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Tschernobyl: Ein Kampf um Worte. Die verbale Auseinandersetzung um die Atomenergie nach dem Reaktorunfall in der Sowjetunion

Eine linguistische Analyse zweier Reden im deutschen Bundestag

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 31 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Umweltdebatte in Deutschland am Beispiel der Kernenergie

2. Was ist Umweltdiskussion?

3. Die Geschichte der Umweltdiskussion
3.1 Die Vorphase
3.2 Das Thema Umwelt gewinnt an Bedeutung
3.3 Die Verfachlichung der Atomenergiedebatte
3.4 "Das Ende der sprachlichen Unschuld"
3.5 Die Protestsprache
3.6 "Der Tschernobyl-Effekt"
3.7 Atomkraft und Kernenergie – geschichtlicher Hintergrund

4. Die Atomdebatte am Beispiel der Bundestagsreden Helmut Kohls und Joschka Fischers nach der Tschernobyl-Katastrophe im Mai 1986
4.1 Helmut Kohl macht sich für die Kernenergie stark
4.1.1 Inhalt der Rede
4.1.2 “Warum wir die Kernenergie (...) auch weiterhin nutzen wollen”
4.2 Fischer kämpft für den Ausstieg
4.2.1 Inhalt der Rede
4.2.2 “Wir müssen raus aus der Atomenergie”

5. Manipulation durch Sprache

6. Bibliographie

7. Anhang
7.1 Bundeskanzler H. Kohl am 14. Mai 1986:
7.2 Der hessische Minister für Umwelt und Energie J. Fischer am 14. Mai 1986

1. Die Umweltdebatte in Deutschland am Beispiel der Kernenergie

Diese Arbeit gliedert sich in zwei Teile, wobei im ersten und theoretischen vor allem anhand der Arbeiten von Matthias Jung und Ulrike Haß die Geschichte der Umweltdebatte in der BRD erläutert wird. In einem ersten Schritt soll dazu geklärt werden, wie der Begriff Umweltdiskussion (bzw. Umweltdebatte) definiert wird. Anschließend wird die Entwicklung dieser Debatte, die ihre Anfänge in den 60er Jahren in den USA hatte und bis heute andauert, dargelegt. Themen sind hierbei unter anderem, wie die Sprache durch die Atomindustrie verfachlicht wurde - also wie zahlreiche Fachbegriffe Einzug in den öffentlichen Sprachgebrauch hielten - und wie die Atomgegner dem zeitweise mit starker Polemik entgegentraten. Im Vordergrund dieser Erläuterungen steht das Thema Atomkraft, das im zweiten Teil dieser Arbeit an zwei sehr konträren Bundestagsreden anlässlich des Tschernobyl-Unglücks 1986 praktisch fortgeführt wird. Anhand von Auszügen dieser Reden, von denen die eine von Helmut Kohl (Bundeskanzler, CDU) und die andere von Joschka Fischer (Minister für Umwelt und Energie des Landes Hessen, die Grünen) stammt, werde ich zeigen, wie stark die Sprache durch die Umweltdebatte beeinflusst wurde und wie deutlich sie erkennen lässt, welchem politischen Lager – dem der Atomkraftbefürworter oder der –gegner –der jeweilige Redner angehört. Zudem vermitteln die beiden Reden, um welch starke Waffe es sich bei der Sprache mit ihrer manipulierenden Wirkung handelt, die im Laufe der Jahre von allen Parteien immer mehr perfektioniert wurde, um vor allem die Wähler zu beeinflussen, von den eigenen Zielen zu überzeugen und gegen den politischen Gegner aufzubringen. Ich werde die Reden dementsprechend vor allem auf ihre manipulierende Wirkung und auf die Verwendung von Grundbegriffen der politischen Semantik (Schlagwörter, Hochwertwörter, Fahnenwörter u.a.) hin untersuchen und auf diese Weise verdeutlichen, mit welchen sprachlichen Mitteln innerhalb der Umweltdiskussion gekämpft wird.

2. Was ist Umweltdiskussion?

Bei der Definition des Begriffs Umweltdebatte stütze ich mich auf die Auslegung von Ulrike Haß, die die Umweltdiskussion nicht auf politische Debatten beschränkt, sondern ihr alle Texte, die sich mit der Thematik auseinandersetzen und die für die Öffentlichkeit zugänglich sind, zuordnet.[1] Der wichtigste Aspekt, aufgrund dessen ein Text zur Umweltdebatte gezählt werden kann, ist natürlich die Bezugnahme auf das Thema Umwelt und damit einhergehende Probleme. Im Laufe der letzten Jahrzehnte kam es durch zunehmendes Interesse seitens des Journalismus und der Politik zu einer „Politisierung des Themas Umwelt“.[2] Wie in anderen Bereichen ist die Verwendung von Ausdrucksweisen auch beim Thema Umwelt interessenabhängig, das heißt, dass je nach Absicht des Redners oder Schreibenden bestimmte Begriffe bewusst verwendet bzw. vermieden werden, um so dem Zuhörer oder Leser ein bestimmtes Bild zu vermitteln. Sowohl Politiker als auch Atomkraftbefürworter und -gegner wissen um die manipulierende Wirkung der Sprache, weshalb sie sie gezielt einsetzen, um ihre Interessen zu vertreten.

Aufgrund dieser Tatsache bietet die so genannte 'Ökosprache' eine dementsprechend große Angriffsfläche für Sprachkritiker. Bemängelt wird in der Umweltdebatte unter anderem die überhöhte Anzahl von Fremdwörtern (z.B. chemische Bezeichnungen), die es einem durchschnittlich gebildeten Zuhörer nicht möglich machen, der Diskussion zu folgen. Neben dieser Verfachlichung der Sprache – auf die ich an späterer Stelle genauer eingehen werde – fand zu anderen Zeitpunkten bzw. durch andere Interessengruppen auch eine Emotionalisierung der Debatte statt. Anstelle von fachlichen Diskussionen wurde das Thema extrem polemisch dargestellt, um so an die Gefühle der Zuhörer zu appellieren und vor allem ihre Ängste zu schüren und sie so von den eigenen Argumenten zu überzeugen. Einer der wichtigsten Punkte der Sprachkritiker bleibt aber bis heute der "Euphemismus-Vorwurf"[3], also die Feststellung, dass in der Politik und auch in den Medien Worte dazu missbraucht werden, Tatsachen zu verschleiern, zu beschönigen und zu verharmlosen[4]. Dem Wort Kern, dem in der Atomkraftdebatte eine sehr wichtige Rolle zuzuschreiben ist und mit dem unzählige Komposita gebildet wurden, soll beispielsweise die Assoziation "kernig, gesund"[5] anhaften und somit positiv konnotiert sein. Komposita mit Kern wirken dementsprechend verharmlosend und spiegeln nicht wider, welchen Gefahren die Atomkraft birgt. Die Einschätzung, welche Bezeichnungen als realstisch bzw. als euphemistisch gelten, ist selbstverständlich subjektiv und zudem abhängig von der "politisch-weltanschaulichen Einstellung der Sprecher".[6]

3. Die Geschichte der Umweltdiskussion

Nachdem zuvor kurz angerissen wurde, was unter dem Wort Umweltdebatte bzw. Umweltdiskussion zu verstehen ist und dass dieses Thema auch die Sprachkritiker forderte, soll in diesem Kapitel ausführlich auf die Geschichte der Umweltdebatte eingegangen werden. Aus der folgenden Veranschaulichung sollen vor allem wichtige Themen dieser Diskussion hervorgehen und zudem verdeutlicht werden, welche Begriffe in diesem Bereich der Sprache als besonders kontrovers angesehen und behandelt wurden. Den Schwerpunkt werde ich dabei – aufgrund der beiden politischen Reden, die im letzten Kapitel meiner Arbeit behandelt werden – auf das Thema Kernenergie legen.

3.1 Die Vorphase

Die Spuren des modernen Umweltschutzes lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Tendenzen wie Naturschutz, Heimatschutz, Abfallbeseitigung und Lebensmittelkontrolle liefen aber bis zum Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts nur nebeneinander her. Erst in den letzten Jahrzehnten waren die "Einwirkungen der Zivilisation auf die Umwelt"[7] nicht mehr zu leugnen und der Ruf nach Umweltschutz wurde immer lauter. In der Phase zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und den 70ern, in der der Wirtschaftsboom seinen Lauf nahm, wurde auf durch die Industrialisierung verursachte Umweltprobleme aufmerksam gemacht. Die SPD forderte beispielsweise im Wahlkampf 1961: "Der Himmel über dem Ruhrgebiet muß wieder blau werden".[8] Doch dem Großteil der Bevölkerung fehlte zu diesem Zeitpunkt noch das nötige Umweltbewusstsein, um die Tragweite der damaligen Umweltverschmutzung zu erkennen. Ungleich wirksamer waren demzufolge auch Slogans wie der des Wirtschaftsministers Erhardt: "Der Schornstein muß wieder rauchen"[9] Durch eine derartige Einstellung zur Umweltproblematik geriet Deutschland im Bereich des Umweltschutzes ins Abseits und hinkte anderen Industrieländern wie den USA und Großbritannien lange hinterher.

3.2 Das Thema Umwelt gewinnt an Bedeutung

Der Durchbruch des Themas 'Umwelt' hängt mit einem tiefgreifenden "Wertewandel der westlichen Industriegesellschaften"[10] zusammen. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden zunächst in Schweden, Großbritannien und den USA Tatsachen in bezug auf die Umweltverschmutzung und -zerstörung zur Kenntnis genommen, die bereits längere Zeit zuvor bekannt, aber als nicht relevant eingestuft worden waren. Erst Ende der 60er wurde aus dem sich entwickelnden Umweltschutz ein internationaler Trend, dem sich auch die BRD annahm. Anstoß zu diesem Umdenken gab unter anderem der damalige UN-Generalsekretär U Thant, der im Juni 1969 einen Bericht zur 'Umweltkrise' vorlegte. In der darauf folgenden Zeit breiteten sich "im öffentlichen Sprachgebrauch der Bundesrepublik Umwelt und Ökologie in vielfältigen Zusammensetzungen und Ableitungen aus".[11] Beeinflusst war diese Veränderung der deutschen Sprache zunächst vor allem durch den englischen Spracheinfluss (z.B. ecology → Ökologie). Neben Wörtern, die sich aus dem Englischen ableiten lassen, fanden aber auch Ausdrücke wie Smog oder Recycling – also tatsächlich englische Wörter – ihren Weg in den deutschen Sprachgebrauch, ohne 'eingedeutscht' werden zu müssen. Worte wie Umweltschutz oder Umwelt-Gefährdung waren innerhalb kürzester Zeit in aller Munde, was vor allem auf deren fast inflationären Gebrauch in Zeitungen zurückzuführen sein dürfte. In den 70er Jahren nahm der Begriff Umweltschutz immer deutlichere Konturen an und galt sogar bald als "letzte Chance".[12] Wortschöpferisch lag in dieser ersten Welle der Umweltdebatte die Initiative deutlich bei den Politikern. Es enstand ein regelrechter Wettstreit der Parteien, in dem man versuchte, sich gegenseitig mit neuen Umwelt-Komposita zu übertrumpfen. Vor allem die SPD/FDP-Regierung, die 1970 sogar ein "Sofortprogramm Umweltschutz" initiierte, zeichnete sich mit diesem Programm und der Berufung eines Ministers für Landesentwicklung (Bayern) und Umweltschutz für unzählige Komposita-Neuschöpfungen verantwortlich.[13] Zur selben Zeit kam es auch zur Konkurrenz zwischen den Bezeichnungen Naturschutz (traditionell) und Umweltschutz (Neuwort). Das Wort Umweltschutz wurde von Naturschützern eingeführt und verwendet, um ihren Kampf auf einer höheren Ebene auszutragen bzw. diese höhere Ebene zu verdeutlichen. Die Bedeutungskonkurrenz (zwei Wörter bezeichnen dasselbe) "verläuft zum gleichen Zeitpunkt auch quer durch die Parteien"[14]: In derselben Bundestagsdebatte verwendete 1971 der Landwirttschaftsminister (FDP) ausschließlich Naturschutz, während sein Parteikollege Genscher sich auf Umweltschutz beschränkte.

Neben den zahlreichen Umwelt-Komposita (Umweltschutz, Umweltkrise, Umweltbedrohung, umweltfreundlich, Umweltbewusstsein u.v.a.) wurden in den 70er Jahren auch zahlreiche Begriffe aus dem Fachvokabular aus Biologie und Ökologie in die öffentliche Debatte eingeführt (Biotop, Biosphäre u.a.), was zu einer Verfachlichung der Diskussion führte.

3.3 Die Verfachlichung der Atomenergiedebatte

Aufgrund des Zweiten Weltkrieges und der damit verbundenen "Atomzeitalter-Phantasien"[15] erregte das Thema Atomenergie in den 50er Jahren noch die Gemüter, während es zehn Jahre später kaum noch einer Diskussion bedurfte. In der Presse wurde das Thema Atomkraft vergleichsweise selten behandelt, Kontroversen gab es so gut wie keine. Es war die Zeit der "Techniker, Verwaltungsbeamten und Wirtschaftsexperten",[16] die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Atomenergie als einen Industriezweig darzustellen, der keine größeren Gefahren birgt als andere. Gleichzeitig wurde die Raumfahrt zum neuen technischen Mythos auserkoren, so dass die Atomenergie auch hier in den Hintergrund gedrängt wurde und nur noch auf wenig öffentliches Interesse stieß. Im Laufe der 60er Jahre wurden zahlreiche neue Atomkraftwerke bzw. deren Bau in Auftrag gegeben, "wichtige Forschungsreaktoren wurden in Karlsruhe und Jülich in Betrieb genommen".[17] Die Entwicklung schritt so schnell voran, dass Deutschland schon bald "vom nuklearen Entwicklungsland zum vollwertigen Partner und Konkurrenten der 'alten' Atomländer"[18] aufstieg. Da die Berichterstattung zur Atomkraft zu dieser Zeit vorwiegend auf Wirtschafts- und Wissenschaftsseiten zu finden war, war auch das dort verwendete Vokabular dementsprechend sachlich, was sich wiederum auf den öffentlichen Sprachgebrauch übertrug. Das Thema Atom verlor auch in den folgenden Jahren seinen Status einer neuen, großen Errungenschaft der Menschheit, so dass der Begriff in den 70er Jahren weder positiv noch negativ konnotiert war, sondern meist neutral bewertet wurde. Allein im militärischen Vokabular verband ein Großteil der Menschen das Wort Atom nach wie vor mit Schreckensvisionen eines Atomkrieges. Trotzdem schien Kern auch im öffentlichen Sprachgebrauch Atom langsam zu verdrängen; die Fachsprache übertrug sich also auf die Gemeinsprache und verwissenschaftlichte sie auf diese Weise. Die 60er und 70er Jahre waren es auch, die neue – und später so umstrittene (brisante) - Fachtermini wie Störfall, GAU, Entsorgung und Restrisiko hervorbrachten.

3.4 "Das Ende der sprachlichen Unschuld"

[19] Ab Mitte der 70er Jahre können verschiedene Faktoren beobachtet werden, die dafür sorgten, dass die Stimmen gegen die Atomkraft immer lauter wurden. Sowohl die Ölkrise als auch "der Beginn einer Vollzugsphase im Umweltschutz [ließen] grundsätzliche ideologische Differenzen klarer hervortreten".[20] Die Umweltbewegung wuchs zu einer immer größeren, eigenständigen Kraft heran, die es sich selbst zur Aufgabe gemacht hatte, als politische Alternative zu fungieren.

Die Atomdebatte trat Ende der 70er in ihre 'heiße Phase' ein und "polarisiert[e] zusehends".[21] Durch diese Entwicklung wurde der bis dahin vorhandene Sprachkonsens hinfällig. Die Verfachlichung der Sprache innerhalb der Atomdebatte wurde von den Atomgegnern heftig kritisiert, da sie unter anderem Hindernis dafür sei, dass jeder interessierte Bürger "die mit der Energiefrage verbundenen sozialen und ethischen Probleme genausogut verstehen kann wie die Experten".[22] Ein weiterer Kritikpunkt an der Fachsprache war die Ansicht, dass es sich bei Fachwörtern wie GAU, Störfall, Kernenergie, Entsorgung u.v.a. um Beschönigungen der Tatsachen handele, die allein dazu dienten, die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren. Gemäß der Sprachkritik wendeten sich die Atomkraftgegner Ende der 70er Jahre auch von der "wissenschaftlich-technischen Terminologie"[23] ab und zu einer neuen Emotionalität hin. Diese hatten sie wenige Jahre zuvor erst abgelegt, um nicht polemisch zu wirken und von Diskussionspartnern, Presse und Bevölkerung ernst genommen zu werden. Doch nun hieß es, dass die Verfachlichung der Debatte auf Seiten der Gegner nur zur Verharmlosung der Thematik beitragen würde. So entwickelte sich die Sprache der Atomkraftgegner in einer Art und Weise, wie sie an die "zivilisationskritische Opposition der 50er Jahre erinnert und sie zum Teil in ihrer Polemik noch übertrifft."[24] Das Umweltvokabular (z.B. Atomstaat, China-Syndrom, Super-GAU), dass sich im Zuge dieser Entwicklung bis ca. 1977 herausbildete, wurde von den Medien recht schnell übernommen und übertrug sich auf diese Weise auch auf Teile der Bevölkerung. Beeinflusst wurde die Sprache der deutschen Atomkraftgegner vor allem von der Alternativszene der USA (z.B. geht der Begriff China-Syndrom auf einen amerikanischen Anti-Kernkraft-Film zurück), wurde aber selbständig weiterentwickelt. Neben den aus dem Englischen abgeleiteten Begriffen entstanden in der deutschen Sprache auch eigenständige Bezeichnungen wie Atomstaat, das sich nach dem Muster Polizeistaat, SS-Staat[25] gebildet zu haben scheint und eine dementsprechend negative Konnotation beinhaltet. Auch andere negativ behaftete Schlagwörter der Atomgegner - wie beispielsweise Atommafia und Atomfilz - wurden von der deutschen Presse übernommen und drangen so auch in den öffentlichen Sprachgebrauch ein. Derartiges Vokabular diente der Anti-AKW-Bewegung als "Kritik an der Verquickung von Interessen des Staates, der Industrie und der Gewerkschaften".[26]

Im Rahmen des neuen sprachlichen Bewusstseins in den 70er Jahren war Manipulation wohl eines der wichtigsten Schlagwörter der Atomgegner. Man erkannte, dass "Sprache als ein Instrument 'manipulativ' eingesetzt werden könne, um die 'Verhältnisse umzugestalten' und das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen zu beeinflussen, ohne daß sie es merken."[27] Dieses Bewusstsein veranlasste Atomgegner erneut zu der Forderung an die Atomindustrie, ihre Fachsprache gegen eine der Öffentlichkeit verständlichere Sprache einzutauschen und so sprachliche Manipulationen zu vermeiden. Kritisiert wurde an der sich bis dahin etablierten "Techno-Sprache"[28] neben ihrer Unverständlichkeit auch, dass sie euphemisiere, indem sie Begriffe wie "Tod, Zerstörung, Ausrottung [oder] Gift" vermeide und außerdem zur "Verdinglichung und Ökonomisierung der Natur"[29] beitrage. So bezeichnete man damals beispielsweise Tiere als Empfängnismaterial, das produziert wird, die "tonnenweise Vernichtung von Obst und Gemüse" umschrieb man mit "vom Markt nehmen". Die Sprachkritik, die sich aus dieser Betrachtungsweise entwickelte, zeichnete sich verantwortlich dafür, dass man die Fachsprache nicht mehr länger als Zeichen für Rationalität und Bildung und dem gegenüber die Gemeinsprache als ungebildet und unsachlich ansah. Fortan (1977) galt vielmehr der Gegensatz "technokratisch/ kalt/ manipulatorisch" auf der einen und "bürgernah/ demokratisch/ authentisch"[30] auf der anderen Seite. Trotz dieser kritischen Betrachtungsweise der Sprache gegenüber fehlte den Atomgegnern zu dieser Zeit noch die nötige Distanz zum eigenen Vokabular, so dass auch bei ihnen der Gebrauch des Wortes Kern gegenüber Atom noch nicht nachließ. Erst Ende der 70er Jahre setzt sich Atom"bei den politischen Akteuren der Anti-Atom-Bewegung bzw. ihrem parlamentarischen Arm, den GRÜNEN, plötzlich und mit großer Konsequenz durch".[31]

[...]


[1] Haß, Ulrike: Interessenabhängiger Umgang mit Wörtern in der Umweltdiskussion. In: Politische Semantik. Hrsg. von Josef Klein. Opladen: Westdeutscher Verlag 1989. S.153-186.

[2] Haß 1989: S.154.

[3] Ebd. S.159.

[4] Vgl. Toman-Banke, Monika: Die Wahlslogans der Bundestagswahlen 1949-1994. Wiesbaden: Deutscher Universitätsverlag 1996, S.55f.

[5] Haß 1989: S.154.

[6] Ebd.

[7] Jung, Matthias: Der öffentliche Sprachgebrauch und die Umweltdebatte in der BRD. Versuch der Kommunikationsgeschichte eines Themas. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht 63 (1989). S. 76-98.

[8] Ebd. S.78.

[9] Ebd.

[10] Jung, Matthias: Umweltstörfälle. Fachsprache und Expertentum in der öffentlichen Diskussion. In: Kontroverse Begriffe. Hrsg. von Georg Stötzel, Martin Wengeler. Berlin u.a.: Walter de Gruyter 1995. S.619-678.

[11] Jung 1995: S.627.

[12] Ebd. S.629.

[13] Vgl. ebd. S.630.

[14] Ebd. S.632.

[15] Ebd. S.635.

[16] Jung, Matthias: Öffentlichkeit und Sprache. Zur Geschichte des Diskurses über die Atomenergie. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994. S.65.

[17] Ebd. S.66.

[18] Ebd.

[19] Ebd. S.90.

[20] Jung 1995: S.639.

[21] Jung 1995: S.639.

[22] Jung 1994: S.93.

[23] Jung 1995: S.642.

[24] Ebd.

[25] Ebd. S.644.

[26] Ebd.

[27] Jung 1994: S.91f.

[28] Jung 1995: S. 645.

[29] Ebd.

[30] Jung 1994: S.94f.

[31] Ebd. S.97.

Details

Seiten
31
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638574679
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64724
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Institut
Note
1
Schlagworte
Tschernobyl Kampf Worte Eine Analyse Auseinandersetzung Atomenergie Reaktorunfall Sowjetunion Reden Bundestag Politische Semantik Thema GAU

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Titel: Tschernobyl: Ein Kampf um Worte. Die verbale Auseinandersetzung um die Atomenergie nach dem Reaktorunfall in der Sowjetunion