Lade Inhalt...

Sprachwandel durch feministische Sprachkritik - Geschichte und Auswirkungen der feministischen Linguistik

Hausarbeit 2004 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Feministische Linguistik

2. Geschichte der feministischen Linguitik

3. Der pragmatisch-kommunikative Aspekt der Sprachbetrachtung
3.1 Senta Trömel-Plötz
3.2 Gewalt durch Sprache

4. Der systemtheoretische Aspekt der Sprachbetrachtung
4.1 Luise F. Pusch
4.2 Das generische Maskulinum
4.3 Kritik am deutschen Sprachsystem
4.4 UNESCO-Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch

5. Sprachwandel durch feministische Sprachkritik

6. Der Sinn von Sprachwandel durch feministische Sprachkritik

7. Bibliographie
7.1 Forschungsliteratur
7.2 weitere Literatur

8. Internetseiten

Sprachwandel durch feministische Sprachkritik

1. Feministische Linguistik

Seit den 70er Jahren beschäftigen sich soziolinguistische Studien mit dem Thema Sprache und Geschlecht, bei dem zwei Bereiche zur Diskussion stehen. Zum einen steht das unterschiedliche Sprachverhalten von Männern und Frauen zur Debatte, die vor allem von Linguistinnen wie Senta Trömel-Plötz oder Robin Lakoff ins Rollen gebracht worden sind. Hier wird die Annahme gemacht, dass Frauen und Männer aufgrund ihrer unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft unterschiedliche Sprachverhalten an den Tag legen. Wir leben auch heute noch in einer patriarchalischen Welt, in der Frauen oft eine untergeordnete Position einnehmen, die un­ter anderem auch durch ihre Sprachgewohnheiten zum Ausdruck kommt.

Die These zur so genannten Frauensprache soll im folgenden insbesondere durch Arbeiten von Senta Trömel-Plötz und Ingrid Samel verdeutlicht werden.

Neben dieser Thematik wird aber auch seit längerem die deutsche Sprache von feministischen Linguisten und Linguistinnen daraufhin untersucht, inwieweit sie eine “Männersprache” dar­stellt, indem sie eine Weltsicht schafft, in der Frauen nicht präsent sind. Neben der schon genannten Senta Trömel-Plötz hat sich besonders Luise F. Pusch mit dieser Problematik beschäftigt und Lösungsvorschläge gegeben, wie der ständigen Präsenz der Männerdominanz insbesondere durch das generische Maskulinum im Deutschen entgegen zu wirken ist.

Beide Ansätze werden im folgenden näher erläutert werden. Anschließend werden weitere Lö­sungsvorschläge durch die UNESCO-Richtlinien und andere Institutionen aufgezeigt. Zum Schluss wird die Frage erörtert werden, inwieweit sich die Forderungen der Sprachkritik bis heute durchgesetzt haben und inwiefern der von den feministischen Linguistinnen geforderte Sprachwandel überhaupt sinnvoll ist.

Beginnen wird diese Arbeit nun mit einem kurzen Überblick über die Geschichte der feministischen Linguistik, um deren Anfänge und insbesondere deren Begründerinnen aufzu­zeigen und unterschiedliche Herangehensweisen zu erläutern.

2. Geschichte der feministischen Linguistik

In der ersten Phase der feministischen Linguistik, die in den USA während der Frauenbewe­gung mit Lakoff und Key ihren Ursprung hat, “wurden Annahmen formuliert, die im wesentlichen auf persönlichen Erfahrungen und unsystematischen Beobachtungen einzelner Linguistinnen beruhten.”[1] 1972 beschäftigt sich Mary Ritchie Key in ihrem Aufsatz “Linguistic Behavior Of Male and Female” sowohl mit dem pragmatisch-kommunikativen als auch mit dem systemtheoretischen Aspekt von Sprachsystemen. “Darüber hinaus fordert sie, diese beiden Hauptforschungsrichtungen zum wissenschaftlichen Gegenstand zu machen. In ihrem zweiten Buch [“Male/ Female Language”] thematisiert sie dann die Asymmetrien bei den Per­sonalbezeichnungen”[2] wie Anrede oder Berufsbezeichnungen. Zum Sprachverhalten der Frauen schreibt Key, dass sie mehr “intensivierende Partikel wie s uch [...], weniger und mildere Schimpfwörter [...] und mehr tag-Konstruktionen als Männer”[3] benutzen. Diese und weitere Aspekte der Frauensprache werden in Kapitel 3 näher erläutert werden. Problematisch an Keys Arbeit ist allerdings, dass sie ihre Aussagen nicht auf empirische Daten sondern auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen stützt. “Key stellt einer Rechtfertigungssprache der Frauen [...] eine von Männern gebrauchte Sprache der Erklärung [...] gegenüber. Ihre Utopie ist eine androgyne Sprache, in der ein personaler Stil, der weder maskulin noch feminin ist, vor­herrst.”[4]

Trotz der berechtigten Kritik an Key, sie habe ihre Aussagen nicht empirisch abgesichert, hat ihre Arbeit dazu geführt, dass der Forschungsgegenstand “Sprache und Geschlecht” von weiteren Linguistinnen wissenschaftlich untersucht wurde.

Im Gegensatz zu Key beschäftigt sich Robin Lakoff 1973 in ihrem Aufsatz “Language and Women`s Place” nur mit dem Thema der so genannten Frauensprache, welche schon früher von Ethnologen untersucht worden ist. Für Lakoff ist Frauensprache einerseits eine Sprache, die nur von Frauen gesprochen wird, andererseits aber auch eine Sprache mit, der Frauen be­schrieben werden.[5] Lakoff wurde oft kritisiert, da sie die von Frauen gesprochene Sprache als defizitär gegenüber der Männersprache beschreibt. “Später modifizierte [sie] ihre Aussagen. Mit der Frauensprache erfülle die Frau die Erwartungshaltung der Gesellschaft in Hinsicht auf ihr Sprechen, um Sanktionen zu entgehen.”[6]

Senta Trömel-Plötz ist die erste deutsche Linguistin, die sich mit der feministischen Sprachkri­tik und mit den Arbeiten von Key und Lakoff auseinandersetzte. In ihrem Artikel “Linguistik und Frauensprache” setzt sie sich mit den Arbeiten der amerikanischen Linguistinnen auseinander und ersetzt deren englische durch deutsche Beispiele.

Die Frauensprache wird von Key, Lakoff und Trömel-Plötz in der ersten Phase der feministischen Linguistik wie folgt charakterisiert:[7]

- Der weib-iche Wortschatz beinha-tet überwiegend Wörter, die mit ihrem spezifischen Arbeits- und Interessenbereich zu tun haben.
- Frauen bevorzugen die Frageintonation in Aussagesätzen und Aufforderungen.
- Der weib-iche Sprechsti- wirkt nach Key durch Rückversicherungsfragen (tag-questions) unbestimmt-indirekter und unsicherer.
- Frauen benutzen häufiger Unschärfemarkierer wie “irgendwie”, “oder so” oder “weißt du?”.
- Frauen sprechen korrekter a-s Männer und passen sich in ihrer Aussprache und ihrer Syntax eher a-s Männer der Standardsprache an.
- Frauen gebrauchen überhöf-iche Formen und weniger Schimpfwörter als Männer.

Die Gründe für dieses spezifische Sprachverhalten von Frauen sollen im folgenden Punkt erläu­tert werden. Festzuhalten bleibt bisher, dass Senta Trömel-Plötz die feministische Sprachkritik in Deutschland zur Diskussion stellte und so anderen Linguistinnen den Weg für weitere For­schungen ebnete. Bemerkenswert ist aber auch, dass sich schon vor Beginn des Feminismus` Sprachkritiker mit der sprachlichen Benachteiligung der Frau auseinandergesetzt haben. So un­tersuchte z.B. Jan Baudouin de Courtenay 1929 “den Einfluss der Sprache auf die Welt­anschauung und Stimmung ihrer Sprecherinnen und Sprecher. Er vermutete, dass die Erniedri­gung der Frauen von den sprachlichen Eigentümlichkeiten bestimmter Sprachen abhängig sei, etwa vom Genussystem einer Sprache.”[8] Somit wurden die zur Diskriminierung von Frauen führenden Aspekte in manchen Sprachen schon vor Key oder Trömel-Plötz beobachtet und kri­tisiert. Jan Baudouin de Courtenay schrieb: “Diese in der Sprache zum Vorschein kommende Weltanschauung, nach welcher das Männliche als etwas Ursprüngliches und das Weibliche als etwas Abgeleitetes aufgefasst wird, verstößt gegen die Logik und gegen das Gerechtigkeitsge­fühl.”[9]

Jan Baudouin de Courtenay war zwar kein Feminist, doch brachte er schon damals zur Sprache, was feministische Sprachwissenschaftler später aufgriffen, kritisierten und ändern wollten, um die Benachteiligung der Frau in der Sprache zu bekämpfen.

Der pragmatisch-kommunikative Aspekt der Sprachbetrachtung

Senta Trömel-Plötz ist wohl die bedeutendste Vertreterin der These, dass Sprache durch Sexis­mus Gewalt auf Frauen ausübt. Im folgenden soll in wenigen Sätzen über ihren bisherigen Werdegang berichtet werden, bevor näher auf ihre und die Thesen einiger anderer Linguistinnen eingegangen werden soll.

3.1 Senta Trömel-Plötz

Senta Trömel-Plötz wurde 1939 in München geboren, studierte Anglistik und Germanistik an der Universität München und nahm daraufhin das Linguistikstudium in den USA auf. 1963 erhielt sie von der American University of Washington, D.C. den M.A. in Linguistik , 1969 den Doctor of Philosophy in Linguistik von der University of Pennsylvania. Danach arbeitet sie am Transformations and Discourse Analysis Forschungsprojekt des Department of Linguistics der University of Pennsylvania und am Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik der Universität Bonn. Seit 1972 arbeitete Senta Trömel-Plötz als wissenschaftliche Assistentin an der Universität Konstanz. Durch ein Stipendium verbrachte sie zu Forschungszwecken weitere drei Jahre in den USA.[10] Sie brachte die feministische Linguistik, die ihre Wurzeln in Amerika hat, nach Deutschland und ist zusammen mit Luise F. Pusch die Vorreiterin der feministischen Sprachkritik im deutschsprachigen Bereich. Ihre wichtigsten Werke zu diesem Thema sind “Frauensprache in unserer Welt der Männer” (1979), “Gewalt durch Sprache” (1984), “Vatersprache, Mutterland” (1993) “ und “Frauensprache. Sprache der Veränderung” (1996).

3.2 Gewalt durch Sprache

Senta Trömel-Plötz definiert sexistische Sprache wie folgt:

Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen und ihre Leistung ignoriert, wenn sie Frauen nur in Abhängigkeit von und Unterordnung zu Männern beschreibt, wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen zeigt und ihnen so über das Stereotyp hinausgehende Interessen und Fähigkeiten abspricht und wenn sie Frauen durch herablassende Sprache demütigt und lächerlich macht.[11]

Dieser Sexismus beginnt in Wörterbüchern, in denen Ausdrücke wie “Sexbiene, Sexbombe [oder] Sexpuppe”[12] aufgeführt sind, geht über Schulbücher und die Medien im Allgemeinen bis hin zu gemischtgeschlechtlichen Gesprächen im besonderen. Deutsche Linguistinnen wie eben Senta Trömel-Plötz, Ingrid Samel oder auch Deborah Tannen haben die Kommunikation zwischen Männern und Frauen untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen – wie auch die amerikanische Linguistin Lakoff – dass sich der weibliche Sprechstil in vielen Aspekten deut­lich vom männlichen unterscheidet. Wie diese Unterschiede aussehen und inwieweit Männer durch ihre Art zu reden Gewalt ausüben, soll nun erläutert werden.

Senta Trömel-Plötz belegt ihre Hypothesen mit Beobachtungen von gemischtgeschlechtlichen Fernsehdiskussionen. Dabei sieht sie sich in der Annahme bestätigt, dass Männer während einer Debatte stets den dominanteren Part darstellen, da sie das Wort öfter als Frauen ergreifen, ins­gesamt über eine längere Redezeit verfügen, Frauen systematisch unterbrechen, das Gesprächsthema bestimmen während Frauen die Gesprächsarbeit leisten und um ihr Rederecht kämpfen müssen.[13] Ihre Ergebnisse zieht Trömel-Plötz unter anderem aus der Beobachtung der Fernsehdiskussionen “Opernhauskrawalle. Haben die Massenmedien versagt? Ein Gespräch zwischen Politikern und Publizisten.” und “Nach den Straßenschlachten”.[14] Bei der zweiten De­batte beschreibt sie das Verhalten von einer der beiden teilnehmenden Frauen als demutsvoll, ehrerbietend und unterstützend gegenüber den anwesenden Männern.[15] “Sie stellte die größeren Rechte der Männer in Konversationen nicht in Frage [...] und arbeitete mit, die männliche Überlegenheit herzustellen.”[16] “Die Mächtigen definieren die Situation und bestimmen, welches Verhalten Erfolg hat. Bei der Frau wird im Lauf der Diskussion ihre Machtlosigkeit, Schwäche, Unwichtigkeit verstärkt...”[17] So nehmen nach Trömel-Plötz Frauen in Diskussionen generell einen niedrigeren Gesprächsstatus ein als die anwesenden Männer; die tatsächliche Kompetenz der Gesprächsteilnehmer wird hierbei nicht beachtet.

Sowohl Fishman als auch Werner stellen fest, dass in gemischtgeschlechtlichen Gesprächen Männer die Gesprächsthemen kontrollieren, während Frauen die Gesprächsarbeit leisten. Männer übernehmen zu wenig “von der Gesprächsarbeit und [bestimmen] das Thema so, dass die Frauen keine Gelegenheit mehr [haben], ihre eigene Position thematisch zu entwickeln. Die Frauen [können] sich nicht gegen die Vorgehensweise der Männer behaupten, weil sie zuviel von der Gesprächsarbeit”[18] leisten. Nach Werner ist es demnach so, dass sich Themenkontrolle und Gesprächsarbeit ausschließen.[19]

Der Grund für das männliche Sprechverhalten, in dem Trömel-Plötz die “Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen”[20] sieht, ist nach Deborah Tannen, dass sich Männer als “Individuen in einer hierarchischen sozialen Ordnung [sehen], in der [sie] entweder unter- oder überlegen”[21] sind und verhalten sich anderen gegenüber auch dementsprechend. Aufgrund dessen versteht das männliche Geschlecht auch Gespräche als “Verhandlungen, bei denen man die Oberhand gewinnen und behalten will und sich gegen andere verteidigt, die einen herabsetzen [...] wollen.”[22]

Aus diesem Grund bauen Männer während eines Gespräches eher selten eine Nähe zu ihrem Gesprächspartner auf, stattdessen bringen sie ihm viel mehr eine gewisse Skepsis und Miss­trauen entgegen. Es kann auch als Ursache dafür gesehen werden, dass Männer ihren Aussagen seltener so genannte tag-questions hinzufügen. Tag-questions sind an eine Aussage oder einen Gesprächsbeitrag angehängte Fragen und Formulierungen wie “nicht wahr”, “irgendwie” oder “oder nicht”. Von Lakoff wurde die Verwendung dieser Formulierungen durch Frauen als Un­sicherheit und somit als defizitär interpretiert, das entsprechende männliche Sprachverhalten wurde dazu zunächst kritiklos als Norm verwendet. Inzwischen wird den tag-questions allerdings eine positive Bedeutung zugeschrieben:

[Es] handelt [...] sich um gesprächsorganisierende Partikeln und Floskeln, die den Kontakt zu den anwesenden GesprächspartnerInnen intensivieren, das Ende eines Gesprächsbeitrages signalisieren und gleichzeitig den In­teraktionpartnerInnen eine Einstiegsmöglichkeit bieten, sofern sie mit dem Gesagten nicht einverstanden sind.[23]

[...]


[1] Hellinger, Marlis: Kontrastive feministische Linguistik. Mechanismen sprachlicher Diskriminierung im Englischen und Deutschen. Ismaning: Max Hueber Verlag 1990. S.25

[2] Samel, Ingrid: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1995. S.29

[3] Hellinger, M.: 1990 S.25

[4] Samel, I.: 1995 S.29

[5] vgl. Ebd. S.30

[6] Ebd. S.33

[7] vgl. Samel, I.: 1995 S. 31f

[8] Ebd. S.52

[9] Ebd. S.53

[10] Trömel-Plötz, Senta: Frauensprache in unserer Welt der Männer. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 1979. S.35

[11] Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Hrsg. von Senta Trömel-Plötz. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1984. S.53

[12] Gewalt durch Sprache: 1984 S.53

[13] Ebd. .58-61

[14] vgl. Ebd. 58

[15] vgl. Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd. S.63

[18] Samel, I.: 1995 S. 164

[19] Samel, I.: 1995 S. 164

[20] Gewalt durch Sprache: 1984 S.65

[21] Tannen, Deborah: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbei­reden. München: Goldmann Verlag 1991. S.20

[22] Ebd.

[23] Studienbuch Linguistik. Hrsg. von Helmut Henne, Horst Sitta, Herbert Ernst Wiegand. Tübingen: Max Nie­meyer Verlag 1996. S.319

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638574693
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64726
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Sprachwandel Sprachkritik Geschichte Auswirkungen Linguistik Deutsche Sprache

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Sprachwandel durch feministische Sprachkritik - Geschichte und Auswirkungen der feministischen Linguistik