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Surrealistische Methoden. André Bretons "écriture automatique" und Max Ernsts "Frottage"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 23 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Surrealismus als Methode

2 André Bretons écriture automatique

3 Die Frottage

4 Warum die Methoden nicht äquivalent sind

5 Bibliographie

Quellen

Forschungsliteratur

1 Der Surrealismus als Methode

In den Welttrümmern des Surrealismus kommt

nicht das An sich des Unbewußten zutage.[1]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehren sich die „Ismen“ in der europäischen Kulturlandschaft. Vielfältigste Avantgardebewegungen in Kunst und Literatur entstehen innerhalb kürzester Zeit und bestehen teilweise auch nur kurze Zeit. Die einzelnen künstlerischen Konzeptionen sind deswegen auch nur chronologisch, wenn nicht sogar in Korrelation zu verstehen und zu analysieren. Eine Bewegung hebt sich jedoch nicht nur durch ihr langes Bestehen von den anderen ab: Der Surrealismus, der die zivilisatorische Grenzerfahrung des zweiten Weltkriegs überdauert, zeichnet sich ebenso durch eine ihm eigene Qualität ab, welche im intendierten Sinn den Bereich der Kunst verlässt und in den Bereich des Lebens eintritt. Auch wenn der eng verwandte Dadaismus äußerst politisch und seinem Selbstverständnis nach gegen die traditionelle Kunst und gegen die herrschende politische Ideologie gerichtet war, so vermochte erst die surrealistische Bewegung eine Theorie zu etablieren, deren Potenzial zur praktischen Umsetzung weitaus größer war als die dadaistischen Konzepte.

Deswegen konnte sich die surrealistische Bewegung um Breton auch viel stärker aus sich selbst heraus politisieren, ohne sich dabei zwangsläufig einer determinierten politischen Ideologie unterordnen zu müssen[2]. Selbstverständlich wurde die Theorie niemals im angestrebten Ausmaß auf die Lebenswelt ausgeweitet, doch zeigt sich gerade in der Tendenz zur Ausweitung der ästhetischen Prinzipien der Unterschied zu anderen Kunstrichtungen:

Er [der Surrealismus, F. D.] ist kein Stil im traditionellen Sinne der Kunstgeschichte, kein Versuch, einen derart beschaffenen Stil zu begründen in der Art von Jugendstil, Kubismus oder dergleichen, sondern ein Versuch, die in derartigen Programmen enthaltenen ästhetischen Voraussetzungen zu überwinden. Surrealismus ist kein Stil, sondern mehr als das, eine Methode.[3]

Die mannigfaltigen Ausprägungen surrealistischer Artefakte von André Breton bis Peter Weiß, von Max Ernst bis René Magritte zeugen davon, dass eine streng verfolgte Stildoktrin nicht existiert und dass es viele Spielarten des Surrealismus gibt. Auch André Breton konnte durch seine autoritäre Manier die Auswüchse der Bewegung nicht unterbinden. Dennoch lassen sich die heterogenen Werke meistens zweifellos unter den Begriff Surrealismus subsumieren. Die Zuordnung erfolgt einerseits durch den semantischen Gehalt der Werke und andererseits durch die produktionsästhetischen Verfahren, die in die Werke eingeschrieben sind. Letztere werden im Folgenden genauer analysiert werden, da eben jene Verfahren nicht nur politische Implikationen nach sich ziehen, sondern auch zur Bestimmung des Surrealismus von enormer Bedeutung sind. Die Gleichsetzung des Begriffes „Surrealismus“ mit einem psychischen Automatismus, nachzulesen im ersten Manifest[4] von Breton, findet ihren Niederschlag in den Verfahren, mit denen Texte bzw. Bilder hergestellt werden. Breton selbst konzeptualisierte die écriture automatique, wohingegen Max Ernst für den Bereich der Kunst die Frottage entwickelte.

Beide Verfahren stehen in enger Beziehung zueinander, sowohl ideologisch als auch produktionsästhetisch. Dennoch bleibt ein unbezweifelbarer, kategorialer Unterschied dazwischen: Beide Verfahren können nicht die Medialität der aus ihnen resultierenden Werke verleugnen. An diese Feststellung schließt sich die Frage an: Was sind die spezifischen Bedingungen und Charakteristika der automatischen Schreibweise und der Frottage, und welche Konsequenzen ergeben sich aus der medialen Differenz für die Realisierung von Kunstwerken einerseits und für die Rezeption derselben andererseits? Eine solche Annäherung an den Surrealismus über die künstlerischen Verfahren vermag daher einen aufschlussreichen Einblick in die Werke der Bewegung zu leisten, „denn so definierbar die Ausgangspositionen auch sein mögen, die Resultate sind es per definitionem nicht; das folgt aus den Spielregeln.“[5] Um jedoch über die rein subjektive Lesbarkeit der Werke hinauszugelangen, erhellt sich die Bedeutung der surrealistischen Bewegung erst in Anbetracht der für ihn spezifischen Produktionsmodi, welche exemplarisch durch Bretons écriture automatique und Max Ernsts Frottage vorgestellt werden sollen, um anschließend die Gemeinsamkeiten und Differenzen herauszuarbeiten und zu einer kritischen Bewertung beider Verfahren zu gelangen.

2 André Bretons écriture automatique

Auf dem Höhepunkt der dadaistischen Bewegung und noch bevor das erste Manifest die Prinzipien des Surrealismus darlegt, entsteht im Jahr 1919 ein Text, der die automatische Schreibweise literaturgeschichtlich einführt. „Les champs magnétiques“ stellen den ersten Moment im fließenden Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus dar, dem nachträglich sein surrealistischer Gehalt zugeschrieben wurde[6]. Das kollektive Werk von André Breton und Philippe Soupault wendet sich gegen die äußerst formorientierten, auf Negation und Provokation ausgerichteten dadaistischen Texte, weil es sich allein durch sein experimentelles Herstellungsverfahren wesentlich vom Dadaismus abgrenzt und damit auch Bretons kritische Auseinandersetzung mit demselben einleitet. Breton erkennt früh das begrenzte Potenzial und die Redundanz der dadaistischen Aktionen. Demgegenüber versucht er eine neue Quelle der literarischen Produktion zu erschließen, um mit Hilfe derer die materialistischen bzw. realistischen Methoden der Wahrheitssuche abzulösen. Als Quelle dient die Psyche des Menschen, die durch die intendierte Anwendung von psychischen Automatismen die Bilder einer inneren Realität ans Licht befördern soll.

Die Jahre zwischen den „champs magnétiques“ und dem ersten surrealistischen Manifest 1924 sind geprägt vom Experimentieren mit psychischen Automatismen und der automatischen Schreibweise in verschiedenen psychischen Zuständen, zum Beispiel unter Hypnose, mit zweifelhaftem Erfolg. Die Aufwertung der psychischen Automatismen zur literarischen Produktion spielt nicht nur für die écriture automatique eine gewichtige Rolle, sondern auch für den Surrealismus als solchen:

Die Bedeutung, die Breton der écriture automatique zuspricht, geht nicht allein aus dem Umfang der Ausführungen hervor, die er ihr im ersten Manifest widmet, sondern vor allem aus der Tatsache, daß er Surrealismus und Automatismus gleichsetzt.[7]

Der lexikalischen Definition des Surrealismus im ersten Manifest[8] gehen nicht nur die bereits erwähnten Schreibexperimente voraus, sondern ebenso eine wissenschaftliche Revolution: Die Entwicklung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud bildet die geistige Grundlage für die surrealistische Methode. Die Untersuchung der menschlichen Psyche anhand von Träumen und deren bildhaften Inhalten schlägt sich in der theoretischen Konzeption der automatischen Schreibweise auf sonderbare Art und Weise nieder. Die Ablehnung einer materialistischen, realistischen sowie rationalen Denkstruktur, die schon dem Dadaismus innewohnt, setzt sich im ersten Manifest fort, indem Breton in Anlehnung an Freud postuliert, dass „die Imagination [ ] vielleicht im Begriff [ist], wieder in ihre alten Rechte einzutreten.“[9] Nach Breton besteht Freuds Leistung darin, dass „ein Bereich der geistigen Welt wieder ans Licht gehoben“[10] wurde, der zuvor von der „Herrschaft der Logik“ unterdrückt worden war. Um jedoch die Imagination, die unbewussten Kräfte sowie den Traum für das künstlerische Schaffen nutzbar zu machen, verändert Breton nicht nur einige von Freud eingeführte Termini, sondern „löste […] den Traumbegriff aus seinem psychoanalytischen Kontext“[11]. Zweifellos modifiziert Breton Freuds Theorie entscheidend, jedoch geht Benders Schlussfolgerung zu weit, wenn sie einen „konkreten Einfluß der Psychoanalyse auf den Surrealismus“[12] negiert. Breton setzt die automatischen Texte nicht in Analogie zum Traum, „sondern zur Freudschen Technik der freien Assoziationen.“[13] Würde man die Texte als manifesten Trauminhalt begreifen, entzögen sich diese der Interpretation, da der Interpret nicht die vorhergehenden Erlebnisse des Autors kennen kann, wie es die Psychoanalyse verlangen würde[14]. Allerdings etabliert Breton eine Beziehung zwischen dem Surrealismus und damit synonym einem psychischen Automatismus und „dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens.“[15]

[...]


[1] Theodor W. Adorno: Rückblickend auf den Surrealismus, in: Peter Bürger (Hg.): Surrealismus, Darmstadt 1982, S. 33.

[2] Vgl. Robert S. Short: Die Politik der surrealistischen Bewegung 1920-1936, in: Ebd., S. 341: „Im weiteren Sinne drängte er [der Surrealismus, F. D.] jedoch zu einer eigenen Ethik, einer eigenen Philosophie und einer eigenen Politik.“

[3] Hans Holländer: Ars inveniendi et investigandi: Zur surrealistischen Methode, in: Ebd., S. 258.

[4] Vgl. André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924), in: Günter Metken (Hg.): Als die Surrealisten noch recht hatten. Texte und Dokumente, Stuttgart 1976.

[5] Hans Holländer: Ars inveniendi et investigandi: Zur surrealistischen Methode, a. a. O., S. 258.

[6] Vgl. Beate Bender: Freisetzung von Kreativität durch psychische Automatismen. Eine Untersuchung am Beispiel der surrealistischen Avantgarde der zwanziger Jahre, Frankfurt a. M.; Bern; New York; Paris 1989, S. 14.

[7] Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zum Problem der avantgardistischen Literatur, Frankfurt a. M. 1971, S. 150.

[8] Vgl. André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924), a. a. O., S. 36.

[9] André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924), a. a. O., S. 27.

[10] Ebd. S. 26.

[11] Beate Bender: Freisetzung von Kreativität durch psychische Automatismen. Eine Untersuchung am Beispiel der surrealistischen Avantgarde der zwanziger Jahre, a. a. O., S. 20.

[12] Ebd. S. 20.

[13] Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zum Problem der avantgardistischen Literatur, a. a. O., S. 152.

[14] Vgl. ebd. S. 152.

[15] André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924), a. a. O., S. 36.

Details

Seiten
23
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638572958
ISBN (Buch)
9783638694513
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64492
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereich Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Surrealistische Methoden André Bretons Ernsts Frottage Avantgarden Literatur Hälfte Jahrhunderts

Autor

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