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Zeit heilt keine Wunden. Kriegstraumatisierung als verdrängtes Thema der Altenhilfe

Diplomarbeit 2006 81 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das psychische Trauma
2.1 Definition
2.1.1 Kollektive Traumatisierung
2.1.2 Individuelle Traumatisierung
2.2 Verlauf und Folgen
2.2.1 Langfristige Folgen von Traumatisierung
2.3 Kriegstraumatisierung

3. Eingrenzung der betroffenen Personen im Alter
3.1 Überlebende des II. Weltkrieges
3.2 Sexualisierte Gewalt gegen Frauen
3.3 Die Zweite Generation

4. Die gesellschaftliche und therapeutische Auseinandersetzung mit Kriegstraumati- sierung
4.1 Gesellschaftliche Wiedergutmachung durch Anerkennung des Leids
4.2 Individuelle Behandlung durch sozialtherapeutische Möglichkeiten
4.2.1 Sozialtherapeutische Methoden der Stabilisierung

5. Psychosoziale Arbeit mit älteren, kriegstraumatisierten Menschen
5.1 Am Ende des Lebenszyklus
5.1.1 Trauma-Reaktivierung im Alter
5.2 Durchführung und Zielsetzung sozial- therapeutischer Arbeit mit älteren Menschen
5.2.1 Die Bedeutung von Beziehung und Interaktion in der sozialen Arbeit mit alten Menschen

6. Aufgaben und Anforderungen an die Sozialarbeit im Bereich der Altenarbeit mit Kriegstraumatisierten
6.1 Ein Übertragungsversuch der Therapieansätze in die Altenarbeit am Beispiel eines Gruppenangebotes
6.2 Anforderungen an die Qualifikation der Sozialarbeiter
6.2.1 Koordination, Kooperation und Netzwerkarbeit in der Altenarbeit

7. Resümee

8. Anhang
8.1 Anhang A
8.1.1 Die Posttraumatische Belastungsstörung nach dem Diagnose- Manual DSM VI
8.1.2 Die Posttraumatische Belastungsstörung nach dem Klassifikationssystem der ICD-
8.2 Anhang B
8.2.1 Vergleich des Paragraphen § 177 StGB vor- und nach der Reform

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis
10.1 Bücher
10.2 Artikel und Zeitschriften

11. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens

und vielleicht die freundlichste Art

der Linderung dieser Qual.[1]

(Erich Fried)

Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde, Verletzung und Gewalteinwirkung in körperlicher oder psychischer Hinsicht.[2]

Ebenso wie das körperliche System, kann auch das seelische System überfordert und somit verletzt werden.

Das Sprichwort, „Zeit heilt alle Wunden“, setzt körperliche und seelische Verletzung gleich. Eine körperliche Verletzung verheilt nach einiger Zeit. Der sichtbare Heilungsprozess lässt uns annehmen, dass sich jede Wunde innerhalb eines gewissen Zeitraums schließt.

Ganz anders verhält sich dies aber bei seelischen Verletzungen. Ein sichtbarer Heilungsprozess ist nicht vorhanden und die Zeit alleine kann kaum eine seelische Wunde heilen.

Die Verletzungen seelischer Art müssen im gleichen Maße, wie die körperlichen Heilungsmechanismen, untersucht werden. Dies ist die Aufgabe der Psychotraumatologie. Sie untersucht die Verletzlichkeit von psychologischen und psychosozialen Systemen.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Verletzungen seelischer Art, welche durch menschliche Gewalt hervorgerufen werden (man-made-disaster). Das Trauma als Folge von menschlicher Gewalt findet im Krieg seine massivste Form. Folglich lässt sich Kriegstraumatisierung als extreme Form von psychischer Traumatisierung charakterisieren.

Das Konzept der „traumatischen Kriegsneurose“ wurde im 19. Jahrhundert entwickelt und durch die Ereignisse des I. Weltkrieges weiterverfolgt.[3]

Auch nach dem II. Weltkrieg wuchs das wissenschaftliche Interesse für die psychosozialen Folgen eines Krieges kurzzeitig, verlor sich in den Nachkriegsjahren jedoch wieder.

Der Vietnamkrieg 1968 stellt ein historisches Ereignis für die
Kriegstraumaforschung dar. Die psychischen Auffälligkeiten der Kriegsveteranen weckten das Interesse der Forschung sowie der Öffentlichkeit und forderten ein detailliertes Wissen über den Zusammenhang von traumatischen Erlebnissen und deren Verarbeitung.

In der Auseinandersetzung mit Kriegstraumatisierung in Deutschland, stößt man zwangsläufig auf das Arbeitsfeld der Altenarbeit. Die Überlebenden des II. Weltkrieges der ersten, sowie zweiten Generation, sind heute weit über 60 Jahre alt und somit in den Einrichtungen und Hilfesystemen der Altenarbeit anzutreffen. In Hinblick auf die hohe Präsenz dieser alten Menschen im deutschen Hilfesystem der Altenarbeit, findet sich in der Fachliteratur nur wenig zu diesem Thema. Dies lässt mich zu der Annahme kommen, dass Kriegstraumatisierung über lange Zeit ein verdrängtes Thema in der Altenhilfe darstellte und noch immer darstellt.

Das Thema weist eine hohe Komplexität auf, da Erkenntnisse aus der Psychotraumatologie, der Gerontologie und der Altenarbeit im Allgemeinen verknüpft werden müssen. Mit dieser Schwierigkeit versucht sich die vorliegende Arbeit auseinander zu setzten.

Es soll versucht werden eine Antwort zu finden auf die Fragen, welche Elemente und Erkenntnisse der Psychotraumatologie für die Altenarbeit relevant sind, welche Therapieformen in die Altenarbeit übernommen werden können und was dies für die Sozialarbeit bedeuten mag.

Dabei kann der vorliegende Text nicht auf weitere geriatrische Erkrankungen eingehen, da das den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen der Arbeit stützen sich auf Literaturrecherche und nicht-repräsentative Interviews.

Die Arbeit gliedert sich in sieben Kapitel, die jeweils einen Themenschwerpunkt behandeln. Dabei versucht der Text, sich den zuvor genannten Fragen anzunähern, indem er vom Allgemeinen zum Spezifischen verläuft. Zu Beginn wird das psychische Trauma im Allgemeinen besprochen, um dann im Verlaufe des Kapitels auf das spezifische Kriegstrauma hinzuführen.

Die Eingrenzung der unterschiedlichen Personengruppen scheint in Bezug auf die Komplexität des Themas sinnvoll zu sein.

Zunächst wird auf die Folgen, Therapieformen und die psychosozialen Schwierigkeiten Kriegstraumatisierter eingegangen. Anschließend wird die spezifische Situation des Alters untersucht, um dann in einem weiteren Schritt Erkenntnisse beider Bereiche zu verknüpfen.

Theorien und Therapieformen werden beispielhaft aus einer Fülle von möglichen Antworten genannt. Dabei wird versucht, die für die Sozialarbeit relevanten Aspekte herauszuarbeiten.

Seit dem Balkankonflikt in den 90’er Jahren ist das Thema der Kriegstraumatisierung in Europa erschreckend aktuell geworden. Gerade in Deutschland wurde durch den Bosnienkrieg eine Auseinandersetzung mit den Folgen traumatischer Kriegserlebnisse durch die bosnischen Flüchtlinge unvermeidbar.

Auch der Krieg im Irak im Jahr 2003 richtete abermals die Aufmerksamkeit der Forschung auf die psychosozialen Folgen eines Krieges.

Fundamentale Bedeutung und Aktualität erlangte das Thema in Deutschland durch den 60. Jahrestag des Endes des II. Weltkrieges im Jahre 2005.

Erschreckender Weise wurde festgestellt, dass die psychischen Folgen der NS- Zeit noch immer ein verdrängtes Thema in der deutschen Gesellschaft darstellen. Die Altenhilfe und Altenpflege scheint sich hilflos gegenüber den psychosozialen Folgen des Krieges zu fühlen. Paradoxer Weise ist jedoch eine hohe Anzahl der Klienten in der Altenarbeit in irgendeiner Weise durch traumatische Kriegserlebnisse beeinträchtigt.

Durch mein Projektstudium im Bereich der Altenarbeit wurde ich auf die mangelnde Informationslage über Kriegstraumatisierung in der Altenarbeit aufmerksam.

Die folgende Arbeit bezieht sich vorwiegend auf die Opfergruppe eines Krieges. Die Tätergruppe wird jedoch als Vergleichsgruppe hinzugezogen und mitbesprochen.

Die Bezeichnung und Einteilung von Opfern und Tätern eines Krieges ist problematisch, da jeder Täter auch Opfer ist und jedes Opfer zum Täter werden kann. Der Klarheit halber werden diese Bezeichnungen im Text jedoch verwendet.

Zur Vereinfachung wird jeweils die männliche Form von Berufs- und Klientenbezeichnugen verwendet. Damit sind in gleichem Maße, wenn nicht sogar besonders, die Frauen gemeint, da die Sozialarbeit leider noch immer eine fast weibliche Profession darstellt.

Einen kleinen Teil der großen Anzahl an kriegstraumatisierten, alten Menschen bilden in Deutschland die NS-Verfolgten. Sie haben ihre eigenen, ganz besonders grausamen Erinnerungen an den Krieg und lassen sich nicht mit den Kriegstraumatisierten im weiteren Sinne vergleichen, da der Holocaust innerhalb der von Menschen verursachten Katastrophen eine Sonderstellung einnimmt.

Einerseits erscheint der Holocaust als Paradebeispiel massenhafter Traumatisierung, andererseits als denkbar ungeeignet, in Anbetracht der unübertrefflichen Grausamkeit.[4]

Ich möchte hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich den Holocaust nicht als vergleichendes Beispiel zu anderen Kriegen heranziehe. Die Auseinandersetzung mit den Schicksalen der NS-Verfolgten würde eine eigene Arbeit, in dem Umfang der vorliegenden Arbeit, nötig machen.

2. Das psychische Trauma

Wer Furchtbares erlebt hat, einmalig oder über längere Zeit immer wieder, leidet unter bestimmten psychischen Schäden.

Der Traumabegriff hat eine lange Geschichte und das Trauma war immer wieder Tabuthema in der Forschung. Die Verwundbarkeit der Seele und die Fähigkeit des Menschen zum Bösen wurden nur zaghaft erforscht.

Vor allem Freud und Janet begannen in den 90er Jahren des vorletzten Jahrhunderts mit der Forschung über die Hysterie. Sie untersuchten Frauen, die sexuell missbraucht wurden und drangen damit weit in das weibliche (Er-) Leben vor. Die damalige Gesellschaft wollte von den Abgründen des sexuellen Missbrauches nichts wissen und die Aufmerksamkeit, die Frauen damit erlangten, passte so gar nicht in das damalige Bild der Frau. Von der Gleichstellung der Frau war man noch weit entfernt. So verwarf Freud seine eigene Theorie.

Erst mit den Schrecken des I. Weltkrieges richtete sich das Interesse wieder auf die Traumaforschung. Es wurde bei hunderten von Soldaten, die so genannte „Kriegsneurose“ diagnostiziert. Die Soldaten brachen unter Weinen und Schreien zusammen, manche erstarrten oder fingen an zu zittern.

Tatsächliches und lang anhaltendes Forschungsinteresse an diesem Thema entstand erst unter politischem Druck der Kriegsveteranen nach dem Vietnamkrieg. 1980 wurde das psychische Trauma als Diagnose in das offizielle Handbuch der „American Psychiatric Association“ als „Posttraumatic Stress Disorder“ aufgenommen (s. Anhang A). In der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist das psychische Trauma unter der Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ zu finden (s. Anhang A).

Die Komplexität dieses Themas soll im folgenden Kapitel, vom allgemeinen Trauma zum spezifischen Kriegstrauma, ausgearbeitet werden.

2.1 Definition

Ein Trauma entsteht dann, wenn sich ein Mensch in einer Situation überwältigt und hilflos fühlt. Ein psychisches Trauma ist begleitet von Gefühlen intensiver Angst, Kontrollverlust und drohender Vernichtung.[5]

Das Trauma an sich ist kein äußerlicher Vorgang, sondern subjektiv betrachtet „[...] ein unerträgliches Erlebnis, dass die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten überschreitet. [6]

Das Trauma stellt die Relation von Ereignis und erlebendem Subjekt, die Beziehung von Subjekt und Objekt (Umwelt) dar. Das Subjekt befindet sich in einer „traumatischen Situation“, die durch das Zusammenspiel von traumatischen Umweltbedingungen und seiner Bedeutungszuschreibung entsteht.[7] Die traumatische Situation wird objektiv nach einer bestimmten Zeit beendet sein. Für das erlebende Individuum gibt es diese Zeitgrenze nicht. Für das Individuum wird die traumatische Situation erst ein Ende haben, wenn es das Erlebte verarbeitet hat.

Jedes Individuum verfügt über eine Vielfalt von Strategien und Schemata um mit Stress umzugehen, das so genannte Coping-Verhalten. Befindet sich nun ein Individuum in einer biologisch, psychisch und/oder sozial bedeutsamen Situation und findet keine ihm zugängliche Lösung, gerät es unter Druck und somit in Stress.

In biologischen Stresssituationen setzten beim Menschen automatisch Kampf- und/oder Fluchttendenzen ein, um die äußere Situation zu bewältigen.

Ungenügende Bewältigungs- und Anpassungsbemühungen können zu Abwehrmechanismen führen. Unser psychisches System passt sich nun der Situation an, indem es unangenehme und bedrohliche Bedingungen der Umwelt ausblendet. Somit versucht es der Informationsüberflutung und dem übersteigerten Anpassungsdruck entgegenzuwirken. Kommt es zu einer extrem bedrohlichen Situation, in der Bewältigungs-, Anpassungs- und Abwehrmechanismen versagen und das Individuum keine Kontrolle über sein biologisches und psychisches Empfinden gewinnen kann, befindet es sich in einer potenziell traumatischen Situation. Die Diskrepanz zwischen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten ist unüberwindbar. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse kann das psychische Trauma nach Fischer wie folgt definiert werden:

„[...] vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“[8]

Die erlebte Hilflosigkeit entsteht durch die Unfähigkeit des Individuums, für das Gefühl der Sicherheit und integrativer Vollständigkeit zu sorgen.[9] Die Zerstörung des Urvertrauens, welches uns von frühster Kindheit an Geborgenheit und den Glauben an die Kontinuität des Lebens vermittelt sowie die Basis unserer Beziehungs- und Wertesysteme ist, führt zur „[…] dauerhaften Erschütterung des Selbst- und Werteverständnisses“.[10]

Ist in einer solchen traumatischen Situation, die Erlebnis- und Wahrnehmungsverarbeitung außer Kontrolle geraten oder strukturell verändert, so kann es zu einer körperlichen Reaktion in Form von Erstarrung oder Lähmung kommen. Im Bereich der Wahrnehmung kann es zu Depersonalisierung oder Derealisierung kommen. Dies sind Selbstschutzmechanismen, die das personale Erlebniszentrum vom Selbst trennen, damit die bedrohliche Situation von „Außen“ betrachtet werden kann. Diese Form der Wahrnehmungsdistanzierung kommt oft in Folter-Situationen vor, in denen Flucht oder Kampf ausgeschlossen sind.

Die aus einer traumatischen Situation erfolgende Reaktion des Individuums kann als Trauma-Prozess aufgefasst werden. Gemeint ist kein ausschließlich zeitlicher Prozess, sondern ein Ineinandergreifen von Situation, Reaktion und Verlauf.

2.1.1 Kollektive Traumatisierung

Spricht man von kollektiver Traumatisierung, so sind damit traumatische Ereignisse gemeint, die vielen Menschen widerfahren sind. Die Einzelschicksale werden in eine gemeinsam erlebte Geschichte eingebettet, die einen spezifisch historischen, wirtschaftlichen und politischen Hintergrund hat. Die kollektive Traumatisierung bildet so ein Kollektiv der Opfer. Oftmals fühlen sich diese Gruppen von Menschen innerlich verbunden. Die Übertragung ihrer individuellen Trauma-Reaktion auf die Gruppe führt zu einer kollektiven Stimmung. So kann in der Gruppe der Opfer (Bsp. vergewaltigte Frauen) eine kollektive Stimmung der Scham herrschen oder in der Gruppe der Täter beispielsweise eine kollektive Stimmung der Schuld. Diese Stimmung hat wiederum Auswirkungen auf das kollektive Verhalten der Gruppe. So kann das Gefühl der Schuld zu kollektivem Schweigen über die Taten führen.

Häufig wird von kollektiver Traumatisierung gesprochen, wenn es sich um epochale Traumatisierung wie Krieg oder Hungersnöte handelt. Dabei muss beachtet werden, dass die unterschiedlichen Einzelschicksale nicht an Bedeutung verlieren und Gruppen wie „Zuschauer“ und „Mitläufer“ nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Oft leben Täter und Opfer in derselben Gesellschaft weiter, sind also durch ähnliche Traumatisierung geprägt. In diesem Fall müssen die unterschiedlichen Standpunkte- und das unterschiedliche Erleben differenziert werden.[11]

2.1.2 Individuelle Traumatisierung

Die individuelle Traumatisierung wurde im Wesentlichen unter 2.1
beschrieben. In Abgrenzung zu der kollektiven Traumatisierung meint sie das ganz individuelle Erleben und Verarbeiten der konkreten Tat und die sich daraus ergebenden Spuren, die im betroffenen Subjekt zurück bleiben. Bedeutsam ist hierbei der körperliche, entwicklungspsychologische und geistige Zustand des Individuums zur Zeit der traumatischen Situation. Wie das Individuum diese traumatische Situation verarbeitet, hängt von seinen persönlichen Ressourcen und seiner vorhandenen, oder nicht vorhandenen, Resilienz ab. Die Resilienz beschreibt ein Phänomen, welches „Biegsamkeit“ genannt werden kann. Manche Menschen zerbrechen nicht an traumatischen Erlebnissen. Sie besitzen Schutzfaktoren, welche negative Auswirkungen abmildern.

In der Forschung hat man herausgefunden, dass resiliente Menschen häufig über ein ruhiges Temperament verfügen und sich aktiv mit Problemen auseinandersetzten. Auch äußere Umstände, wie eine stabile Beziehung, tragen zur Resilienz bei.

Die beschriebene „Biegsamkeit“ bedeutet jedoch keine Unverwunbarkeit, sondern, dass Herausforderungen besser bewältigt werden können.[12]

2.2 Verlauf und Folgen

Wie bereits in der Definition angedeutet, entsteht aus einer traumatischen Situation, der folgenden Reaktion und dem daraus resultierenden traumatischen Prozess, ein Verlaufsmodell der psychischen Traumatisierung.[13]

Nachdem das Subjekt die traumatische Situation erlebt hat, geht es darum, Erlebnisinhalte und die Form des Traumas aufzuarbeiten. Die Phase der Aufarbeitung eines Traumas ist häufig durch den Wechsel von Panikzuständen und Verleugnungsverhalten geprägt. Das Individuum versucht die traumatische Erfahrung abzuschließen und in seine lebensgeschichtliche Erfahrung zu integrieren, um Reizüberflutung und eventuelle Retraumatisierung zu
vermeiden. Kann dieser Reaktionszyklus nicht erfolgreich abgeschlossen werden, kommt es zum traumatischen Prozess.[14]

So unterschiedlich wie die traumatischen Situationen, so unterschiedlich können auch die Folgen für das Subjekt sein.

Das „Posttraumatische Stress-Syndrom“ (Post-traumatic-Stress-Disorder, PTSD) aus dem Diagnostischen Statistischen Handbuch der Nordamerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft, versucht die unterschiedlichen Symptome und Syndrome einer Traumatisierung zu definieren.[15]

Die zahlreichen Symptome der „Posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS) lassen sich in 3 Hauptkategorien einteilen:

1. Übererregung

Der Traumatisierte befindet sich in ständigem Alarmzustand, da das Nervensystem durch die traumatische Situation beschädigt und chronisch gereizt ist. Dies drückt sich in erhöhter Reizbarkeit, Wutausbrüchen, Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Zittern aus.

2. Intrusion (ungewollte sich aufdrängende Erinnerung an die traumatische Situation)

Das traumatische Erlebnis wird in Form von intensiven Gefühlen und Bildern wieder erlebt. Durch bestimmte Reize, wie Gerüche und Geräusche oder beispielsweise eine Uniform, werden diese „Flashbacks“ (intensive Erinnerungen) ausgelöst.

3. Konstriktion (Vermeidung von Situationen)

Um das Wiedererleben einer traumatischen Situation zu vermeiden, werden bestimmte Situationen oder Orte, die mit Erinnerungen verknüpft sind, vermieden.[16]

Die massive Beschädigung der Gefühlswelt der Betroffenen führt zu weiteren Symptomen wie, Grübeln über das Trauma, Interesselosigkeit, sozialem Rückzug und Isolation. Alle diese Symptome haben Auswirkungen auf die soziale Interaktion. Es entsteht ein Teufelskreis aus Entfremdungsgefühlen, Rückzug, Abbrechen der Kontakte und Vereinsamung. Diese wiederum verstärken das Nachdenken über die Vergangenheit.

Neben der PTBS treten bei Traumatisierten häufig auch weitere psychische und psychosomatische Beschwerden auf: Angststörungen, Depressionen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, chronische Schmerzen sowie Herz-Kreislauf-Störungen.[17]

2.2.1 Langfristige Folgen von Traumatisierung

Für die Langzeitfolgen einer Traumatisierung ist die Länge, die der Mensch der Traumatisierung (Gefangenschaft, Folter, Verfolgung) ausgesetzt war, signifikant. Langzeitschäden wurden deshalb häufiger bei chronischer Traumatisierung beobachtet. Die Erfahrungen der traumatischen Situation können im Lebenslauf nicht aufgearbeitet werden und die Symptome der PTBS verstärken sich. In Folge dessen erreicht das Subjekt kaum noch den Zustand von Ruhe und Entspannung und vor allem somatische Beschwerden (Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Rücken- und Bauchschmerzen) sind die Folgen.

Neben allen anderen Symptomen der PTBS, gehören besonders die intrusiven Symptome zu den Spätfolgen eines Traumas.[18]

Chronische Traumatisierung zerstört vor allem die Beziehungsfähigkeit. Das Vertrauen in andere Personen wurde durch die traumatische Situation grundlegend gestört. Traumatisierte sind deshalb häufig Personen, die ihr Gegenüber „austesten“.[19]

Um die Opferrolle verlassen zu können, kann es passieren, dass Traumatisierte, andere zu Opfern machen, indem sie Gewaltakte verüben.[20]

Nach langer Gefangenschaft wurden hauptsächlich Phänomene wie existentielle Angst, Depressionen und ein regressives Verhalten zur äußeren Welt beobachtet.

2.3 Kriegstraumatisierung

Das Trauma Krieg besitzt einen Prozesscharakter, da es sich um eine Traumatisierung über längeren Zeitraum handelt. Der Krieg, als traumatische Situation, setzt sich aus unterschiedlichen Gegebenheiten zusammen. Direkte Auswirkungen wie Verfolgung, Vertreibung, Gefangenschaft, Fronterfahrungen und Folter und/oder indirekte Belastungen, wie Armut, Zerstörung der Familienstrukturen und ein möglicher Wertewandel in der Gesellschaft. Jedes Individuum erlebt in den einzelnen Phasen unterschiedliche traumatische Situationen. So haben alle, makrosoziologisch gesehen, das gleiche Schicksal; mikrosoziologisch gesehen aber sehr unterschiedliche Erlebnisse.

Alle gemeinsam leiden sie aber unter den Strapazen eines Krieges: Hunger, Todesangst, unsichere Zukunft und körperlichen Höchstbelastungen. Die Erfahrung eines Krieges stellt einen gewaltigen Einbruch in die Lebensführung der Täter oder Opfer dar.

Nach William G. Niederland kommt es zu einer Überflutung des Ich-Gefüges durch die Atmosphäre von ständiger Bedrohung, schutzlosem Dasein, leiblichen und seelischen Zermürbungen, sowie der gefühlten Rechtlosigkeit.[21]
Eine Traumatisierung durch Krieg geht nach dem Ende des Krieges in den meisten Fällen weiter. Soziale Netze und Beziehungen sind nicht mehr vorhanden und durch die Dauer des Krieges kann es zu einer Entfremdung von der Familie kommen. Das Knüpfen von neuen Beziehungen ist häufig nur möglich, wenn die Traumatisierung, sprich die Symptome der PTBS, nicht zu stark sind.[22]

Vor allem Kriegsveteranen kämpfen gegen massive Schuldgefühle an, da sie aktiv an der Vernichtung menschlichen Lebens beteiligt waren. Oft geschah dies unter Zwang und gegen die eigenen Prinzipien und Überzeugungen. Die Vernichtung ergibt für das einzelne Individuum häufig keinen Sinn und verletzt den in der Kindheit ausgebildeten Sinn für Recht, Gerechtigkeit und Fairness. Die ursprüngliche Weltanschauung der Täter ist zerstört. Das Selbstbild des Individuums ist gebrochen und Gefühle von Scham und Selbstverachtung kommen auf. Das Subjekt versucht in der Nachkriegszeit seine frühere Identität wieder herzustellen, was durch das zerstörte und verletzte Körperbild nur schwer gelingen kann.[23]

Weitaus tiefgreifendere Traumatisierungen erfahren Überlebende von Lagern, wie beispielsweise der Konzentrationslager im II. Weltkrieg und Überlebende von Gefangenschaft.

Bei Überlebenden von Konzentrationslagern im Dritten Reich wurde eine einheitliche Systemkonstellation festgestellt. Dieses Syndrom definierte 1980 William G. Niederland als Überlebenden-Syndrom (surviver-syndrom).[24]

Auf Grund der wichtigen – und in der Literatur oft nicht deutlich vorgenommenen Unterscheidung von Kriegstraumatisierung und Traumatisierung durch nationalsozialistische Verfolgung, wird in diesem Text nicht weiter auf das Überlebenden-Syndrom eingegangen, da sich die Arbeit auf die Kriegstraumatisierten konzentrieren will.

3. Eingrenzung der betroffenen Personen im Alter

Die Gruppe der Betroffenen setzt sich aus unterschiedlichsten Personen zusammen. Der Fokus soll hier auf die Überlebenden des II. Weltkrieges gerichtet werden.

Hier handelt es sich um die Soldaten und Männer, die Frauen und Kinder, die Täter und die Opfer. Ein jeder in seinem Alter, seiner Nationalität und Sozialisation. Sie kamen aus unterschiedlichen sozialen Milieus und erlebten die Ereignisse des Krieges auf ihre ganz persönliche, individuelle Weise.

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung von kollektivem und individuellem Trauma wichtig.

Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren während der Zeit des Krieges unsagbarem Stress ausgeliefert und hatten das gemeinsame Ziel zu überleben. Vor allem die Kriegserlebnisse der Frauen waren sehr spezifisch und werden daher in einem gesonderten Unterpunkt behandelt.

Die damalige Großelterngeneration ist heute schon verstorben und deren Kinder, die damalige Erwachsenengeneration, sind heute die Ältesten unserer Gesellschaft. Die schrecklichen Kriegserlebnisse wurden oft unverarbeitet und mit ihrer zerstörerischen Wirkung an die Kinder- und Kindeskinder weitergegeben. Die so genannte „ Zweite Generation“ entstand.

3.1 Überlebende des II. Weltkrieges

Die Überlebenden des II. Weltkrieges lassen sich ganz grob in die Verfolgten und in die Aktiven am Geschehen des Krieges, einteilen.

In der Anfangsphase des Krieges wurden die Menschen vor allem aus ihrem sozialen und familiären Milieu herausgerissen. Die Soldaten mussten an die Front, die Daheimgebliebenen mussten sich von Freunden trennen und wurden ghettoisiert. Sie sind von Trennungsangst und der Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Existenz schwer getroffen worden.

Während des Krieges ging es vor allem um Lebenserhaltung. In der Nachkriegszeit wurde der Blick nach vorne gerichtet. Es kam zu überstürzten Hochzeiten und es wurden Kinder geboren, die als Beweis neuen Lebens nach der ständigen Konfrontation mit dem Tod gelten sollten. Die Kinder galten womöglich als Ersatz Verlorener und stellten die Verbindung zwischen dem Leben vor dem Krieg und der Gegenwart dar.

Die Tätergruppe stürzte sich ins Leben, um Erlebtes und Gesehenes zu vergessen. Die Opfer versuchten ihre demütigenden Erfahrungen zu verdrängen und zu verleugnen.[25]

Auch wenn die Tätergruppe nach Kampferlebnissen, körperlicher Überanstrengung, Hunger und Kälte wieder in ihre einstige Umgebung zurückkehren konnte, fanden sie doch kaum noch soziale Netze und Beziehungen vor.

Die Opfergruppe hatte häufig keinen Anhaltspunkt mehr aus ihrem früheren Leben. Viele waren zu alt um Lebensideale, Lebensziele und Lebensfreude wieder zu gewinnen und ein neues Weltbild konnte nicht aufgebaut werden.[26]

Trotzdem wäre es falsch zu sagen, alle Überlebenden seien schwerst- traumatisiert. Es gab durchaus positive und protektive Einflüsse, wie stabile Mutter-Kind-Beziehungen, Großfamilien und aktive Bewältigungsmechanismen.[27]

3.2 Sexualisierte Gewalt gegen Frauen

Während eines Krieges kommt es häufig zu personaler Gewalt. Hiermit ist ein direkter Angriff mit körperlicher Gewalt, wie Vergewaltigung und körperliche Misshandlung, gemeint. In Abgrenzung zu struktureller Gewalt, wie der ideologisierten Minderwertigkeit, Verachtung und dem Objektverständnis gegenüber der Frau, wird sich der folgende Text vor allem auf die personale Gewalt beziehen.

Bei der Ausübung der personalen Gewalt in Form der Vergewaltigung geht es dem Täter meist nicht um die Befriedigung seiner Sexualität, sondern um Macht und Gewalt über das Opfer. Die Vergewaltigung einer Frau, „[…] ist nicht mehr und nicht weniger als eine Methode bewusster systematischer Einschüchterung durch die alle Männer alle Frauen in permanenter Angst halten.[28]

Eine Vergewaltigung hinterlässt physische wie auch psychische Verletzungen. Neben Folgen wie Geschlechtskrankheiten und genitalen Verletzungen wird einer Frau vor allem ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung genommen.

In Kriegszeiten kam und kommt es immer und überall auf der Welt zu Vergewaltigungen als Vergeltungsakt gegen den Feind.[29]

In der Endphase und nach dem II. Weltkrieg kam es in Deutschland durch die alliierten Siegermächte zu Massenvergewaltigungen. Oft in der Öffentlichkeit und über Stunden hinweg erlebten die Frauen unter Todesangst einen Angriff auf ihren Körper, ihre Seele und nicht zuletzt auf ihr Leben.

Die Scham der Frauen war groß, sie sahen sich und ihre Ehe als beschmutzt an, was das maßgebliche Ziel der Täter war. Aus Angst ihr Mann könnte sie verlassen, schwiegen viele und stürzten sich in ihre Aufgaben als Mutter, Ehefrau und im Haushalt. Für Trauer blieb kein Raum.

Die Gründe für die Vergewaltigung suchten viele Frauen bei sich. Die gängige Meinung, ein Mann könne gegen seine Triebe nichts tun und das weibliche Geschlecht fordere die Ausübung des Geschlechtsaktes schon durch bloße Anwesenheit heraus, untermauerten die Schuldvorwürfe der Frauen an sich selbst. Durch die Unterdrückung von Wut und Aggression und der Anklage gegen die Täter, erkrankten viele Frauen.[30]

[...]


[1] E. Fried, zit. n. H. Ruhe, 2003, o. S.

[2] vgl. Meyers (Hrsg.), 1998, Band 22, S. 111

[3] vgl. D. Fischer, P. Riedesser, 1998, S. 28

[4] vgl. A. Kühner, in „ Berghof Report“ Nr. 9, 2002, S. 107 f

[5] vgl. J. L. Herman, 1993, S. 53

[6] zit n. G. Fischer, 1998, S. 58

[7] vgl. G Fischer, 1998, S. 59

[8] zit. n. G. Fischer, 1998, S. 79

[9] vgl. H. Radebold, in „Psychotherapie im Alter“, 2004, S. 5

[10] zit. n. J. L. Herman, 1993, S. 78

[11] vgl. A. Kühner, in „ Berghof Report“ Nr. 9, 2002, S. 12 ff

[12] vgl. U. Nuber, in „Psychologie heute“, 2005/09, S. 20 ff

[13] vgl. G. Fischer, 1998, S. 115

[14] vgl. G. Fischer, 1998, S. 117

[15] G. Fischer, 1998, S. 42

[16] vgl. H. Ünal in IMK e.V und Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V (Hrsg.), 2003,

S. 58

[17] vgl. ebd. S. 60

[18] vgl. J. L. Herman, 1993, S. 142 ff

[19] vgl. A. Kühner,in „ Berghof Report“ Nr. 9, 2002, S. 39

[20] vgl. G. Fischer, 1998, S. 153

[21] vgl. W. G. Niederland, 1980, S. 10

[22] vgl. J. L. Herman, 1993, S. 93 ff

[23] vgl. Ebd. S. 81 ff

[24] W. G. Niederland, 1980, o. S.

[25] vgl. H. Herzka, 1989, S. 23 ff

[26] vgl. D. Sedlaczek, 1996, S. 39 ff

[27] vgl. H. Radebold (Hrsg), 2004, S. 6

[28] zit. n. S. Brownmiller, 1980, S. 22

[29] vgl. M. Böhmer, 2000, S. 43

[30] M. Böhmer, 2000, S. 40

Details

Seiten
81
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638573306
ISBN (Buch)
9783638718394
Dateigröße
711 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64543
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,0
Schlagworte
Zeit Wunden Kriegstraumatisierung Thema Altenhilfe

Autor

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