roman »Fünf Wochen im Ballon« seinen Anfang nahm und bis heute kein Ende gefunden hat. Nicht nur werden seine Bücher immer wieder neu aufgelegt, auch in neuen Medien wie Comics (Kapitel 4.9) und Hörspielen (Kapitel 4.10) findet man die Geschichten Vernes verewigt. Darüber hinaus wurden die bekanntesten seiner Romane mehrfach verfilmt (Kapitel 4.8) und noch immer als Bühnenstücke auf den Theaterbühnen der ganzen Welt aufgeführt (Kapitel 4.6).

Einen detaillierteren Einblick in sein umfangreiches Werk geben zahlreiche bibliographische Werke wie beispielsweise Volker Dehs’ »Bibliographischer Führer durch die Jules-Verne-Forschung. 1872 -2001.« (2002), herausgegeben vom
Förderkreis Phantastik in Wetzlar e.V., oder auch die von Wolfgang Thadewald herausgegebene CD-Rom »Jules Verne. Bekannte und unbekannte Welten. Das erzählerische Werk.« (2004).

2.2.3 Der naturwissenschaftliche Abenteuerroman

Während Jules Verne heutzutage oftmals »Vater der Science-Fiction« oder auch »der Mann, der die Zukunft erfand«[26] genannt wird, hatten die Leser und Kritiker des 19. Jahrhunderts einige Schwierigkeiten mit der Einordnung seiner Werke in eine der bekannten literarischen Gattungen. Warum dies so war und welchem Genre die Romane Vernes heute zugeordnet werden, soll an dieser Stelle erörtert werden.

Lange Zeit wurde Verne als unbedeutender Kinderbuchautor verkannt, dessen schlichtes Werk keiner weiteren Auseinandersetzung bedürfe. Dabei sind Vernes Erzählungen alles andere als »eindimensional«, wie ihm seine Kritiker oft vorwarfen. Im Gegenteil: Sein Romanzyklus der »Außergewöhnlichen Reisen« umfasst nahezu alle Gattungen der populären Unterhaltungsliteratur des 19. Jahrhunderts – Robinsonade, historischer Roman, Reiseroman, Sozial-, See-, Schauer- und Kriminalroman. Doch vor allem anderem sind Vernes Erzählungen eins: naturwissenschaftliche Abenteuerromane, die den technischen Fortschritt seiner Epoche schildern.[27]

Im Gegensatz zur programmatischen Verweigerungshaltung anderer zeit-genössischer Autoren formte Verne den Populärroman des 19. Jahrhunderts mit Hilfe wissenschaftlicher Belehrung und technischer Effekte zu einem modernen Unterhaltungsinstrument um. Dass dieser neue Romantypus von den Lesern voller Begeisterung angenommen wurde, war vor allem der beschleunigten technisch-naturwissenschaftlichen Entwicklung zu verdanken, die um 1850 ihren Anfang nahm und ihren Niederschlag in einer allgemeinen Wissenschaftsgläubigkeit (Szientismus) fand.[28]

Als an den Schulen zunehmend eine naturwissenschaftliche Ausbildung gefordert wurde und sich die Vertreter des Positivismus wie Tain oder Forunel um die Versöhnung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften bemühten,
wurde dem neuartigen Abenteuerroman schnell eine bedeutende Aufgabe zuteil: die Aufbereitung des verfügbaren Wissens für den Leser, um ihm die Wichtigkeit eines umfassenden naturwissenschaftlichen Weltverstehens deutlich zu machen. [29]

Seine Stellung als Prototyp dieser neuen literarischen Gattung verdankte Verne vor allem der gezielten Vermarktungsstrategie seines Verlegers Hetzel, der ihn als »Vermittler wissenschaftlichen Wissens für die Jugend über eine angenehm unterhaltsame Lektüre«[30] bewarb.

Verne selbst verfolgte während seiner gesamten schriftstellerischen Laufbahn das Ziel, das Universum in Romanform zu beschreiben und so ein Porträt der Erde zu schaffen.[31] Wie bereits in seiner Biographie erwähnt wurde, schöpfte Verne sein Wissen aus einer umfangreichen Zettelsammlung von über 20.000 Notizen und Exzerpten aus wissenschaftlichen Büchern und Journalen. Dieses Wissen kleidete er dann in die spannende Form des Abenteuer- und Reiseromans und machte es in dieser Form von populärer Unterhaltungsliteratur mühelos konsumierbar. Dabei lag der Fokus der Verne’schen Erzählungen nicht auf den wissenschaftlich-technischen Errungenschaften einer fernen Zukunft, sondern auf den Entdeckungen der Gegenwart, die er beschrieb und für seine schriftstellerischen Zwecke weiterentwickelte. Dies ließ seine Romane aktuell und die »Außergewöhnlichen Reisen« als durchaus möglich erscheinen.

Doch auch Vernes spezifische Arbeitweise fesselte die Leser an seine abenteuerlichen Geschichten. Diese beschreibt Johann Jakob Honegger, Professor für Literaturgeschichte und einer der Pioniere der Verne-Forschung, in seiner literarischen Studie über den französischen Schriftsteller im Jahre 1875:

»Und nun die spezifische Wesenheit! […] Seine abenteuerlichen Reisen nach bekannten und unbekannten Welten verwenden auf der einen Seite einen ganz ungeheuern Apparat moderner Naturkenntnisse, ein riesig aufgehäuftes, ein fast unübersehbares Material aus allen den Zweigen dieses neusten Wissens von der Natur […]; eine mathematisch-exakt abgewogene und ebenso genau benutzte und angebrachte Kenntnis aus den Kreisen der Astronomie und Mathematik, der
Mechanik und modernen Erfindung, der Chemie und Physik, der alten und neuen Geographie und der sämtlichen Naturbeschreibenden Zweige.« [32]

Weiter schreibt er:

»Aber im Handumdrehen haben wir eine vollkommen verschiedene Gestalt vor uns. Derselbe Mann, der den unermesslichen Schatz realen Wissens plünderte, um uns den Inhalt desselben in tausend Konstruktionen hinzulegen; derselbe, der so fest auf Granitboden steht, macht eine unberechenbare Wendung, springt in einer Minute mit dem zweiten Fuß ins Unendliche hinaus, beginnt den Reigen mit den Meteoren und Nebelflecken, treibt seine verwegenen Kombinationen und Phantasierechnungen ins Ungeheuerliche und Unmögliche; […] er springt, schnaubt, fliegt hinein ins Schranken- und Gesetzlose, ins Abenteuerliche, Tolle und Märchenhafte; er spielt mit einer riesig-ungeheuerlichen Naturphantastik, vor welcher alle Gesetze verstummen.«[33]

Demnach liegt für Honegger die Besonderheit der Verne’schen Romane in der Verknüpfung einer mathematisch-genauen Realwelt mit einer phantastisch-romantischen Traumwelt. Zur Schaffung einer völlig neuen Welt bedient sich Verne der typischen Elemente von Abenteuer- und Reiseromans – zwei bei den Lesern sehr beliebten Literaturgattungen.

Abenteuerromane sind »ausführliche Erzählungen, in denen der Held, letztlich erfolgreich, sich auf unabsehbare Ereignisse einlässt. […] Da sie derart dem herkömmlichen Lebensalltag widersprechen, muss sich der Held, um Abenteuern überhaupt zu begegnen, von daheim entfernen. Um sie dann auch noch zu bestehen, muss er außerordentliche Eigenschaften haben.«[34] Dabei soll der Abenteuerroman seine Leser nicht nur fesseln, sondern als Entschädigung für Möglichkeiten und Ereignisse dienen, die sie im eigenen Leben vermissen.

Doch nicht nur die zu bestehenden Abenteuer waren es, die die Leser in den
Bann der Verne’schen Romane zogen. Wie bereits angedeutet traf auch das Reise-Sujet den Nerv des auf Expansion, Grenzüberschreitung und Wahrnehmungserweiterung gestimmten 19. Jahrhunderts. Neben der unterhaltenden Funktion besaß das Reiseschema auch eine symbolische: Die Reise dient dem Helden zur Eroberung des Wissens, wodurch die abenteuerliche Entdeckungsreise zum Inbegriff einer Wissen und Abenteuer versöhnenden Besitzergreifung der Welt wird. [35]

Jules Verne war jedoch nicht der einzige Schriftsteller, der den Fortschritt seiner Zeit auf diese Art und Weise in Romanen verarbeitete. Warum wurden also gerade seine Erzählungen so populär? In einem Artikel über die Anfänge des Populärromans findet Barbara Orland hierfür eine mögliche Erklärung:

»Jules Verne gelang es, die wissenschaftlich-technische Regsamkeit seiner Zeit, die Mobilität und den Fortschrittsglauben des Industriezeitalters, in einer literarischen Weise zu verarbeiten, die den Lesern die potentiellen Möglichkeiten zeitgenössischer Technik zur Kenntnis brachte, und gleichzeitig wieder Distanz zu dieser schuf.«[36]

Dabei war Verne selbst hier zwiegespalten. Rühmte er in seinen ersten Romanen noch die Vorteile und Errungenschaften der modernen Technik, lässt sich aus seinem Spätwerk deutliche Skepsis und Ablehnung herauslesen.

Doch unabhängig von seiner persönlichen Einstellung zum technischen Fortschritt gelang es Verne, mit seinen Werken entscheidend zur Popularisierung von Wissenschaft und Technik in der breiten Bevölkerung beizutragen. Ab 1850 galt es sogar als besonders »modern«, einem interessierten Massenpublikum die neuesten Entdeckungen und Entwicklungen der Wissenschaft in leicht verständlicher und unterhaltender Weise nahe zu bringen.

Auch wenn Jules Verne keinesfalls der einzige war, der dem Fortschritt des 19. Jahrhunderts in seinen Erzählungen Ausdruck verlieh, findet doch mancher Leser etwas Besonderes in den Romanen des französischen Schriftstellers. Klaus Pfatschbacher (»Jules Verne und der Populärroman«, 2000) fasst es in Worte:

»Auch wenn das Reisen und Entdecken, die Mobilitätsbegeisterung und das Überfliegertum und der Mut zur Bruchlandung nur allzu sehr der experimentellen Atmosphäre des Zeitalteralters der Hochindustrialisierung entsprach, spürt man doch bei Vernes noch mehr. Er
unternimmt Reisen in Sehnsuchtswelten. Seine Bücher entwerfen Paralleluniversen, künstliche Paradiese – und erzählen vom Hinter-sich-lassen, vom Verlassen der Wirklichkeit […]« [37]

2.3 Jules Verne als Begründer der »Science-Fiction«?

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt wird Jules Verne von vielen als »Vater der Science-Fiction« angesehen. Warum dies nicht der Wahrheit entspricht und welche Bedeutung der französische Schriftsteller tatsächlich für die Entstehungsgeschichte der utopisch-fantastischen Literaturgattung hatte, soll im Folgenden dargelegt werden.

Es gibt zahlreiche Auffassungen davon, was der Begriff »Science-Fiction« beinhaltet. Für den einen ist es pure Unterhaltung, für den anderen hingegen ein künstlerischer Ausdruck dessen wie sich eine Zivilisation selbst wahrnimmt. Tatsache ist, dass die Science-Fiction zu den erfolgreichsten Literaturgattungen des 20. Jahrhunderts zählt und vor allem als amerikanisches Produkt weltweite Verbreitung findet.

Die Wurzeln dieses Genres liegen jedoch außerhalb der USA. Als Vorläufer der modernen Science-Fiction gilt der »gotische Roman«, der ein Bestandteil der europäischen Romantik war. Dieser beschwört das Ferne und Unirdische während seine Handlung meist in einer fernen Vergangenheit spielt. Matthew Lewis erzählte beispielsweise 1890 in seinem Roman »Der Mönch« eine düstere Schauergeschichte von lüsternen Mönchen, romantischen Räubern, Geistern, Mord und Folter.[38]

»Das achtzehnte Jahrhundert war das Zeitalter der Aufklärung, das Jahrhundert, in dem die Standpunkte der Romantik formuliert wurden. […] Die Natur der Zivilisation war durch die Wissenschaft verwandelt worden, und insbesondere durch eine, die Wissenschaft der Astronomie. […] Systematische Beobachtung begünstigte die Erfindung besserer Instrumente und umgekehrt. Die Wissenschaft begann, sich voranzubewegen, das Denken sich zu wandeln.«[39]

beschreibt Brian W. Aldiss den Beginn einer neuen Epoche in seiner Geschichte der Science-Fiction (»Der Milliarden-Jahre-Traum«, 1987).

Dieser Wandel prägte auch die Literatur des 19. Jahrhunderts, doch die Ansicht, die Science-Fiction habe mit H. G. Wells oder gar Jules Verne begonnen, ist falsch. Die Werke dieser beiden Autoren hatten zahlreiche Vorläufer wie die utopisch-fantastischen Erzählungen von Kepler (»Somnium«, 1634) oder auch John Wilkins (»Entdeckung einer neuen Welt«, 1638) beweisen. Die bereits in Kapitel 2.2.1 (»Vorläufer und Wegbereiter«) erwähnten Werke von Cyrano de Bergerac und Thomas Morus’ »Utopia« (1516) gehören ebenfalls dazu.

Als erste reine Science-Fiction-Erzählung gilt heute der von Mary Shelley 1818 veröffentlichte Roman »Frankenstein oder Der neue Prometheus«. Auf die Frage, was an »Frankenstein« so neu und andersartig war, versucht Aldiss eine Antwort zu geben:

»Das Interesse hat sich immer auf die Erschaffung des namenlosen Monsters konzentriert. Dies ist der Kern des Romans, ein Experiment, das fehlschlägt – ein Rezept, das später, mit sensationelleren Aspekten, in ›Amazing Stories‹ und anderswo wiederholt wird. Frankenstein hegt den faustischen Traum unbegrenzter Macht, doch Frankenstein schließt keinen Pakt mit dem Teufel.«[40]

An einer ersten Umschreibung dieser neuen Art von Literatur versuchte sich 1926 Hugo Gernsback anlässlich der Erstausgabe seines Science-Fiction-Magazins »Amazing Stories«:

»Mit ›scientifiction‹ meine ich Erzählungen im Stil von Jules Verne, H. G. Wells und Edgar Allan Poe - eine reizvolle Phantasieerzählung mit wissenschaftlichen Tatsachen und prophetischem Weitblick vermischt […] Diese erstaunlichen Geschichten lesen sich nicht nur ungeheuer interessant, sie sind auch stets aufschlußreich. Sie vermitteln Wissen … in einer sehr ansprechenden Form … Neue Abenteuer, die uns die heutige Scientifiction schildert, werden morgen schon nicht mehr unmöglich sein.«[41]

Wie bereits deutlich wurde existierte diese neue Literaturgattung bereits seit mehreren Jahrzehnten, doch der endgültige Begriff »Science-Fiction« wurde erst 1929 eingeführt und galt als deutliche Verbesserung von Gernsbacks Bezeichnung »scientifiction«.

Die Anfänge der deutschsprachigen Science-Fiction hingegen sind diffus. Anfängliche Bezeichnungen wie »naturwissenschaftlicher Roman«, »technischer Zukunftsroman« oder »wissenschaftliches Märchen« konnten sich gegen den amerikanischen Gattungsbegriff der »Science-Fiction« nicht durchsetzen, so dass dieser in den 50ern schließlich übernommen wurde.[42]

Ebenfalls wurde bereits angedeutet, dass es viele verschiedene Auffassungen davon gibt, was Science-Fiction beinhaltet und welche typischen Merkmale sie aufweist, weshalb es keine allgemein gültige Definition gibt. Brian W. Aldiss beschreibt dieses Genre wie folgt:

»Science Fiction ist die Suche nach einer Definition des Menschen und seiner Stellung im Universum, die vor unserem fortgeschrittenen, aber verunsicherten Stand des Wissens bestehen kann, und sie ist im allgemeinen in einer romantischen oder postromantischen Weise gehalten, wie sie durch die ›Gothic novel‹ geprägt wurde.«[43]

Die von Aldiss erwähnte Stellung des Menschen im Universum lässt sich seiner Meinung nach am besten aufzeigen, indem er mit einer Krisensituation (Naturkatastrophe, Krieg, o.ä.) konfrontiert wird, in der er sich behaupten muss. So ist es nicht verwunderlich, dass die größten Erfolge der Science-Fiction vom Menschen und seiner Beziehung zu einer sich wandelnden Umwelt handeln.[44]

Ende des 19. Jahrhunderts wuchs in den überfüllten Städten Amerikas und Europas das Bedürfnis nach ablenkender Unterhaltung, die sie unter anderem in der Literatur suchten und in den fantastischen Erzählungen der Science-Fiction fanden. Die steigende Nachfrage rief neue Verlage, neue Magazine und neue Autoren hervor, was zur Folge hatte, dass sich die Science-Fiction in den folgenden Jahrzehnten zunehmend ausbreitete.

In den 30er Jahren vollzog sich eine Aufspaltung des Genres in die niedere Science-Fiction, die der reinen Unterhaltung diente, und die hohe, die den Zeitgeist und den bevorstehenden Konflikt des Zweiten Weltkriegs widerspiegelte. Dieser und der sich daran anschließende »Kalte Krieg« prägten die Werke der damaligen Zeit entscheidend und wurden zugleich die dominierenden Themen.

Während der folgenden Jahrzehnte breitete sich die Science-Fiction über die Grenzen der Magazine in die traditionelle Verlagswelt aus, sodass die utopischen Erzählungen nicht länger als Fortsetzungsgeschichten in den zahlreichen Magazinen erschienen, sondern von nun an auch als abgeschlossene Romane in Buchform veröffentlich wurden.

Parallel dazu eroberte die Science-Fiction auch noch ein anderes Medium: den Film. »Was George Lucas und sein Produzent Gary Kurtz planten, als sie ›Star Wars‹ machten, und was dabei herauskam, war richtiges Abenteuerkino«,[45] beschreibt Brian W. Aldiss diese Entwicklung. Auch Roman-Bestseller wie »King Kong«, Comic-Strips wie »Superman« oder Fernsehserien wie »Star Trek« wurden auf die Kinoleinwand gebracht und später sogar als Computerspiele herausgegeben.

In den Siebzigern und Achtzigern brachten neue Technologien und Entwicklungen zahlreiche neue Themen mit sich wie beispielsweise das Kloning oder die zunehmende Bedeutung des Computers im Alltag der Menschen.

Was die gegenwärtige Situation der Science-Fiction betrifft, fällt eine Einschätzung nicht ganz leicht. Aldiss bringt es auf den Punkt:

»Je mehr wir uns der Gegenwart nähern, desto schwieriger wird es, ein klares Urteil über die Natur und den Zustand der Science Fiction zu fällen. [Heute] existiert das Genre nicht mehr länger in einem Vakuum. Filme, Fernsehserien, Computerspiele, Kinderspielzeug, Werbung, Musik – der Science-Fiction-Modus ist in seinen Formen weitaus vielseitiger als je zuvor.«[46]

Welchen Platz nimmt nun Jules Verne in der Geschichte dieses Genres ein? Wie bereits in Kapitel 2.2.3 (»Der naturwissenschaftliche Abenteuerroman«) erläutert wurde trug Verne zwar zur Entstehung eines neuen Romantyps bei, doch der »Vater der Science-Fiction« ist der französische Schriftsteller keinesfalls.

Diese fälschlicherweise eingeführte Bezeichnung rührt nicht zuletzt von den zahlreichen technischen Erfindungen her, die Verne in seinen Romanen beschrieb und von denen einige, wie beispielsweise das U-Boot oder auch der Helikopter, nur wenige Jahrzehnte später tatsächlich realisiert wurden. Diese technischen Neuerungen Verne zuzuschreiben ist jedoch ein Fehler wie sich im nachfolgenden Kapitel 2.4 (»Jules Verne als ›Technik-Prophet‹?«) zeigen wird.

Weiterhin unterscheiden sich die Verne’schen Erzählungen von denen der Science-Fiction dadurch, dass die Handlungen seiner Romane nicht in einer fernen Zukunft sondern in der Gegenwart angesiedelt sind. Dasselbe gilt für die räumliche Ausdehnung. Während die Autoren der reinen Science-Fiction-Literatur das gesamte Weltall erkunden, beschränken sich Vernes Reisen auf Erde und Mond. Auch monströse Kreaturen wie beispielsweise »King Kong« sucht der Leser in den Erzählungen Vernes vergeblich. Hier steht der Mensch des 19. Jahrhunderts als handelnder Protagonist im Mittelpunkt, meist in der Funktion eines Ingenieurs oder Wissenschaftlers und auch die mechanischen Apparate wie Fesselballon und Unterseeboot sind im Vergleich zur fliegenden Untertasse denkbar einfach und bescheiden.[47] »Wenn Jules Verne sich veranlasst sah, seine Gattung zu charakterisieren, benutzte er mit ›wissenschaftlicher Roman‹ einen Begriff, der nur zum Teil abdeckt, was die verschiedenen Definitionen des Genres Science Fiction bezeichnen«[48], gibt auch Verne-Biograph Volker Dehs zu bedenken.

Dieser ist jedoch davon überzeugt, dass der französische Schriftsteller trotz allem eine Vorreiterrolle einnahm:

»Jules Verne war einer der ersten Schriftsteller überhaupt, der zu seiner Zeit Wissenschaft als Thema für einen Roman entdeckt hat. Davor galt, dass Wissenschaft etwas war, was der Literatur konträr entgegengesetzt war. Man konnte über Liebesverhältnisse schreiben, aber über die Technik und die moderne Entwicklungen der Technik - das war für die Literatur tabu.«[49]

Doch war dies für die Leser des 19. Jahrhunderts noch etwas völlig Neues, wurden seine fantastischen Erzählungen mittlerweile längst von moderneren Werken der Science-Fiction überholt. Dennoch ist die Popularität Jules Vernes und seiner »Außergewöhnlichen Reisen« bis heute ungebrochen.

Die Frage nach dem Grund für den anhaltenden Erfolg Vernes versuchte der Leipziger Professor Elmar Schenkel in einem Interview anlässlich des 100. Todestages des französischen Autors zu beantworten:

»Unser Interesse kommt vielleicht daher, dass wir eine Sehnsucht zurück haben nach solch einem Zustand, als Technik noch mit Magie in Berührung war. Wo noch ein großes Durchatmen, oder ein großes Luftholen durch die Welt geht, wenn man den ersten Zeppelin fliegen sieht oder die ersten Ballons oder die ersten U-Boote. Das können wir heute eigentlich nicht mehr, in dieser Art. Es ist nicht mehr so anschaulich. Wir haben das Staunen über Technik ver- lernt.«[50]

Wenn Jules Verne seine Leser mit scheinbar genauesten Berechnungen in die Wunderwelt der Technik entführt, wird jenes Staunen wieder möglich. Heute sind seine Geschichten wie kleine Zeitreisen, die den Leser zurück in die Vergangenheit führen und ihn vergessen lassen, dass es viele von Vernes erdachten Maschinen und Geräten heute längst gibt. Während die Leser des 19. Jahrhunderts über die wundersamen Erfindungen Vernes staunten, staunt der Leser von heute darüber wie viele der technischen Visionen Wirklichkeit geworden sind.

[...]


[1] Dehs 2005a, S. 7

[2] Vgl.: Dehs 2005a, S. 8 f

[3] Hamburger Abendblatt 2005, »Feiern zum 100. Todestag von Jules Verne«

[4] Vgl.: Klam 1999, »Jules Verne«

[5] Dehs 2005a, S. 29

[6] Dehs 2005a, S. 118

[7] Dehs 2005a, S. 118

[8] Popp 1999, S. 21

[9] Dehs 2005a, S. 392

[10] Stuttgarter Zeitung 2005, »Jules Verne«

[11] Dehs 2005a, S. 39

[12] Vgl.: Dehs 2005a, S. 315

[13] Dehs 2005a, S. 319

[14] Evans 2005, S. 135

[15] Federmair 1996, S. 19

[16] Pleticha 1992, S. 7

[17] Popp 1999, S. 82

[18] Schroetter 2005, S. 25

[19] Vgl.: Pleticha 1992, S. 10

[20] Schmidt 1994, S. 171

[21] Compère 2000, S. 38

[22] Vgl.: Pleticha 1992, S. 11

[23] Vgl.: Pleticha 1992, S. 12

[24] Pleticha 1992, S. 12

[25] Popp 1999, S. 85 f

[26] Vgl.: Born 1960

[27] Vgl.: Dehs 2002, S. 14

[28] Vgl.: Wolfzettel 1988, S. 7

[29] Vgl.: Wolfzettel 1988, S. 38

[30] Dehs 2002, S. 151

[31] Vgl.: Dehs 2002, S. 151

[32] Honegger 1875

[33] Honegger 1875

[34] Klotz 1989, S. 14

[35] Vgl.: Wolfzettel 1988, S. 41

[36] Orland 1996, S. 46

[37] Pfatschbacher 2000, S. 31

[38] Vgl.: Aldiss 1987, S. 42 ff

[39] Aldiss 1987, S. 85

[40] Aldiss 1987, S. 50

[41] Clute 1993, »Die Definition der Science Fiction«

[42] Vgl.: Innerhoffer 1996a, S. 11

[43] Aldiss 1987, S. 30

[44] Vgl.: Aldiss 1987, S. 34

[45] Aldiss 1987, S. 352

[46] Aldiss 1987, S. 536

[47] Vgl.: Buch 1972, S. 31

[48] Dehs 2002, S. 199

[49] 3Sat 2005: »Mit Fantasie in die Tiefen der Meere und Weiten des Alls«

[50] Fritz 2005, »Ein Gespräch mit Professor Elmar Schenkel über Jules Verne«

Details

Seiten
117
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638576130
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64923
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
Rezeptionsgeschichte Jules Vernes

Autor

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Titel: Die Rezeptionsgeschichte Jules Vernes