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Die Definitionsversuche zur Tugend im ersten Teil des platonischen Dialogs Menon

Seminararbeit 2006 13 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Einordnung und Merkmale des Dialogs

3 Die Definitionsversuche zur Tugend
3.1 Gesprächseinführung und erster Definitionsversuch
3.2 Der zweite Definitionsversuch
3.3 Der dritte Definitionsversuch
3.4 Der Übergang zu den weiteren Hauptteilen des Dialogs

4 Zusammenfassung

Literatur

Eigenständigkeitserklärung:

Hiermit erkläre ich, daß ich die vorliegende Arbeit selbst angefertigt und alle von mir benutzten Hilfsmittel und Quellen angegeben habe; alle wörtlichen Zitate und Entlehnungen aus fremden Arbeiten sind als solche gekennzeichnet.

Jena, den 18.09.2006 Stefan Witzmann

1 Einleitung

Geht es nach dem Klappentext der Reclam-Ausgabe der platonischen Schrift Menon, so kann dieser Frühdialog als eine „Programmschrift für Platons Akademie“ aufgefasst werden.[1] Bedeutsame Elemente der Philosophie Platons werden demnach dort aufgegriffen und bieten Stoff für weit reichende Diskussionen: Das epistemologische Prinzip der Anamnesislehre, die starke Verknüpfung zwischen mathematischen und philosophischen Denken oder auch die Sokratische Gesprächsführung, die Maieutik. Ebenso werden die Tugend und die Frage nach ihrer Lehrbarkeit im Gespräch zwischen Sokrates und Menon intensiv und zum Teil sogar hitzig (siehe der in 80 a angeführte Zitterrochen-Vergleich) besprochen.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll insbesondere der erste Part bei der Auseinandersetzung mit der Tugend diskutiert werden, also die Bestimmung des Wesens der Areté. Im Zusammenhang mit dieser Thematik muss auch intensiv auf das platonische Verständnis von Definitionen eingegangen werden. Vor allem in dieser Passage des Dialogs (70 a – 80 d), in dem Menon seine Definitionsversuche vorbringt, sind diese beiden Aspekte eng miteinander verflochten. In den folgenden Kapiteln sollen deshalb die einzelnen Definitionen des thessalischen Jünglings und insbesondere die Kritik Sokrates’ an deren Evidenz beleuchtet werden.

2 Einordnung und Merkmale des Dialogs

Kutschera (2002:217) schätzt den Zeitpunkt des Gespräches zwischen Sokrates und Menon auf 403 oder 402 v. Chr. ein. Damit gehört dieses Werk nach chronologischer Einordnung noch zu den Frühdialogen, die sich schwerpunktmäßig mit den Themenbereichen Sophistik und Rhetorik befassen. Jedoch sind im Menon auch schon Aspekte der mittleren Dialoge zu finden wie z.B. die Wiedererinnerungslehre. Gleichsam stellt der Menon auch in der Methodik Platons einen Wendepunkt von der aporetischen zur positiven Behandlung von philosophischen Themen dar.

Der Thessalier Menon soll zum Tage des Gespräches mit Sokrates 18 bis 20 Jahre alt gewesen sein. Er entstammte einer reichen Adelsfamilie und soll insbesondere beim rhetorisch bewanderten Sophisten Gorgias aus Leontinoi intensiv gelernt haben. Sokrates lässt diesen Sachverhalt ironisch in 70 b anklingen. Insbesondere Xenophon, ein Schüler von Sokrates, berichtet daher vorrangig im negativen Sinne von Menon (Friedländer 1964:256). Ihm werden unter anderem Gewissenlosigkeit, Treulosigkeit, Geldgier und Neigung zur Verschwendung vorgeworfen.

Von hoher Brisanz ist das Auftreten Anytos’ im Umfeld des Dialogs. Er war nur wenige Jahre später nach der Durchführung des Gespräches einer der Hauptankläger im Prozess gegen Sokrates. Einen klaren Hinweis auf den aufkeimenden Konflikt zwischen den beiden Zeitgenossen findet sich in der offenen Drohung Anytos’ gegenüber Sokrates, doch vorsichtiger seine Meinung kundzutun (94 e).

3 Die Definitionsversuche zur Tugend

In diesem Kapitel soll auf die Definitionsversuche des Menon zum Begriff der Tugend eingegangen werden. Dabei wird sich stetig am Verlauf des Dialogs orientiert und die einzelnen Gesprächsgegenstände herausgearbeitet. Auch der platonische Übergang zur Einführung der Anamnesislehre wird beleuchtet. Weiterhin wird es zur Analyse des Dialogteils auch notwendig sein, die Gesprächsstruktur und die rhetorischen Feinheiten zu untersuchen.

3.1 Gesprächseinführung und erster Definitionsversuch

Ohne lange Vorrede wird zu Beginn des Gespräches die Frage von Menon direkt an seinen Gesprächspartner gestellt, ob und wie die Tugend lehrbar ist (70 a).[2] Sokrates reagiert auf diese Einstiegsfrage mit kaum verhohlener Ironie. So preist er die Thessalier neben ihrer traditionell vorzüglichen Pferdekunst für ihre neuerliche Weisheit, die sie durch die Besuche des Sophisten Gorgias erworben haben (70 b). Friedländer (1964:257) betont die rhetorische Komponente, die auch in anderen Dialogen Platons aufgegriffen wird: „Das zuchtlose Athen erhält nun ein ironisches Gegenbild: Thessalien, - so wie Thrakien im Charmides, der Perserhof im Alkibiades ironische Gegenbilder sind“. Insbesondere das spätere Auftreten der Figur des Politikers Anytos ist in diesem Kontext bedeutend. Er gilt als Sinnbild der Höhergestellten, die aus wahrhaftiger Unwissenheit über die Tugend handeln. Dagegen kann Sokrates als einer der derjenigen Vertreter gesehen werden, die zwar über das Wissen über die Tugend verfügen, dieses aber nicht öffentlich zur Schau stellen.

So bezieht folgerichtig Sokrates in der Stellung zur Menon’schen Ausgangsfrage eine eher defensiv ausgerichtete Position. Er weiß angeblich nicht einmal, was Tugend überhaupt ist und kann daher auch nicht Menon beantworten, wie es mit der Lehrbarkeit der Tugend bestellt ist (71 a). Er unterläuft somit die eigentliche Intention seines Gesprächspartners, um die von Menon kaum wahrgenommene Schwierigkeit der Was-Frage zur Tugend kenntlich zu machen. Sokrates’ Prinzip heißt: Erst wer das Was bzw. das Wesen einer Sache erkannt hat, kann auch über das Wie bzw. die Eigenschaften formal haltbare Aussagen tätigen.[3] [4]

Auf die bescheidene Reaktion von Sokrates war Menon anscheinend nicht vorbereitet. Nach der Auslegung von Gardeya (2000:8) war er auf eine sophistisch-wissenschaftliche Diskussion ausgerichtet, wie er es aus den Gesprächen mit seinem sophistischen Lehrer Gorgias gewohnt ist. Sichtlich überrascht von Sokrates’ „Nichtwissen“ bestimmt Menon somit das Gutsein durch eine unendlich ausdehnbare Vielzahl von Einzeltugenden: Die Tugend des Mannes als politisches Geschick, die Tugend der Frau als wohlsorgende Hausfrau und weitere Beispiele mit Kindern oder Sklaven (71 e). Es ist durchaus korrekt, dass dem Begriff der Areté verschiedene Eigenheiten je nach Instanz zukommen. Dennoch kritisiert Sokrates das von Menon durchgeführte Aufzählen von Einzelfällen als nicht tauglich für eine Definition (Böhme 2000:116). Der Zweck der Sokratischen Frage besteht vielmehr in der Angabe des „Allgemeinen der Tugend“. Es geht im Kern um die Angabe des Begriffsinhaltes und nicht um die ungefähre Bestimmung des Begriffsumfanges.[5] Was muss dem Mann, der Frau und den weiteren Personen gemein sein, wenn sie tugendhaft handeln wollen? Die Instanzen benötigen also bestimmter gemeinsamer Grundlagen.

Bröcker (1990:111) vergleicht die Antwort Menons mit der Antwort auf die Frage, was ein Metall ist. Es ist durchaus nicht unüblich, dass darauf mit einer Aufzählung von Beispielen wie Gold, Silber, Kupfer oder Aluminium geantwortet wird. Jedoch ist es mit diesen – wie es Sokrates in 72 a spöttisch ausdrückt – „ganzen Schwarm“ von Instanzen nicht exakt möglich, andere Metalle zu identifizieren. Eine Metapher von Sokrates, der Bienenvergleich, spitzt dieses Problem zu (72 b). Zwar unterscheiden sich die Bienen eines Volkes in kontingent auftretenden, empirischen Merkmalen wie der Größe, Stachelzahl oder des Geschlechtes vielfältig voneinander, trotzdem gehören alle heterogenen Ausprägungen der Gattung „Biene“ an. Die Definition hat deshalb die vorrangige Aufgabe, die zufälligen Merkmalsausprägungen weitestgehend auszublenden und die Natur der Sache gründlich zu bestimmen.[6]

[...]


[1] Laut Hoerber (1960:78) wird diese Meinung durch bedeutende Platon-Interpreten wie J. S. Mill durchaus unterstützt.

[2] Dies ist laut Buchmann (1936:24) ein Merkmal, welches den Menon von den Frühdialogen abhebt: Sokrates wird vom Gesprächspartner als Wissender betrachtet und so tritt letzterer direkt mit einer Frage an ihn heran und nicht umgekehrt wie bei Ion, Hippias, Euthyphron oder Protagoras. Allerdings kippt die Situation relativ schnell in das Gegenteil um, nämlich nach der Gegenfrage zum Wesen der Tugend (71 d).

[3] Ovink (1931:60f.) kann dieser Feststellung allerdings nicht vollständig zustimmen. Für ihn gilt dieser platonische Satz hauptsächlich in der Mathematik, allerdings bestreitet er dessen Evidenz für die empirisch geprägten Naturwissenschaften. Dort kann man z.B. die Eigenschaften eines Tieres sicher beschreiben, ohne die spezifische Differenz explizit ausmachen zu können. Vielmehr nähert sich man dem Wesen der Sache immer mehr heran, kann es aber nie vollständnig erreichen.

[4] Böhme (2000:117) sieht in der Methodik Platons auch eine starke Bindung zwischen Definitions- und Ideenlehre. Eine Definition ist für Platon keine bloße Begriffsbestimmung, sondern die Erklärung einer unabhängig davon existierenden Idee.

[5] Buchmann (1936:36) weist darauf hin, „daß die Bestimmung Menons durch ihre Subjektivierung der Tugend neben ihrer logischen Verfehltheit auch eine sachlich-ethische Gefahr bedeute“.

[6] Adami (1936:476) sieht in dem Bienenbeispiel einen Hinweis auf die Differenzierung der begrifflichen Kategorien Akzidenz und Substanz.

Details

Seiten
13
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638573351
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64550
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Definitionsversuche Tugend Teil Dialogs Menon Platon

Autor

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Titel: Die Definitionsversuche zur Tugend im ersten Teil des platonischen Dialogs Menon