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Darstellung und Interpretation Schillers 8. Briefes - Über die ästhetische Erziehung des Menschen -

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Darstellung und Interpretation des achten Briefes Über die ästhetische Erziehung des Menschen

3. Resümee

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Schillers Briefe ,,Über die ästhetische Erziehung“ sind der Dank für ein dreijähriges Stipendium des Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg, das den durch eine langwierige, niemals ausgeheilte Krankheit in Not geratenen Autor [Schiller] eine zeitlang von materiellen Sorgen befreite. Der Prinz und sein Minister, Graf Schimmelmann, waren durch den dänischen Schriftsteller Jens Baggesen auf Schiller aufmerksam geworden.“[1] Das Stipendium ermöglichte ihm, ,,zum ersten Mal eine freie, nicht von Existenzsorgen belastete Entfaltung seiner Kräfte. Am 9. Februar 1793 teilt Schiller dem Prinzen mit, daß er an einer ,,Kunsttheorie“[2] arbeite. 1792/1793 war diese Theorie Thema eines Briefwechsels mit Körner[3], den Schiller unter dem Titel „Kallias, oder über die Schönheit“ veröffentlichen wollte. Der Briefwechsel blieb jedoch ein Fragment, seine Fragen und Probleme werden weiter diskutiert in der ersten großen philosophischen Abhandlung Schillers ,,Über Anmut und Würde“. Auch zu Beginn der Briefe an den Augustenburger beschäftigt Schiller immer noch der Plan, eine neue Ästhetik zu entwerfen. Die Ausführungen stehen zunächst ganz im Zeichen dieses Vorhabens:“[4],,Ich wünschte meine Ideen über die Philosophie des Schönen, eh ich sie dem Publikum selbst vorlege, in einer Reihe von Briefen an Sie richten [...] zu dürfen.“[5],,Diese Philosophie des Schönen verbindet sich jedoch bald mit gesellschaftsbezogenen Analysen und den Entwurf des klassischen Humanitätsideals. Schillers Briefe wurden am 26. Februar 1794 beim Brand des königlichen Schlosses in Kopenhagen vernichtet. Die Mehrzahl hat sich jedoch in Abschriften erhalten, die erstmals 1875/1876 in der ,,Deutschen Rundschau“ veröffentlicht wurden. Nach dem Brand entschloß sich Schiller zu einer Neufassung. Es entstanden die 27 Briefe ,, Über die ästhetische Erziehung“, die 1795 in den ,,Horen“ veröffentlicht wurden.“[6]

Schiller begründet seine Wahl des Themas und der literarischen Form in seinem Einleitungsbrief vom 9. Februar 1793 an den Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg: ,,Diese freiere Form wird dem Vortrage derselben mehr Individualität und Leben, und der Gedancke, daß ich mit Ihnen rede und von Ihnen beurtheilt werde, mir selbst ein hoeheres Interesse an meiner Materie geben.“[7]

Er nennt sein Vorhaben selbst ,,etwas kühn“[8], aber die Entwicklung der Philosophie drängt ihn geradezu in diese Richtung des Themas: ,,Die Revolution in der philosophischen Welt hat den Grund, auf dem die Ästhetik aufgeführt war, erschüttert, und das bisherige System derselben [...] über den Haufen geworfen. Kant[9] hat schon, wie ich Ihnen mein Prinz, gar nicht zu sagen brauche in seiner Critik der aesthetischen Urtheilskraft angefangen, die Grundsätze der kritischen Philosophie auch auf den Geschmack anzuwenden und zu einer neuen Kunsttheorie die Fundamente, wo nicht gegeben, doch vorbereitet. Aber so wie es jetzt in der philosophischen Welt aussieht, dürfte die Reihe wohl zuletzt an die Aesthetik kommen, eine Regeneration zu erfahren. [...] Die Kunstphilosophie scheint also von dieser Seite wenig Licht aufzugehen, und zu einer Zeit, wo der menschliche Geist alle Felder des Wissens beleuchtet und mustert, scheint sie allein in ihrer gewohnten Dunckelheit verharren zu müssen “[10]

Schiller erklärt sich selbst zum ,,Ritter“[11] der Kunsttheorie und beruft sich auf seinen Vorteil gegenüber Kant: ,,Zur Gründung einer Kunsttheorie ist es, däucht mir, nicht hinreichend, Philosoph zu seyn; man muß die Kunst selbst ausgeübt haben, und dieß, glaube ich, giebt mir einige Vortheile über diejenigen, die mir an philosophischer Einsicht ohne Zweifel überlegen seyn werden. Eine ziemlich lange Ausübung der Kunst hat mir Gelegenheit verschaft der Natur in mir selbst bey denjenigen Operationen, die nicht aus Büchern zu erlernen sind, zuzusehen. Ich habe mehr, als irgend ein anderer meiner Kunstbrüder in Deutschland durch Fehler gelernt, und dieß, däucht mir, führt mehr als der sichere Gang eines nie irrendes Genies zur deutlichen Einsicht in das Heiligthum der Kunst. Dieß ist es ohngefähr, was ich zu Rechtfertigung meines Unternehmens weiß; der Erfolg selbst muß das übrige entscheiden.“[12]

Schiller war der Ansicht, dass ,,eine dauerhafte, positive Veränderung der Verhältnisse nicht die Politik, sondern nur eine Reform der Erziehung gewährleisten kann. In der Französischen Revolution und einer damit verbundenen neuen Verfassung sieht Schiller nur einen Anfang.“[13] Das Ereignis jedoch, das die letzten Hoffnungen zerstörte, die er noch mit der Französischen Revolution verband, war die Hinrichtung Ludwig XVI. am 21. Januar 1793. ,,Schiller war im wahrsten Sinne des Wortes ,,angewidert“ von den Begleitumständen der französischen Revolution, insbesondere von der Hinrichtung des Königs, und er teilt den Optimismus Lessings hinsichtlich der menschlichen Natur nicht,“[14] der 15 Jahre früher in § 4 der ,,Erziehung des Menschengeschlechts“ schrieb:

,,Erziehung giebt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst haben könnte; sie giebt ihm das, was er aus sich selbst haben könnte, nur geschwinder und leichter. Also giebt auch die Offenbarung dem Menschengeschlecht nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde: sondern sie gab und giebt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher.“[15]

Schiller war der Meinung, dass nicht durch politische Revolution wie in Frankreich, sondern nur durch ästhetische Evolution der Vernunftstaat erreicht werden kann, denn der ästhetisch gebildete Mensch stellt das Verbindungsglied zwischen Natur- und Vernunftmensch dar. Diese These macht Schillers Überzeugung deutlich, dass die Verfassung des Staates vom moralischen Charakter der Staatsbürger abhänge. Schiller kritisierte nicht nur die bestehenden politischen Verhältnisse, sondern er kritisierte auch die gesamte von den Folgen aufklärerischer Denkens entartete Kultur, welche sich zwar durch ökonomischen Fortschritt auszeichnete, jedoch auch zunehmende technische Spezialisierung und Arbeitsteilung nach sich zog. Schillers Briefe ,, Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ sollen das Fundament und das Gerüst einer neuen bürgerlichen Herrschaft liefern und dabei auch die seelische Verwüstung aufzeigen, die mit der sich herausbildenden Gesellschaftsordnung des Bürgertums und ihrer verlorengegangen Kultur einhergehen.[16] Diese Arbeit nimmt sich zur Aufgabe, Schillers Theorie der Philosophie im achten Brief ,,Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ darzustellen und zu interpretieren.

2. Darstellung und Interpretation des achten Briefes Über die ästhetische Erziehung des Menschen

Schiller leitet seinen achten Brief mit drei unterschiedlichen Fragen ein, die in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen:

„Soll sich also die Philosophie, muthlos und ohne Hoffnung, aus diesem Gebiete zurückziehen? Während daß sich die Herrschaft der Formen nach jeder andern Richtung erweitert, soll dieses wichtigste aller Güter dem gestaltlosen Zufall Preis gegeben seyn? Der Konflikt blinder Kräfte soll in der politischen Welt ewig dauern, und das gesellige Gesetz nie über die feindselige Selbstsucht siegen?“[17]

Diese Fragen lassen sich im Zusammenhang mit dem siebten Brief Schillers deuten. Das in der ersten Frage genannte ,,Gebiet“[18] ist Ausdruck für die Wiederherstellung der Totalität unserer Natur, nämlich den Einklang zwischen Herz und Verstand. Schiller fordert die Veredelung des Charakters eines Individuums, ,,welche als nothwendige Bedingung einer moralischen Staatsverbesserung“[19] zu sehen ist, dadurch, dass „die Trennung in dem inneren Menschen wieder aufgehoben, und seine Natur vollständig genug entwickelt ist, um selbst die Künstlerinn zu seyn, und der politischen Schöpfung der Vernunft ihre Realität zu verbürgen.“[20]

Die Wiederherstellung dieses natürlichen Zustandes im Inneren des Menschen ist für den Staat in seinem jetzigen Zustand nicht realisierbar, ,,denn der Staat, wie er jetzt beschaffen ist, hat das Übel veranlaßt, und der Staat, wie die Vernunft in der Idee sich aufgiebt, anstatt diese bessere Menschheit begründen zu können, müßte selbst erst darauf gegründet werden.“[21]

Schiller bemerkt an dieser Stelle, dass eine Ordnung im Menschen und im Staat nur gegeben sein kann, wenn ,,die Vernunft in der Idee [...] darauf gegründet werden.“[22] Das ,,jetzige Zeitalter“[23] ist „weit entfernt uns diejenige Form der Menschheit aufzuweisen, welche als nothwendige Bedingung einer moralischen Staatsverbesserung erkannt worden ist, (es) zeigt uns vielmehr das direkte Gegentheil davon“[24] Schiller beschreibt, dass die „moralische Staatsverbesserung“[25] sich nur verwirklichen lässt, wenn die Trennung im Inneren des Menschen durch einen inneren Kampf behoben wird, der schliesslich den Vernunftstaat wachsen lassen kann.

Er betont, dass eine Veränderung nicht eher zu erwarten ist, ,,als bis der Kampf elementarischer (naturhaft - ungebändigter) Kräfte in den niedrigern Organisationen (Gruppen) besänftigt ist.“[26] Erst danach erhebt sich seine Natur, ,,um selbst die Künstlerinn“[27],,der edeln Bildung des physischen Menschen“[28] zu sein.

Schiller fordert, dass der Mensch erst zur moralischen Freiheit reifen muss, bevor er sie auch politisch verwirklichen kann, d.h. dass die „Mannichfaltigkeit“[29] und die „Selbständigkeit (des) Charakters“[30] erst gewährleistet sein kann, wenn ,,der Kampf elementarischer Kräfte in den niedrigern Organisationen besänftiget ist“[31], und der „Konflikt blinder Triebe“[32] und die „grobe Entgegensetzung“[33] sich beruhigt haben.

,,Wo der Naturmensch seine Willkühr noch so gesetzlos mißbraucht, da darf man ihm seine Freiheit kaum zeigen; wo der künstliche Mensch seine Freyheit noch so wenig gebraucht, da darf man ihm seine Willkühr nicht nehmen.“[34] Schiller warnt, dass ,,das Geschenk liberaler Grundsätze“[35] zur ,,Verrätherey“[36] führen könnte, ,,wenn es sich zu einer noch gährenden Kraft gesellt.“[37] Schiller erklärt jedoch auch, dass es Zeit und Geduld braucht, den idealen Menschen hervorzubringen, denn ,,der Charakter der Zeit muß sich also von seiner tiefen Entwürdigung erst aufrichten; dort der blinden Gewalt der Natur sich entziehen, und hier zu ihrer Einfalt, Wahrheit und Fülle zurückkehren; eine Aufgabe für mehr als Ein Jahrhundert.“[38]

[...]


[1] Düsing 1981, S.125

[2] Schiller 2000, Augustenburger Brief v. 9. Februar 1793, S.128 Z.11

[3] Körner, Christian Gottfried ist der Freund von Schiller

[4] Düsing 1981, S.125

[5] Schiller 2000, Augustenburger Brief v. 9. Februar 1793, S.130 Z.18-21

[6] Düsing 1981, S.125/126

[7] Schiller 2000, Augustenburger Brief v. 9. Februar 1793, S.130 Z.21-25

[8] ebd., S.127 Z.31

[9] Kant, Immanuel (1724-1804), deutscher Philosoph und Prof. für Logik und Metaphysik in Köngisberg

[10] Schiller 2000, Augustenburger Brief v. 9. Februar 1793, S.128 Z.03-22

[11] ebd., S.128 Z.24

[12] ebd., S.128/129 Z.28-06

[13] Düsing 1981, S.146

[14] Mein 2000, S.198

[15] Lessing 1997, S.10

[16] vgl. Mein 2000, S.197-201

[17] Schiller 2000, S. 31 Z.02-08

[18] ebd., S. 31 Z.03

[19] ebd., S.29 Z.11-12

[20] ebd., S.29 Z.18-21

[21] ebd., S.29 Z.04-07

[22] ebd., S.29 Z.05-07

[23] ebd., S.29 Z.09

[24] ebd., S.29 Z.10-13

[25] Schiller 2000, S.29 Z.11-12

[26] ebd., S.29 Z.24-25

[27] ebd., S.29 Z.20

[28] ebd., S.29 Z.26

[29] ebd., S.29 Z.30

[30] ebd., S.29 Z.31

[31] ebd., S.29 Z.24-25

[32] ebd., S.29 Z.27-28

[33] ebd., S.29 Z.28-29

[34] ebd., S.29 Z.35-S.30 Z.04

[35] ebd., S.30 Z.04-05

[36] ebd., S.30 Z.05

[37] ebd., S.30 Z.05-06

[38] ebd., S.30 Z.13-17

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638140409
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6479
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fachbereich Germanistik
Note
ET-Schein
Schlagworte
Darstellung Interpretation Schillers Briefes Erziehung Menschen Friedrich Schiller

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