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Der Ausdruck von Definitheit - am Beispiel einiger Sprachen des europäischen Nordens (kontrastiv zum Deutschen)

Seminararbeit 1997 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1 Zu dieser Arbeit

2 Theoretische Überlegungen zum Begriff der Definitheit
2.1 Definitheit in der Logik
2.2 Definitheit in der Sprache
2.2.1 Definitheit und Pragmatik
2.2.2 Verstöße gegen die logische Definitheit
2.3 Arten sprachlicher Definitheit
2.3.1 Der anaphorische Gebrauch
2.3.2 Der assoziativ-anaphorische Gebrauch
2.3.3 Der unmittelbar-situative Gebrauch
2.3.4 Der abstrakt-situative Gebrauch
2.4 Arten von Determinantien
2.5 Generischer Gebrauch des bestimmten Artikels
2.6 Besonderheiten im Gebrauch des bestimmten Artikels
2.6.1 Problemstellung
2.6.2 Ausgewählte Beispiele

3 Der Ausdruck von Definitheit im Sprachvergleich
3.1 Schwedisch
3.2 Isländisch
3.3 Finnisch
3.4 Westgrönländisch

4 Konsequenzen für den DaF-Unterricht

Literatur

1 Zu dieser Arbeit

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Überblick darüber zu geben, wie Definitheit ausgedrückt wird. In erster Annäherung läßt sich sagen, daß es sich bei Definitheit um diejenige sprachliche Kategorie handelt, die im Deutschen durch den bestimmten Artikel ausgedrückt wird. Was für den Muttersprachler eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, kann dem Deutschlerner große Schwierigkeiten bereiten. Deshalb habe ich das Deutsche mit vier Sprachen aus den Nordischen Ländern - dem Schwedischen, Isländischen, Finnischen und dem Westgrönländischen - verglichen, in denen Definitheit ganz anders enkodiert wird als im Deutschen und in den gängigen schulischen Fremdsprachen Englisch und Französisch. Gleichsam spiegelverkehrt sollen die Probleme, die ein deutscher Muttersprachler mit solchen fremden Sprachstrukturen hat, die Schwierigkeiten wiedergeben, die für andere beim Erwerb des - nun keineswegs selbstverständlichen! - deutschen Systems auftreten können. Diese kontrastive Untersuchung des Ausdrucks von Definitheit ist der Inhalt von Ab­schnitt 3, dem zweiten Hauptabschnitt der Arbeit.

Der Analyse der konkreten Sprachdaten zur Definitheit habe ich mit Abschnitt 2 als erstem Hauptabschnitt einige notwendige theoretische Überlegungen zur Definitheit vorangestellt. Der abschließende Abschnitt 4 bietet dann einen Ausblick darauf, welche Konsequenzen aus den gewonnenen Erkenntnissen für den DaF-Unterricht gezogen werden können.

2 Theoretische Überlegungen zum Begriff der Definitheit

Die Konzepte von Definitheit - oder mit einem anderen Terminus: Determiniertheit - sind in der Literatur sehr zahlreich, und sie weichen zum Teil auch stark voneinander ab. Einen guten allgemeinen Überblick hierzu gibt Hauenschild 1993:988-990. Eine kleine Arbeit wie die meine, die zudem sehr stark an konkreten Sprachbeispielen ausgerichtet ist, kann es unmöglich leisten, die verschiedenen Konzepte eingehend oder auch nur in groben Zügen zu analysieren, dann zu vergleichen, und schließlich zu einer umfassenden Definition von Definitheit zu gelangen. Der vorliegenden Arbeit liegt das wohl gängigste Konzept von Definitheit zu Grunde, das von Hawkins 1978 zuerst für das Englische entwickelt wurde. Bußmann 1990 stützt sich in ihrer Definition auf Hawkins, und auch Hauenschild 1993 nennt in ihrer Übersicht zur Definition von Definitheit zuerst Hawkins. Vater 1984 hat Hawkins’ Konzept auf das Deutsche übertragen, wie in Abschnitt 2.3 ausführlicher gezeigt wird.

Ich werde mich darauf beschränken, die wichtigsten Charakteristika von Definitheit aufzuzeigen und zu versuchen, Definitheit von anderen sprachlichen Phänomenen abzugrenzen, die in ähnlicher Umgebung vorkommen und mit Definitheit verwechselt werden könnten.

2.1 Definitheit in der Logik

Der Terminus ”Definitheit” stammt ursprünglich aus der Logik. Dort bedeutet er die Bestimmung eines Individuums durch eine nur ihm zukommende Eigenschaft[1]. Hierin liegt in der Logik der Unterschied zwischen Eigennamen, die der bloßen Identifikation eines Individuums dienen, und sog. definiten Kennzeichnungen, die die Identifikation ”aufgrund einer Eigenschaft, die diesem Individuum zukommt bzw. einer Relation, in der dieses Individuum steht”, vornehmen (Vater 1984:32). Eine solche definite Kennzeichnung kann z.B. ein Possessivum sein wie in (1):

(1) Meine Tochter geht in den Kindergarten.

Satz (1) hat zwei Präsuppositionen: er setzt zum einen voraus, daß der Referent der definiten Kennzeichnung tatsächlich existiert (Existenzpräsupposition), und zum anderen, daß es nur einen Referenten hierfür gibt bzw. daß nur ein Referent in Frage kommt (Unikalitätspräsupposition). Nur wenn ich tatsächlich eine Tochter habe, und nur wenn ich nur éine Tochter habe, kann ich (1) sinnvoll äußern (Wahrheitswert). Wenn ich gar keine oder drei Töchter habe, wäre es unsinnig, (1) zu äußern, wobei der Satz dann weder wahr noch falsch ist, sondern eben sinnlos.

2.2 Definitheit in der Sprache

Die Sprachwissenschaft hat den Terminus ”Definitheit” aus der Logik entlehnt und ist in ihrem Verständnis von Definitheit deutlich von der Logik beeinflußt. Aber zwischen logischer und sprachlicher Definitheit bestehen wesentliche Unterschiede. So ist für die sprachliche Definitheit nicht die Identifikation durch eine bestimmte, einmalige Eigenschaft entscheidend, und auch die Existenz- und Unikalitätspräsupposition sind nicht bindend, wie in den folgenden beiden Abschnitten gezeigt wird.

2.2.1 Definitheit und Pragmatik

Definite Kennzeichnungen im linguistischen Sinne sind im Bereich der Pragmatik wirksam. Sie sind eigentlich eine ”Suchanweisung”, die der Sprecher dem Hörer[2] gibt: eine definite Kennzeichnung - im Deutschen den bestimmten Artikel der, das Possessivum mein und die Demonstrativa (dieser, jener, u.a.) - verwendet der Sprecher dann, wenn er davon ausgeht, daß der Hörer den Referenten kennt, z.B. weil er zuvor Thema des Gesprächs war oder weil der Referent als Gegenstand in der Gesprächssituation sichtbar ist und auf ihn gezeigt werden kann.

Definitheit ist also nicht gleichzusetzen mit ”bekannter Information” (und Nicht-Definitheit mit ”neuer Information”).[3] Auch wenn diese beiden Kategorien oft übereinstimmen und der definit gekennzeichnete Ausdruck tatsächlich die ”bekannte Information” im Satz enthält, kommt auch der andere Fall vor, vgl. Satz (2), in dem ein Referent, auf den in der Situation sogar gezeigt werden kann, definit ist und trotzdem neue Information enthält:

(2) Und plötzlich kam sie durch diese Tür herein.

Nach Chafe kann die Identifizierbarkeit in drei Teilaspekten beschrieben werden (1996:38):

”First, and most importantly, the speaker judges that knowledge of the referent in question is al­ready shared with the listener. [...] A second component of identifiability is the speaker’s choice of language that will categorize the referent narrowly enough to reduce all the referents the spea­ker and listener may share to just those that are instances of the chosen category. [...] the speaker uses sufficiently identifying language. Third and finally, since it is likely that other shared refe­rents could be categorized in the same way, the speaker must also judge that this particular refe­rent is the most salient instance for the category within the context at hand.”

Auf die erste und wichtigste Komponente bei Chafe wurde bereits eingegangen. Die zweite Komponente könnte man auch, etwas vereinfacht, als die Wahl des richtigen Appellativums durch den Sprecher umschreiben, während als drittes die Wahl des passenden Determinans notwendig ist.

2.2.2 Verstöße gegen die logische Definitheit

Durch die definite Kennzeichnung wird der Referent in der Menge der möglichen Referenten lokalisierbar = identifizierbar gemacht. Daß es dabei nicht - wie in der Logik - auf die eindeutig individualisierende Eigenschaft ankommt, zeigt am einfachsten das Vorkommen von definiten Pluralformen.

Die Existenz eines Referenten ist für eine definite Kennzeichnung zwar logische, nicht aber sprachliche Voraussetzung. Abgesehen von Gesprächen über Einhörner und fliegende Untertassen sind v.a. Sätze wie (3) interessant (= Vater 1984:34, Satz 26):

(3) Ich habe mein Studienbuch verloren. Der ehrliche Finder erhält eine Belohnung.

Erweitert man den Begriff der Existenz über die ”reale Welt” hinaus auf mögliche Welten, z.B. vorgestellte Welten oder die Welt der Zukunft, kann man die Existenz von Referenten wie den oben genannten durchaus annehmen.[4]

Anders als in der Logik ist für definite Kennzeichnung in der Sprache auch Unikalität keine zwingende Voraussetzung. In verschiedenen sytaktischen Konstruktionen wird systematisch gegen die Unikalitätspräsupposition verstoßen, vgl. (4) und (5), wobei die Person, die (4) äußert, durchaus zwei Beine haben kann, und in (5) keineswegs eine bestimmte Kneipe gemeint sein muß:

(4) Ich habe mir das Bein gebrochen.

(5) Wollen wir noch in die Kneipe gehen.

In solchen Fällen handelt es sich m. E. nicht um definite Kennzeichnungen im Sinne einer Suchaufforderung, sondern um Fälle von konventionalisiertem Artikelgebrauch, d.h. um phraseologische Konstruktionen, wie auch die Beispiele in Abschnitt 2.6 zeigen werden.

Anders verhält es sich aber bei einem Satz wie (7), der in folgender Situation geäußert werden könnte: Eine Kundin betritt mit drei Einkaufstaschen bepackt einen Laden. Sie tätigt einen weiteren Einkauf und läßt dann an der Kasse eine Tasche stehen, worauf ihr die Verkäuferin nachruft:

(7) Hallo, Sie haben hier Ihre Tasche stehenlassen!

Hier ist das Possessivum ein klarer Suchverweis, der Referent ist aber keineswegs unikal, auch nicht in der Situation: die Kundin hat vermutlich nicht nur mehrere Taschen in ihrem Besitz, sie hat sogar mehrere Taschen dabei.

2.3 Arten sprachlicher Definitheit

Wann kann der Sprecher nun davon ausgehen, daß der Hörer den Referenten einer NP lokalisieren kann, so daß er für eine definit gekennzeichnete NP auch den richtigen Referenten findet? Basierend auf Hawkins 1978 führt Vater vier ”Arten von Definitheit” (Vater 1984:34ff) aus, die ich im folgenden wiedergeben möchte.[5] Der Übersichtlichkeit halber verwende ich hier nur Beispiele, in denen der bestimmte Artikel die NP als definit kennzeichnet. Andere Determinantien, d.h. sprachliche Mittel, um eine NP als definit zu kennzeichnen, werden in Abschnitt 2.4 kurz behandelt.

2.3.1 Der anaphorische Gebrauch

Anaphorischer Gebrauch bedeutet, daß eine NP, durch die ein Referent bereits eingeführt ist (das Einführen neuer Referenten geschieht normalerweise mit dem indefiniten Artikel), als definite NP wieder aufgenommen wird wie in (8a) - (8c), einem typischen Märchenanfang:

(8a) Es war einmal ein König.

(8b) Er hatte drei Töchter.

(8c) Eines Tages sagte der König: ...

Zu beachten ist hier allerdings, daß die direkte Wiederaufnahme im Deutschen gewöhnlich durch das Personalpronomen geschieht. Eine Wiederaufnahme durch eine definite NP erfordert eine gewisse Distanz zur vorerwähnten NP im Text.

Die Wiederaufnahme muß dabei nicht durch das gleiche Lexem geschehen; es kann sich auch um ein Synonym wie in (9) oder ein Hyperonym wie in (10) handeln.

(9) Paul hat sich einen neuen Computer gekauft. Er kommt mit dem Rechner aber noch nicht sonderlich gut zurecht.

(10) Ein Vogel hatte sich im Netz verhakt. Verzweifelt versuchte das Tier, wieder herauszukommen.

Entscheidend ist, daß die wiederaufnehmende NP koreferent ist mit einem vorerwähnten sprachlichen Ausdruck.

[...]


[1] vgl. Allwood et al. 1973:89f.

[2] ”Sprecher” und ”Hörer” schließen hier wir im folgenden stets auch ”Schreiber” und ”Leser” mit ein.

[3] vgl. hierzu bes. Foley/van Valin 1985.

[4] vgl. hierzu Vater 1984:34, insbesondere Anm. 14.

[5] ähnlich auch Weinrich 1993:410f.

Details

Seiten
24
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638140379
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6475
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Germanistisches Seminar
Note
sehr gut (1)
Schlagworte
DaF Grammatik Definitheit Schwedisch Isländisch Finnisch Westgrönländisch

Autor

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Titel: Der Ausdruck von Definitheit - am Beispiel einiger Sprachen des europäischen Nordens (kontrastiv zum Deutschen)