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Zur Gründung und inneren Struktur der Nationalen Volksarmee der DDR

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 17 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Untersuchungsgegenstand und Fragestellung

2. Die Entstehung militärischer Strukturen in der DDR vor Gründung der NVA
2.1. Erste Phase: April 1948 bis Herbst 1949
2.2. Zweite Phase: Herbst 1949 bis Juni 1952
2.3. Dritte Phase: Juli 1952 bis Februar 1956
2.4. Fazit

3. Gründung, Legitimation und Auftrag der NVA
3.1. Zum Gründungsprozess der Nationalen Volksarmee
3.2. Zur Legitimation der NVA
3.3. Der militärische Auftrag der DDR-Armee
4.1. Orientierung an der Sowjetunion
4.2. Gliederung und Sozialprofil
4.3. Zur Rolle der Partei in der Nationalen Volksarmee

5. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Untersuchungsgegenstand und Fragestellung

Nur wenige Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 und der Einigung auf die vollständige Entmilitarisierung des Landes begannen unter den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges ernsthafte Überlegungen zur Wiederaufrüstung auf deutschem Boden. Der sich verschärfende Ost-West-Konflikt sowie der Korea-Krieg waren dabei wesentliche Faktoren. Im Jahr 1948 leitete die sowjetische Militäradministration, die seit 1945 gemeinsam mit deutschen Kommunisten das politische und gesellschaftliche Leben im Osten Deutschlands prägte, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges tief greifende Umwandlungsprozesse nach sowjetischem Vorbild ein. Dazu gehörte auch die Ausgestaltung eines Militär- und Sicherheitsapparates.1

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Gründung und inneren Struktur der Nationalen Volksarmee (NVA) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Es wird sich zeigen, dass die NVA von Anfang an Resultat und Bestandteil der sowjetischen Militärpolitik war, deren Vorgaben sie - ungeachtet einiger Modifikationen - oft bis ins letzte Detail realisieren musste. Dazu gehörte auch die Übernahme der sowjetischen Militärdoktrin.

Bei der NVA handelte es sich um eine „Parteiarmee“. Die Arbeit wird deutlich machen, dass die Führungsrolle der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der NVA inhaltlich so gestaltet und organisatorisch so abgesichert war, dass die Nationale Volksarmee zum militärischen Instrument der SED wurde.

Die Hausarbeit gliedert sich in drei Kapitel. Das erste Kapitel befasst sich mit der Entstehung militärischer Strukturen in der DDR vor Gründung der NVA am 1. März 1956. Die verdeckte Wiederbewaffnung in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR wird untersucht. Anschließend geht es um die Gründung, die Legitimation und den Auftrag der Nationalen Volksarmee, insbesondere unter dem Aspekt der Fremdbestimmung durch die UdSSR. Der dritte Abschnitt widmet sich den Besonderheiten der inneren Struktur. Die Orientierung an sowjetischen Vorgaben und die Rolle der SED in der Armee werden beleuchtet. Dabei ist zu beachten, dass es nach der NVA-Gründung noch bis in die Mitte der 60er Jahre kleinere strukturelle Veränderungen gegeben hat - etwa die Eingliederung der Grenztruppen in die Volksarmee 1962. Diese bleiben aber in Anbetracht des für die Untersuchung gewählten Fokus außen vor.

Die Literatur, die 16 Jahre nach der Auflösung der NVA zu dieser Armee vorliegt, ist umfangreich und von unterschiedlicher wissenschaftlicher Qualität. So finden sich stark subjektiv gefärbte Quellen. Bei der Mehrzahl des Materials handelt es sich um faktische Darstellungen von (Militär-)Historikern. Analytische Ansätze, die über eine Beschreibung des Dagewesenen hinausgehen, sind selten. Diesem Umstand ist auch der zum Großteil beschreibende Charakter der Hausarbeit geschuldet, wobei die dargestellten Fakten zur Stützung der eingangs formulierten Thesen dienen.

2. Die Entstehung militärischer Strukturen in der DDR vor Gründung der NVA

In den Jahren 1947/48 trat eine Veränderung in der Politik der Siegermächte gegenüber Deutschland ein. Besonders die Sowjetunion und die USA wiesen Ost- bzw. Westdeutschland Aufgaben zu, die zur Sicherung ihrer eigenen Machtsphäre und zur Schwächung des gegnerischen Lagers beitragen sollten. Die Aufgaben bezogen sich in vielen Fällen auf den sicherheits- und militärpolitischen Bereich.

Ab 1948 begann die SED-Führung auf Weisung und mit Rückendeckung der Sowjetunion damit, systematisch militärähnliche und militärische Organe in der sowjetischen Besatzungszone aufzubauen. Ziel war es, zu einem gegebenen Zeitpunkt reguläre Streitkräfte zu schaffen. Um nicht mit dem Potsdamer Abkommen von 1945 in Konflikt zu geraten, welches die „völlige Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands“1 festschrieb, wurde der Übergang als „Neuregelung von Polizeifragen“ deklariert. Der Prozess der verdeckten Aufrüstung bis zur Bildung der NVA am 1. März 1956 erfolgte in drei Etappen. 2

2.1. Erste Phase: April 1948 bis Herbst 1949

Im Mai 1948 wies die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) den Aufbau kasernierter Polizeibereitschaften an. Diese territorialen Bereitschaften der Polizei - Ende 1948 rund 9900 Mann - waren in Kasernen untergebracht und mit leichten Waffen (Karabiner, Maschinengewehre) ausgerüstet. Sie vereinten polizeiliche und militärische Merkmale. So erfolgte eine polizeiliche sowie militärische Grund- und Geländeausbildung. Mit der Gründung der NATO und der sich abzeichnenden Teilung Deutschlands fiel in der ersten Jahreshälfte 1949 der Entschluss, die Polizeibereitschaften in Kaderausbildungsstätten zu militärischen Formationen weiterzuentwickeln.

Für die Frage nach dem Einfluss der SED in der späteren NVA ist von Bedeutung, dass die Parteiführung bereits in dieser Zeit Entscheidungen traf, die dazu beitrugen, das Machtmonopol der Partei in den bewaffneten Organen zu errichten. Dazu gehörte der Beschluss der SED- Führung vom 12. Juli 1948, auch in den Polizeiorganen SED-Parteistrukturen zu etablieren.1

2.2. Zweite Phase: Herbst 1949 bis Juni 1952

Im Herbst 1949 wurde im Zuge der geplanten Weiterentwicklung die „Hauptverwaltung für Ausbildung“ (HVA) im Ministerium des Innern (MdI) geschaffen, der als Führungsorgan alle Bereitschaften unterstellt wurden. Der Ausbildung und Schulung in der HVA lag eine rein militärische Ausrichtung zu Grunde. Es erfolgte eine weitgehende Trennung vom bisher noch dominierenden polizeiähnlichen Charakter der Bereitschaften. Vorausgegangen war die ausdrückliche Zustimmung Stalins. „Volksarmee schaffen - ohne Geschrei“, notierte sich der Präsident der DDR und SED-Parteivorsitzende, Wilhelm Pieck, als Direktive des sowjetischen Diktators bei einem Gespräch am 1. April 1950 in Moskau. Die HVA schuf bis zum Sommer 1952 die Voraussetzungen zum Aufbau der künftigen Streitkräfte. Sie übernahm die Aufgabe, Kader für die traditionellen Waffengattungen der Landstreitkräfte noch zielgerichteter und intensiver zu entwickeln.2

2.3. Dritte Phase: Juli 1952 bis Februar 1956

Die wohl endscheidende Phase des Übergangs zur Bildung regulärer Streitkräfte begann am 1. Juli 1952 mit der Gründung der Kasernierten Volkspolizei (KVP). In der KVP wurde der personelle wie materielle Grundstock für die NVA gelegt. Die Schaffung der KVP steht in Zusammenhang mit der II. Parteikonferenz der SED am 9. Juli 1952. In diesem Rahmen verkündete Walter Ulbricht, der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, die DDR werde als Antwort auf die Unterzeichnung des Deutschlandvertrages1 und des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft im Mai 1952 ihre „Friedenspolitik“ durch die Aufstellung regulärer Streitkräfte „zur Verteidigung der Heimat“2 ergänzen. Vorausgegangen waren intensive Absprachen mit der Führung der Sowjetunion.3

Die Entscheidung für eine Umstrukturierung der KVP in eine Kaderarmee fiel im Dezember 1954 in Moskau - im selben Monat, in dem auf einer Konferenz der Ostblockländer beschlossen wurde, als Antwort auf die Realisierung der Pariser Verträge eine Verteidigungskoalition der sozialistischen Staaten zu bilden.

Wie langfristig und gezielt die DDR-Armee aufgebaut wurde, belegt der „nahezu nahtlose[.] Übergang [der KVP] zu den regulären Streitkräften.“4 Sowohl im technisch-materiellen als auch im personellen Bereich vollzog sich der Übergang ohne markante Brüche. Von den 100000 Mann wurden etwa 85650 in die NVA überführt.1 Nur durch eine Namensänderung erfolgte die Umwandlung des Oberkommandos der KVP in das Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) am 1. März 1956.

2.4. Fazit

Die SED leitete mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht unter dem Deckmantel der Polizei erste Schritte zur Aufrüstung in ihrem Herrschaftsbereich ein. Eigene Maßnahmen zur Wiederbewaffnung sollten als lediglich reaktiv unter dem Zwang der bedrohten Verhältnisse deklariert werden. Von einem „Antwortcharakter“ kann aber nicht die Rede sein.

Die ostdeutsche Armee ist nicht als Reaktion auf die Verträge von Paris und Bonn, durch welche die Westbindung der BRD eine neue Qualität erhielt, entstanden. Sie wurde langfristig, getarnt als Polizeigruppe, aufgebaut und ausgerüstet.

3. Gründung, Legitimation und Auftrag der NVA

3.1. Zum Gründungsprozess der Nationalen Volksarmee

Nachdem die DDR im „Vertrag über die Beziehungen zwischen der DDR und der UdSSR (Staatsvertrag)“ vom 20. September 1955 weitgehende Souveränität von der Sowjetunion erhalten hatte, beschloss die Volkskammer etwa eine Woche später das Gesetz zur Ergänzung der Verfassung von 1949. Während der Staatsvertrag völkerrechtlich und politisch „sozusagen die generelle Erlaubnis deröstlichen Siegermacht des Zweiten Weltkrieges für den offiziellen Armeeaufbau“2 in der DDR darstellte, bildete das Ergänzungsgesetz die verfassungsrechtliche Grundlage für die Aufstellung regulärer Streitkräfte.

Am 18. Januar 1956 verabschiedete die Volkskammer das „Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums für Nationale Verteidigung“. Das Gesetz trat mit seiner Verkündung in Kraft. Die offizielle Aufstellung der NVA-Einheiten erfolgte am 1. März 1956. Das Ministerium für Nationale Verteidigung nahm am gleichen Tag in Strausberg seine Tätigkeit auf.3

3.2. Zur Legitimation der NVA

Die Legitimation zur Gründung ihrer Armee leitete die DDR aus zwei wesentlichen Punkten ab. Zum einen berief sie sich auf ihre Stellung als Völkerrechtssubjekt. Die Schaffung einer Armee stehe in Übereinstimmung mit dem Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen. Darin heißt es:

[...]


1 Vgl. Torsten Diedrich: Gegen Aufrüstung, Volksunterdrückung und politische Gängelei. Widerstands-verhalten und politische Verfolgung in der Aufbau- und Konsolidierungsphase der DDR-Streitkräfte 1948 bis 1968. In: Staatsfeinde in Uniform? Widerständiges Verhalten und politische Verfolgung in der NVA. Herausgegeben von Rüdiger Wenzke. Berlin 2005, S. 31-190, hier S. 30.

1 Das Potsdamer Abkommen. In: Helmut Stoecker (Hrsg.): Handbuch der Verträge 1871-1964. Verträge und andere Dokumente aus der Geschichte der Internationalen Beziehungen. Berlin 1968, S. 381.

2 Vgl. Gerhard Merkel/Wolfgang Wünsche: Die Nationale Volksarmee der DDR - Legitimation und Auftrag. Alte und neue Legenden kritisch hinterfragt. Berlin 1996, S. 10.

1 Vgl. Merkel/Wünsche: Die Nationale Volksarmee, S. 10. und Vgl. Armin Wagner: „Geburtswehen einer jungen sozialistischen Armee“. Die Bildung des DDR-Verteidigungsministeriums und der NVA 1955/56. In: Deutschland Archiv. 34. Jg. 2001, Nr. 6, S. 967-980, hier S. 967. Vgl. Daniel Giese: Die SED und ihre Armee. Die NVA zwischen Politisierung und Professionalismus 1956-1965. München 2002, S. 33f.

2 Vgl. Merkel/Wünsche: Die Nationale Volksarmee der DDR, S. 11. Vgl. Wagner: „Geburtswehen“, S. 968. Vgl. Giese: Die SED und ihre Armee, S. 34f.

1 Der Deutschlandvertrag ist auch unter den Namen Bonner Konvention oder Generalvertrag bekannt.

2 Zit. nach: Dietrich Staritz: Die Gründung der DDR. Von der sowjetischen Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat. 2. Auflage. München 1987, S. 18.

3 Vgl. Merkel/Wünsche: Die Nationale Volksarmee der DDR, S. 11. Vgl. Wagner: „Geburtswehen“, S. 968. Vgl. Armin Wagner/Andreas Jasper: Die Bildung des DDR-Verteidigungsministeriums. Politische und mili-tärische Entscheidungen zur Spitzengliederung der NVA 1955/56. In: Militärgeschichte. 10. Jg. 2000, Nr. 3, S. 55-63, hier S. 55f.

4 Michael Buddrus: „Kaderschmiede für den Führungsnachwuchs?“ Die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee in Naumburg 1956-1961. In: Hartmut Mehringer (Hrsg.): Von der SBZ zur DDR. Studien zum Herrschaftssystem in der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik. München 1995, S. 167-232, hier S. 168.

1 Vgl. Diedrich: Gegen Aufrüstung, S. 102.

2 Rüdiger Wenzke: Die Nationale Volksarmee (1956-1990). In: Ders./Torsten Diedrich/Hans Ehlert (Hrsg.): Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR. Berlin 1998, S. 423-535, hier S. 426.

3 Vgl. Wagner: „Geburtswehen“, S. 972, 977.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638571944
ISBN (Buch)
9783638816298
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v64350
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Gründung Struktur Nationalen Volksarmee Grenzen Spielräume Außen- Sicherheitspolitik

Autor

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