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Gandhis Lebensphilosophie der Gewaltfreiheit und seine Gedanken zu einer Pädagogik der Gewaltfreiheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsübersicht

A. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einflüsse auf Gandhi
2.1 Bergpredigt
2.2 Bhagavadgita
2.3 Tolstoi
2.4 Ruskin

3. Religionsverständnis
3.1 Beziehung zu den Religionen
3.2 Gottesbild

4. Grundbegriffe
4.1 Ahimsa
4.2 Brahmacharya
4.3 Satyagraha
4.4 Zusammenspiel der Grundbegriffe

5. Gedanken zur Pädagogik
5.1 Entwicklung des Menschen
5.2 Unterrichtsvorstellungen
5.3 Bildungsvorstellungen

6. Fazit

B. Literaturverzeichnis

A. Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Zusammenspiel der Grundbegriffe

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit werde ich mich mit der Lebensweise des Mohandas Karamchand Gandhi - auch Mahatma Gandhi genannt - und dessen Wirkung auf die Pädagogik befassen.

Da ich selbst in meiner Kindheit mit meiner Familie einige Jahre in Indien gelebt habe und mich nach wie vor noch mit diesem Land verbunden fühle, ist es mir eine Freude gewesen mich mit dem Menschen Gandhi und seiner Philosophie der Gewaltfreiheit auseinanderzusetzen.

Gandhi wurde damals - und wird auch heute noch - von vielen mit großem Respekt für seinen Dienst an der indischen Gesellschaft in Bezug auf deren Befreiung von der englischen Kolonialmacht betrachtet und vor allem seinem Kampf mit den Mitteln der Gewaltfreiheit wird große Anerkennung gezollt. So beschrieb Gokhale, der Lehrer und Mentor Gandhis war, ihn mit folgenden Worten:

„Er ist zweifellos aus dem Stoff, aus dem Helden und Märtyrer gemacht sind...In ihm ist die erstaunliche geistige Kraft, gewöhnliche Menschen um sich herum zu Helden und Märtyrer zu formen.“1

Im folgenden möchte ich auf Gandhi als Person eingehen. Hierbei geht es mir primär darum, die verschiedenen Einflüsse, die auf Gandhi gewirkt haben, sichtbar zu machen. Darunter fallen z.B. die Einflüsse der unterschiedlichen sozialreformerischen Denktraditionen aus Europa, aber auch die Einflüsse von Seiten der unterschiedlichen Religionen, speziell aber durch Gandhis hinduistischen Glauben.

Anschließend werde ich auf Gandhis Lebensweise der Gewaltfreiheit eingehen, die er sein Leben lang vertreten hat und auch auf seine Gedanken bezüglich einer Pädagogik, die primär darauf abzielt den Charakter eines Menschen zu formen. Doch mehr dazu in den folgenden Punkten.

Am Schluss meiner Arbeit werde ich noch ein abschließendes Fazit bezüglich der Gedanken des Mohandas Gandhi ziehen.

2. Einflüsse auf Gandhi

Gandhi wurde zeitlebens von vielen verschiedenen Seiten beeinflusst. Beispielsweise spielen hierbei die unterschiedlichen Weltreligionen, mit denener sich intensiv auseinandersetzte, aber auch verschiedene sozialreformatorische Denker eine große Rolle. Da diese Einflüsse natürlich auch in seinen "Experimenten mit der Wahrheit" - wie Gandhi zu seiner Entwicklung hin zur Gewaltfreiheit sagte - zu spüren sind, möchte ich einige der Einflüsse, denen Gandhi im Laufe seines Lebens ausgesetzt war, darstellen. Zuerst werde ich dabei auf zwei religiöse Bereiche eingehen, um schließlich noch zwei Reformatoren - Tolstoi und Ruskin - aus dem europäischen Raum hervorzuheben, die Gandhi maßgeblich inspiriert haben.

2.1 Bergpredigt

Gandhi hatte schon von Kindheit an intensiven Kontakt mit verschiedenen Religionen. Daher war seine Einstellung zeitlebens sehr tolerant gegenüber Andersgläubigen und er hat sich auch nicht davor gescheut die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Glaubensrichtungen anzutreten. Doch dazu werde ich mich im Verlauf meiner Hausarbeit noch ausführlicher äußern.

Unter anderem hat er sich intensiv mit dem Christentum auseinandergesetzt. Doch fand er hierzu keinen wirklichen Zugang. Nachdem er mehrmals versuchte die Bibel zu lesen, musste er jedes Mal eingestehen, dass er die Bibel nur „mit großer Schwierigkeit und ohne das mindeste Interesse oder Verständnis“2 lesen konnte. Lediglich die Bergpredigt des Neuen Testaments hinterließ Spuren bei ihm. Mohandas Gandhi sah viele Parallelen zwischen ihr und seiner Philosophie der Gewaltfreiheit.3 So schrieb er in seiner Autobiographie:

"Die Stelle: 'Ich aber sage euch, dass ihr dem Übel nicht widerstehen sollt; sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar…' entzückte mich über die Maßen…"4

Jesus forderte - ebenso wie Gandhi - bedingungslose Gewaltfreiheit.

Gandhi selbst fühlte sich tief verbunden mit der Person Jesu, da er in ihm den ersten Satyagrahi, also den ersten gewaltfreien ‚Widerstandskämpfer’, sah. Allerdings lehnte Gandhi die Dogmatisierung der Lehren Jesu, wie sie von den Kirchen betrieben wurde, ab, da er selbst eine ausgesprochen starke Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Glaubensformen aufwies und so kein Verständnis dafür aufbringen konnte, dass das Christentum Jesus als den einzigen Mittler zwischen den Menschen und Gott sieht.5

2.2 Bhagavadgita

Bhagavadgita bedeutet übersetzt "Gesang Gottes". Die Bhagavadgita ist ein Teil des großen indischen Nationalepos Mahabharata und hat für die Inder ungefähr den gleichen Stellenwert wie die Bibel für die Christen. Sie beschreibt die Entwicklung und den Untergang der Königsfamilien der Kaurasvas, welche eine der herausragendsten Dynastien des vedischen Indiens war. Für das Verständnis werde ich kurz die Kerngeschichte vorstellen: Arjuna, ein junger Krieger, befindet sich kurz vor der Entscheidungsschlacht gegen seinen Bruder und einige andere Verwandte und Freunde. Doch ihn beklagen Zweifel, ob er wirklich gegen einen Teil seiner Verwandten und Freunde in den Kampf ziehen soll. Krishna, eine indische Gottheit, gesellt sich sodann in menschlicher Gestalt als Streitwagenlenker zu Arjuna, um ihm mit religiös-philosophischen Unterweisungen aus diesem Dilemma heraus zu helfen.6

Auch wenn Gandhi sich erst in seiner Zeit in England intensiver mit der Bhagavadgita auseinander setzte, bekam die Schrift dennoch einen sehr hohen Stellenwert bei ihm. So sagte er selbst:

„Das Buch erschien mir als eines von höchstem Wert. Dieser Eindruck hat sich seither ständig vertieft mit dem Ergebnis, dass ich es heute als das Buch par excellence für die Erkenntnis der Wahrheit halte.“7

Durch die Bhagavadgita hat Gandhi eine Lehre gefunden, die praktische Anweisungen für das Leben gibt und die ihm immer wieder in schweren Situationen Trost gespendet hat.8

2.3 Tolstoi

Bevor ich nun auf den Einfluss durch den russischen Denker und Schriftsteller Leo Tolstois eingehe, möchte ich gerne noch etwas als Hintergrundinformation zum Leben Tolstois sagen, das meiner Ansicht nach wichtig für das Verständnis ist.

Leo Tolstoi kam ursprünglich aus einer reichen Familie. Er selbst war ein verwöhnter junger Mann, der einst einen ausschweifenden Lebensstil hatte. Tolstoi war jedoch stets unglücklich mit seinem Leben und verfiel zu guter letzt in Selbstzweifel. So kam es, dass er im Alter von circa 57 Jahren sein Leben veränderte. Er wandte sich ab von seinem bisherigen Leben und wurde nach intensiven Studien des Christentums praktizierender gläubiger Christ. Grundlage der Gedanken Tolstois bildete die Bergpredigt des Neuen Testaments, worin er Verzicht auf Herrschaft, Gewalt und materiellen Überflusses zu erkennen schien .9

Gandhi war stark beeinflusst durch die Werke von Lew Tolstoi, speziell durch das Buch "Das Reich Gottes ist in Euch". Er sah in Tolstoi einen Befürworter des gleichen Denkens, dass er später selbst praktizierte - nämlich der Lehre der Gewaltfreiheit und die intensive Suche nach der Wahrheit, welches ein wichtiges Element des Glaubens und einer jeden Religion nach Gandhi darstellt.10

„An Tolstois Lehre fesselte Gandhi vor allem die Haltung, die dieser zugrunde lag: die unbedingte Ehrlichkeit und der Mut zur Wahrheit. Auf diesem Weg folgte er seinem Lehrmeister und wuchs über ihn hinaus.“11

Tolstoi vertrat die Meinung, dass in der modernen Industriegesellschaft der Schwache unterdrückt wird und das Recht des Stärkeren an der Tagesordnung steht. Somit breitet sich Zwang und Unterdrückung aus, was wiederum zur Folge hat, dass es zu einem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt kommt.

Um sich diesem Strudel zu entziehen, muss sich der Mensch auf die Suche nach der Wahrheit begeben, damit er wieder zum Gesetz der Liebe findet, welches der Ursprung der Gewaltlosigkeit ist.12

„Tolstois feier des Rechts des Individuums in Frieden und Freiheit zu leben und seine Ablehnung jeglicher Form von Gewalt, brachte ihn in die Nähe zu Gandhi.“13

2.4 Ruskin

John Ruskin war englischer Sozialreformer, der jedoch in Deutschland wenig bekannt ist. Wie auch Tolstoi setzte er sich mit dem christlichen Glauben, speziell dem Neuen Testament auseinander. Jedoch hat er seine Studien dazu nicht ganz so intensiv betrieben. Mit den Schriften Ruskins setzt sich Gandhi vor allem in seiner Zeit als Jura-Student in England und als Anwalt in Südafrika auseinander. Dabei befasste er sich sehr eingehend mit John Ruskins Buch "Unto this last", in dem er folgende Grundgedanken Ruskins herausarbeitete:14

- Das Wohl des Einzelmenschen hängt vom Wohl der Gemeinschaft ab, das heißt, alle müssen zum Wohl beitragen.
- Die Arbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen hat immer den gleichen
Wert - ganz unabhängig davon, ob ein Mensch nun Straßenkehrer oder Arzt ist - da jeder mit seiner Arbeit einen Dienst an der Gemeinschaft leistet.
- Ein Leben der Arbeit ist das am meisten zu erstrebende Leben unter allen. Darunter sind vor allem praktische Berufsgruppen, wie z.B. der Handwerker, der Landwirt oder ähnliches zu sehen.

Gandhi selbst schrieb dem Buch eine hohe Wichtigkeit für sich und seine Entwicklung zum Satyagrahi zu:

„Von diesen Büchern (bisheriges Buchwissen Anm. d. Verfassers) war das einzige, das auf der Stelle eine praktische Veränderung in meinem Leben hervorbrachte, ‚Unto this Last’“15

Diese Gedanken beeindruckten Gandhi in dem Maße, dass er sofort versuchte sie in seiner Phoenix-Farm in Südafrika auch praktisch umzusetzen. So sollte jeder Bewohner auf der Farm körperliche Arbeit verrichten und für jegliche Arbeit, die ausgeführt wurde, bekamen die Arbeiter den gleichen Lohn - unabhängig davon welche Arbeit geleistet wurde.

[...]


1 Grabner (1992). S. 114.

2 Gandhi (2001) S. 70.

3 vgl. Renoldner (1990) S. 71.

4 Gandhi (2001) S. 70.

5 vgl. Münster (1995) S. 187f.

6 vgl. Grabner (1992) S. 38.

7 Gandhi (2001) S. 69.

8 vgl. Gandhi (1992) S. 69.

9 vgl. Münster (1995) S. 202.

10 vgl. Grabner (1992) S. 63.

11 Grabner (1992) S. 63.

12 vgl. Zimmermann (1995) S. 47.

13 "Tolstoy's celebration of the individual's right to live in peace and freedom, and his negation of all forms of opression, brought him close to Gandhi." Kumar (1991) S. 173.

14 vgl. Münster (1995) S. 195.

15 Münster (1995) S. 197.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638574778
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64735
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,0
Schlagworte
Gandhis Lebensphilosophie Gewaltfreiheit Gedanken Pädagogik

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Titel: Gandhis Lebensphilosophie der Gewaltfreiheit und seine Gedanken zu einer Pädagogik der Gewaltfreiheit