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Schule in der deutschen Literatur - Hermann Hesses 'Unterm Rad'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 38 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Außertextueller Bereich
2.1 Gesellschaftlich-politischer Kontext
2.2 Zeitgenössische Konzeptionen von Schule
2.3 Kritik am wilhelminischen Schulwesen
2.4 Hermann Hesse und die Schule – Autobiographische Züge in Unterm Rad

3. Textanalytische Dimensionen
3.1 Inhaltsangabe zu Unterm Rad
3.2 Die Figurenkonstellation in Unterm Rad
3.3 Schulischer Bereich in Unterm Rad
3.4 Hans Giebenraths Untergang und die Rolle der Schule
3.5 Hesses Anklage an die Schule in Unterm Rad

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Hesses Erzählung Unterm Rad nimmt einen bedeutenden Platz in der Tradition der Schulgeschichten des 19. und 20. Jahrhunderts in der deutschen Literatur ein. Unterm Rad entstand bereits zwischen Oktober 1903 und Juni 1904 und wurde zuerst als Fortsetzungsroman in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) gedruckt. Erst 1906 erschien die Erzählung im Buchhandel bei S. Fischer als Hesses zweites großes Werk und entwickelte sich schnell zu einem seiner beliebtesten Romane neben Peter Camenzind, Demian, Steppenwolf und Das Glasperlenspiel. Ein Großteil seiner Werke enthält eine autobiographische Komponente, und auch die Novelle Unterm Rad ist in weiten Teilen eine Rückerinnerung Hesses an seine Jugendzeit in Calw und Maulbronn, mit der er versuchte, seine schwierige Jugend- und Schulzeit aufzuarbeiten. Die Erzählung beschreibt die missglückte Schulkarriere des Hans Giebenrath, einem talentierten Jungen aus bürgerlichem Hause, der sich einer permanenten Belastung schulischer Überbürdung ausgesetzt sieht und letztendlich erst durch seinen mysteriösen Tod dem Druck der Gesellschaft entfliehen kann.

Im Rahmen des Seminars ‚Schule in der deutschen Literatur’ gibt Unterm Rad einige wertvolle Einblicke in die schulische Praxis und in die Lebenssituationen der Schüler zur Zeit des deutschen Kaiserreichs. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde der Roman primär als Schulroman gelesen und in die Reihe der damals sehr beliebten Schulgeschichten eingegliedert. Untersucht man den Roman in Bezug auf die Institution Schule, so ist es zu diesem Zwecke sinnvoll, ihn in drei Teile zu gliedern: die Zeit vor dem Eintreten in das Klosterseminar Maulbronn, die Zeit im Seminar selbst und die Zeit nach seiner Schulzeit. Hier verleiht uns besonders der Mittelteil der Erzählung einen Einblick in die schulischen Verhältnisse im theologischen Seminar, doch auch der erste Teil gibt stellenweise Auskunft über die Schule zur Zeit der Jahrhundertwende. Obwohl das Werk im Rahmen dieser Seminararbeit natürlich als Ganzes analysiert werden soll, nimmt doch gerade der zweite Teil mehr Platz für sich in Anspruch.

Im Kern wird sich die Arbeit mit der Frage beschäftigen, welche Umstände Hans Giebenrath letztendlich ‚unters Rad’ kommen ließen und ihn in den Tod getrieben haben. Insbesondere die Rolle der Schule, im Falle Hans Giebenraths das Calwer Gymnasium und das Klosterseminar in Maulbronn, soll hier eingehend analysiert werden, um herauszufinden, inwiefern die Institution Schule Schuld an seinem Untergang trägt. Waren es seine konservativen Lehrer, die ihm mit ihren strengen und altmodischen Methoden die Lust am Leben nahmen, oder war es seine Einsamkeit als Außenseiter nach Hermann Heilners Ausschluss aus dem Seminar? Wurde Hans in seinem Elternhaus seit jeher zu sehr eingeengt, beziehungsweise unter Druck gesetzt, oder raubte gar die missglückte Reintegration in die Gesellschaft seines Heimatstädtchens Hans den letzten Lebenswillen? Diese und andere Fragen stehen im Fokus und sollen im Laufe dieser Arbeit untersucht und beantwortet werden.

Dazu erscheint es zunächst sinnvoll, sich mit den gesellschaftlichen und politischen Umständen der Kaiserzeit vertraut zu machen, um den Zeitgeist der Romanfiguren besser verstehen zu können. Des Weiteren wird die Institution Schule zu Hesses Zeit genauer beleuchtet. Wie sah der Unterricht damals aus und was waren die staatlichen Konzeptionen von Schule und Bildung? Was gab es für Alternativen zur wilhelminischen Schule? Zur Zeit der Jahrhundertwende wurde das Thema Schule aufgrund der sich mehrenden Schulgeschichten heftig diskutiert. Die wesentlichen Kritikpunkte dieses Diskurses sollen ebenfalls dargestellt werden. Abschließend zur Analyse der zeitgenössischen Schule soll auch Hermann Hesses eigene Schulzeit untersucht werden. Dies erscheint wichtig, da Unterm Rad auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen des Autors basiert.

Im zweiten Teil der Seminararbeit gilt es, die textanalytischen Dimensionen genauer zu betrachten. Nach einer kurzen Inhaltsangabe wird zunächst die Figurenkonstellation der Hauptfiguren dargestellt, wobei diese auch kurz charakterisiert werden. Im Anschluss daran wird der schulische Bereich im Roman selber analysiert. Im Zentrum stehen hier die konkreten Unterrichtsinhalte und Lehrpläne der Schule bzw. des Klosterseminars und deren methodische Umsetzung. Schließlich soll die Rolle der Schule und des untersuchten Unterrichts in Beziehung zu Giebenraths Scheitern gesetzt und nach Ursachen für seinen Untergang geforscht werden.

2. Außertextueller Bereich

2.1 Gesellschaftlich-politischer Kontext der Erzählung

Hermann Hesse Unterm Rad spielt in Württemberg zur der Zeit des Deutschen Kaiserreiches. Der gesellschaftliche und politische Zeitgeist dieses Kaiserreichs war im Wesentlichen gekennzeichnet durch ein wachsendes Nationalgefühl nach dem Zusammenschluss des Reiches 1871. Die Anfangszeit des Deutschen Reiches war besonders durch die Vorherrschaft Preußens geprägt und wurde vom ersten Reichskanzler Bismarck und dessen Sozial- und Bündnispolitik dominiert. Die Innenpolitik Bismarcks zielte hauptsächlich darauf, die Sozialisten und Katholiken zu bekämpfen. Dazu schuf der anfangs noch weitgehend liberal eingestellte Reichskanzler ein, für damalige Verhältnisse, modernes Sozialsystem, das aber vor allem dem Erhalten der inneren Stabilität dienen sollte. Seine immer stärker hervortretende konservative Richtung jedoch stand sich zusehends mit der Fortschrittlichkeit der Gesellschaft gegenüber. Bismarcks negative Haltung Wilhelms II. gegenüber sorgte letztendlich bei dessen Amtsantritt 1890 für die Entlassung des Reichskanzlers. Mit dem Antritt des letzten deutschen Kaisers begann die so genannte wilhelminische Epoche, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1918 andauerte und überwiegend durch eine Militarisierung der Gesellschaft geprägt war.

Unter Wilhelm II. entwickelte sich das deutsche Reich immer zielstrebiger zu einer mächtigen Industrie- und Militärmacht. Außenpolitisch resultierte daraus ein Wettrüsten mit der vorherrschenden Großmacht Großbritanniens, was zumindest ein ausschlaggebender Beitrag für den Ersten Weltkrieg war. Innenpolitisch sorgte der Kaiser dafür, dass der gesamte öffentliche Apparat, das Beamtenwesen eingeschlossen, mehr und mehr militärische Strukturen annahm. Diese Maßnahmen betrafen folglich auch das deutsche Schulsystem.

2.2 Zeitgenössische Konzeptionen von Schule

Das deutsche Schulwesen befand sich um die Jahrhundertwende in einer Phase des Umbruchs. Das traditionelle Humanistische Gymnasium mit den Altphilologien Griechisch und Latein verlor allmählich seinen unumstrittenen Status. Zum einen entwickelte sich aufgrund des gesellschaftlichen Fortschritts im Zuge der Industrialisierung ein Konflikt zwischen humanistischer und realistischer Bildung, zum anderen war es nicht im Interesse des nationalistisch eingestellten Kaisers, mündige und freigeistige Schüler auszubilden, die später die bestehende Ordnung anzweifeln könnten. Im Sinne Wilhelms II. sollten die zeitgenössischen Ideen und Konzeptionen von Schule im Kaiserreich vielmehr auf einem einheitlichen, und zwar nationalistisch bestimmten, Stand sein. In der Realität jedoch war das Schulsystem hinsichtlich des Lehrplans regional unterschiedlich organisiert. Nach den 1892 erlassenen neuen preußischen Gymnasiallehrplänen sollten vor allem die Fächer Deutsch, Religion und Geschichte in den Vordergrund der Schulausbildung rücken, um die Schüler in erster Linie zu vaterländischen Patrioten zu erziehen. Während diese Konzeption in weiten Teilen Preußens mehr oder weniger durchgesetzt werden konnte, wurde beispielsweise im süddeutschen Raum weit weniger Wert auf derartige deutsch-nationale Erziehung gelegt.[1] In Bayern oder in Württemberg spielten, wie auch in der Erzählung Unterm Rad, eher noch christlich-religiöse Werte eine zentrale Rolle in der Schulausbildung.

Überhaupt gab es während der Zeit des Kaiserreichs keine einheitliche Literaturdidaktik in Deutschland, sondern im Wesentlichen drei Hauptströmungen. Am Anfang der Epoche dominierte noch die traditionelle christlich-konservative Literaturdidaktik mit einer starken religiösen Ausrichtung, die nur solche Texte zuließ, die der christlichen Sittenlehre entsprachen. Als Weiterentwicklung der nationalhumanistischen Didaktik trat später die wilhelminische Literaturdidaktik in Erscheinung, die vor allem für eine literarische Nationalbildung eintrat. Erst um 1900 entstand als Gegenbewegung hierzu die antiintellektualistische Reformdidaktik, die erstmals konservative Methoden und Unterrichtsinhalte in Frage stellte.[2] Betrachtet man Deutschland im Ganzen, so hatte wohl die wilhelminische Literaturdidaktik im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die größte Gültigkeit in den Schulen des Reiches. Wilhelm II. forderte umgehend nach seiner Ernennung zum Kaiser eine Umstellung des Schulsystems und beauftragte sein Staatsministerium umgehend mit Reformen. Diese sahen unter anderem eine teilweise Reorganisation der Lehrerausbildung und Änderungen der Unterrichtsinhalte vor. So geht beispielsweise aus Kaiser Wilhelms ‚Ordre an das preußische Staatsministerium vom 1. Mai 1889’ die Anordnung hervor,

„die Schule in ihren einzelnen Abstufungen nutzbar zu machen, um der Ausbreitung sozialistischer und kommunisti­scher Ideen entgegenzuwirken. In erster Linie wird die Schule durch Pflege der Gottes­furcht und der Liebe zum Vaterlande die Grundlage für eine gesunde Auffassung auch der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu legen haben.“[3]

Das hinter dieser Anordnung stehende ‚Bildungsziel’ war jedoch einzig und allein die Sicherung der bestehenden Ordnung und Stärkung der monarchischen Vormachtsstellung. Es kann also davon ausgegangen werden, dass der Schule zu dieser Zeit neben der Aufgabe als Wissens vermittelnde Institution auch eine Funktion als ideologisches Instrument zukam.

In der Praxis wurde dementsprechend die Stundenzahl des Deutschunterrichts erhöht, der lateinische Aufsatz in der Reifeprüfung entfiel und der Geschichtsunterricht verbreitete hauptsächlich vaterländische Ideale und Vorstellungen. Die wilhelminische Literaturdidaktik wollte damit vor allem eine starke vaterländische Verbundenheit der Schüler sicherstellen.[4] Patriotismus galt sozusagen als Bildungsziel. Zur Erreichung dessen sollten sich die Schüler fortan mehr mit den Werken der Weimarer Klassik beschäftigen. Die preußischen Gymnasiallehrpläne rückten deshalb Goethe und Schiller in das Zentrum des Literaturunterrichts, aber „was in erster Linie interessierte, war ihr kulturgeschichtlicher Quellenwert und der nationale Gehalt ihrer Stoffe.“[5] Eine weitere Neuerung Wilhelms II. war eine deutlichere Unterscheidung zwischen Volksschulen und Gymnasien. So sollten die Volksschullehrer künftig nur noch Grundkenntnisse vermitteln, während die Unterrichtsinhalte nur noch an Gymnasien weiter vertieft werden durften. Diese Anordnung beinhaltete eine gezielte Bildungsbegrenzung für einen Großteil der Gesellschaft, im Sinne einer nationalen Untertanenbildung.

Im Süden Deutschlands hingegen, wo auch die Handlung von Unterm Rad spielte, verhielt sich die Situation, wie bereits erwähnt, etwas anders. In Bayern oder Württemberg dominierte nicht so sehr das Nationalgefühl das tägliche Unterrichtsgeschehen, sondern vielmehr der Faktor Religion. Zwar wurde auch hier die Anzahl der Deutschstunden erhöht, mit „dem Hohenzollern-Mythos ging man jedoch verhältnismäßig sparsam um.“[6] Die Lehrpläne im Süden waren traditionell stärker religiös geprägt und orientierten sich immer noch deutlich an den Altphilologien Latein und Griechisch, die jedoch zu dieser Zeit nicht mehr unumstritten waren. Kritiker bezweifelten nämlich, dass diese ‚toten Sprachen’ für das Schulsystem des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch zeitgemäß waren.

2.3 Kritik am wilhelminischen Schulwesen

Hauptkritikpunkt der zeitgenössischen Pädagogen am Schulwesen waren neben den Unterrichtsinhalten der wilhelminischen Literaturdidaktik und den veralteten Memoriermethoden in fast allen Fächern, hauptsächlich der wachsende Druck auf die Schülerschaft seitens der Schule. Weil dieser Druck immer mehr Jugendliche in den Freitod trieb wurde aus dem Schulproblem allmählich ein Gesellschaftsproblem und der Begriff der schulischen Überbürdung machte die Runde. Der Steglitzer Gymnasiallehrer Ludwig Gurlitt erkannte dieses Problem schon früh und verfasste mehrere kritische Wochenschriften, die das Gymnasium hauptsächlich wegen geistiger „Überfütterung mit totem Memorierstoff“[7] anklagten:

„Eine Folge des Leistungsdruckes, der den Schulkindern die Kindheit und Jugend stiehlt, sind die hohen Selbstmordzahlen bei Schülern. Nach dem Ausweis der Zeitschrift des statistischen Bureaus für das Königreich Preußen sind in den sechs Jahren von 1883 bis einschließlich in Preußen 289 Schülerselbstmorde vorgekommen, von denen 110 Fälle auf höhere Schulen kamen. Als Ursache dafür nehmen die Examensfurcht, nicht bestandenes Examen und Nichtversetzungen die höchste Ziffer ein.“[8]

Die Probleme der Schüler sah Gurlitt im Wesentlichen darin, dass sie innerhalb der Gesellschaft nur an ihren „Legitimationspapieren“ gemessen würden und nicht an ihren inneren Werten. Deshalb beginne für sie schon in der Schulzeit die „Jagd nach Berechtigungen, Titeln, Orden und Ämtern.“[9] Kreative Fähigkeiten würden beim Schüler nahezu gar nicht ausgebildet, da in der leistungsorientierten Gesellschaft letztendlich nur das Auswendiglernen zähle. Denn nur wer in der Schule Leistung bringe, sei auch privat als Mensch akzeptiert. Dieses gesellschaftliche Problem greift auch Hesse in Unterm Rad auf und veranschaulicht an der Figur Giebenrath wohin diese Entwicklung einen sensiblen Schüler bringen kann. Laut Matthias Luserke ist der Roman „eine vehemente Anklage des schulischen Leistungsdenkens“, denn der „Zusammenhang von schulischer Leistung und menschlicher Anerkennung wird in keinem anderen Schultext so stark exponiert, wie in Hesses Unterm Rad.“[10] Der Gymnasiallehrer Gurlitt hält diese gesellschaftliche Tendenz für ein „Krankheitssymptom unserer ganzen Kultur“ und plädierte für „eine Entlastung der Schülerköpfe zu Gunsten einer harmonischen Ausbildung und stärkeren Pflege des Körpers und des Gemütes.“[11]

Dass diese Problematik des Schulwesens in Deutschland für großes Aufsehen sorgte, belegt die zeitgenössische deutsche Literatur, in der sich die Schulgeschichte als eigenes literarisches Genre etablierte. Es entstand eine ganze Reihe von Werken mit Schülern als Protagonisten, die dem schulischen Alltag und den Anforderungen der Lehrer nicht gewachsen waren und nicht selten an diesem Schicksal zu Grunde gingen. In fast allen dieser Schulgeschichten existiert nicht nur eine grundsätzliche Kritik am wilhelminischen Schulsystem, sondern oftmals auch der Konflikt zwischen dem nach Freiheit strebenden Individuum und der strengen preußischen Gesellschaft. Als Beispiele wären hier unter anderem Emil Strauß’ Freund Hein, Thomas Manns Buddenbrooks oder Friedrich Torbergs Der Schüler Gerber zu nennen.

Das in dieser Arbeit noch zu untersuchende Werk Unterm Rad ist laut Mathias Luserke „kein klassischer Schultext“, denn Hans Giebenraths Schulkarriere „bildet nur einen Teil des Romans.“[12] Er stellt weiterhin fest, dass Unterm Rad „eine Mischung von Schul- und Internatstext darstellt“ und deswegen trotzdem „in die Reihe der Schul- und Internatsromane um 1900“[13] einzuordnen sei. Doch alle diese um 1900 entstandenen Werke beleuchteten die Institution Schule erstmals kritisch und waren laut Ariane Martin zunächst „ein epochenspezifisches Phänomen der Jahrhundertwende“, das sich zusehends „zu einer Art Genre entwickelte.“[14] Nicht selten wurde die Schulkritik in den Werken zur Kritik an der Gesellschaft, da viele der Schulromane autobiographische Züge enthielten und somit nicht gänzlich außerhalb der Realität standen. Nimmt man folglich all diese Schulromane zusammen, so erhält man durchaus einen aussagekräftigen Eindruck des schulischen Alltags der wilhelminischen Epoche. Gerade der autobiographische Aspekt im Bezug auf Hermann Hesse und seine Novelle soll im Laufe dieser Arbeit noch deutlich herausgearbeitet werden.

2.4 Hermann Hesse und die Schule – Autobiographische Züge in Unterm Rad

Hermann Hesse kam am 02.07.1877 im kleinen Schwarzwaldstädtchen Calw zur Welt und mit insgesamt fünf Geschwistern in einer streng religiösen Familie auf, die dem schwäbischen Pietismus nahe stand. Aus beruflichen Gründen zog die Familie Hesse 1881 für fünf Jahre nach Basel, wo auch Hermann Hesses Schulkarriere begann. Ab 1882 besuchte er eine Art Vorschule im Basler Missionshaus und wurde dort ab 1884 ganztägig untergebracht, wobei er seine Familie nur an Sonntagen besuchen durfte. Die Gründe hierfür waren in erster Linie Erziehungsschwierigkeiten, denn der junge Hesse begann schon früh, sich gegen die religiöse Weltanschauung der Eltern aufzulehnen und wehrte sich mehr und mehr gegen die protestantisch-pietistischen Erziehungsmethoden. „Schon in den ersten Schulmonaten wird deutlich, dass der junge Hesse sich durch seine freie und selbstbewusste Persönlichkeit früh abgrenzt: Sein Temperament führt zu erheblichen Schwierigkeiten.“[15] Dieser Konflikt sollte noch weitreichende Konsequenzen haben, denn er zog sich wie ein roter Faden durch Hesses Jugend.

Erst nach der Rückkehr nach Calw 1886 begannen für den neunjährigen Hesse wieder glücklichere und harmonischere Zeiten. In seiner Jugendheimat trat er Mitte des Jahres in die Calwer Lateinschule, ein altes Real-Lyceum, ein und verbrachte dort die nächsten dreieinhalb Jahre ziemlich unbeschwert. Mit der Schule hatte er zunächst kaum Schwierigkeiten und in seiner Freizeit genoss er ein wahres Lausbubenleben. Trotzdem wurde Hesse schon während seiner Calwer Schulzeit als Einzelgänger beschrieben. Der damalige Mitschüler Otto Mörike berichtete, Hermann hätte keine richtigen Freunde gehabt und stattdessen seine Freizeit lieber in der freien Natur verbracht.[16] Sein rebellisches Wesen jedoch beeindruckte Mörike, der im Folgenden eine Schulstunde nach einer Schneeballschlacht beschreibt, die dazu führte, dass einige Schüler zu spät zum Unterricht erschienen:

„Mit sadistischer Wollust zog der Schultyrann seinen Opfern vier saftige Streiche über die Finger. Es sah aus, als wolle er ihnen die Hände abhacken. Herzzerreißende, fast tierische Laute begleiteten das Schlachtfest. Nur einer schwieg, Hesse. Er steckte die >Tatzen< ein wie eine Handvoll Marmeln, allerdings mit verbissener Wut, offensichtlicher Verachtung und einer nicht mißzuverstehenden Gebärde. […] Von diesem stummen Märtyrer, von diesem stolzen Burschen fühlte ich mich magnetisch angezogen. Mein Gemüt war so erschüttert, dass ich anfing, an der Allmacht und Allgegenwart Gottes zu zweifeln. Durften solche Grausamkeiten an wehrlosen Kindern ungestraft vollzogen werden? Meine bisherige Achtung vor Staat, Kirche und Schule ging in tausend Scherben.“[17]

[...]


[1] Vgl.: Hegele, W.: Literaturunterricht und literarisches Leben in Deutschland. 1996, S.12f.

[2] Vgl. Ebd., S. 10ff.

[3] Ordre seiner Majestät des Kaisers und Königs. In: Deutsche Schulkonferenzen. Band 1. Neudruck der Ausgabe Berlin 1891. Glashütten 1972, S. 10.

[4] Vgl. Hegele, S. 12.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Ebd., S. 12.

[7] Gurlitt, Ludwig. Kritik am zeitgenössischen Gymnasium. In: Puppe, Fibel, Schießgewehr. Das Kind im kaiserlichen Deutschland. Ausstellung in der Akademie der Künste 1976/1977, S. 95.

[8] Ebd., S. 97.

[9] Ebd., S. 98.

[10] Luserke, Matthias: Schule erzählt. 1999, S. 72.

[11] Vgl. Gurlitt, S. 95-98.

[12] Luserke, S. 68.

[13] Luserke, S. 69.

[14] Martin, Ariane: Die modernen Leiden der Knabenseelen. In: Der Deutschunterricht, 52 (2000), Heft 2, S. 27.

[15] Baumgartner, Ekkehart: Frühe Lebenskrise und Ursprung künstlerischer Produktivität. München: Akademischer Verlag 1999, S. 66.

[16] Vgl. Mörike, Otto: Der junge Hesse. In: Hermann Hesse in Augenzeugenberichten. Hrsg. v. Volker Michels. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1987, S. 18f.

[17] Mörike, S. 18.

Details

Seiten
38
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638572392
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64415
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Schlagworte
Schule Literatur Hermann Hesses Unterm

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