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"Drei Tode" und "Dreimal der Tod" - Ein Vergleich

Der Einfluss Tolstois auf die frühe Sowjetliteratur

Hausarbeit 2006 23 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Lew Tolstoi
2.1 Tolstois Stellung zum Adel
2.2 Lew Tolstois: Drei Tode
2.3 Der Tod der Gutsherrin
2.4 Der Tod des Kutschers
2.5 Der dritte Tod

3. Die Oktoberrevolution und ihre Folgen

4. Alexander Fadejew
4.1 Fadejews: Dreimal der Tod
4.2 Der Tod des Partisan Meteliza
4.3 Der Tod des Pferdes
4.4 Der Tod des Denunzianten

5. Vergleich der Texte

6. Fazit

7. Literaturliste

1. Einleitung

Lew Nikolajewitsch Tolstoj ist in vielerlei Hinsicht eine interessante Persönlichkeit – nicht nur, dass er im streng gläubigen Russland nach andauernder und leidenschaftlicher Kritik an der Orthodoxen Kirche letztlich exkommuniziert wurde, als Fortschrittsverweigerer und Rechtsnihilist galt und dadurch die, von vielen Anhängern vertretene Weltanschauung, den später so genannten Tolstojarismus vorlebte, er schaffte es, nahezu wie kein Zweiter, die russische Kultur hinaus in die Welt zu tragen. Seine großen Werke, wie Anna Karenina oder Krieg und Frieden sind Abbilder der Gesellschaft – Zeugen einer Zeit die von Klassenunterschieden und Zensur beherrscht war. Auch deshalb erreichte die Literatur im Russland des 19ten Jahrhunderts eine besondere Stellung in der Entwicklungsgeschichte dieser Gesellschaft. Nach der Oktoberrevolution im Jahre 1917 besann man sich schließlich dieses gewaltigen Erbes und versuchte wohl etwas der Macht und des Einflusses für sich zu nutzen. Jedenfalls wurde Tolstoj, neben einigen weiteren großen russischen Autoren des 19ten und 20ten Jahrhunderts, zu einem Vorbild der jungen Sowjetliteratur. In einigen Fällen lassen sich Analogien besonders deutlich feststellen – so schrieb der junge Schriftsteller Alexander Fadejew 1927 den viel beachteten Roman „Die Neunzehn“ über die Zeit der Oktoberrevolution und den anschließenden Bürgerkrieg. Ein Kapitel in diesem Roman ist mit „Dreimal der Tod“ betitelt und erinnert somit schon hier stark an den Text „Drei Tode“ von Lew Tolstoi. Beide thematisieren den Tod, wie der Name verrät, auf drei verschiedene Arten.

Ich beginne mit einer Analyse des Textes von Tolstoi, erläutere in einem kleinen geschichtlichen Ausritt das Geschehen während und kurz nach der Oktoberrevolution und komme schließlich zur Untersuchung des Kapitels aus Fadejews „Die Neunzehn“. Zu guter letzt werde ich die beiden Texte auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin vergleichen.

2. Lew Tolstoi

2.1 Tolstois Stellung zum Adel

Zum besseren Verständnis des Textes sollten hier einige Worte zu grundlegenden Ansichten Tolstois fallen. Geprägt von Jean-Jacques Rousseaus Ideen über die Nachteile von Eigentum und Herrschaft für die Gesellschaft, entwickelte sich Tolstoi zu einem wahren Verweigerer des Fortschritts. Nach Rousseau ist der Mensch im Naturzustand gut und frei und erst durch die Gesellschaft, welche durch Eigentumsansprüche entstand, wurde er verdorben.[1] Tolstois Ansicht nach, befinden sich, vereinfacht ausgedrückt, die Bauern in ihrer Lebensweise näher am Naturzustand als der Adel, der sich von der Natur regelrecht entfremdet hat. Darüber hinaus ist er für seine anhaltende Entfremdung selbst verantwortlich, da der Adel Macht über andere Menschen besitzt und, nach Tolstoi, jeder Erlass und jedes Gesetz die Freiheit eines jeden grundsätzlich einschränkt.

Tolstois Abneigung zum Lebensstil des russischen Adels, dem er selbst angehört, wird in seinen Werken immer wieder deutlich. So symbolisiert er die Entfernung der adeligen Gesellschaft vom russischen Volk beispielsweise dadurch, dass er die Dialoge des Adels in vielen seiner Werke oft in französischer, also fremder Sprache stattfinden lässt.

2.2 Drei Tode

Die Novelle „Drei Tode“ wurde von Lew Tolstoi im Jahre 1859, drei Jahre nach dem Tod einer seiner Brüder, geschrieben. Sie thematisiert die unterschiedlichen Arten zu Sterben und den unterschiedlichen Umgang mit dem Tod von Adel und Bauern im Russland des 19. Jahrhunderts. Es werden drei verschiedene Tode dargestellt. Zum einen, der einer Gutsherrin, stellvertretend für den russischen Adel; dem gegenüber stellt Tolstoi den Tod eines Kutschers. Der Kutscher gehört zu der naturnahen, bäuerlichen Bevölkerung, welche Tolstoi idealisiert. Letztlich beschreibt Tolstoi noch den Tod eines Baumes, der natürlichste und dadurch idealste aller möglichen Tode. Der Autor verknüpft die drei Handlungen geschickt. Er beginnt mit der Reise der kranken Gutsherrin und unterbricht den Handlungsstrang an einer Raststation, um die Geschichte des alten Kutschers einzuschieben, der in der Kutscherstube der Station seine letzten Tage verlebt. Der junge Wagenlenker der Gutsherrin bittet den Kutscher um seine neuen Stiefel, wofür er die Verantwortung für das Grab des Alten übernehmen muss. Hier kehrt der Autor zur Geschichte der Adeligen zurück, welche etwa ein halbes Jahr später schließlich stirbt. Um dem toten Kutscher zumindest vorerst ein Kreuz am Grab aufstellen zu können, fällt der junge Kutscher letztlich den dadurch sterbenden Baum.

2.3 Der Tod der Gutsherrin

Zu Beginn beschreibt der Autor eine schwindsüchtige Gutsherrin, die sich die Heilung ihrer Krankheit von einem Kuraufenthalt in Italien verspricht. Zur damaligen Zeit war die Fahrt selbst nichts besonderes, da Deutschland, Frankreich oder eben auch Italien beliebte Reiseziele für den russischen Adel darstellten. Lediglich die Jahreszeit, es ist Herbst als die Fahrt beginnt, ist aufgrund des meist schlechten Wetters ungewöhnlich. So machen sich ein Arzt, das Stubenmädchen und der Ehemann mit der Kranken auf eine Reise durch Russland.

Tolstoi bedient sich häufig dem künstlerischen Stilmittel des Parallelismus. Gleich zu Beginn stellt er die kranke Adelige, eine „magere, blasse Dame“[2], kontrastierend dem, vor Gesundheit strotzenden Stubenmädchen „mit rotglänzendem Gesicht“[3] gegenüber. Der typisch bäuerliche Name des Stubenmädchens, Matrjoscha, unterstreicht ihre Zugehörigkeit zum ärmlichen, aber naturnah lebenden Bauernvolk.

Während die Kranke im Wagen bleibt, als sie an einem Stationsgebäude halt machen, unterhalten sich ihr Mann, Wassili Dmitritsch, und der Arzt, Eduard Iwanowitsch, über den schlechten Zustand der Frau und die dadurch herrschende Aussichtslosigkeit der ganzen Reise. Beide sind sich bewusst, dass die Kranke Italien niemals erreichen wird. Sie können sich aber nicht entschließen, mit ihr offen darüber zu sprechen. Dies stellt Tolstoi bewusst heraus, um dadurch die Entfremdung des Adels von der natürlichen Umwelt zu verdeutlichen. Der in der Natur allgegenwärtige Kreislauf des Lebens, zu dem der Tod unumstößlich dazu gehört, wird von der adeligen Bevölkerung nicht anerkannt. Der Adel betrachtet den Tod aus einem egoistischen Gesichtspunkt, aus dem nichts Positives am Sterben zu erkennen ist. Die natürliche Auffassung wäre jedoch eine Andere: stirbt ein Teil der Umwelt, so bedeutet das in erster Linie die Eröffnung neuer Möglichkeiten, den entstandenen Platz im Lebensraum neu zu gestalten. Wenn Altes stirbt, macht es Platz für etwas Neues.

Das Umfeld der Sterbenden wartet auf ihren Tod, ohne es der sterbenden Person einzugestehen. Die Kranke selbst klammert sich hingegen an ihr Leben und entwickelt, während es ihr körperlich immer schlechter geht, eine utopische Hoffnung auf Genesung, welche vielfach deutlich wird. Als beispielsweise zwei Mädchen an der Station, neugierig an ihrer Kutsche vorbeigingen und ihr Erschrecken über den schauerlichen Anblick der Kranken bemerkbar war, dachte sie: „Wenn ich nur schnell, möglichst schnell ins Ausland käme, dort würde ich mich bald erholen.“[4]

Wassili versucht seine Frau doch noch dazu zu bewegen, von der Reise abzusehen um nach Hause zurückzukehren. Sie jedoch will sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen. Als sie schließlich selbst ihren möglichen Tod benennt und ihr Mann daraufhin nicht zu mehr in der Lage ist, als seine Augen nieder zu schlagen, ist sie sichtlich erschrocken und beginnt flehentlich zu beten, was jedoch ohne Wirkung bleibt.

Hier wird ein weiterer Schritt im langsamen Prozess des Sterbens der Adeligen, so wie ihn Tolstoi darstellen wollte, beschrieben. Die bewusste Auseinandersetzung der Kranken mit dem Tod beginnt. Anstatt den Tod als Notwendigkeit für das Leben zu akzeptieren, hinterfragt die Sterbende den Sinn und den Grund ihres nahenden Todes, noch ohne ihn als unumstößlich hinzunehmen.

„,Oh mein Gott! Wofür nur?’ stammelte sie, und die Tränen entströmten noch heftiger ihren Augen. Sie betete lange und inbrünstig, doch der schmerzhafte Druck in ihrer Brust ließ nicht nach …“[5]

Der Autor unterbricht an dieser Stelle die Handlung über die Gutsherrin, um das Sterben des Kutschers darzustellen. Diese Aufspaltung der Geschichte ermöglicht Tolstoi die Verknüpfung der, sonst unabhängigen, Handlungen. Ich werde den Erzählteil über den Kutscher allerdings erst im Anschluss an die Geschichte über die Gutsherrin anbringen und gleich mit dem Sterben der Adeligen fortfahren.

Als es Frühling wird, befindet sich die Gutsherrin in einem Haus in der Stadt. Der Autor beschreibt das Erwachen der Natur im Frühling und lässt parallel dazu die Adelige sterben.

„Am Himmel, auf der Erde, in den Herzen der Menschen – überall war alles froh und jugendfrisch.

In einer der Hauptstraßen war vor einem großen, herrschaftlichen Hause frisches Stroh ausgebreitet; in diesem Hause lag jene Kranke im Sterben, die es so eilig gehabt hatte, ins Ausland zu kommen.“[6]

Die ‚einfachen Menschen’ werden in einem Satz mit der aufblühenden Natur dargestellt; sie sind in dieser Darstellung ein Teil der Natur. Es „…plätscherten hurtige Bächlein; man trug hellere Kleider, und die Stimmen der Menschen, die die Straßen bevölkerten, waren lebhafter geworden. In den Gärten […] schwollen die Knospen an den Bäumen…“.[7]

Die gezeigten Adeligen dagegen befinden sich allesamt im Haus, „[v]or der geschlossenen Tür des Krankenzimmers…“[8]. Alle diese Darstellungen sollen einmal mehr die naturfremde Lebensweise des Adels verdeutlichen.

Tolstoi ist bekannt für seine kritische Haltung gegenüber der orthodoxen Kirche. So treten in seinen Werken Geistliche oftmals nutzlos oder sinnentleert handelnd auf. In Drei Tode verhält sich das genauso. Ein Priester hält sich, anstatt die Sterbende auf ihren Tod vorzubereiten, vor der verschlossenen Tür zum Krankenzimmer auf und ist nicht mal in der Lage, den Angehörigen beistand zu leisten. „‚O mein Gott! O mein Gott!’ stöhnte der Mann. ‚Es ist nicht zu ändern’, sagte der Priester mit einem Seufzer…“[9]. Als er schließlich zur Mutter der Kranken geschickt wird, um sie zu beruhigen, berichtet er ihr von einer angeblichen Wunderheilung eines noch viel schwerer Erkrankten, anstatt sie auf den nunmehr unumgänglichen Tod ihrer Tochter vorzubereiten.

Das Bewusstsein um den nahenden Tod wird bei der Kranken immer noch von der Hoffnung auf eine mögliche, wundersame Heilung begleitet. Sie versucht das drohende Unheil durch eine Rückbesinnung auf ihren Glauben abzuwenden. Hier taucht das im russischen Volksglauben zu Wundertaten fähige Heiligenbild in Form einer Ikone auf, auf das sie ihren flehenden Blick richtet. Obwohl sie einerseits bereits gesagt hat, sie wisse selbst, dass sie nicht mehr lange zu Leben haben wird, bittet sie ihren Mann andererseits, nach dem ‚Wunderheiler’ zu suchen, von dem der Beichtvater ihr erzählte. Sie hatte sich also noch ganz und gar nicht mit ihrem Tod abgefunden, doch schon am selben Abend war sie gestorben.

Der automatisierte Umgang mit religiösen Ritualen zeigt sich an dem Mesner, der mit „näselnder, monotoner Stimme die Psalmen Davids“[10] vorträgt und, wie Tolstoi schreibt, den Text las, „ohne in zu verstehen…“[11]. In dieser letzten Passage des Kapitels wird aber neben der Kirche auch nochmals der Adel kritisiert. Der Autor stellt die Frage in den Raum, ob die Tote, so aufmerksam sie nun in ihrem Sarg liegt, „wenigstens jetzt diese erhabenen Worte verstand?“[12].

2.4 Der Tod des Kutschers

In der Kutscherstube der Station „saßen mehrere Kutscher beisammen, die Köchin hantierte am Ofen herum, auf dem, mit einem Schafpelz bedeckt, ein Kranker lag“[13]. Schon hier erkennt man einen Unterschied zu der Darstellung der kranken Adeligen. Der Ofen steht zentral in der Hütte, im Mittelpunkt der bäuerlichen Kultur im kalten Russland; das Alltagsleben spielt sich unmittelbar um diesen Ort herum ab. Der Sterbende liegt also, im Gegensatz zur kranken Adeligen, mitten im lebendigen Alltagstreiben; der Tod wird hier nicht ausgegrenzt, sondern vom Umfeld als normal verstanden.

Durch die Vereinbarung mit dem jungen Kutscher gibt der Sterbende seinem Tod sogar noch einen Sinn. Er überlässt ihm seine guten Stiefel, noch bevor er stirbt. Hier wird deutlich, dass der Kutscher seinen Tod zweifelsfrei kommen sieht und akzeptiert. Er erwartet nicht, wie die Gutsherrin, eine plötzliche wundersame Besserung seines Zustandes. Der Kranke bemüht sich, sein Vermächtnis und seine Angelegenheiten nach dem Tod zu regeln, indem er den jungen Kutscher, als Gegenleistung für die Stiefel, dazu verpflichtet, ihm einen Grabstein aufzustellen.

[...]


[1] So zu finden in Rousseau „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ – 1755.

[2] Polikuschka. Frühe Erzählungen. Band 3., 70.

[3] Ebd., 70.

[4] Ebd., 74.

[5] Ebd., 75.

[6] Ebd., 80.

[7] Ebd., 79.

[8] Ebd., 80.

[9] Ebd., 81.

[10] Ebd., 84.

[11] Ebd., 84.

[12] Ebd., 84.

[13] Ebd., 76.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638573832
ISBN (Buch)
9783638670142
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64615
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Drei Tode Dreimal Vergleich Tolstoi

Autor

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