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Zwei benachbarte Todesfälle in der Literatur des 18. Jahrhunderts - Ein Vergleich der Tode von Werther und Emilia Galotti

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Eingrenzung der Betrachtung

2 Ein Vergleich der Tode von Werther und Emilia Galotti
2.1 Wie sterben Werther und Emilia?
2.2 Wie kommt es zum Sterben von Werther und Emilia?
2.3 Das Verhältnis der beiden Tode zum jeweiligen Werk
2.4 Das Verhältnis der beiden Tode zu den Vorlagen: Jerusalem und Virginia
2.5 Das Verhältnis der beiden Tode zur Zeit des 18. Jahrhunderts
2.6 Die Bedeutung von Emilia Galotti in Goethes Werther

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

1 Eingrenzung der Betrachtung

Dass Lessings Emilia Galotti in Goethes Die Leiden des jungen Werthers auftaucht, hat zu vielfältigen Interpretationsansätzen geführt. Sie reichen von der Unterstellung völliger Arbitrarität (z. B. bei Paulin) bis zum Versuch, das Werk Emilia Galotti mithilfe seiner Verwendung im Werther besser zu verstehen (wie bei Appelbaum Graham). Im Folgenden sollen verschiedene Deutungsansätze an der Schnittstelle der beiden Texte zusammengeführt werden: an den Toden der beiden Protagonisten. Die Schnittstelle ist eine doppelte: Es werden ähnliche Handlungen ausgeführt, die beiden Stellen entsprechen einander im Handlungsablauf, außerdem wird Lessings Stück im Werther in genau diesem Moment der Handlung erwähnt. Es soll gezeigt werden, wie die beiden Selbsttötungen sich in verschiedenen Kontexten und dort zueinander Verhalten. Sich dabei absolut auf die Tode zu beschränken ist aber kaum durchzuhalten und wäre wohl auch nicht sinnvoll.

Das Trauerspiel Emilia Galotti wird weniger als zwei Jahre nach der Uraufführung in Goethes Roman eingebracht. Goethe bezieht sich also auf ein sehr aktuelles Werk. In der späteren Fassung des Werther von 1787 handelt es sich um einen Bezug auf ein 15 Jahre altes Werk. Wie sich das Verhältnis der beiden Tode zueinander von der 1774er Fassung zu der von 1787 verändert, ist vielleicht ein weiteres interessantes Thema. Diese Arbeit beschränkt sich auf den Werther von 1774. Ein wichtiger Schwerpunkt ist nämlich das Verhältnis der ausgewählten Handlungselemente zu zeitgenössischen Ansichten. Daher wird ein Vergleich der beiden zeitnah veröffentlichten Werke vorgezogen. Spätere Strömungen sollen nicht berücksichtigt werden. Viele der verwendeten Sekundärquellen beziehen sich zwar mehr oder weniger explizit auf die 1787er Fassung, aber sind auf die ältere anwendbar.

Weitgehend vernachlässigt werden soll hier auch die rein literaturgeschichtliche Seite der beiden Tode, da diese weniger problematisch erscheint. Wie Paulin erwähnt, war nicht einmal Mendelssohn - obgleich später ein heftiger Kritiker des Werther - bereit, den Bühnenselbstmord abzulehnen, da das Theater seine eigene Moralität habe.[1] Auf der Ebene der analytischen Betrachtung wird im Folgenden die Bezeichnung ‚Selbsttötung’ verwendet: „Als ‚Selbstmord’ wird Selbsttötung verurteilt, als ‚Freitod’ emphatisch proklamiert, als ‚Suizid’ pathologisiert; und im Begriff ‚Selbsttötung’ erscheint Wertneutralität als Wert.“[2]

2 Ein Vergleich der Tode von Werther und Emilia Galotti

2.1 Wie sterben Werther und Emilia?

Consider how carefully Werther prepares his deed. Under the pretext of an impending journey, he borrows the very instruments of his suicide, a pair of pistols, from Albert. Knowing that he, like all suicides, will be barred from being buried in the common cemetery, he chooses in advance the spot where he wishes to be laid to rest. He arranges for a last, emotional meeting with Lotte in order to wrest from her a sign of her love so that he can die with the sweet knowledge that his love is reciprocated. He chooses Christmas Eve, of all days, as the day of his departure. Before killing himself, he dresses in his characteristic, dandylike outfit: a blue coat over a yellow vest and yellow breeches. And in a particularly memorable yet puzzling gesture, he leaves on the lecturn in his room a copy of Lessing’s Emilia Galotti.[3]

Werthers Tod ist also eine gut vorbereitete, wohl überlegte Handlung. Das lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass gerade Lessings Trauerspiel zufällig oder beiläufig in die Szene geraten ist. Selbst das Glas Wein, das noch dasteht, als man ihn findet, dient dazu, „die Besonnenheit seines Selbstmords vor Augen zu führen“.[4]

Doch schon dieser Akt erzeugt scheinbar einen Widerspruch, denn der Tod Emilias, zu dem damit ein Bezug hergestellt wird, ist gerade in seiner Ausführung dem Werthers kaum ähnlich. Vor allem stellt sich die Frage, ob es sich bei Emilias Tod überhaupt um eine Selbsttötung handelt. Schließlich ist es Odoardo, der sie ersticht. Faktisch handelt es sich also nicht um eine Selbsttötung. Dennoch argumentiert Weigand für die Betrachtung als ‚Selbstmord’:

Wohl hat der Vater sie zu sich rufen lassen in der Absicht, ihre Tugend um den Preis ihres Lebens zu retten; umso deutlicher zeigt das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter, dass dieser empfindsame Puritaner nie selbst den Antrieb gefunden hätte, seinen Gedanken in die Tat umzusetzen. Emilia muss ihn förmlich in einen Zustand der Ekstase hineinpeitschen, ehe er den Dolch auf sie zückt.[5]

Das ‚Hineinpeitschen’ entspricht einer geschickten Manipulation. Dass Emilia dazu fähig ist, deutet sich schon zuvor in der Szene an, als sie ihrer Mutter vom Annäherungsversuch des Prinzen in der Kirche berichtet. Claudia zeigt sich mehrmals erleichtert darüber, dass Odoardo nichts von dem Vorfall mitbekommen hat. Emilia äußert: „Aber, nicht, meine Mutter? Der Graf muss das wissen. Ihm muss ich es sagen.“ (E: S. 30)[6] Diese Äußerung ist genau so formuliert, dass sie in zwei Richtungen wirkt: Einmal drückt Emilia mit der Position von „der Graf“ und „ihm“ jeweils am Satzanfang aus, dass man den Grafen informieren müsse - im Unterschied zum Vater. Sie unterstellt damit ihrer Mutter, diese habe das implizit vorgeschlagen. Das lässt sich aber aus Claudias Worten nicht eindeutig schließen. Sie könnte auch nur froh sein, dass der zur Wut neigende Odoardo das Geschehen nicht direkt erfahren hat, so dass man es ihm noch schonend beibringen kann. Auf der anderen Seite stehen die übervorsichtigen Worte „Aber, nicht, Meine Mutter?“, mit denen Emilia der Bestimmtheit ihres doppelten „muss“ schon eine Unsicherheit vorausschickt, die offenbar die Mutter zum Widerspruch reizen soll. So ist das Verschweigen in beiden Fällen als Claudias Idee markiert. Dazu passt auch Emilias scheinbares Einlenken: „Nun ja, meine Mutter! Ich habe keinen Willen gegen den Ihrigen. - Aha! (Mit einem tiefen Atemzuge) Auch wird mir wieder ganz leicht.“ (E: S. 31)

Leicht wird ihr wohl unter anderem, weil sie geschickt Verantwortung abgegeben hat. So gibt sie auch die Verantwortung für ihren Tod an ihren Vater ab, wiederum aktiv: „From the very beginning of their conversation […] it becomes clear that Emilia is controlling the dialogic exchange with her father.“[7]

Die Manipulationen sprechen für eine Selbsttötung mit dem Vater als Werkzeug. Zuletzt nimmt Emilia die Schuld allerdings wieder auf sich: „Nicht Sie, mein Vater - Ich selbst - ich selbst“. (E: S. 87) Das geschieht aber möglicherweise nur, um den Vater zu schützen, denn sie spricht die Worte in Anwesenheit des Prinzen, der Odoardo kurz zuvor einen grausamen Vater genannt und ihm die Tat zugeschrieben hat.

Man kann also von einer Selbsttötung von fremder Hand sprechen. Hier eröffnet sich in gewissem Sinne eine Parallele zu Werthers Tod. Denn zumindest Werther selbst betrachtet ihn als vermittelt, weil die Pistolen, die er dazu benutzen will, dem Überbringer von Lotte selbst gereicht worden sind. Er schreibt in seinem Abschiedsbrief: „Und du Geist des Himmels begünstigst meinen Entschluß! Und du Lotte reichst mir das Werkzeug, du von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünsche, und ach nun empfange.“ (W: S. 266) Werther geht es wohl nicht nur darum, von der Hand seiner Geliebten - wenn auch sehr indirekt - getötet zu werden, sondern auch um eine Art höherer Legitimation seiner geplanten Handlung.

Ganz eingebildet ist die Beteiligung Lottes allerdings nicht, denn als sie dem von Werther geschickten Knaben die Pistolen überreicht, ahnt sie durchaus das kommende Unheil. Nur der fragende Blick ihres Mannes drängt sie schließlich, nicht länger zu zögern. Man kann nun fragen, ob es nicht viel mehr die Schuldgefühle gegenüber ihrem Mann sind, die seinen Blick für sie so stark machen, denn gegen „ihren Willen fühlte sie tief in ihrer Brust das Feuer von Werthers Umarmungen […], es ängstigten sie schon zum voraus die Blikke ihres Mannes […] wenn er Werthers Besuch erfahren würde“. (W: S. 260) Es lässt sich aus dieser Einschüchterung Lottes und dem daraus folgenden Verhalten sicher keine Einwilligung in Werthers Selbsttötung ableiten, auch wenn Werther das tut. Jedoch ist eine auch innere Beteiligung der Geliebten am Geschehen nicht von der Hand zu weisen.

Bei Emilia Galotti „entlastet ein ‚unglücklicher Vater’ seine Tochter von der Todsünde schlechthin, indem er ihren Wunsch, durch den Tod Schmach und Verführung abzuwenden, teilt und die Schuld auf sich nimmt“.[8] Werther dagegen wünscht sich durch die Hand seiner Geliebten zu sterben, ohne an eine Schuld zu denken, die er ihr damit überlassen würde. Trotz der von Lotte kommenden Pistolen und Emilias eigentlicher Selbsttötung, bleibt es bei dem grundlegenden Unterschied: „In contrast to Emilia, Werther dies very much by his own hand.“[9]

2.2 Wie kommt es zum Sterben von Werther und Emilia?

Als Motivation für Werthers Selbsttötung liegt zuerst die unglückliche Liebe zur unerreichbaren Lotte auf der Hand. Aber schon dieses Motiv ist eng verbunden mit Werthers Unfähigkeit zum künstlerischen Ausdruck. Die Unfähigkeit ist deshalb so fatal, weil Werther auf der anderen Seite bereit und vielleicht besonders fähig ist, die Welt in sich aufzunehmen. „Indem er alles sein will, verliert er sich selbst, zerstört er seine Identität.“[10]

Zu Lotte erzeugt er ein unlösbares Beziehungsdilemma, indem er sie zugleich als Geliebte, Mutter und Schwester betrachtet.[11] Als Mutter soll Lotte „ihn als Kind behandeln und annehmen. Sie soll ihm ermöglichen, ‚alles’ zu sein und zu haben. Aber eben dieser Wunsch machte Lotte als Geliebte unerreichbar.“[12] Lotte ist also unerreichbar nicht nur aus moralischen und gesellschaftlichen Gründen, sondern vor allem aufgrund von Eigenschaften Werthers, die grundlegend für seine Persönlichkeit sind. Es kann also in keiner möglichen Situation - auch wenn es Albert nicht gäbe - zu einer glücklichen Vereinigung von Lotte und Werther kommen. Wahrscheinlich ist dieses Problem nicht auf Lotte begrenzt, sondern ist so grundlegend für Werther, dass er auf Dauer keine glückliche reale Liebesbeziehung führen könnte. Lotte hofft wohl vergebens, dass Werther „in der weiten Welt“ ein anderes „Mädgen“ für sich finden könnte. (W: S. 226) Aber hier, wenige Tage vor Werthers Tod, begreift sie das zugrundeliegende Dilemma, auch wenn sie es nur auf die konkrete Situation bezieht: „Lotte is right in suspecting that he loves her, not despite the fact that he cannot posses her, but because of it.“[13]

„Der ganze Brief vom 26. Mai dokumentiert, daß Werther das Leben in der Gesellschaft und die Liebe mit seiner Vision unmittelbarer künstlerischer Hervorbringung identifiziert.“[14] Werther verknüpft hier also selbst - im Allgemeinen - Kunst und Liebe und gibt Bedingungen an, unter denen sie scheitern: Wenn man versucht, sie in Formen zu gießen, die nicht denen der Natur entsprechen, sondern „menschlich“ also kulturell sind. Er ist zufrieden mit seiner Zeichnung, die er von der ländlichen Szene angefertigt hat, „ohne das mindeste“ von sich „hinzuzuthun“ (W: S. 26). Doch im Brief vom 24. Juli ist zu lesen, wie er versucht, die Verknüpfung von Liebe und Kunst umzusetzen und wie er daran scheitert. Er will Lotte zeichnen, was nicht gelingt, so dass er sich resigniert mit einem Schattenriss begnügt.

Hier behauptet er, nie glücklicher gewesen zu sein. Schon im Brief vom 10. Mai berichtet er von einer Heiterkeit unter der seine Kunst leidet: „Ich könnte jetzo nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin niemalen ein grösserer Mahler gewesen als in diesen Augenblicken.“ (W: S. 12) Gerade dieser Brief, so Kurz, zeige Werther als einen Künstler ohne Kunst.[15] Eben in diesem Brief aber ahnt Werther vielleicht schon sein Ende voraus, auch wenn er es hier nicht wörtlich meinen sollte: „Aber ich gehe darüber zu Grunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“ (W: S. 12) „Er geht zugrunde, weil er die Welt in sich aufnimmt, ohne sie objektivieren zu können.“[16]

[...]


[1] Vgl. Paulin 1999: S. 28

[2] Bähr 2005: S 71

[3] Vaget 2004: S.18

[4] Kurz 1982: S.100

[5] Weigand 1929: S. 476

[6] Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf die im Literaturverzeichnis aufgeführten Reclambände E = E milia Galotti; W = Die Leiden des jungen Werthers

[7] Prutti 1994: S. 5

[8] Meyer-Kalkus 1977: S. 136

[9] Duncan 1982: S. 48

[10] Kurz 1982: S. 103

[11] Vgl. Kurz 1982: S. 101

[12] Kurz 1982: S. 102

[13] Appelbaum Graham 1962: S. 18

[14] Kurz 1982: S. 04

[15] Kurz 1982: S. 107

[16] Kurz 1982: S. 108

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638573467
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64564
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Note
1,00
Schlagworte
Zwei Todesfälle Literatur Jahrhunderts Vergleich Tode Werther Emilia Galotti Aufklärung/Sturm Drang

Autor

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