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Weiblichkeit als Thema des lyrischen Diskurses

Versuch einer feministischen Analyse ausgewählter Gedichte aus Desanka Maksimovics Trazim pomilovanje

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 26 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Feministische Literaturwissenschaft
2.1 Feministische Analysekategorien

3. Gedichtanalyse
3.1 O sirotoj kudeljnici
3.2 O oltaru
3.3 O kamenovanju
3.4 O preljubi
3.5 Za Marije Magdalene
3.6 Za sebarske žene
3.7 Za nerotkinje
3.8 Za pesnikinju, zemlju starinsku

4. Ergebnisse

Bibliographie

1. Einleitung

Der Gedichtzyklus „Tražim pomilovanj e“ ist eine lyrische Auseinandersetzung mit dem Gesetzbuch (serb. zakonik) des serbischen Zaren Dušan (Regierungszeit 1331-1355), unter dessen Führung Serbien zu einem Großreich geworden war, das sich fast über den gesamten Balkan erstreckte. „Tražim pomilovanje“ besteht aus 59 Einzelgedichten, die sich in zwei Gruppen unterteilen lassen: einerseits in die Gedichte, in denen der Zar Dušan als lyrisches Ich spricht und seine Gesetze, teils erläuternd, vorstellt. Die Titel dieser Gedichte beginnen stets mit dem Wort „o“, und es folgt der Rechtsbereich oder die Personengruppe, an die sich das Gesetz richtet. Die meisten o-Gedichte beziehen sich auf einen oder mehrere konkrete Paragraphen des Prätextes des Zakonik, manche sind auch als Erweiterung oder Modifizierung desselben anzusehen. Der Zakonik fungiert als Prätext des gesamten Werkes, auf den intertextuell rekurriert wird. In der anderen Gruppe von Gedichten meldet sich ein zweites lyrisches Ich zu Wort, welches für die verschiedenen Vergehen und in die dadurch in Ungnade gefallenen Menschen um Gnade bittet. Diese Gedichte werden im Titel durch das Wort „za“ gekennzeichnet. Zwei Gedichte fallen aus dieser Zweiteilung in o-Gedichte einerseits, za-Gedichte andererseits, heraus. Dies ist einmal das erste Gedicht, das den Titel „proglas“) trägt, in dem der Zar sich gewissermaßen „vorstellt“ und Gründe für die Verabschiedung des Gesetzbuches anführt, dessen absoluten Geltungsanspruch und dessen Verbindlichkeit betont. Das zweite Gedicht ist „idu carskim drumom“, das programmatisch jedoch als za-Gedicht fungiert, da es die verschiedenen Gruppen von im Sinne des Zakonik versündigten Menschen thematisiert und ihr Leid anprangert.

Durch die Gegenüberstellung und den Widerstreit der beiden lyrischen Ichs, dem des Zaren und dem der um Vergebung bittenden, impliziten Dichterin, werden zwei miteinander konkurrierende Wertesysteme geschaffen. Das lyrische Ich des Zaren steht rechtspositivistisch für die Regeln aufstellende menschliche Vernunft, die mit Strenge und Härte jeden Regelbruch ahndet, um so das geordnete Funktionieren und den Fortbestand der gesellschaftlichen Ordnung zu gewährleisten. Das zweite lyrische Ich steht für Milde, Wärme und Verständnis gegenüber den allgegenwärtigen menschlichen Schwächen und Fehlern, es lässt Emotionalität zu und verweist auf das Göttliche in Mensch und Natur. Es stellt damit dem juridisch-vernünftigen Diskurs einen emotional-humanen Diskurs entgegen. Das Zahlenverhältnis von 36 za-Gedichten gegenüber nur 21 o-Gedichten kann hierbei als Indiz für eine Höherbewertung der Humanität gegenüber der rechtspositivistischen Vernunft angesehen werden. Dennoch wird das Gesamtwerk von der Stimme des Zaren eingerahmt, wobei er im letzten Gedicht „o praštanju“ erklärt, dass nur Gott des Verzeihens würdig ist, da es ihm nicht, wie dem Zaren, als Schwäche ausgelegt würde. Damit rechtfertigt er letztendlich noch einmal sein Gebot der Strenge, das notwendig ist, um Willkür und Chaos vorzubeugen.

Kennzeichnend für den gesamten Gedichtzyklus ist in formaler Hinsicht das Vorliegen regelmäßiger, metrisch ungebundener, ungleich langer Verse, so genannter „freier Rhythmen“. Dieser zentrifugal-auflösend wirkenden Kraft im Kleinen sind zentripetal-bindene Strukturelemente im Großen entgegengestellt, die eine Fragmentierung des Ganzen verhindern. Vor allem durch die inhaltliche Verbundenheit der Gedichte und das stete Auftreten freier Rhythmen in jedem Gedicht des Zyklus entsteht eine solche Verknüpfung, so dass das Werk als Ganzes nicht nur inhaltlich, sondern auch formal zusammengehalten wird. Andererseits wird jedoch auch Variation durch die zentrifugalen Kräfte gewährleistet.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist jedoch nicht die Gesamtdeutung des Werkes, sondern es sollen einige bestimmte Gedichte unter Berücksichtigung einer spezifischen Fragestellung analysiert werden. Die ausgewählten Gedichte sind durch ein gemeinsames Thema verbunden, das auf jeweils unterschiedliche Weise behandelt wird. Alle thematisieren die Frau und ihre besonderen Daseinsbedingungen, die aus feministischer Sicht beleuchtet werden sollen. Für eine feministische Analyse ist es jedoch zunächst notwendig, vor der Einzelgedichtinterpretation die wichtigsten Erkenntnisse, Forschungsrichtungen und Zielsetzungen der feministisch orientierten Literaturwissenschaft sowie die Möglichkeiten einer praktischen Nutzbarmachung derselben aufzuzeigen.

2. Feministische Literaturwissenschaft

Die feministische Literaturwissenschaft hat sich im Gefolge der so genannten zweiten Frauenbewegung zu Beginn der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt. Sie entstand aus der Erkenntnis heraus, dass eine patriarchalisch strukturierte Gesellschaft eine Literaturwissenschaft hervorgebracht hatte, die ihrem Wesen nach ebenfalls patriarchalisch geprägt war, da sie männliche Erfahrungen, Eindrücke, Darstellungen und Reflexionen als allgemein gültig und absolut verstand. Dementsprechend wurden von männlichen Autoren dominierte Literaturkanons geschaffen, so dass selbst die wenigen weiblichen Autoren, die es trotz gesellschaftlicher Widerstände schafften, schriftstellerisch tätig zu werden, aus der wissenschaftlichen Rezeption und Diskussion weitestgehend ausgeschlossen blieben.

Aus diesem endlich offensichtlich gewordenen Forschungs-und Reflexionsdefizit in der Literaturwissenschaft ergaben sich für die feministisch orientierte Literaturwissenschaft zwei Prämissen, mit denen sie sich auf sehr verschiedene Art und Weise auseinandersetzen sollte: An erster Stelle steht die oben bereits thematisierte Einsicht, dass in unserem westlichen Kulturkreis[1] eine tief verwurzelte Abwertung, Diskriminierung und Ausgrenzung des Weiblichen als „dem Anderen“ besteht. Dem gegenüber wird das Männliche idealisiert, als Norm und Standard gesetzt. Diese Ungleichbehandlung der Geschlechter spiegelt auch die abendländische Literatur wieder. Daher ist es erklärtes Ziel der feministischen Literaturwissenschaft, die in fiktionalen Texten vorkommenden Weiblichkeitskonzeptionen zu kritisch zu beleuchten und in ihrer oftmals diskriminierenden Darstellung zu entlarven, woraus sich schließlich die zweite Prämisse der feministischen Literaturwissenschaft ergibt: den „traditionellen“, meist von männlichen Autoren entworfenen Weiblichkeitskonzeptionen und Geschlechterstereotypen sollen neue, alternative Entwürfe von Weiblichkeit entgegengestellt werden. Die Literatur ist als „fiktionales Versuchlabor“ prädestiniert dafür, als Forum zur Erprobung und Durchspielung alternativer Realitäten zu dienen.

Unter der Berücksichtigung dieser beiden Prämissen, des Eingeständnisses der Diskriminierung des weiblichen Geschlechts und der daraus abgeleiteten Forderung nach einer Veränderung des Status quo, ergaben sich zwei Hauptrichtungen feministischer Beschäftigung mit Literatur.

Die erste ist der Bereich der Frauenforschung, der es sich zum einen zum Ziel gesetzt hat, die bereits oben erwähnten von der Literaturgeschichtsschreibung vernachlässigten oder völlig ignorierten Autorinnen (wieder)zu entdecken und ihr Werk zu analysieren, interpretieren und gegebenenfalls in den bestehenden Literaturkanon einzuordnen oder alternativ dazu einen Autorinnenkanon zu entwerfen, wobei beide Möglichkeiten, sowohl die der Integration als auch die der Separation ihre Vor-und Nachteile haben. So birgt die Integration weiblicher Autoren in den klassischen, männlich dominierten Literaturkanon die Chance zur Schaffung eines wirklich allgemein verbindlichen, weil nicht-diskriminierenden Kanons, während gleichzeitig die Gefahr besteht, dass Autorinnen wiederum nur durch von Männern erstellte Kunst-rund Ästhezitätskriterien beurteilt werden und vom patriarchalischen System absorbiert werden.

Ein Kanon weiblicher Autoren beugt diesem Risiko zwar vor, läuft dabei aber gleichzeitig Gefahr, das Weibliche wieder als etwas von der Norm Abweichendes darzustellen. Ein separater Literaturkanon weiblicher Prägung kann wohl zunächst eine notwendige „Antwort“ auf den traditionellen, patriarchalischen Kanon sein, wobei jedoch das Ziel eines integrativen, nicht-diskriminierenden Kanons nicht aus den Augen verloren werden sollte.

Ein zweites Betätigungsfeld der Frauenforschung ist die bereits angesprochene Erforschung von literarischen Frauenbildern und die Bereitstellung alternativer Entwürfe von Weiblichkeit und Geschlechterrollen.

Der Bereich der Frauenforschung ist eher pragmatisch-empirisch orientiert und wurde bzw. wird vor allem von angloamerikanischer Seite praktiziert. Der anglo-american feminism interpretiert zunächst den literarischen Text unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen während der Entstehungszeit. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang natürlich auch die Biographie der Autorin selbst. Der Einbeziehung von Produktionsbedingungen in die feministische Analyse und Interpretation folgt die normative Frage nach dem angestrebten Soll-Zustand und der Diskrepanz oder Kongruenz zwischen Wirklichkeitsentwurf und Realität. Von besonderem Interesse ist hierbei in zweierlei Hinsicht die Diachronie der Darstellung. Einerseits kann Diachronie darin bestehen, dass die Entstehungszeit eines Textes bereits weiter zurückliegt und sich die durch ihn dargestellte Fiktion auf die damalige Wirklichkeit bezieht. Bei der Analyse bliebe dann zu unterscheiden zwischen der Diskrepanz bzw. Kongruenz zwischen Fiktion und damaliger, vergangener Wirklichkeit einerseits und der Diskrepanz bzw. Kongruenz zwischen Fiktion und heutiger, aktueller Wirklichkeit[2]. Diachronie besteht allerdings auch dann, wenn der literarische Text eine schon zu seiner Entstehungszeit vergangene Realität reflektiert. Dies ist der Fall bei Maksimovićs „Tražim Pomilovanje“, das im Jahre 1964 erschien, sich in seinen „lyrischen Diskussionen“ jedoch mit dem Gesetzbuch des Zaren Dušan aus dem 14. Jahrhundert auseinandersetzt. Für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Fiktion und Realität sind hier also auf der Ebene der Realität drei Dimensionen zu berücksichtigen: einmal die Realität des Mittelalters, die der Entstehungszeit der 60-er Jahre in Jugoslawien und schließlich ist gegebenenfalls auch die heutige Wirklichkeit des beginnenden 21. Jahrhunderts mit in die Interpretation einzuschließen. Auf diese Problematik wird im Analyseteil einzugehen sein.

[...]


[1] Obwohl darauf nicht näher eingegangen werden kann, darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die meisten Kulturen, oft noch in weit schlimmerem Maße als die westliche, das Weibliche abwerten und verneinen.

[2] Vgl.: Würzbach 1995: 144.

Details

Seiten
26
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638140102
ISBN (Buch)
9783638639408
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6443
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Slavisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Desanka Maksimovic; feministische Literaturwissenschaft

Autor

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