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Kulturelle globale Melange oder Nationalkultur: Ein Vergleich zwischen Tenbrucks immateriellem Kulturbegriff und dem Konzept der kulturellen Hybridbildung bei Pieterse/ Winter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 19 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff der Kultur bei Tenbruck und Pieterse/Winter

3 Vergleich der unterschiedlichen Kulturbegriffe

4 Schluss

5 Literaturangaben

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen Kulturkonzepte Tenbrucks und Pieterses/Winters zu erläutern und sie vergleichend einander gegenüber zu stellen.

Zunächst soll in aller Kürze Tenbrucks Konzept des Menschen als Kulturwesen erörtert und so sein Verständnis der immateriellen Kultur als Grundlage aller Gesellschaften herausgearbeitet werden. Hierbei wird die Genese der Kultur als einheitliches symbolisches Deutungssystem der Wirklichkeit aus dem menschlichen sinnhaften Handeln abgeleitet. Des Weiteren sollen Tenbrucks Konzepte der repräsentativen Kultur und der kulturellen Arbeitsteilung Erwähnung finden.

Anschließend wird das Konzept einer hybriden globalen Kultur Winters und Pieterses vorgestellt. Es wird hierbei auf Definition und Theorie der Hybridisierung, auf die Kulturbegriffe der ortsgebundenen und translokalen Kultur sowie auf die Forderung Tenbrucks nach einer Perspektive der Weltgeschichte und der Ausbildung eines globalen Gedächtnisses eingegangen.

Im dritten Teil werden die beiden verschiedenen Grundkonzepte von Kultur Tenbrucks und Pieterses/Winters und deren Voraussetzungen und Bedingungen einander gegenübergestellt. Auf der Grundlage des Verständnisses von Tenbrucks Mensch als Kulturwesen soll die Validität und Plausibilität des postmodernen Konzepts einer hybriden Kultur kritisch reflektiert sowie die impliziten Grundannahmen und möglichen ideologischen Implikationen dieses Konzeptes offen gelegt werden.

Hierbei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, inwiefern die Hybridbildung wirklich als eine kulturelle subversive Macht gegen das Zentrum fungieren kann oder inwiefern auch die Hybridisierung eine westliche Vereinheitlichung der Kulturen nach sich zieht. Abschließend soll die Frage nach der Möglichkeit und den Bedingungen einer einheitlichen globalen Kultur als symbolisches Deutungssystem gestellt werden.

2 Der Begriff der Kultur bei Tenbruck und Pieterse/Winter

2.1 Der Begriff der Kultur bei Tenbruck: Der Mensch als Kulturwesen

Tenbruck vertritt in seiner Theorie des Menschen als Kulturwesen wissenschaftstheoretisch die Position des Konstruktivismus und steht in der Tradition von Berger/Luckmanns Konzept einer ‚Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit’. Des Weiteren baut er anthropologische Annahmen und wissenssoziologische Überlegungen in seine Theorie ein.

In seiner Kulturtheorie beschreibt er die „‚immaterielle’ Kultur […], also jene ‚überschüssigen’ Bestände, die wir deshalb prägnant als Kultur bezeichnen, weil sie für praktische Bedürfnisse und Zwecke überflüssig zu sein scheinen“[1], als Kultur par excellance. Es stellt sich jedoch die Frage, „[w]arum […] jede Gesellschaft ihre individuelle Kultur bis zu diesen überschüssigen ‚geistigen’ Gebilden“ (T, 45) entwickelt. Welche Funktion und Bedeutung übernimmt gerade die immaterielle Kultur für eine Gesellschaft?

Tenbruck liefert als Antwort eine anthropologische Erklärung für die Notwendigkeit von immaterieller Kultur als Grundlage einer Gesellschaft. Die Wurzel der Kultur sieht er in der spezifischen Konstitution des Menschen als „unspezialisiertes, weltoffenes und antriebsüberschüssiges ‚Mängelwesen’“ (T, 46). Im Gegensatz zum Tier ist das Verhalten des Menschen nicht „wie ein Naturvorgang schematisch als artspezifische Reaktion auf Reize nach Instinktzwängen“ (T, 46) vorgegeben. Die von den Instinkten beim Menschen übrig gebliebenen Triebe und Bedürfnisse geben ihm kein eindeutiges Verhalten vor, sondern lassen verschiedene Formen der Reaktion auf diese zu. So entsteht Verhaltensunsicherheit zum einen aus der Ziellosigkeit seiner Antriebe, zum anderen aus einem Überschuss an Wahrnehmungen, dem er durch die Entsperrung seiner Sinnesorgane ausgesetzt ist.(T, 46) Da der Mensch nicht über ein „artspezifische[s] Verhaltensprogramm für eine artspezifische Umwelt“ (T, 46) verfügt, muss er sich selbst durch sein sinnhaftes Handeln Orientierung in seiner Umwelt verschaffen: „Denn mit sich und der Welt kommt [der Mensch] ohne die Leitung der Natur nur deshalb zurecht, weil er sich nicht reaktiv verhält, sondern sinnhaft handelt.“ (T, 46) Die Fähigkeit zum sinnhaften Handeln ist somit das entscheidende Charakteristikum des Menschlichen, das es vom Tierischen unterscheidet. Durch eben diese Fähigkeit wird der Mensch zum Kulturwesen, da sich sein Handeln an Bedeutungen orientiert und diese gleichzeitig durch sein Handeln produziert und hervorgebracht werden: „Denn alle Kultur wird aus Handeln geboren, weil dieses Bedeutungen ins Spiel bringt“ (T, 46). Tenbruck definiert daher die immaterielle Kultur im weiten Sinne als „alles, was der Mensch aufgrund von Bedeutungen tut oder was aus solchem Tun hervorgeht und deshalb Bedeutungen enthält“ (T, 46).

Die Erfordernisse des Handelns bilden für Tenbruck die Voraussetzung der Existenz von Kultur. Da Kultur aus sinnhaftem Handeln entsteht, stellt sich die Frage, wie Handeln überhaupt möglich ist, unter welchen Bedingungen die „Transformation bloß sinnlicher Eindrücke und Gegebenheiten in eine gegenständliche und mit Bedeutungen versehene Wirklichkeit“ (T, 47) überhaupt stattfinden kann.

„Denn die Wirklichkeit, in der wir uns schon immer bewegen, finden wir ja nicht als eine Gegebenheit vor, sondern haben sie aus Gegebenheiten konstruiert. Sinnlich gegeben sind uns nur punktuelle und disparate Wahrnehmungen, die erst in unseren Vorstellungen Ordnung und Zusammenhang gewinnen. Wir verschlüsseln sie also nach unseren Gesichtspunkten, heben sie damit auf eine andere Ebene und transformieren sie in Vorstellungen, die, weil sie etwas bedeuten, etwas qualitativ anderes sind als die sinnlichen Gegebenheiten. Die Wirklichkeit […] beruht auf einer symbolischen Verschlüsselung von Gegebenheiten zu Vorstellungen.“ (T, 48) Die Voraussetzung des Handelns bildet somit die symbolische Verschlüsselung von Gegebenheiten (Signifikanten) zu Vorstellungen, Ideen und Bedeutungen (Signifikaten) vor allem durch das sprachliche Zeichensystem und seine Möglichkeit zur abstrakten Begriffsbildung. Die sinnlichen Wahrnehmungen fungieren als Zeichen, als Signifikanten, die auf Bedeutungen und Vorstellungen als Signifikate verweisen. Kultur tritt aus dieser Perspektive als System von Zeichen und Bedeutungen in Erscheinung. Jedem spezifischen kulturellen Element oder Zeichen kommt somit eine spezifische Verweisfunktion auf bestimmte kulturelle Bedeutungen in diesem System zu. In verschiedenen symbolischen Systemen bzw. Kulturen verweisen jedoch identischen Zeichen auf unterschiedliche kulturelle Bedeutungen. So können die gleichen sinnlichen Wahrnehmungen auf verschiedene Weise je nach Ordnung und System gedeutet werden.

Tenbruck lässt jedoch offen, wie die Selektion von Sinneswahrnehmungen und die Zuschreibung von Bedeutung genau vor sich gehen kann, nach welchen Kriterien ausgewählt, zusammengesetzt und eine Ordnung erzeugt werden kann, wenn noch keine Ordnung gegeben ist.

Die „Vorstellungen von der Wirklichkeit [können] die Gegebenheiten [hingegen] niemals ‚ab-bilden’, sondern nur in symbolischer Verschlüsselung ‚vor-stellen’“ (T, 49). Die Dinge sind so nicht aus sich selbst heraus in einer Ordnung begriffen, sondern nehmen diese erst durch unsere Vorstellung und unser Bedürfnis nach Ordnung zur Erfassung der Welt an. Das „Handeln [kann] sich nicht an den Wahrnehmungen als solchen orientier[en] […], sondern an den zu Vorstellungen von der Wirklichkeit verarbeiteten Gegebenheiten“ (T, 49). Es muss für den Menschen immer in ein System anderer Handlungen eingeordnet werden, um die „Konstanz der eigenen Antriebe und Ziele, also […] die eigene Identität und entsprechend bei anderen […] die Deutung ihrer Person“ (T, 50) sicherstellen zu können.

Die immaterielle Kultur ist daher nicht das Sekundäre, nachträglich Hinzugefügte, sondern das Primäre, das vor allen anderen materiellen Kulturbeständen Vorhandene. Sie bildet erst die Bedingung und Grundlage der materiellen Kultur, weil nur durch sie die Einordnung von Gegebenheiten in einen Bedeutungsrahmen ermöglicht wird. „Die praktische Daseinsbewältigung verlangt von Anfang an eine geistige Deutung der Wirklichkeit im ganzen, in der die einzelnen Objekte mit ihrer Bedeutung erst ihre Bestimmtheit gewinnen“ (T, 51). Erst dadurch, dass sich ein Zeichen von anderen in einem System unterscheidet, durch die Differenz, kann sich Bedeutung manifestieren. Das symbolische Bedeutungssystem der immateriellen Kultur fungiert als Grundlage und Voraussetzung der Konstitution einer Gesellschaft.

Im konkreten Sinne definiert Tenbruck Kultur als „Erbe von Fertigkeiten, Einrichtungen, Kenntnissen und Werten, das über Generationen hinweg entstanden ist und von Generation zu Generation weitergegeben, vermehrt, verändert oder auch vergessen wird“ (T, 51). Der Mensch ist zugleich Schöpfer und Geschöpf der Kultur. Das Individuum ist immer mit angesammeltem Wissen der Kultur und schon verfestigten Bedeutungsmustern konfrontiert, in denen es agieren kann, auf die es hingegen auch einwirken und die es verändern kann. Es handelt sich somit um ein dialektisches Verhältnis: Das menschliche Handeln bringt Kultur hervor, ist jedoch gleichzeitig zur Sicherstellung der eigenen Sinnhaftigkeit auf schon gegebene kulturelle Bedeutungen und Symbole angewiesen.

Als Voraussetzung des sozialen Handelns nennt Tenbruck die Existenz gemeinsamer Verständnis- und Bedeutungsräume: „Jede Gesellschaft benötigt und besitzt einen Fundus gemeinsamer Wirklichkeitsverständnisse und bildet ihre charakteristischen Vorstellungen über Mensch und Natur wie die sonstigen Mächte und Ordnungen aus, die das Denken und Handeln jeweils charakteristisch fundieren, limitieren und legitimieren.“ (T, 52) Diese gemeinsamen Wirklichkeitsverständnisse definieren die Möglichkeiten und Grenzen des sinnvollen Handelns und konstituieren die „Kultur als eine gesellschaftliche Tatsache“ (T, 52).

Ursprung dieser gemeinsamen Wirklichkeitsverständnisse sind laut Tenbruck „Deutungen der Wirklichkeit, die als ausdrückliche ‚Ideen’ und Lehren oder als deren sinnhafte Verkörperung nur von individuellen Urhebern geschaffen, vermehrt, verändert oder durch andere ‚Ideen’ verdrängt werden können“ (T, 52). Er geht von einer „kulturellen Arbeitsteilung zwischen […] ‚Kulturproduzenten’ und ‚Kulturabnehmern’“ (T, 53) aus, die aus einer „soziale[n] Differenzierung des ‚Wissens’“ (T, 52) im Feld der Kultur resultiert. In jeder Gesellschaft gibt es daher eine „kulturelle Autorität“ (T, 53), die „beanspruchen darf, ein besonderes Wissen […] als soziales Wissen zu verbreiten“ (T, 53). So können Tenbrucks Verständnis einer „repräsentative[n] Kultur“ (T, 52) zufolge zwar nicht alle Wirklichkeitsverständnisse einer Kultur allen Mitgliedern dieser Kultur zugänglich sein, aber „[w]eil sie öffentlich als grundlegend, selbstverständlich, richtig und gültig angesehen oder jedenfalls faktisch so respektiert werden, erkennt eine Kultur sich in ihnen wieder“ (T, 52).

Die Herausbildung von kultureller Autorität ist jedoch einem dialektischen Prozess zwischen freier Wahl, Veränderung und der Macht des Einzelnen auf der einen Seite und Hegemonie, Autorität und Kontinuität auf der anderen Seite unterworfen. Kulturelle Autorität kann durch spontane Zustimmung und Gefolgschaft, also durch freie Wahl der Gesellschaft entstehen. Jedoch hält die gegenwärtige Kulturautorität immer an ihrer Macht fest und sucht diese durch institutionelle Unterstützung zu sichern. Die gegenwärtige kulturelle Autorität setzt ihre Deutungsmuster der Wirklichkeit durch und institutionalisiert sie mit Hilfe politischer Machthaber als repräsentative Kulturbestände. Sie sorgt für die Aufrechterhaltung und Weitergabe der repräsentativen Kultur an die nächste Generation und damit auch für Orientierung und Deutungssicherheit der Wirklichkeit. (T, 53/54) Deshalb ist die „Kultur nie […] dem freien Spiel von ‚Kulturproduzenten’ und ‚Kulturabnehmern’ überlassen“ (T, 54), sondern immer durch das Monopol der Kulturintelligenz auf Mittel der Daseinsdeutung begrenzt. Ignoriert die Kulturautorität jedoch neue Reallagen und verpasst sie es, diese in den aktuellen Kulturbestand zu integrieren, so kann es zur Wahl einer neuen kulturellen Autorität kommen: „Denn es liegt im Wesen aller ‚ideenhaften’ Kulturleistungen […], daß ihre Autorität von innen oder außen durch neue ‚Ideen’ und konkurrierende ‚Botschaften’ verändert und sogar bedroht wird, die, wenn sie sich durchsetzen, zum neuen repräsentativen Bestand mit neuen Autoritäten werden“ (T, 54).

[...]


[1] Tenbruck, Friedrich H.: Die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft. Der Fall der Moderne. Opladen 1989, S. 45. Im Nachfolgenden wird aus diesem Buch im fortlaufenden Text unter Nennung von (T, Seitenzahl) zitiert.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638575904
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64894
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Kulturelle Melange Nationalkultur Vergleich Kulturbegriff Konzept Hybridbildung Winter Transnationale Hegemonie Formen Ursachen Folgen Pieterse Tenbruck

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Titel: Kulturelle globale Melange oder Nationalkultur: Ein Vergleich zwischen Tenbrucks immateriellem Kulturbegriff und dem Konzept der kulturellen Hybridbildung bei Pieterse/ Winter